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Unbehindert einkaufen

Der kleine Supermarkt um die Ecke hat eine Zukunft: die Cap-Märkte.




Die Situation der Supermärkte ist eigentlich klar: Die Zahl der Geschäfte mit weniger als 400 Quadratmetern hat sich seit 1980 fast halbiert. Und Läden mit einer Größe von weniger als 1000 Quadratmetern werden laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG "künftig ohne Chancen sein". Daher bleibe "Supermärkten nur die Wahl, sich zu mittelgroßen Verbrauchermärkten weiterzuentwickeln oder aber sich als kleinerer Nachbarschaftsmarkt eher für eine Nischenstrategie zu entscheiden". Die Zukunft gehört dem anonymen Massenmarkt. Oder nicht?

Die halbseitige Lähmung des 26-jährigen Verkäufers ist kaum zu bemerken. Trotzdem waren die Beschäftigungschancen des behinderten Duisburgers schlecht. Dass er nun einen festen Arbeitsplatz hat, verdankt er einem neuen Supermarkt im Stadtteil Wehofen, dem Cap-Markt. Dort gehört der Einsatz von Behinderten zum Konzept - von den elf Arbeitsplätzen wurden acht für Menschen mit einer Schwerbehinderung geschaffen.

Die Cap-Märkte ebnen aber nicht nur behinderten Menschen den Weg auf den Arbeitsmarkt, sie schließen auch die lokalen Angebotslücken, die die großen Supermarktketten hinterlassen. Deutschland ist zwar mit 1,3 Quadratmetern Verkaufsfläche pro Einwohner relativ gut versorgt, aber trotzdem müssen Kunden immer weiter fahren, um einkaufen zu können - in vielen Stadtvierteln gibt es keine Lebensmittelgeschäfte mehr. Besonders für Menschen ohne Auto ist es in solchen Gebieten schwierig einzukaufen. Vor allem an sie wenden sich die Cap-Märkte.

Das Konzept wurde von der Gesellschaft der Werkstätten für behinderte Menschen in Sindelfingen entwickelt; in allen Filialen muss mindestens jeder vierte Arbeitsplatz von einem Behinderten besetzt sein. Geschäftsführender Vorstand der Genossenschaft ist Werner Block, der für seine Cap-Märkte mit einer Verkaufsfläche zwischen 300 und 1500 Quadratmetern einen wachsenden Bedarf sieht. "Wir sind ein Problemlöser für jene Orte, in denen sich unsere Mitbewerber auf die grüne Wiese verabschiedet haben", sagt er. Selbst die KPMG-Studie sieht Chancen für solche Märkte: " Kleinere Nachbarschaftsmärkte verfügen dort über Erfolgsaussichten, wo sie in Stadtteil-Lagen noch die Funktion eines Vollversorgers übernehmen." Rund 40 Cap-Märkte gibt es mittlerweile zwischen Karlsruhe und Güstrow. Weitere seien in Vorbereitung, sagt Block. Die Geschäfte sind ganz normale Vollsortimenter, die, wie etwa in Obertürkheim, auf 1000 Quadratmetern rund 12 000 Produkte führen, vom Frischfleisch über Backwaren und Käse bis zu Gemüse. Geliefert werden die Waren vor allem von Edeka. "Wir können wegen der Anbindung an einen großen Lieferanten auch preislich mit konventionellen Supermärkten konkurrieren", sagt Block. Es gibt aber auch Cap-Eigenmarken, etwa für Tee oder Sekt, die aus Betrieben kommen, in denen Behinderte arbeiten. Zudem werden, wo möglich, frische Produkte regionaler Anbieter ins Sortiment genommen.

Orte ohne Lebensmittelhändler gebe es viele, sagt Block, und so kann er sich durchaus die Gründung von "100 oder auch 500" weiteren Cap-Märkten vorstellen. Derzeit sei man darauf eingestellt, jährlich um die zehn Geschäfte neu zu eröffnen, insgesamt 50 sollen es Ende 2006 sein.

Die 1999 gegründete Filialkette hat eine beeindruckende Geschichte hinter sich. 28 Millionen Euro Umsatz erwirtschafteten die Cap-Märkte 2004, im folgenden Jahr waren es bereits 35 Millionen Euro. Rund 320 Vollzeitbeschäftigte arbeiten in den Filialen, davon gut 200 Behinderte. Im Schnitt arbeiten in den Cap-Märkten 50 Prozent mehr Menschen als in anderen Supermärkten, was sich in einer intensiven Kundenbetreuung niederschlägt: Ein Lieferservice gehört ebenso zum Programm wie Hilfe beim Einpacken. Zu Beginn gab es natürlich die üblichen Anlaufverluste, aber "wir schaffen überall die schwarze Null", sagt Werner Block.

Gewinn müssen die Geschäfte der gemeinnützigen Unternehmen nicht abwerfen - sie dürfen aber auch kein Zuschussgeschäft sein. Da die Arbeitsplätze öffentlich gefördert werden, sind die Personalkosten anfangs niedriger als bei konventionellen Lebensmittelgeschäften: 20 bis 30 Prozent der Arbeitskosten werden in den ersten Jahren mit Eingliederungszuschüssen finanziert, mit denen die Agentur für Arbeit die Integration behinderter Menschen unterstützt. Finanzielle Hilfen kommen zudem von Sozial-hilfeträgem, die Gelder aus der sogenannten Ausgleichsabgabe zuschießen, die von Arbeitgebern gezahlt wird, die weniger als die gesetzlich vorgeschriebene Quote behinderter Menschen beschäftigen. Die Eröffnung des Cap-Marktes in Duisburg wurde zum Beispiel vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit 184 000 Euro unterstützt.

Demnächst sollen auch Cap-Märkte im Ausland eröffnet werden, im Gespräch sind Österreich und die Niederlande, wo sich konventionelle Ketten ebenfalls auf die grüne Wiese zurückziehen. Werner Block: "Wir beobachten die Lage. Und wo die Großen uns Platz machen, stehen wir bereit." Kontakt: www.cap-markt.de