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Die tapferen Schneiderlein

Wer den Spagat zwischen hoher Qualität und niedrigen Kosten hinkriegen will, muss Gegensätze verbinden können: modernes Outsourcing und alte Handwerkstradition. Innovatives Marketing und klassische Beratung. Vertrauen und Kontrolle. So kann man sogar bezahlbare, edle Lederhandschuhe produzieren.




- Den Tag, als die mit Kaschmir gefütterten Pelzstulpenhandschuhe aus Nappaleder im Münchener Lager eintrafen, hatte Eva Etzold mit Ungeduld und wachsender Anspannung erwartet. Die Einkäuferin des Traditionshauses Roeckl schaute sich die Lieferung an und konnte es nicht fassen. Wie oft hatten sie den deutschen Handschuhmeister ins rumänische Temesvar geschickt, damit er den Leuten dort zeigte, welche Sorgfalt schon beim Zuschneiden nötig war! Wie viele Male hatte ihr Chef, Stefan Roeckl, den neuen Lieferanten die Philosophie seines Unternehmens und seinen Qualitätsanspruch eingeschärft! Wie häufig hatten die rumänischen Handschuhmacher, wenn sie wieder einmal ein Lederstück mit kleinen Fehlern statt für die Innenseite der Handfläche als Handschuhoberfläche verarbeitet hatten, ihr gesagt: "Frau Etzold, uns macht das nichts aus! " Und jedes Mal hatte sie in diesen sieben Jahren erwidert: "Aber die Kunden, die stört es! "

Trotz alledem hatte Roeckl einen weiteren wichtigen Schritt gewagt und den Rumänen besonders teure Pelzstücke liefern lassen. Allein die Materialkosten beliefen sich auf bis zu 70 Euro pro Fell. Es sollte so in den Schaft des Handschuhs genäht werden, dass es das Handgelenk einer Kundin schmückte und wärmte.

Doch die rund 100 Handschuhmacher und Näher in Temesvar enttäuschten die Hoffnungen der Einkäuferin - mit einer Schere: Statt das Fell im Abschluss buschig zu lassen, hatten sie die überstehenden Haare mit einem geraden Schnitt beherzt entfernt. Das luxuriöse Fell wirkte nun wie nach dem Topfschnitt eines faulen Friseurs. Abrasiert, unbrauchbar. Die Handschuhe, zu einem Ladenpreis von 269 Euro kalkuliert, waren Ausschuss.

Inzwischen kann Etzold diese Episode lachend erzählen, während sie Besuchern das Handschuhlager in der Nähe des Haupthauses am Münchener Roeckl-Platz vorführt. Denn elf Jahre nach Gründung der Produktionsstätte Roeckl Romania ist deren Aufstieg in die Liga der Premiumproduzenten für Lederhandschuhe doch noch gelungen.

Die komplette Verlagerung der Handschuhfertigung von Bayern nach Südosteuropa war allerdings einer der kritischsten Momente in der Geschichte des 1839 von Jakob Roeckl gegründeten Handschuhunternehmens, das heute mit einem Jahresumsatz von 20 Millionen Euro und rund 230 Mitarbeitern Marktführer für hochwertige Lederhandschuhe in Deutschland und Österreich ist.

Niemand konnte einschätzen, wie lange es dauern sollte, bis die rumänischen Mitarbeiter die Roeckl-Qualitätsstandards verinnerlicht hatten. Ob es ihnen überhaupt gelingen würde. Dabei war die Verlagerung nicht einfach bloß ein gewagtes Experiment. Sie war vielmehr überlebenswichtig für das Unternehmen und nur der erste Schritt in einem Wettlauf um Qualität und Kosten, dessen Ausgang bisher niemand absieht.

Noch immer ist die Herstellung eines Lederhandschuhs, zumindest wenn er perfekt sitzen soll, reine Handarbeit. Es gibt kaum ein anderes Kleidungsstück, das so kompliziert und aufwendig zu produzieren ist. Zuerst wird das Leder über die Tischkante gezogen, bis es sich nicht weiter dehnen lässt. Dann folgt der Zuschnitt, mit geschultem Auge. Zuletzt wird das Exemplar mit bis zu 2000 Stichen zusammengenäht, geglättet und poliert.

Tafelschnitt lautet der Fachbegriff für diese traditionelle Arbeitsweise. Sie hat ihren Ursprung in Frankreich. Die Handschuhe, die so entstehen, unterteilt meist in viertel, mindestens jedoch in halbe Größen, legen sich wie eine zweite Haut um jeden Finger, machen jede Bewegung mit und leiern dabei nie aus. Früher galten Handschuhmacher als Künstler, und so wurden sie auch bezahlt. Noch heute geht man davon aus, dass es jahrelanger Ausbildung und Erfahrung bedarf, um den Tafelschnitt perfekt zu beherrschen, eine Qualität, auf die nur noch wenige Spezialanbieter Wert legen und die auch von den rumänischen Handschuhmachern an Roeckl geliefert wird.

Bis zu vier Stunden Arbeit benötigt die Herstellung eines qualitativ hochwertigen Lederhandschuhs noch heute. Die Verwendung des Tafelschnitts verlängert den Einsatz noch einmal um gut 40 Prozent. Allein wegen der Lohnkosten wäre ein Paar edler Handschuhe aus deutscher Produktion dreieinhalbmal so teuer wie in Osteuropa, schätzen Experten. Weshalb der Beruf des Handschuhmachers in Deutschland mittlerweile so gut wie ausgestorben ist und Roeckl gar keine andere Wahl hatte, als die Herstellung von München nach Rumänien zu verlagern, um das Geschäft und die Marke für die Zukunft fit zu machen.

Wer bislang angenommen hat, der Prozess der Globalisierung zwinge eigentlich nur die Industrie, neue Antworten auf massive Herausforderungen zu finden, sieht sich getäuscht. Selbst Spezialisten wie Roeckl, seit dem 19. Jahrhundert an enge Beziehungen mit dem heimischen Handwerk gewöhnt, mussten komplett umdenken - oder aufgeben. Die Fragen, die sie lösen müssen: Wie kann man Qualität auch bei gestiegenen Arbeitskosten und zu vertretbaren Preisen garantieren? Lassen sich anspruchsvolle Arbeiten, deren Qualität den Wert einer Marke ausmacht, ohne Weiteres ins Ausland verlagern? Und wenn ja: wohin und auf welche Weise? Nehmen die Kunden eine bestimmte Qualität überhaupt wahr? Unter welchen Umständen sind sie bereit, dafür einen angemessenen Preis zu bezahlen? Hat Qualität in einer globalisierten Wirtschaft noch Zukunft, und worauf müssen sich Unternehmen einstellen, die Qualität anbieten?

In Laufdorf, einem unscheinbaren Ort nahe dem westhessischen Wetzlar, haben die Menschen hautnah zu spüren bekommen, was das bedeutet. Weil einst die Hugenotten auf der Flucht vor den französischen Religionskriegen hier sesshaft wurden und die Kunst des Handschuhmachens mitbrachten, war die Region neben dem Erzgebirge berühmt für dieses Handwerk.

Noch in den 1960er Jahren gab es rund 150 Handschuhmacherbetriebe, die alljährlich allein rund 100 000 Peccary-Lederhandschuhe für den deutschen Markt fertigten. Aber das ist Vergangenheit.

Claus Dirk Hofmann - 59 Jahre alt, weiße Haare, Musketierbart - sitzt mit seinem Sohn Wilm in einem kastenförmigen Büroblock. Der Enkel des Handschuhmachermeisters Otto Kessler, der 1923 in Laufdorf eine kleine Produktion begonnen hatte, spielte noch als Kind im Lager des Großvaters mit den Lederfellen. Nach dem unerwarteten Tod seines Vaters 1973 übernahm er mit Unterstützung des damals bereits 73-jährigen Firmengründers die Geschäfte der Otto Kessler GmbH. Sie stellt sich auf ihrer Webseite heute als "Europas Marktführer in der Herstellung hochwertiger, modischer Lederhandschuhe" vor. Die Hofmanns beliefern einen Großteil der internationalen Modebranche, von Esprit über Boss bis zu Gucci, Lagerfeld und Yves Saint Laurent.

Claus Dirk Hofmann hat miterlebt, wie nach der Beseitigung der Zollschranken in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in den sechziger Jahren die ersten billigen Lederhandschuhe aus Italien auf den deutschen Markt kamen. Und wie die Wetzlarer Handschuhmacher hofften, die Konkurrenz würde irgendwann wieder von selbst verschwinden. Er hat als Erster und schließlich Einziger im Raum Wetzlar nicht gehofft und abgewartet, sondern reagiert.

Er verlagerte seine Produktion 1975 zunächst nach Brasilien, dann 1984 nach Irland. Und als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, fuhr er nach Osteuropa. In der ungarischen Stadt Pécs, wo bereits zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie Handschuhe produziert worden waren und noch unter kommunistischer Herrschaft 4000 Arbeiter die Handschuhe für den Ostblock nähten, übernahm er Teile des ehemaligen Staatsbetriebs und stellte rund 450 Mitarbeiter ein. Von dort stammt der größte Teil der ledernen Accessoires, die er an die Modefirmen weiterverkauft. Doch weil auch in Ungarn die Löhne steigen, seit es der EU angehört, ist Hofmann nach Fernost weitergezogen. 1999 gründete er die Otto Kessler Gloves Co. Ltd in Sanmen, China, wo mittlerweile 400 Angestellte Handschuhe von Hand nähen.

In Laufdorf sind sechs Menschen übrig geblieben, die Zentrale der Firma, die jährlich rund 1,5 Millionen Handschuhe produziert. Vor nicht allzu langer Zeit hat Hofmann auch noch das Zentrallager nach Ungarn verlegt. "Das spart pro Handschuh 30 Cent", sagt er.

Claus Dirk Hofmann ist Experte darin geworden, wie man Qualität verlagert. Er hat auf der Suche nach den richtigen Partnern rund um die Welt gelernt, worauf es beim Outsourcing ankommt. Und hat vorweggenommen, was Lutz Kaufmann, Professor für Internationales Management und Beschaffung an der WHU-Otto Beisheim School of Management in Vallendar, allen Unternehmern rät, die vor einer ähnlichen Aufgabe stehen: "Erstens: Man muss eigene Experten vor Ort in die Produktion schicken. Und zweitens: Man muss die neuen Produzenten in den eigenen Betrieb holen und sie mit den Märkten und Konsumenten vertraut machen. So kann man Qualitätsstandards vermitteln und outsourcen."

Hofmann hat Handschuhmachermeister aus Laufdorf nach Brasilien geschickt, brasilianische und deutsche nach Irland, irische nach Ungarn und ungarische nach China. Was er dabei gelernt hat: Auch nach fünf Jahren ständiger Anleitung durch deutsche Meister waren die Arbeiter in Brasilien nicht selbstständig, musste der Zuschnitt des Leders weiter überwacht werden - und die Produktion erreichte trotzdem keine Spitzenqualität.

Ganz im Gegensatz zu Ungarn, wo der Betrieb an eine lange Handwerkstradition anknüpfen konnte. Zwar fehlten beim Start Kapital und modernes Managementwissen, aber die Qualität der Handschuhe erreichte schon nach kürzester Zeit wieder Premiumniveau.

Kulturelle Traditionen lassen sich nicht rücksichtslos verpflanzen

Für Kilian Bizer, Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen, passen diese Erfahrungen ins Bild, das er seinen Studenten immer wieder vorhält: Qualität entwickelt sich oft in einem langen Wechselprozess zwischen Unternehmen und Kunden. Die Unternehmen produzieren bessere Qualität, weil Kunden sie nachfragen und Wettbewerbsvorteile damit verbunden sind. Die Kunden gewöhnen sich jedoch immer wieder an die höhere Qualität und fordern weitere Verbesserungen.

So kommt es, dass sich mit der Zeit qualitative Ansprüche in einer Kultur, einer Gesellschaft verankern. Mit der Folge, dass nicht jede Aufgabe an jeden beliebigen Ort transferiert werden kann. So hätten die Japaner nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Ingenieure nach Deutschland geschickt, damit sie lernten, wie man Autos baut, sagt Kilian Bizer. Mehr als 40 Jahre habe es gedauert, bis die japanischen Autos den deutschen qualitativ ebenbürtig waren. Bizer ist überzeugt: "Ohne die in der japanischen Gesellschaft bereits vorhandene Affinität zur deutschen Kultur hätte der Qualitätstransfer auch nach 40 Jahren nicht funktioniert."

Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, wieso Claus Dirk Hofmann seine hochwertigsten Modelle mit Tafelschnitt bisher nicht in China produzieren lässt. Er schätzt die Gefahren realistisch ein, die eine Verlagerung ins Ausland mit sich bringt. "Beim Outsourcing von Qualität liegt das Risiko, sich einen eigenen Konkurrenten heranzuzüchten, bei 100 Prozent", sagt der Ökonom Lutz Kaufmann. Hofmann hat sich daher entschieden, seinen Angestellten in Ungarn deutlich mehr Lohn zu zahlen, als die Konkurrenten in der Nachbarschaft bieten, um die besten Handschuhmacher an sich zu binden. Für ihn ist der Mix aus Verlagerung der Produktion, höheren Löhnen und verlässlichen Kundenbeziehungen der beste Weg, um sich Vorteile vor der Konkurrenz zu sichern. "Den langfristig größten Schutz aber", betont Lutz Kaufmann, "bietet eine gute, starke Marke."

"Wir bekleiden die Hand", sagt Annette Roeckl und streicht dabei immer wieder sacht über einen beigen, ellbogenlangen, aufwendig verarbeiteten Lederhandschuh, der aus einer Kooperation mit den Produzenten des Films "Das Parfum" entstanden ist. Die Unternehmerin, ganz Marketingfrau in eigener Sache, ist überzeugt: "Man kann die Qualität fühlen." 2003 hat die 40-Jährige von ihrem Vater die Geschäfte bei Roeckl Handschuhe & Accessoires übernommen. Die alleinerziehende Mutter führt das Familienunternehmen in sechster Generation. Ihr Bruder leitet das viel kleinere und mittlerweile komplett unabhängige Unternehmen für Sporthandschuhe, Roeckl Sport.

Sie und ihr Vater haben Mitarbeiter wie die Einkaufsleiterin Eva Etzold oder den Handschuhdesigner Gebhard Müller immer wieder nach Rumänien geschickt. Sie haben die Tochterfirma in Temesvar auch selbst besucht, um den Mitarbeitern dort ihre Qualitätsansprüche zu verdeutlichen.

Ihr Vater hat außerdem Handschuhmacher aus Rumänien nach München eingeladen, damit sie Erfahrungen aus erster Hand sammeln konnten: zuerst in einer Filiale, um zu erleben, wo, wie und an wen die Produkte verkauft werden, die sie ein paar tausend Kilometer entfernt in ihrer Heimat für Roeckl produzieren.

Die Besucher staunten über die hohen Preise zwischen 49 und 299 Euro pro Handschuhpaar. Deshalb legte der Chef ihnen anschließend seine Kosten offen: die Mieten in der Münchener Innenstadt, die Löhne, die Einkaufspreise für das Leder. Offenheit und Vertrauen zu Mitarbeitern, die sich als äußerst sinnvoll erwiesen: Die Besucher fühlten sich danach stärker verantwortlich für die Produktion als zuvor und lieferten höhere Qualität.

Doch das ist nur ein Teil der Strategie, mit der Roeckl versucht, seine Qualität in die Zukunft zu retten. Das eigentliche Herzstück ist das Filialnetz, weltweit einzigartig für ein Handschuhunternehmen. 22 Roeckl-Geschäfte gibt es in 17 deutschen Großstädten, immer in Premiumlage und ganzjährig geöffnet, obwohl rund 70 Prozent der Umsätze auf nur vier Monate entfallen - November bis Februar.

Doch die Geschäfte sind auch noch aus zwei weiteren Gründen unersetzlich. Einmal sind sie die wichtigste Marketingplattform des Unternehmens, dessen Name vielen Verbrauchern spontan einfällt, wenn sie an Handschuhe denken. Zum anderen fungieren die Filialen für die Kundschaft aber auch als ein Ort, an dem sie die Qualität feinen Leders sehen, spüren und anprobieren können.

Immer wieder lädt Annette Roeckl die Angestellten der Filialen nach München ein. Gemeinsam fahren sie dann ins Lager. Dort werden die Unterschiede der verschiedenen Ledersorten erklärt. So etwa, dass das beste Leder von wilden, südamerikanischen Dschungelschweinen und von Ziegen aus Äthiopien stamme, deren Haut durch die widrigen Lebensumstände dünn, aber außergewöhnlich widerstandsfähig ist. Der letzte noch bei Roeckl angestellte deutsche Handschuhmacher-Meister Olaf Gebhard führt vor, wie man einen Handschuh per Tafelschnitt herstellt. Zuletzt müssen alle die unterschiedlichen Handschuhtypen selbst anziehen, das Leder fühlen, daran schnuppern, den perfekten Sitz der Handschuhe spüren.

Diese Erfahrung sollen die Mitarbeiterinnen im Geschäft weitergeben. Sie ist Teil des Versuches, die Kunden für ein Produkt und dessen ungewöhnliche Qualität zu sensibilisieren, sie für die eigene Marke zu erziehen oder zu erhalten. Denn um Qualität wirklich schätzen zu können, davon sind sie bei Roeckl überzeugt, muss man sie erst einmal erkennen. Und sich mit ihr beschäftigen. Ein paar kenntnisreiche und überzeugende Erklärungen einer gut geschulten Verkäuferin können dabei helfen, diesen Prozess zu beschleunigen. Damit die Kunden am Ende bereit sind, für höhere Qualität einen höheren Preis zu bezahlen.

Dieser Service nützt auch dem guten Namen in einer Zeit, in der viele Kunden ihre Vorstellung von Qualität immer stärker an einer Marke festmachen statt an einem Produkt.

Die Verlagerung der Produktion, der gezielte Markenaufbau, die Sensibilisierung der Kunden: Auf diesen Dreiklang setzt die Strategie zur Qualitätssicherung bei Roeckl. Offenbar mit Erfolg, denn das Unternehmen verkauft nach eigenen Angaben eine halbe Million Lederhandschuhe pro Jahr und freut sich über steigende Umsätze, während die Branche in Europa seit drei Jahrzehnten im Sinkflug ist - und das trotz der Wiederentdeckung des Handschuhs als Modeaccessoire in jüngster Zeit.

Solche Trends sorgen für neue Lücken und Chancen auf dem Markt, für traditionelle Anbieter ebenso wie für neue Produzenten wie die Niederländerin Ines van den Born. Erst zweieinhalb Jahre ist es her, dass die Amsterdamer Unternehmensberaterin ein Paar Handschuhe suchte und keines fand, das ihr gefiel. Ihre Reaktion: Sie kaufte sich ein Buch mit einer Anleitung zur Lederhandschuh-Herstellung, schneiderte in der Freizeit ihr erstes Modell und löste damit unter Freunden und Bekannten eine solche Nachfrage aus, dass sie sich nach einem Produzenten für besonders hochwertige Handschuhe umschaute.

Europas letzte alte Meister glänzen: mit Handschuhen für Haute Couture

Es gibt nur eine Handvoll Firmen, die heute noch Handschuhe im Hochlohngebiet Westeuropa fertigen. Die meisten befinden sich im Raum Neapel sowie in den französischen Städtchen Millau und Saint-Junien. Zwar haben alle größeren Anbieter längst ihre Produktionsstätten in Niedriglohnländer verlagert, doch ein paar alte Meister sind geblieben, so etwa beim französischen Unternehmen Agnelle.

Im Jahr 1937 gegründet, nahm die Firma zunächst eine ähnliche Entwicklung wie einst die Otto Kessler GmbH in Laufdorf bei Wetzlar. Der Unterschied: Schon 1978 erkannte die Enkelin des Gründers, Josy Le Royer, welche Chance eine Zusammenarbeit mit französischer Haute Couture bot. Sie konnte Designer wie Christian Dior, Yves Saint Laurent und Thierry Mugler für die Idee gewinnen.

Die Kooperation besteht bis heute, zum Vorteil aller Beteiligten. Da die Designer von den luxuriösen Modellen nur kleine Auflagen verkaufen, etwa 500 Paare weltweit, diese aber für je rund 400 Euro, finden ein paar Handschuhmacher noch immer Arbeit am Firmensitz in Saint-Junien der Königsweg, um höchste Qualität und Fachwissen zu erhalten. Dort produzieren sie "Luxushandschuhe für Luxusmarken, die made in France verlangen", so Sophie Grégoire, die Tochter von Le Royer und heutige Geschäftsführerin. Was wiederum dazu führt, dass die Erfahrungen mit anspruchsvoller Fertigung und höchsten Qualitätsansprüchen lebendig bleiben und sich sogar weiterentwickeln.

Agnelle füllt auf diese Weise ein Vakuum, das entsteht, wenn andere Firmen ihre Produktion komplett ins Ausland verlegen und die Qualität deshalb einbricht. Nicht zufällig lassen mittlerweile spanische und italienische Anbieter von Luxuslederwaren wie Loewe und Bottega Veneta sowie jüngere Designer wie Marc Jacobs ihre Handschuhkreationen bei Agnelle produzieren. Erfahrung und Image aus diesem Geschäft tragen selbst der Hausmarke etwas Glanz ein. Und das, obwohl auch Agnelle den größten Teil der Produktion bereits zehn Jahre vor Roeckl auf die Philippinen ausgelagert hat.

Ein paar Handschuhe für Designermarken im eigenen Land herstellen und den Rest in einem Niedriglohnland produzieren. Sich einem Luxuskonzern wie Hermès anschließen. Oder einfach nur Handschuhe aus eigener Fabrikation in niedriger Auflage und ohne großen Gewinn im kleinen Werksladen verkaufen so überleben, mehr schlecht als recht, die meisten traditionellen Handschuhfirmen in Frankreich und Italien, die nicht weggezogen sind. Und weil viele einer unsicheren Zukunft entgegensehen, kam eine Frau wie Ines van den Born gerade recht.

Auf ihrer Suche nach einem Produzenten landete sie in Süditalien. Zwar lachten die dortigen Handschuhmacher über van den Borns Wunsch, als Neuling in eine Branche einzusteigen, die sie und ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten kannten. Dann lachten sie noch lauter darüber, wie die Holländerin ihre Handschuhe vermarkten wollte: im Internet! Wo doch jeder weiß, dass man einen Handschuh vor dem Kauf anfassen und spüren möchte. Doch sie ließen sich überreden. Schließlich war die Auftraggeberin bereit, für gute Qualität und hochwertiges Handwerk anständig zu zahlen.

Kaum hatte Ines van den Born die Zusage über die Produktion in der Tasche, schaltete sie ein Werbe-Banner bei Google. Sucht jemand seither nach Lederhandschuhen, nach "leather gloves", erscheint auf dem Bildschirm ein Link zu ihrer Firma "Gloves Europe".

Gut anderthalb Jahre sind seit van den Borns Italienreise vergangen. Inzwischen vertreibt sie ihr Sortiment von 40 unterschiedlichen Modellen zu Preisen zwischen 69 und 219 Euro im Internet. Nach eigenen Angaben setzt sie rund 3000 hochwertige Paare pro Monat ab, vor allem in Deutschland, England, in den USA, in Australien, Japan und Neuseeland. Dank ihres kleinen Apparats aus einigen freien Mitarbeitern in Holland, die sich um die Qualitätskontrolle der Handschuhe, um den Versand und die Website kümmern, kann sie ihre Ware in kleinen Auflagen zu Roeckl-Preisen anbieten.

Van den Born kehrt zwar noch gelegentlich in ihren früheren Beruf als Beraterin zurück, doch längst könnte sie von ihrem Handschuhgeschäft leben. Zweimal pro Jahr fährt sie nach Süditalien, spricht dort mit ihrem Produzenten und nutzt die Gelegenheit zum Urlaub. Sie hat auf Einladung des Londoner Royal College of Art vor Studenten über die Handschuhproduktion referiert. Und fast täglich erreichen sie Anfragen per Mail: etwa von Luxusmode-Unternehmen, die Aufträge an sie vergeben möchten. Und häufiger noch von Produzenten aus China oder Pakistan, die ihre Dienste anbieten. Van den Born reagiert nicht darauf. Sie sagt: "Wenn Leute Handschuhe über das Internet bestellen und mir vertrauen, muss als Ausgleich nicht nur der Liefer-, Bestell-und Umtauschservice perfekt sein, sondern vor allem eins: die Qualität."

Handschuhe im Internet? Für Nina Peter ist das einstweilen keine Option. Weniger, weil sie zur österreichischen Antwort auf Roeckl gehört, der fast 170 Jahre alten Wiener Familieninstitution Handschuhpeter. Sondern weil auch sie überzeugt davon ist, dass man Handschuhe vor dem Kauf erfühlen muss. Dabei sah es vor fünf Jahren nicht danach aus, als würde sich die 27-jährige ehemalige Marketingstudentin je beruflich mit Handschuhen beschäftigen.

Doch während eines Besuchs in Japan hatte sie ihr Schlüsselerlebnis: Zum ersten Mal sah sie zahlreiche Menschen, die Handschuhe als Modeaccessoire trugen und nicht zum Wärmen ihrer Finger. Zurück in Österreich, begann sie Handschuhe zu entwerfen. Sie brachte den Designer Gregor Pirouzi, der für Vivienne Westwood, Versace und Armani gearbeitet hatte, dazu, sie zu unterstützen. Gemeinsam gründeten sie die Marke Hautnah, die pro Jahr 24 Modelle herausbringt: Handschuhe mit ungewöhnlichen, weniger funktionalen, eher modischeren Schnitten, für die Peter gern auch mal mit Ledersorten wie Fischhaut experimentiert.

Endstation im Outsourcing: Wie lange ist Handwerk bezahlbar?

Verkauft werden die Handschuhe weltweit in Luxusläden wie Apartment oder Quartier 206 in Berlin, bei Dernier Cri in New York oder Harvey Nichols in London -Verkaufsorte, deren Prestige dem Aufbau der Marke zugute kommt. Trotz der exklusiven Adressen und noch sehr kleinen Stückzahlen (3500 Paar pro Jahr) liegen die Preise mit 80 bis 150 Euro nicht höher als bei Roeckl, obwohl Peter auf den Vertrieb im Internet verzichtet.

Die Erklärung: Nina Peter hat keine Kosten für eigene Filialen, sie produziert günstiger als Ines van den Born, jedoch nicht mindere Qualität. Seit Gründung von Hautnah lässt sie auf Anraten ihres Vaters in Ungarn fertigen. Dreimal schon hat sie dort den Lieferanten gewechselt. Jetzt lässt sie ihre Handschuhe bei Claus Dirk Hofmanns Tochterfirma OK Hungarian Gloves KV produzieren - eine Zusammenarbeit, die trotz der etwa 30 Prozent höheren Preise Hofmanns für beide Seiten Vorteile hat: Peter bekommt ihre Handschuhe pünktlich und in tadelloser Qualität geliefert, und die ungarischen Handschuhmacher können an den Hautnah-Modellen ihr Wissen über die Verarbeitung ungewöhnlicher Ledersorten erweitern. Was sie vielleicht einmal mit den Haute-Couture-Produzenten in Italien und Frankreich in Kontakt bringt.

Die Werkstätten eines solchen Produzenten, bei dem es immer noch aussieht wie vor ein paar hundert Jahren und dessen alte Meister Leder in 20 unterschiedlichen rosafarbenen Tönen vorhalten, je nachdem, was bei Hermès gerade gefragt ist, würde Hofmann gern einmal seinem Sohn zeigen. Dort könnte er Europas Handschuhhandwerk erfahren, seine Tradition, seine Stärke, sein Können, seinen Ursprung. Und wohin es vielleicht eines Tages wieder zurückkehren wird. Denn Hofmann will sich nicht damit abfinden, dass man Europas kunstvolles Handwerk endgültig nach Übersee und Fernost verlagert. Er glaubt - und da ist er auf einer Wellenlänge mit dem Göttinger Ökonom Kilian Bizer -, dass höchste Qualität Wurzeln braucht, denen sich ein Handwerker verpflichtet fühlt.

Es gibt sie noch, die traditionellen Handschuhmacher in Europa. Die mit den niedrigsten Lohnkosten arbeiten im ungarischen Pécs und im rumänischen Temesvar. Wenn Bizer und Hofmann Recht behalten, bilden diese beiden Orte die Grenze für die Verlagerung von Qualität, die Endstation des Outsourcing. Billigere Werkstätten für ihre Premiumprodukte würden weder Hofmann noch Roeckl, Nina Peter oder Ines van den Born irgendwo auf der Welt finden.

"60 bis 70 Prozent der Kosten eines Handschuhs stecken bei uns im Material", sagt Annette Roeckl. Einen guten Teil des Rests machen die Produktionskosten aus. Man muss nun abwarten, was geschieht, wenn die Löhne in Ungarn und Rumänien künftig weiter steigen.

Noch gibt es Spielräume: Der Vertrieb kann mithilfe des Internets billiger werden. Ein Anbieter kann expandieren - in andere Länder, wie Roeckl es derzeit versucht. Doch unweigerlich wird der Tag kommen, an dem die Herstellung edler Lederhandschuhe teurer werden muss. Dann werden die Kunden deutlich mehr bezahlen müssen. Oder es ist vorbei mit den feinen, von Hand gemachten Handschuhen. -