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"Vorurteile machen rückständig."

Sein neues Buch ist vorn auf den Bestseller-Listen, und viele halten es für eine unerhörte Provokation: Henryk M. Broders „Hurra, wir kapitulieren“ geht hart mit der Appeasement-Politik führender westlicher Politiker und Intellektueller gegenüber islamistischen Extremisten ins Gericht. Im brand eins-Interview legt der streitbare Journalist noch eins drauf: Westliche Intellektuelle und islamistische Fundis haben gemeinsame Feinde – die Freiheit und die Marktwirtschaft.


brand eins: Herr Broder, in Ihrem neuen Buch gehen Sie mit deutschen Politikern, Künstlern und Intellektuellen nicht gerade zimperlich um. Zwischen radikalen Islamisten und deutschen Meinungsmachern gebe es eine Art Allianz der Vorurteile gegen die Errungenschaften der Aufklärung, der Demokratie und der Marktwirtschaft. Gießen Sie da nicht 01 ins Feuer einer ohnehin schon angeheizten Debatte?

Henryk M. Broder: Ganz sicher nicht - ich weise nur darauf hin, wie eigenartig viele führende Köpfe in unserem Land mit den Dingen und Sachverhalten umgehen, die uns Freiheit und Wohlstand garantieren. Da gibt es eine Appeasement-Politik gegenüber radikalen Islamisten, die mich frappierend an das erinnert, was vor dem Zweiten Weltkrieg die Politik der britischen Regierung Chamberlain gegenüber Hitler war: bloß nicht reizen, immer nachgeben, einfach immer einen Schritt zurück gehen. Wir wissen heute sehr gut, dass diese Politik nur den Nazis genutzt hat. Churchill hat das später so beschrieben: Ein Appeaser ist jemand, der das Krokodil füttert, weil er glaubt, dass er als Letzter gefressen wird. Das ist auch heute der Fall.

Ist es nicht klug, sich nicht provozieren zu lassen und auf Aggressionen tolerant zu reagieren?

Warum? Ich bin intolerant, wenn es darum geht, dass bei uns Medienleute, Politiker und Künstler Täter ständig mit Opfern verwechseln. Was haben wir bloß diesen armen Terroristen angetan, dass sie so furchtbare Dinge machen müssen, heißt es dann. Leute, die gestern noch Marx zitierten - Religion ist Opium fürs Volk zum Beispiel -, fordern heute zu Toleranz und Verständnis gegenüber Extremisten auf, die sich uns gegenüber in keiner Weise tolerant oder respektvoll zeigen, sondern ihrer Wut, ihrem Hass auf den vermeintlich dekadenten Westen freien Lauf lassen. Toleranz ist in diesem Kontext etwas völlig Unzeitgemäßes.

Was verstehen Sie unter Toleranz?

Toleranz heißt nichts weiter als dulden, in der Praxis eigentlich: ignorieren. In der alten Klassengesellschaft übten die "oben" Toleranz gegenüber jenen, die "unten" standen. Toleranz hat immer etwas mit Überheblichkeit zu tun. Jemand, den ich toleriere, der steht unter mir. In Zeiten der Globalisierung stimmt aber dieses Oben und Unten sowieso nicht mehr, denn wir haben diese alten vertikalen Gesellschaften nicht mehr, sie werden immer stärker durch horizontale Gesellschaftssysteme ersetzt, in denen es nicht ums Dulden, sondern um allgemein verbindliche Regeln geht.

Das klingt sehr optimistisch - man könnte meinen, dass sich damit Vorurteile und Ressentiments von selbst erledigen.

Keineswegs. Aber es gibt eben deutliche Fortschritte, und dafür ist das im Westen verbreitete System Demokratie, Meinungsfreiheit und Marktwirtschaft verantwortlich. Ein Beispiel: Früher wurden Behinderte toleriert, das heißt bemitleidet, jeder hatte ihnen gegenüber seine Vorurteile, und es war ganz klar, dass sie unterhalb der "Normalen" stehen. Heute profitieren sie von einer positiven Diskriminierung: Sie haben das Recht auf eigene Abteile in Zügen, sie haben das Recht auf einen Parkplatz in der Nähe des Aufzugs und vieles mehr. Ist das schlecht? Natürlich nicht! Positive Diskriminierung heißt, dass ich den Unterschied erkenne, schätze und mich danach verhalte.

Wenn Sie zum Beispiel Oskar Lafontaine hören, der sagt, es gebe gemeinsame Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion, welche Vorurteile sind da im Spiel?

Zunächst: Tatsächlich haben die Leute, die den islamischen Extremismus bei uns schönreden und Toleranz predigen statt Klarheit und eine Politik, die Demokratie und Meinungsvielfalt verteidigt, eigentlich Angst. Angst vor der ungezügelten, anarchischen Kraft, die sich da entfaltet, vor einem neuen Totalitarismus, der auf Ideologie statt auf Aufklärung setzt. Eigentlich getrauen sich die, die behaupten, man müsste größtmögliche Toleranz gegenüber den Intoleranten üben, einfach nicht zu sagen, wo die Grenzen sind. Ganz gleich übrigens, ob wir jetzt von den großen oder von den kleinen Scharmützeln reden. Was in der Weltpolitik gilt, siehe Iran, das gibt es auch als Miniatur an Berliner Hauptschulen.

Aber die Schnittmenge, die Gemeinsamkeiten, die Lafontaine da zitiert, die gibt es tatsächlich. Die Marktwirtschaft ist die Grundlage des westlichen Systems. Und nun sind seit 1989 die Alternativen weggebrochen. Das bedauern bis heute viele Intellektuelle, die gute alte DDR gibt es nicht mehr, die Sowjetunion auch nicht, und die Chinesen huldigen einem ungezügelten Kapitalismus. Die Marktwirtschaft ist aber auch islamistischen Extremisten ein Dom im Auge. Hier trifft man sich ganz hervortagend. Die Schnittmenge, von der Lafontaine redet, das ist die Allianz der Frustrierten aller Länder. Da verbünden sich die Fortschritts-Invaliden. Dieses Bündnis der alten Vorurteile und Ideologien hilft dabei, die Realität auszublenden. Denn tatsächlich ist es kaum zu übersehen, dass im Westen der wahre Sozialismus herrscht: Vieles von dem, wofür die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert gestritten hat, ist heute praktisch umgesetzt, ganz alltäglich und selbstverständlich. Aber das passt natürlich nicht zu den Vorurteilen gegenüber dem Markt und einer offenen Gesellschaft.

Weshalb wird der Westen vor allem von Intellektuellen so verteufelt?

Da gibt es viele Gründe. Viele Intellektuelle werden einfach nicht mehr so gehört und gebraucht wie früher, sie spielen eine geringere Rolle, sie sind frustriert. Als ich Mitte der sechziger Jahre mein Abitur gemacht habe, waren Naturwissenschaftler und Kaufleute für uns das Letzte. Wir haben "Die Verdammten dieser Erde" von Frantz Fanon gelesen, die anderen haben gerechnet und gehandelt. Heute sieht es so aus, dass diese Leute, die von uns verachtet wurden, die Welt verändert haben. Sie haben den Computer und später das Internet zu einem normalen Alltagsgegenstand gemacht.

Intellektuelle waren mal die Avantgarde der Gesellschaft, heute sind sie die lahmende Nachhut. Früher standen sie auf der Lokomotive und warfen Kohle ins Feuer, damit der Zug schneller fährt, heute sind sie die Bremser. Das ist nicht besonders nützlich für die Gesellschaft.

Die Vorurteile gegen Marktwirtschaft und Technik sind demnach das Produkt von Rückständigkeit?

Genau umgekehrt: Die Vorurteile erzeugen Rückständigkeit. Man will nicht wahrhaben, dass so profane Berufe wie Unternehmer, Händler und Techniker für die Gesellschaft einfach nützlicher sind als die Bremser, die hinter jedem Fortschritt nur eine Gefahr sehen. Diese Leute kommen mir so vor wie die Familie in dem Hollywood-Film "Eve und der letzte Gentleman". Da sperrt sich ein Familienvater, der Angst vor dem Atomkrieg hat, mehr als 35 Jahre mit seiner Familie in einem Bunker ein. Nur: Da oben tobt gar kein Atomkrieg. Als sie nach den langen Jahren aus ihrem Bunker klettern, verstehen sie natürlich die Welt nicht mehr.

Die Vorurteile vieler Intellektueller bei uns entsprechen dieser Bunkermentalität. Für viele hat sich die Welt seit den siebziger Jahren nicht geändert. Unternehmer haben immer noch dicke Bäuche und rauchen dicke Zigarren. Dabei bietet eben die Marktwirtschaft heute Chancengleichheit wie nie zuvor - vor allem im Zugang zu Wissen und Bildung.

Was sähen die Menschen, wenn sie heute nach 35 Jahren aus dem Bunker ihrer Vorurteile stiegen?

Zum Beispiel, dass der drittreichste Mensch der Welt Lakshmi Mittal heißt, aus Indien stammt und der Welt größter Stahlmagnat ist - weit vor ThyssenKrupp. Sie würden dann auch erkennen, dass Mittals Vater ein armer Teufel war, der als Schrotthändler begonnen hat und in einer Hütte ohne Strom und Wasser aufwuchs. Dass sein Sohn einer der reichsten Menschen der Welt wurde, ist eine sehr optimistische Geschichte, aber sie passt eben nicht zu den alten Klischees und Vorurteilen.

Ganz im Gegensatz zu den Handlungen von Leuten wie Josef Ackermann, die eine gefährliche Symbolik haben und die die alten Vorurteile wieder nähren. Da macht jemand einen Rekordgewinn und kündigt gleichzeitig Entlassungen an. Das geht nicht. So was macht man nicht. Das setzt ein hohes Maß an Geschmacklosigkeit und Dummheit voraus. Und genau dafür sind ihm natürlich die Gegner einer offenen Gesellschaft sehr dankbar. Henryk M. Broder: Hurra, wir kapitulieren - Von der Lust am Einknicken. wjs Verlag, 2006; 167 Seiten; 16 Euro