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Was ist eigentlich - ... DIE RÜRUP-RENTE?

Auch Selbstständige sollen staatlich gefördert für das Alter vorsorgen. Gute Idee. Oder?




"Die Rente ist sicher", behauptete Norbert Blüm, Bundesarbeitsminister unter Helmut Kohl. Es war der größte Irrtum seiner Karriere. Immer schlechter wird das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenempfängern. Die Folge: Laut aktuellem Rentenbericht der Bundesregierung beträgt das Rentenniveau derzeit gerade mal 52,2 Prozent des Durchschnittseinkommens (vor Steuern, nach Sozialabgaben), im Jahr 2030 wird es voraussichtlich nur noch 43 Prozent betragen. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat ausgerechnet, dass im Jahr 2050 ein Beitragszahler 1,2 Rentner finanzieren muss. Was das für die Rente bedeutet, ist nicht absehbar. Die private Vorsorge ist also dringend geraten für die, die im Alter nicht arm sein wollen. Deshalb gibt es die staatlich geförderte Riester-Rente. Abhängig beschäftigte Arbeitnehmer erhalten dabei einen Zuschuss zu ihren Vorsorgeaufwendungen.

Zusätzlich hat die Bundesregierung zum Jahr 2005 das Alterseinkünftegesetz verabschiedet und einen grundlegenden Wechsel vollzogen - zur sogenannten nachgelagerten Besteuerung. Maßgeblich daran beteiligt war der Wirtschaftsweise Bert Rürup. Die neue Regelung erlaubt Sparern, ihre Aufwendungen für die gesetzliche und private Altersvorsorge teilweise als Sonderausgaben steuerlich geltend zu machen, im Gegenzug werden später die ausgezahlten Renten besteuert. Vorher war es umgekehrt.

Wer viel vorsorgt, profitiert also schon jetzt. Dabei gelten allerdings bestimmte Grenzen. Zu Beginn des Jahres 2005 konnten 60 Prozent der Beiträge von der Steuer abgesetzt werden, höchstens allerdings 12 000 Euro. Der abzugsfähige Prozentsatz steigt jedoch jährlich um zwei Prozent, sodass letztendlich im Jahr 2025 Beiträge bis zu 20 000 Euro abgesetzt werden können. Auch die spätere Rentenbesteuerung vollzieht sich in Schritten. Im vergangenen Jahr wurde die Hälfte der Auszahlungen besteuert, im Jahr 2040 wird die Rente voll zu versteuern sein. Grundsätzlich ist das eine feine Sache. Wer heute vorsorgt, spart Steuern, und da der Steuersatz auf die spätere Rente voraussichtlich niedriger sein wird als der im Arbeitsleben - zumindest dann, wenn nicht große Zusatzeinnahmen wie etwa durch Mieten zu erwarten sind - ist das unter dem Strich günstiger.

Das aber gilt in der Regel nicht für Selbstständige. Ihnen würde die nachgelagerte Besteuerung allein wenig nützen, denn sie sind in der Regel nicht gesetzlich versichert, und die klassischen Formen ihrer privaten Vorsorge wie Immobilien, Aktien, Fonds und Kapital-Lebensversicherungen erfüllen die Förderkriterien nicht. Diese Investments gelten als zu unsicher, vor allem aber garantieren sie keine regelmäßigen Zahlungen bis ans Lebensende. Hinzu kommt, dass viele Selbstständige vom Wegfall des Steuerprivilegs für Kapital-Lebensversicherungen besonders betroffen sind. Sie werden am Ende der Laufzeit in einem Batzen ausgezahlt - der Ertrag war bis 2005 steuerfrei, bei Neuverträgen wird nun mindestens die Hälfte besteuert.

Um diese Nachteile auszugleichen, gibt es seit vergangenem Jahr die Basisrente oder Rürup-Rente, benannt nach eben jenem Bert Rürup, der sich maßgeblich für das Modell stark gemacht hatte. Sie ist als Pendant zur gesetzlichen Rentenversicherung für Selbstständige und Freiberufler gedacht. Für sie ist die Rürup-Rente die einzige Möglichkeit, staatlich gefördert für das Alter vorzusorgen.

Diese Rente ist im Grunde nichts anderes als ein Versicherungsvertrag, in den der Sparer einzahlt. Um aber in den Genuss der nachgelagerten Besteuerung zu kommen, um also die Aufwendungen von der Steuer absetzen zu können, ist ein solcher Sparvertrag bestimmten Restriktionen unterworfen: Die Rürup-Rente darf erst ab dem 60. Lebensjahr und nur in monatlichen Raten ausgezahlt werden. Die Ansprüche dürfen nicht beliehen oder verkauft werden, sie sind nicht vererbbar, man kann sie nicht an eine andere Person abtreten. Stirbt der Versicherte, ist das Geld weg, nur in seltenen Fällen haben die Hinterbliebenen etwas davon. Der große Vorteil: Die Rürup-Rente ist im Gegensatz zu anderen privaten Vorsorgeprodukten von Selbstständigen während der Ansparphase nicht pfändbar und damit auch " Hartz-IV-fest".

Bislang ist die Rürup-Rente kein großer Renner. Laut Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft wurden bis Mitte dieses Jahres nur 215 000 Rürup-Verträge abgeschlossen. Dabei ist rund jeder zehnte Erwerbstätige in Deutschland ein Selbstständiger.

Der schleppende Absatz hat mehrere Ursachen. Selbstständige müssen im Notfall an ihr Erspartes kommen, etwa um die Firma zu retten - bei Rürup aber liegt das Geld bis zum 60. Lebensjahr fest. Man darf es auch nicht als Sicherheit verwenden, um einen Kredit zu beantragen, den Selbstständige bekanntlich gelegentlich brauchen.

Das größte Problem aber ist die sogenannte Günstiger-Prüfung durch das Finanzamt, der Selbstständige unterliegen. Die Günstiger-Prüfung wurde eigentlich geschaffen, damit Selbstständige durch die Einführung der nachgelagerten Besteuerung nicht schlechter dastehen als vorher. Nun allerdings wird sie zum Sargnagel für die Rürup-Rente. Nach alter Regelung durften alleinstehende Selbstständige pro Jahr bis zu 5069 Euro für Vorsorgeleistungen absetzen, darin waren auch die Beiträge zur Krankenversicherung enthalten. Nach neuem Recht können sie für "sonstige" Vorsorgepakete nur noch 2400 Euro steuerlich geltend machen - allerdings zuzüglich der Beiträge für eine Rürup-Rente zu den geltenden Höchstsätzen des jeweiligen Jahres. Das Finanzamt prüft nun jeden einzelnen Fall und wendet das Recht an, das für den selbstständigen Steuerzahler jeweils günstiger ist.

Das führt allerdings dazu, dass die Rürup-Rente für viele Selbstständige unattraktiv wird. Um einen Vorteil aus der neuen Regelung zu ziehen, also um mehr Vorsorgeleistungen als 5069 Euro von der Steuer absetzen zu können, müssten sie beispielsweise im Jahr 2005 mehr als 4448 Euro für ihre Rürup-Rente aufgewendet haben. (Für Nachrechner: 2400 abgesetzte Euro kommen aus den sonstigen Vorsorgen wie etwa der Krankenversicherung. Die Differenz zwischen 2400 Euro und den bisher maximal absetzbaren 5069 Euro beträgt 2669 Euro. Da im vergangenen Jahr nur 60 Prozent der Rürup-Beiträge abgesetzt werden konnten, mussten diese 4448 Euro betragen, um den Differenzbetrag zu ergeben.) Viele Selbstständige verdienen nicht genug, um so viel oder mehr in einen Rürup-Vertrag einzuzahlen. Und selbst bei denjenigen, die es sich leisten könnten, wirkt nur die Summe steuermindernd, die darüber liegt. Ärgerlich ist auch, dass viele Selbstständige allein für die Krankenversicherung mehr ausgeben als 2400 Euro im Jahr. Dieser Batzen bleibt weiterhin auf der Ausgabenseite des Einzelnen und mindert den finanziellen Vorteil eines Rürup-Vertrages. Hinzu kommt: Wer heute zu wenig für einen direkten steuerlichen Vorteil einzahlt, muss seine Rente später trotzdem versteuern und macht Minus.

Rürup nützt vor allem denen, die es nicht wirklich brauchen Inzwischen hat die Bundesregierung das Problem erkannt und will nachbessern. Rückwirkend zum 1. Januar 2006 sollen Selbstständige ihre Rürup-Beiträge vom ersten Euro an von der Steuer absetzen können. Das steht im Entwurf für das Steuergesetz 2007. Beschlossen ist dies aber noch nicht. Unklar ist auch, ob die Nachbesserung künftig zu einem Rürup-Boom führen wird. Zwar sollen künftig auch Banken und Fondsgesellschaften Rürup-Verträge anbieten können und so den Markt beleben - die für Selbstständige besonders nachteiligen Restriktionen aber bleiben. Für wen sich ein Rürup-Vertrag trotzdem lohnt, kann im Einzelfall wohl nur ein Steuerberater sagen, hängt das doch von der jeweiligen Laufzeit, der Beitragshöhe, dem individuellen Steuersatz und dem Renteneintrittsalter ab.

Was bleibt ist der Steuervorteil, der aber längst nicht jeden überzeugt. "Steuervorteile kann man auf viele Arten erzielen", sagt etwa Arno Metzler, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Freien Berufe, "dafür braucht es die Rürup-Rente nicht. Und die Erträge sind, je nach Angebot, nicht so hoch, als dass sie die Nachteile aufwiegen." Taugt dann die Basis-Rente wenigstens dazu, Selbstständigen zu einer ausreichenden Absicherung im Alter zu verhelfen? Bisher profitieren von einem Rürup-Vertrag vor allem Selbstständige, die sehr viel Geld übrig haben und zu einer Zeit in den Ruhestand gehen, in der der Rentensteuersatz noch niedrig sein wird. Die Gruppe aber, die vom Rentenproblem am stärksten betroffen ist, die Jüngeren mit einem vergleichsweise geringen Einkommen, profitieren wenig bis gar nicht. Und das sind viele. "Der Anteil an Leuten in den niedrigen Einkommensklassen, etwa unter 2000 Euro monatlich, ist bei Selbstständigen deutlich höher als bei Arbeitnehmern", sagt Uwe Fachinger vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

An diesem Manko der Basisrente wird sich auch nach der Reform wenig ändern. Die Rürup-Rente fördert durch Steuervorteile - die aber hat nur, wer auch Steuern zahlt, und zwar möglichst hohe, wegen der progressiven Einkommensteuer, deren Satz mit dem zu versteuernden Einkommen steigt. Wer ein hohes Einkommen hat, hat ohnehin wenig Probleme vorzusorgen. Die Warentester von "Finanztest" haben die Rürup-Rente durchgerechnet. "Diejenigen, um die es eigentlich gehen sollte, profitieren davon nicht", sagt Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen. "Die Basis-Rente ist nicht die Basissicherung, die sie im Namen trägt", sagt auch Frank Breiting, Leiter Private Altersvorsorge bei der Fondsgesellschaft DWS. "Steueranreize helfen nur dem, der ein Steuerproblem hat, also sehr viel Steuern bezahlt. Für viele ist die Rürup-Rente deshalb vor allem ein Steuersparmodell." Aber eben kein Altersversorgungsmodell.