Partner von
Partner von

Schwarz sehen

Die Farbe Schwarz hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, sagt Pierre Soulages.




"Schwarz geboren hat's Waschen verloren." (Altes Sprichwort)
"Wir werden so viele Flugzeuge bauen, dass der Himmel schwarz ist und die Vögel zu Fuß gehen müssen!" (Adolf Hitler)
"Lieber blind als schwarz." (Stevie Wonder)

"Ich habe mich für Schwarz aus Liebe und ohne Abstriche entschieden", sagt der am Heiligabend 1919 im südfranzösischen Rodez geborene Pierre Soulages. Für den Maler, einen wichtigen französischen Vertreter der abstrakten, nicht gegenständlichen Malerei, ist Schwarz die Primärfarbe: "Als ich eines Tages malte, hatte plötzlich das Schwarz die gesamte Fläche des Bildes erfasst, ohne irgendwelche Formen oder Kontraste, ohne das kleinste Durchschimmern. In dieser extremen Form erkannte ich in gewisser Weise die Negation des Schwarz. Die unterschiedliche Beschaffenheit der Unterlage reflektierte das Licht mehr oder weniger stark. Und aus dem Dunkel kam eine Klarheit, ein bildhaftes Licht, dessen emotionale Kraft mich in meinem Wunsch zu malen bestärkte." Soulages nennt seine Bilder, in denen Schwarz dominiert, "Outrenoir": "Ich habe das Wort für ein Metaschwarz jenseits der Farbe Schwarz erfunden. So wie Outre-Rhin (jenseits des Rheins) und Outre-Manche (auf der anderen Seite des Ärmelkanals) ein anderes Land bezeichnen, benennt Outrenoir ein über das Schwarz hinausgehendes mentales Feld." Farbe ist keine physikalische Eigenschaft eines Gegenstandes, sondern ein subjektiver Eindruck der Sinne, der entsteht, wenn Licht auf das Auge trifft. Beim Menschen sind für das Sehen zwei verschiedene Rezeptorentypen zuständig, die sich auf der Netzhaut befinden: Die Stäbchen unterscheiden Hell-Dunkel-Kontraste, die Zapfen Farben.

Es gibt drei Arten von Zapfen, die jeweils besonders empfindlich auf die drei Spektralbereiche Rot, Grün und Blau reagieren. Ist die Reizung aller drei Zapfenarten etwa gleich stark und kann deshalb keine Entscheidung über eine dominante Wellenlänge, also über eine Farbe getroffen werden, erzeugt unser Gehirn den Eindruck Grau. Wenn kein Eicht wahrnehmbar ist, empfinden wir dies als Schwarz.

Neben dem auf die Netzhaut fallenden Eicht sind für die Entstehung eines wahrgenommenen Bildes auch Assoziationen und Gefühle eines Menschen verantwortlich. Während des Sehens verknüpft das Gehirn den aktuellen Reiz mit gespeichertem Wissen - wir sehen also eine Mischung aus reflektiertem Eicht und Informationen unseres Gedächtnisses. Die Gefühle für die Farbe Schwarz werden in vielen Kulturen durch universelle Objekte und Situationen wie Asche und Nacht beeinflusst.

Soulages' Bilder verlangen ein konzentriertes, geduldiges Sehen. Sie wirken auf den ersten Blick düster und verschlossen, doch bei genauerem Betrachten wird mit der Zeit eine eigene Welt aus Licht und Nichtlicht deutlich. Das liegt an ihren Texturen, die das Licht unterschiedlich stark absorbieren und reflektieren. Sie entstehen mit Rakeln, einer Art Spachtel, die der Maler aus Schuhsohlen und Zigarrenkistendeckeln selbst herstellt.

Pierre Soulages spricht vom "le desir de peindre" - der Begierde zu malen. Bei ihm ist Malen eine physische Tätigkeit, die zu ebenso physischen Bildern mit einer einzigartigen Oberflächenspannung führt. "Wenn ich über meine Bilder sprechen muss, ziehe ich es vor, von der Materialität, vom Bild als Objekt zu sprechen. Ich weiß aber sehr wohl und habe es auch oft gesagt, dass die Wirklichkeit eines Bildes viel komplexer ist: Sie besteht in der dreifachen Beziehung zwischen dem Objekt, also dem Bild, mir, der es geschaffen hat, und dem, der es betrachtet." Für Reproduktionen hat der 87-Jährige wenig übrig. Er ist davon überzeugt, dass sie trotz allen technischen Fortschritts nicht dazu in der Lage sind, die Präsenz gemalter Bilder wiederzugeben. Ein gutes Bild sei grundsätzlich nicht reproduzierbar, denn: "Ein Bild teilt nichts mit als sich selbst." Schwarzer Freitag. Schwarzer Tod. Ein schwarzer Tag. Der schwarze Mann. Schwarzmalen. Schwarzfahren. Schwarzsehen. Schwarzhören. Schwarzgeld. Schwarzmarkt. Schwarze Liste.

Soulages' Malerei ist ein Ausdruck des Widerstands gegen die bunten, unterhaltsamen Formen der Kunst. Doch wie jeder gute Künstler ist auch er von Traditionen beeinflusst: von der Strenge romanischer Architektur, den kargen keltischen Monumenten seiner Heimat, der ostasiatischen Kalligrafie.

Letztlich ist sein Stil aber ein Gegenentwurf zum modernen Entertainment, denn er verlangt von dem Betrachter Mitarbeit: "Meine Gemälde sind keineswegs monochrom schwarze Bilder - weder für den, der wirklich hinschaut, noch für mich. Sie entwickeln sich im Augenblick des Betrachtens. Während der eine angesichts einiger Bilder Einfachheit und Strenge assoziiert, sprechen andere von Reichtum und Sinnlichkeit. Das hängt von demjenigen ab, der sie ansieht. Wer mich als den Künstler der schwarzen Malerei bezeichnet, hat das Schwarz im Kopf, nicht in den Augen." Immerhin bekommt der Betrachter eine kleine Hilfe - vom Bild: "Wenn ich sehe, kommt das Licht von der Leinwand zu mir. Der Raum des Bildes ist nicht auf dem Bild, sondern vor ihm." Schwarze Zahlen.

Pierre Soulages: "Im Schwarz verbinden sich ungeahnte Möglichkeiten. Und mit gespannter Aufmerksamkeit für alles, was ich nicht weiß, gehe ich auf sie zu."