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Schulen als Soziale Innovation

In der einen bekommen Kinder alle Freiheiten.
In der anderen herrscht scharfe Disziplin.
Die eine befindet sich in einem kleinen, idyllischen Ort.
Die andere in einem armen, verfallenen Arbeitslosenviertel. Zwei Schulen, zwei Welten, zwei Wege.
Und viele glückliche Schüler.




Manchmal sagen die Leute aus den umliegenden Dörfern über die Schüler der Prinz-Höfte-Schule: " Glücklich, aber 'n bisschen doof. Die lernen doch nichts, die armen Kinder. Sitzen den ganzen Tag am Froschteich und freuen sich." Manchmal sagen die Gymnasiasten und Realschüler aus der Gegend zu einem Kumpel, der zur Prinz-Höfte-Schule wechselt, im Ton des Bedauerns: " Ach, da musst du hin!" Und denken: "Der hat's halt nicht gepackt auf 'ner ordentlichen Schule." Manchmal verlieren sogar Eltern von Prinz-Höfte-Schülern die Geduld, weil ihr Kind in der vierten Klasse immer noch nicht richtig schreiben kann. Oder das Einmaleins nicht beherrscht. Und sie denken: "Soll ich mein Kind nicht doch besser auf eine normale Schule geben?" Einige wenige tun es dann auch.

Die Prinz-Höfte-Schule liegt am Ortsausgang des Städtchens Bassum südlich von Bremen, da, wo die Felder aufhören, der Wald anfängt und die Welt so aussieht, als sei sie noch in Ordnung. "Eine Schule, in der viel verlangt und geleistet wird", steht auf einem Zettel im Schaukasten am Eingang. Am Schwarzen Brett hängen die Prüfungsergebnisse des ersten Jahrgangs, der im Sommer nach der zehnten Klasse mit der mittleren Reife abging. Die Durchschnittsnote, von externen Prüfern der Landesschulbehörde festgestellt, lag bei 1,96. So ein Ergebnis schafft kaum eine staatliche Lehranstalt. Einige Absolventen gehen jetzt aufs Gymnasium; sie wollen Abitur machen. Aber ist das nicht die Schule, wo die Kinder angeblich nichts lernen? Wie passt das zusammen?

Es ist nicht einfach, das Konzept dieser vor zehn Jahren mit neun Schülern gestarteten Experimentalschule zu erklären, die nach den Grundsätzen des französischen Reformpädagogen Célestin Freinet die Selbstorganisation einer Lerngemeinschaft lehrt und lebt. Viel leichter lässt sich aufzählen, was es dort nicht gibt: Noten (bis zur achten Klasse), Frontalunterricht (bis auf Ausnahmen), feste Stundenpläne, Massenarbeiten, einen starren Fächerkanon, Sitzenbleiben. Funktioniert eine solche Schule trotzdem? Oder gerade deswegen? Wie und was lernen die derzeit hundert Erst- bis Zehntklässler hier?

Kürzlich bei der Morgenversammlung wollten die Grundschüler lieber auf großen Gymnastikbällen sitzen als auf Stühlen. Der Raum jedoch war klein, und es war nicht sicher, ob 14 Sitzbälle hineinpassen. " Kriegen wir die in den Raum?", fragten sich die Kinder und waren plötzlich mitten im Matheunterricht. "Wie finden wir das raus?" Sie hatten noch nie etwas von Radius und Durchmesser gehört, noch nie einen Zirkel in der Hand gehabt. Wie auch, im zweiten Schuljahr?

Die Schüler schnitten Quadrate aus, deren Seitenlänge etwa dem Durchmesser eines Sitzballs entsprach, und legten sie in den Raum. "Aber so ein Ball ist doch nicht eckig, sondern rund", lautete ein berechtigter Einwand. Irgendwann kam ein Kind auf die Idee, aus Holzlatten einen einfachen Zirkel zu zimmern. Aus 14 Quadraten wurden 14 Kreise. Und sie passten alle in den Klassenraum.

Die Kinder lernen bei Projekten, die ihnen nicht der Lehrer vorgibt, sondern das Leben. Ihr Leben. Ihre Tages- und Wochenpläne bestimmen sie selbst. Auf sinnentleertes Pauken von totem Wissen oder Brüten über Fragen, deren Antworten bereits im Lösungsheft des Lehrers stehen, wird hier verzichtet. "Was das Fachwissen angeht, kommen wir hier letzten Endes zu ähnlichen Lernergebnissen wie an der Regelschule", sagt Angela Bolland, die als Co-Schulleiterin für das pädagogische Konzept verantwortlich ist. "Aber in einer ganz anderen Fundierung." Vor einiger Zeit wurden einige ältere Schüler auf dem Schulgelände beim Schnapstrinken erwischt. Daraus entstand ein Alkohol- und Drogenprojekt, das sich über Wochen hinzog. Die Jugendlichen interviewten Passanten in der Fußgängerzone: Trinken Sie Alkohol? Warum? Und wie viel? Ein trockener Alkoholiker erzählte ihnen im Unterricht vom Suff und vom Entzug, beim Zoll ließen sie sich beschlagnahmtes Heroin und Kokain zeigen, im Wald sammelten sie Pilze, die high machen können. Gleichaltrige an der Regelschule ackern, falls sie sich überhaupt mit diesem Thema befassen dürfen, die entsprechenden Kapitel im Sozialkundebuch durch und sehen, als kleine Zugabe, vielleicht noch den Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo".

Was wollen die Schüler wissen? Das ist die wichtigste Frage Ein Projekt kann aus einer einfachen Frage entstehen wie: Schwitzen die Kühe unter den schwarzen Flecken mehr als unter dem weißen Fell? Dem wird nachgegangen, ganz egal, ob Paarhufer im Unterricht gerade an der Reihe sind oder nicht. Oder jemand will mehr über Schildkröten erfahren und findet Mitschüler, die sich ebenfalls dafür interessieren. Das Einmaleins bleibt erst mal liegen, ein paar Tage oder länger, und kommt in das Heft mit der Aufschrift "Was ich noch nicht so gut kann". "Was genau wollt ihr herausfinden?", fragt der Lehrer. Gemeinsam erstellt das Projektteam eine kleine Forschungsagenda: Wie alt werden Schildkröten? Was fressen sie? Wie groß werden sie? Wie viele Eier legen sie? Wie lange können sie ohne Wasser auskommen? All das finden die Schüler in den nächsten Tagen heraus, leihen sich Bücher und Filme aus und recherchieren im Internet.

Wenn sie nicht mehr weiterwissen, hilft der Lehrer. " Fragt doch mal einen Zoohändler", sagt er dann vielleicht und schickt das Projektteam auf Exkursion ins Städtchen. "Wir zeigen den Kindern Lernwege auf", sagt Schulleiterin Angela Bolland, "aber es ist ihre Entscheidung, ob sie diese Wege tatsächlich gehen." Es kann auch vorkommen, dass der Lehrer per Abstimmung zu Vokabeltests (mit Zensuren!) oder Frontalunterricht verdonnert wird, obwohl er lieber ein schönes Projekt vorantreiben würde.

Den kleinen Jake Adams fragt dagegen niemand, ob er lieber Projektarbeit oder Frontalunterricht hätte. Bei ihm geht es erst mal darum, dass er überhaupt zum Unterricht erscheint. An diesem Morgen steht Frau Cowell, die Schulsekretärin, mal wieder vor der Wohnung seiner Mutter, um ihn abzuholen. Frau Adams' Haare haben lange kein Shampoo mehr gesehen. Der Lidstrich über den trüben Augen ist verschmiert, ihr Morgenrock ist speckig, im Flur reihen sich Dutzende leerer Bierflaschen aneinander.

Heute früh kam Jakes Klassenlehrerin nach der ersten Stunde ins Schulsekretariat. "Jake ist wieder nicht da", sagte sie, "können Sie mal nachsehen, was los ist?" Cowell fuhr zu dem kleinen Haus in der Fancroft Road. "Der liegt noch im Bett", sagt jetzt die Mutter. "Aber er muss zum Unterricht, Frau Adams", entgegnet die Sekretärin, "das wissen Sie doch. Die Kinder schreiben Tests diese Woche. Wecken Sie ihn bitte." Jakes Mutter schlurft auf ihren Puschen zur Treppe. "Beweg deinen Hintern!", ruft sie nach oben, "die Frau von der Schule ist da." Zwei Minuten später kommt Jake heruntergestolpert, ein blasser Junge mit roten Haaren und Sommersprossen. Rotz läuft ihm aus der Nase. " So ein armer Junge", sagt Cowell nur.

Fast täglich schickt der Rektor Dominic Mulcahy seine Sekretärin los, damit sie Kinder daheim abholt, die nicht zum Unterricht erschienen sind. "Die Eltern sorgen nicht dafür, dass die Kinder zur Schule gehen", sagt er. "Ihnen ist der Wille abhanden gekommen, oder es ist ihnen egal, was weiß ich. Wenn wir sie nicht abholen, bleiben sie einfach im Bett." Wo wenig Hoffnung ist, hilft vielleicht ein Gebet Dominic Mulcahy ist ein Schulleiter, der Wert auf gute Manieren und Disziplin legt und auch mal laut wird, wenn ein Schüler nicht pariert. Bis vor acht Jahren führte er eine hübsche Schule in einem besseren bürgerlichen Viertel von Manchester. Dann bat man ihn, für ein Jahr die Grundschule St. John Fisher & St. Thomas More im Stadtteil Benchill zu übernehmen. Mulcahy fand eine traurige Bildungsstätte vor: Frustrierte Lehrer schlurften durch grottige Flure, auf den Schränken stapelte sich der Müll. Ob die Schüler regelmäßig zum Unterricht kamen, ob sie fleißig waren, sich prügelten, was aus ihnen mal werden sollte - den Lehrern war es weitgehend egal. Kein Wunder, dass die St. John-Fisher-Schule in der Rangliste aller Grundschulen Manchesters den viertletzten Platz einnahm - sogar eine Schließung stand zur Debatte.

Nach einem Jahr sollte Mulcahy an seine alte Schule zurückkehren, doch er blieb in Benchill. "Hier zu arbeiten ist eine Herausforderung", sagt er heute. "Der Ruf der Schule war denkbar schlecht, aber ich habe gespürt, wie fantastisch das Potenzial ist." Mulcahy erfüllt eine Mission, beruflich und religiös - schließlich ist es eine katholische Schule. Gebetet wird mehrmals täglich: zur ersten Stunde, vor dem Mittagessen und zum Unterrichtsschluss. Dann wird der Allmächtige angerufen, die Gottesmutter und die Namenspatrone der Schule: "Heiliger John Fisher, heiliger Thomas More, betet für uns." Das scheint auch bitter nötig.

Die Welt um die Schule herum trägt einen Namen, der über die Stadtgrenzen von Manchester hinaus berüchtigt ist: Benchill. Statistisch gesehen ist diese Sozialsiedlung im Süden von Manchester unter allen 8414 städtischen Wohngebieten Englands das ärmste. In diesem Sozialquartier, das legen die Zahlen nahe, hausen die Armseligen, die Überflüssigen, die den Anschluss verloren haben.

In der Schule herrscht Frieden, draußen das Chaos Bis zur Aula der St. John-Fisher-Schule scheint die soziale Tristesse nicht vorzudringen. Durch die Fenster fällt Sonnenlicht, es hüllt den Raum in warmen Glanz. Die Jungen und Mädchen vom Schulchor haben ihre blauen Uniformen angezogen. Die Blusen sind frisch gewaschen und gebügelt, die Haare gescheitelt. Der Chor probt ein wunderschönes Stück von Bette Midler, "From a distance". Aus der Feme betrachtet, sieht die Welt friedlich aus, wie die Kinder zum Klavierspiel ihrer Musiklehrerin singen. Voll Harmonie und Hoffnung. Von weitem sieht sie aus, wie man sie sich wünscht, die Erde. "Unsere Schule ist ein Hort der Fröhlichkeit", hatte Rektor Mulcahy eben noch geschwärmt, "der Freundlichkeit, der Wärme." Ein Schritt nach draußen, und schon zerschellt die Illusion. Ein Zaun aus vier Meter hohen stacheldrahtbewehrten Eisengittern umringt die Schule. "Natürlich ist das Gitter furchtbar hässlich", sagt der Schulleiter, "am liebsten würde ich es abreißen lassen." Aber einstweilen kann er es nur mit Efeu und Clematis kaschieren. "Jeden Morgen frage ich als Erstes unseren Hausmeister, ob über Nacht etwas passiert ist, ob jemand versucht hat einzubrechen." Eisen, Stacheldraht und Überwachungskameras seien Signale an die Welt jenseits des Schulhofs, sagt Mulcahy: " Jeder soll wissen, dass wir es ernst meinen, dass wir uns nicht beirren und nicht vertreiben lassen - was immer auch geschehen mag in den Straßen und Gassen rings umher." Mitten in Englands ärmstem Stadtviertel ist die St. John-Fisher-Schule ein stiller Hafen, der Gegenentwurf zum Alltag vieler Familien in Benchill. Die Kinder finden hier manches, was bei ihnen daheim nicht unbedingt üblich ist: Geborgenheit, Orientierung, feste Regeln, ein warmes Mittagessen, Wertschätzung. Vor der ersten Stunde, wenn sich alle in der Aula versammeln, reichen die Schüler ihren Nachbarn die Hand und sagen sich gegenseitig: "Guten Morgen, du bist wunderbar." Mulcahy versucht dem System Benchill Werte entgegenzusetzen, man könnte auch sagen: Tugenden. Er öffnet die Tür seines Büros zum Schulflur. " Hören Sie mal. Das sind die durchgedrehten Kinder von Benchill." Stille. "Bei uns herrschen Ruhe und Disziplin. Die Kinder tragen Uniform, sie sind höflich, sie sagen bitte und danke." Ob Freiheit oder Disziplin -es geht immer um die Schüler Zwischen der St. John-Fisher- und der Prinz-Höfte-Schule liegen pädagogische Lichtjahre, falls es so etwas gibt. Hier herrschen Strenge und Disziplin, dort weht der Geist von Freiheit und Selbstverantwortung. Während die Bassumer Pädagogen ihre Schule als konsequente Alternative zum formierten Staatsschulbetrieb verstehen, treibt Rektor Mulcahy zum Wohl seiner Schüler genau dieses System auf die Spitze - mit noch mehr Drill, Regeln und Uniformität. Damit sie lernen, was Regeln sind und was passiert, wenn man sie verletzt. In den Klassenzimmern der St. John-Fisher-Schule sitzen die Kinder wie eine Eins; Hefte, Bücher und Stifte liegen akkurat auf ihrem Platz. In der Prinz-Höfte-Schule sieht es in den Klassenzimmern fast den ganzen Tag über aus, als ob Pause wäre. Womit sich die Schüler gerade beschäftigen, nun, man weiß es nicht so recht. Die Lehrer auf Prinz-Höfte verweisen auf den Erfolg ihres Konzepts, auf lernbereite, offene, respektvolle und glückliche Kinder. Der Leiter der St. John-Fisher-Schule reklamiert für seine Methode das Gleiche.

Während alle in der großen Pause auf dem Schulhof spielen, stehen drei Jungen reglos und kerzengerade vor ihrem Klassenraum auf dem Flur. "Matthew, bestes Benehmen, bitte!", ruft Mulcahy von weitem, " Hände aus den Taschen!" "Yes, Sir", schallt es zurück. "Mark, steh gerade! Und zeig mir dein Lächeln!" Die drei waren in eine Prügelei verwickelt, erklärt der Rektor. Zur Strafe und als Abschreckung für die Mitschüler müssen sie eine Woche jede Pause vor dem Klassenzimmer stehen. Unter Dominic Mulcahys Regie hat das Lerntempo enorm angezogen. Der Rektor fordert viel und immerzu, er macht es keinem leicht und bequem. "Wenn man die Dinge schleifen lässt, sinkt das Niveau", sagt er. "Unsere Kinder sollen sich nicht mit Mittelmaß zufrieden geben. Ich sage immer: Ganz egal, ob ihr Premierminister werden wollt oder Fußballstar, Arzt, Krankenschwester oder Schweißer, ihr könnt es schaffen. Es gibt keinen Grund, warum ein Kind aus Benchill nicht nach den Sternen greifen sollte." Freitagnachmittags, bevor alle nach Hause dürfen, werden in der Aula die besten Klassen und die fleißigsten Schüler ausgezeichnet. "Worker of the week" werden nicht immer die Schüler mit den besten Zensuren. Manchmal ruft Mulcahy auch ein Kind nach vom, das eine Zeit lang durchhing, etwa weil es Ärger gab daheim.

"Mrs. Hurley - wer aus Ihrer Klasse ist Worker of the week?" "Ich habe mich für Adam McCorlin entschieden." "Wir hatten ein paar Probleme mit Adam in letzter Zeit", sagt Mulcahy, "aber jetzt hat sich sein Verhalten gebessert, denke ich." "Auf jeden Fall", sekundiert die Lehrerin. "Ich würde sagen, es war die erste Woche, in der Adam richtig hart und konzentriert gearbeitet hat." "Das geht doch in die richtige Richtung. Komm nach vorne, mein Junge, prima gemacht. Weiter so!" Auch an der Prinz-Höfte-Schule ist Leistung wichtig, sie wird aber ganz anders überprüft und bewertet als an Dominic Mulcahys Anstalt. An die Stelle der Note tritt die Präsentation der Projektergebnisse vor der Klasse. " Die Mitschüler sind gnadenlos", sagt Kerstin Friedrich, die Vorsitzende des Schulvereins. "Die sitzen da und rufen: "Das ist aber langweilig, kannst du das nicht ein bisschen spannender erzählen?"" Das stählt. Einige der Absolventen, die nun auf das Gymnasium gehen, erzählten kürzlich belustigt, dass ihre neuen Mitschüler " voll den Stress kriegen, weil sie nun in Projektgruppen arbeiten und dann ihre Arbeitsergebnisse präsentieren müssen". Aber Prinz-Höfte-Schüler sind nette und hilfsbereite Menschen. Sie haben den überforderten Gymnasiasten gezeigt, wie es geht.

Die Prinz-Höfte-Schule ist der Gegenentwurf zu den staatlichen Fabrikationsstätten homogenisierter Bildungsprodukte, in denen es meist darum geht, dass im 45-Minuten-Takt alle zur gleichen Zeit gleich schnell das Gleiche lernen. Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass es wenig bringt, den Kindern das Wissen von heute einzubläuen - das schon in zehn oder fünfzehn Jahren kaum noch relevant ist. "Auf welches Berufsleben soll denn das vorbereiten?", fragt Kerstin Friedrich. Auch weiß man, dass Lernen sich in Schüben und Sprüngen vollzieht, mit Rückschritten und Leerlaufzeiten. "Die Arbeitswelt vollzieht sich auch längst nicht mehr im Gleichschritt des Fabriksystems." In der Schülerfirma lernt man: Die Welt ist voller Möglichkeiten Wobei die Prinz-Höfter durchaus pauken können, wenn es darauf ankommt, etwa im letzten Jahr vor dem Abschluss, wo die Lücken in Englisch und Mathe sichtbar werden. "Gerade weil sie neun Schuljahre nicht ständig büffeln mussten, können sie es im Ernstfall", meint Angela Bolland. " Sie haben das Handwerkszeug, und sie haben sich gegenseitig." Schülerfirmen sollen die Kinder an die reale Welt von Soll und Haben heranführen. "Ihr seid eine Firma, ihr könnt Geld machen!", spornt Angela Bolland den Geschäftsgeist der Kinder an. Im "Bassumer Bücherbunker" verkaufen die Schüler-Entrepreneure gebrauchte Bücher über das Internet, bei "Mosaiki" entwerfen sie Mosaike aus Keramikkacheln, die sie -selbstverständlich gegen Bezahlung - an Hauswänden anbringen. Durch Ausprobieren sollen die Schüler begreifen, dass die Welt jenseits des Schultores nicht bedrohlich ist, sondern voller Möglichkeiten, eine große Wundertüte, in der Platz ist für jeden von ihnen - als Krankenschwester, Koch, Greenpeace-Campaignerin oder Unternehmensberater. Prinz-Höfte lässt Zeit, jeder findet sein eigenes Lerntempo. Immer wieder ist die Rede von Kindern, die von anderen Schulen kamen und die hier ihre Angst vor dem Rechnen oder dem Schreiben verloren haben. Tatsächlich ist auch in der vierten Klasse noch eine sehr eigenwillige Orthografie gestattet. Zwar achten die Lehrer heute mehr als anfangs darauf, dass sich Rückstände beispielsweise in Mathematik und Rechtschreibung nicht verfestigen. Trotzdem werden Wissensdefizite gegenüber der Regelschule akzeptiert.

"Ob ein Mensch sein Leben erfolgreich meistert", proklamiert die Schule, "ist nur zu 15 Prozent von seinem Fachwissen, aber zu 85 Prozent von seiner Persönlichkeit abhängig." Das könnte vermutlich sogar Schulleiter Mulcahy von der St. John-Fisher-Schule unterschreiben. Allerdings würde er - milieubedingt - den Stellenwert von Höflichkeit, Fleiß und Pünktlichkeit bei der Ausprägung einer Persönlichkeit ganz anders gewichten als die Bassumer Freinet-Pädagogen.

Etliche Lehrer aus Bassum sind im Laufe der Jahre zurückgewechselt ins staatliche Schulsystem, zuletzt der langjährige Schulleiter - manche, weil sie dort mehr verdienen, die meisten, weil sie den Prinz-Höfte-Geist weitertragen wollen, wenn auch in geringerer Dosis. Sie sehen in dieser Schule, trotz ihrer armseligen Ausstattung und 800 000 Euro Schulden, eine Reformwerkstatt, an der das kranke Regelschulsystem gesunden könnte - entsprechende Veränderungsbereitschaft vorausgesetzt.

Vielleicht würden Kinder im sozialen Brennpunkt einer Großstadt, Kinder aus Familien, in denen Bildung kaum eine Rolle spielt, von einer solchen Schule ohne Druck und Drill noch mehr profitieren als die wohlbehüteten Kinder aus dem Prinz-Höfte-Land. Hauptschüler zum Beispiel, solange es diese anachronistische Schulform für die früh Abgestempelten, Gestrauchelten und Aussortierten noch gibt. Vielleicht könnte man diese Kinder, die den starren 45-Minuten-Unterrichtstakt maximal 15 Minuten durchhalten und dann abschalten, mit dem Konzept aus Bassum fürs Lernen begeistern und mit der Institution Schule versöhnen. Weil Lernen auf einmal etwas wäre, was sie und ihre Interessen ins Zentrum rückt. Wie sagt Angela Bolland, die Schulleiterin: " Hier ist alles echt, nichts ist pseudo." Die Problemschule ist eine Musterschule geworden Seit Rektor Mulcahy mit Liebe und Strenge über die St. John-Fisher-Schule regiert, hat seine Anstalt in der städtischen Grundschul-Rangliste mehr als 60 Plätze gut gemacht - sie gilt jetzt als vorbildlich. Die Kinder lernen Italienisch und Latein, der Schulchor sang für den Oberbürgermeister und im Old-Trafford-Stadion vor den Stars von Manchester United und 60 000 Fans. Ein oder zwei Jahre noch will Dominic Mulcahy das Feld bestellen, dann sollen andere ernten.

Die Schule schottet sich ein bisschen ab gegen dieses Benchill dort draußen. Aber genau dorther kommen die meisten Schüler. Jeden Morgen schleusen sie ein Stück Benchill mit in die Schule. Das lässt sich nicht vermeiden. Manche Schüler müssen zusehen, wie die Eltern sich Tag für Tag betrinken, andere werden zu Hause regelmäßig verdroschen, sind verhaltensauffällig und fangen irgendwann selbst an zu prügeln. In der Klasse 4b nehmen sechs Kinder Ritalin - ein dämpfendes Medikament, das gegen Hyperaktivität verschrieben wird. "Dieser junge Mann hier braucht ein wenig Hilfe" , sagt Mulcahy zu einem der Ritalin-Kinder. "Du bekommst Medizin, James, damit du besser kontrollieren kannst, was du tust und was du besser nicht tun solltest. Und wenn du die Tabletten mal vergisst, dann sehen wir gleich den Unterschied, nicht wahr, James?" -" Yes, Sir." Mulcahy gibt so schnell niemanden verloren. Wer über die Stränge schlägt, wird bestraft - aber jeder bekommt auch eine Chance für einen neuen Start. Wenn es sein muss, täglich. Er hofft, dass seine Kinder "diese Schule eines Tages als bessere Menschen verlassen" und dass sie etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anstellen, in Benchill oder anderswo. Und dass sie nicht bei Fertiggerichten und Dosenbier vor dem Fernseher versauern wie so viele aus der Generation ihrer Eltern.

In Bassum, weit weg von Benchill, müssten sie das Grausen kriegen angesichts von Mulcahys disziplingetränkter Pädagogik. Aber so ist es gar nicht. Es ist sogar eine leise Sympathie spürbar für den englischen Kollegen und seine sonderliche Mischung aus Strenge und Herzlichkeit. "Dieser Schulleiter zeigt den Kindern, dass es noch ein anderes System gibt als das, was sie in ihren Familien erleben", sagt Angela Bolland, die Chefpädagogin von Prinz-Höfte. "Das ist eine Arbeit, die auf keinen Fall vergeblich ist - auch wenn ich selbst so nicht arbeiten könnte." Einen Augenblick denkt sie nach. "Aber wo finden sich diese Kinder wieder, wenn sie nachmittags durch das Schultor gehen?", sagt sie dann. "Das ist die entscheidende Frage." Die Schule ändert die Schüler, aber leider nicht die Welt Man muss sie stellen, diese Frage. Sie ist vielleicht die schwierigste von allen: Nehmen die Schüler die Werte, die ihnen die Schule vermittelt, mit in ihren Alltag, nachdem nachmittags die Schulglocke geläutet hat? Kommt etwas von dem Regelwerk in Benchill an oder auch von der Wärme, der Offenheit, die einen förmlich anspringt, sobald man eine Klassentür öffnet?

Der Rektor zögert keinen Moment: "Die Antwort ist Nein, zumindest im Moment noch. Ich wünschte, es wäre anders, aber unsere Welt und die Welt dort draußen, das hat wenig miteinander zu tun." Nach Schulschluss tauchen die Kinder offenbar nahtlos in jene andere Realität ein, die Benchill heißt. "Wenn ihre Eltern sie abholen, machen unsere Schüler in wenigen Sekunden eine Metamorphose durch", sagt der Schulleiter. "Der Gesichtsausdruck wird hart, sie fluchen, sie prügeln sich, alle Manieren werden über Bord geworfen. Wahrscheinlich versuchen sie, so zu sein wie ihre Väter und Mütter. Ich kann es beobachten, jeden Tag. Es ist furchtbar, aber leider ist es die Wahrheit." "Denken Sie, dass es irgendwann anders sein wird?" "Sonst wäre ich schon lange nicht mehr hier."