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„Weil wir Barbaren sind“

Russland verspottet den demokratischen Westen – um sich über sein eigenes angeschlagenes Selbstvertrauen hinwegzutrösten.




• Manchmal ist Russland wie die junge Frau, die mich auf einer Schotterstraße in der Taiga nördlich von Omsk anhält. Sie trägt einen Morgenmantel, hat einen dicken Bauch und klettert froh in meinen Niwa-Jeep. „Wissen Sie, ich bin schwanger, im neunten Monat, ich will nach Hause, mich in der Banja waschen.“ Die Arzte hätten sie nicht weggelassen, da sei sie einfach aus der Entbindungsstation weggelaufen. Voll Vertrauen in die westsibirischen Autofahrer und die Welt überhaupt.

Dann erkundigt sie sich, warum ich so seltsam Russisch spreche. Ich sei Deutscher, antworte ich. „Habe ich mir doch gedacht“, sagt sie, „dass Sie nicht von hier sind.“ Aber statt über Deutschland redet sie weiter vom Kinderkriegen. „Ich will einen Jungen, und ich möchte einen hübschen Namen für ihn. Haben Sie keine Idee? Etwas Besonderes?“ Das birkenhölzerne Russland hegt scheinbar nur ein Vorurteil: Der Mensch als solcher ist gut. Und vielleicht weiß er einen schönen Namen für mein Kind. Aber selbstverständlich hegt auch Russland ganz andere Vorurteile. Je höher die Fernsehtürme sind, je heftiger der Straßen- und der Internetverkehr, umso eifriger misstraut und grenzt man auch hier aus. Das großstädtische Russland entwickelt sich schnell, zu schnell, um sich seiner selbst sicher zu sein. Es brodelt vor Vorurteilen gegenüber Leuten und Gegenden, die es zu kennen glaubt, ohne sie wirklich zu verstehen. „Die Tschetschenen sind wie die Zigeuner. Nur brutaler.“ Die Großstadtrussen empören sich besonders über schräge Akzente, Manieren und Nasen, die selbstbewusst und geschäftstüchtig daherkommen. Ihre Antipathien bündeln sie vor allem gegen die Kaukasier, die sie pauschal als „Schwarzärsche“ beschimpfen.

Es gab eine Zeit, da schienen all diese Alltagsbosheiten begraben. Die Sowjetmacht, die sich selbst als Erziehungsdiktatur betrachtete, predigte 70 Jahre lang Völkerfreundschaft und gesellschaftliche Harmonie, durchaus mit Erfolg. Letten und Tscherkessen, Russen und Tadschiken lernten dieselben Puschkin-Gedichte auswendig und lachten über dieselben Breschnew-Witze. Der Feind saß draußen, im kapitalistischen Westen, die sowjetischen Zeitungen langweilten ihre Leser mit säbelschwingenden Karikaturen von Richard Nixon oder Franz Josef Strauß.

Russen wissen: Deutsche treten in Pornos auf, pinkeln bei Tisch und betrügen beim Fußball. Als 1991 die UdSSR kollabierte, kippte im Kaukasus und Zentralasien die Völkerfreundschaft in kriegerische Konflikte, deren Wirrwarr sich das verwaiste Sowjetrussland mit den erstbesten Vorurteilen zu erklären versuchte: „ Diese Wilden in den Bergen haben nie etwas anderes als Blutrache gekannt.“ Umgekehrt verliebte sich Russland Hals über Kopf in alles, was aus dem Westen kam, in Seifenopern, Schokoriegel, in die Westler selbst. Jahrelang riefen Ausländer bei den Russinnen Euphorie hervor wie sonst nur Tierbabys. „Bist du Deutscher?“, erkundigte sich noch Mitte der neunziger Jahre eine Kellnerin in Rostow am Don nach meinem Hartwährungsakzent und hakte sofort nach: „Heirate mich!“ Angesichts des russischen Durchschnittseinkommens von umgerechnet 320 Euro monatlich angeln nach wie vor Tausende russische Bräute im Internet nach westlichen Männern, aber kaum eine mit feuchten Augen. Einerseits hat man 15 Jahre nervende Inflationsachterbahn und Mafiakapitalismus hinter sich, andererseits fährt Russland zum Teil inzwischen Audi, sieht Hollywood, reist pauschal und glaubt den Westen mindestens so gut zu kennen wie umgekehrt. Dieses mittelständische Russland konsumiert den Westen, schätzt ihn ab, respektiert ihn oder misstraut ihm. Oder es verspottet ihn. „Du bist aus Deutschland?“, rufen neue Moskauer Bekannte und stöhnen auf Deutsch, mit verdrehten Augen: „Das ist fantastisch“ – ein Zitat aus den Lederhosenporno-Videos, die Russland in den neunziger Jahren verschlang. Ein Schreiner in Twer fragt mich unschuldig: „Stimmt es eigentlich, dass ihr Deutschen bei Bierfesten an Tischen sitzt, unter denen eine Pinkelrinne ausgehoben worden ist?“ Es gibt aber auch treffendere Vorurteile. „Die Deutschen sind sehr selbstbeherrscht und sparsam“, schreibt Olga, eine 25-jährige Personalmanagerin aus Moskau, die abends Deutsch lernt, in einem Aufsatz. „ Sie suchen ihren Vorteil in allem. Aber doch sind sie sehr gut erzogen und höflich.“ Wohlgemerkt, auch dies ist ein Vorurteil, Olgas Deutschlanderfahrung beschränkt sich auf eine Busfahrt quer durch die Bundesrepublik, mit vier Stunden Aufenthalt in Berlin.

Höflich, aber auf den eigenen Vorteil bedacht, dieses Bild hegt Russland nicht nur den Deutschen gegenüber. Man mag Bier, Wurst und die Band Rammstein, bejubelt Bastian Schweinsteiger allein seines Namens wegen, eigentlich sind die Deutschen Russland sympathisch. Aber letztlich sieht es sie nur als eine Spielart des Westens, dem man inzwischen misstraut wie den Tschetschenen, auf andere Art, aber ebenfalls heftig.

Gerade das Russland mit Hochschulabschluss und Internetanschluss hegt den Verdacht, dass der Westen ihm gegenüber nichts Gutes im Schilde führt. „Gib doch endlich zu“, grinsen meine Moskauer Kollegen nach dem zweiten Bierglas, „für welchen Geheimdienst du hier spionierst.“ Den Witz kriegen auch amerikanische oder italienische Journalisten oft zu hören.

In Westeuropa gilt der sozial schwache, schlecht gebildete, TV-glotzende Plebs als Quelle der sozialen Phobien. Die russische Antipathie gegen den doppelmoralischen Westen, der das Vaterland in eine billige Rohstoffkolonie verwandeln möchte, wird in Zeitungsredaktionen, Regionalparlamenten und Politologie-Instituten kultiviert. „Nicht, dass sie unsere Feinde sind“, räsonierte Wladimir Surkow, Chefideologe des Kremls, über die westlichen Volkswirtschaften. „Nein, sie sind unsere Konkurrenten. Das meinen sie nicht persönlich. Sie ziehen dich nur bis auf den letzten Stiefel aus, politisch korrekt, mit allem Respekt.“ Hinter dem Misstrauen nach außen verbirgt sich ein arg angeknackstes Selbstgefühl. Man unterstellt dem Ausland bösen Willen, weil man selbst nicht mehr an das Gute glauben mag.

„Der Schiedsrichter hat Argentinien um einen klaren Elfmeter betrogen“, schimpft ein Twerer Jura-Student. „Nur deshalb seid ihr Deutschen ins Halbfinale gekommen. Das ist bei jeder WM so, die Fifa-Bosse weisen die Schiedsrichter an, den Gastgeber zu bevorzugen.“ Nach Ansicht russischer Fußballfans sind die Championsleague und die Bundesliga genauso gefälscht. Ein sehr russisches Vorurteil: Die Schiedsrichter in der eigenen Liga sind für ihre Korruption berüchtigt, zwischen den Klubs gelten abgekartete Spiele als üblich. „Die Italiener sind Waisenknaben gegen uns“, seufzt ein Anhänger von Spartak Moskau. Aber gerade weil Russlands Fußballfans glauben, das Schmiergeldgeschäft durch und durch zu kennen, vermuten sie bei jedem strittigen Elfmeterpfiff im Ausland noch infamer getarnte Schiebereien.

„Bei euch gibt es doch auch keine Demokratie!“, räsoniert mein Freund Kostja, ein Petersburger Rockmusiker. „Was hat sich denn geändert, seit Merkel an der Macht ist? Auch bei euch entscheidet nicht das Volk, sondern die Konzerne.“ Es hat keinen Zweck, Kostja die Feinheiten einer großen Koalition zu erklären. Er will nicht mal daran glauben, dass es in Deutschland Richter gibt, die auch den Sohn eines Ministers ins Gefängnis bringen, wenn der auf einem Zebrastreifen eine alte Frau totfährt. Kostja will nicht an den Rechtsstaat oder die Demokratie glauben. Weil er wie die gesamte russische Gesellschaft mehr oder weniger tatenlos zugesehen hat, wie später Jelzin und dann Putin die Wahl- und Meinungsfreiheit kastrierten. Und Ministersöhne ungestraft Großmütter totfuhren. Nicht im Westen, sondern in Russland ist die Demokratie gescheitert, gerade deshalb beharren so viele Russen darauf, dass sie nirgends funktioniert.

Russland hält sich für einzigartig. Für eine Führungsmacht, politisch, technisch und kulturell, eine große und spätestens seit 1991 auch eine freie Nation. Aber seit Jahrhunderten lebt sie unter der Knute ihrer eigenen korrupten Bürokratie. Auch der jüngste Versuch, sie loszuwerden, ist vorläufig gescheitert – ein Riss in der russischen Seele, der gerade die politisch bewusste Intelligenzija schmerzt. Es bedarf des Selbstbetrugs, um diesen Riss zu verkleben.

Umso hehrer sind die Vorurteile, die Russland gegenüber sich selbst pflegt. Kirche und Staat propagieren sich als das letzte Bollwerk christlichen Glaubens – auch wenn nur ein Bruchteil der Russen das Vaterunser auswendig kann. Man beruft sich wieder gern auf das wirre Genie Dostojewski, das in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ christliche Selbstverleugnung predigt und nebenher die Polen als arrogante, aber feige Lustmolche beschimpft. Und man kokettiert mit Inkonsequenz und Irrationalität. „Bei euch herrscht mehr Ordnung auf der Straße“, sagt mir ein Verkehrspolizist, mit dem ich mich über ein deplatziertes Stoppschild streite. „Aber dafür wissen wir, wie man Kriege gewinnt!“ Und Ruslan, mein Friseur, erklärt mir, warum Russland nie zu erobern sei: „Weil wir Barbaren sind.“ Immer wieder hauen die Russen mir ein Zitat des Dichters Fjodor Tjutschew um die Ohren: „Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen.“ Einmal stehen zwei lächelnde Mädchen am Nowgoroder Autobahnring. Sie wollen nach Petersburg. „Was, Sie sind aus Deutschland?“, staunt die eine und klimpert mit den Wimpern. „Wo haben Sie denn so gut Russisch gelernt?“ Die andere erzählt, sie sei einmal in Münster gewesen, einen Freund besuchen, der dort studiert. Dort fuhren alle Fahrrad und in der WG-Küche habe Rauchverbot geherrscht. Ich versichere den beiden, dass sie bei mir im Auto rauchen dürften. Sie zünden sich Zigaretten an. „Wissen Sie“, die Stimme des ersten Mädchens schnurrt weich, „eigentlich sehen Sie wie ein Russe aus.“ Russland produziert nicht nur Vorurteile, sondern auch Komplimente, die sehr patriotisch sind. ---