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Ohne Zweifel

Das war schon immer so. Das weiß doch jeder. Das sieht man doch. Vorurteile hat jeder. Ihr Preis wird in der Wissensgesellschaft ins Unermessliche steigen.




I. Die Bauchentscheidung Das Gehirn ist Sitz des Bewusstseins und des Denkens, was uns durch den Kopf geht, ist Sache unserer obersten Etage. Dort trudeln unaufhörlich Sinneseindrücke ein, und die Birne muss sich entscheiden, jede Sekunde x-mal, was sie davon ernst nimmt und was nicht. Unzählige Eindrücke prasseln auf das Oberstübchen ein. Natürlich ist vieles davon Spam. Der Spam-Filter ist das zentrale Nervensystem, ein knallhartes Sekretariat, dessen Mitarbeiter alles abwimmeln sollen, womit man das Gehirn beim besten Willen nicht belästigen kann - tut mir leid, das geht momentan gar nicht, gern geschehen, auf Wiedersehen.

Das ist gut so. Denn es gibt viel Spam, der sich ins Gedächtnis drängeln will, und einiges, worüber man echt nicht nachzudenken braucht, weil es sich in den meisten Fällen quasi selbst regelt. Im Körper wären das zum Beispiel Kreislauf, Atmung und Verdauung. Der von Führungskräften, und genau das ist unser Gehirn, gelegentlich geäußerte Satz "Ich kann mich doch nicht um jeden Mist selbst kümmern" ist demnach physiologisch einwandfrei abgesichert. So weit die Theorie.

In der Praxis gerät allerdings so manches durcheinander, und vieles landet am falschen Platz. Oben und unten, zum Beispiel Denken und Stoffwechsel, können leicht verwechselt werden. Das sind die Momente, in denen der Geist, das Köpfchen, willig ein Problem aufnehmen müsste, doch das Fleisch, das schwache, kümmert sich lieber selbst darum. Dann wird nicht gedacht, es wird "gespürt". Das muss genügen. Woran bemerkt man so etwas? An Sätzen, die wir oft hören, besonders diesen hier: "Ich weiß nicht, aber mein Bauch sagt mir, dass da etwas nicht stimmt." Woher weiß der Bauch das eigentlich? Der Bauch denkt nicht, das ist nicht sein Job. Er ist Sitz der Verdauungsorgane, und was bei denen hinten rauskommt, sollte was anderes sein als das, was unser Kopf produziert. Doch in einer komplexen Welt, in der so vieles an Eindrücken auf uns niederprasselt, plappert der Bauch immer öfter vor sich hin. Immer drückt ihn was, immer muss was raus.

Nehmen wir einmal Meinungsumfragen. Da antworten Bürger, aus dem Bauch heraus, und diese Ergebnisse werden dann als Grundlage für Regierungs- und Parteiprogramme, Marketingpläne und alles andere herangezogen. Manche Umfrageergebnisse lesen sich wie die Ergebnisse eines Brainstormings aus der Klapsmühle, zum Beispiel jene, die eine Umfrage der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Jahr 2002 zum Thema Hassgruppen ergab. Da mag niemand den anderen leiden. Mehrheitlich werden Ausländer, vor allem Osteuropäer, aber auch Reiche, die ihren Wohlstand zeigen, abgelehnt, und zwar deshalb, wie das Bäuchlein zu Protokoll gibt, "weil sie sich nicht anpassen können". Das Nicht-anpassen-Können wird auch bei Arbeitslosen und Menschen ohne festen Wohnsitz zum wichtigsten Ablehnungsgrund. Der Bauch plappert vor sich hin. Da liegt was in der Luft.

II. Geizhälse des Denkens An der International University Bremen beschäftigt sich der Psychologie-Professor Jens Förster mit nichts anderem als dem großen Bauchgrummeln, dem Vorurteil. Er bittet zunächst darum, gegenüber dem Vorurteil kein Vorurteil zu haben. Denn das wäre ziemlich dumm. "Vorurteile helfen uns zunächst, die Realität einzuschätzen - sie sind nicht einfach gut oder böse. Wir können uns nicht alles immer durch den Kopf gehen lassen - dafür haben wir schlicht zu wenig Zeit und, das ist nun mal so, auch zu wenig Verstand." Deshalb seien Vorurteile durchaus nützlich; "Wenn Sie etwa glauben, dass italienische Nudeln in jedem Fall die besten sind, dann werden Sie nicht eine halbe Stunde vorm Pasta-Regal im Supermarkt stehen und grübeln, Zutaten vergleichen und was weiß ich noch überlegen. Sie kaufen die Nudeln einfach." Genauso, sagt Förster, funktioniere das auch bei Marken, deren eigentliche Kraft darin besteht, die Komplexität der Welt zu reduzieren. "Ein erfolgreicher, also eingängiger Werbeslogan liefert immer auch ein intensives Vorurteil", erklärt der Forscher. Wenn es um Nudeln geht oder beispielsweise um die Frage, welche Farbe Strom hat, mag das im Alltag nicht besonders wichtig sein. Nur gestandene Kulturpessimisten würden sich daran stoßen, dass die unzähligen Dinge, die uns als Marken, Produkte und Ideen begegnen, geistig nur halb einsortiert im Bauch statt im Kopf landen. Vorurteile machen das Leben eben leichter. Tatsächlich belegen neuere Untersuchungen, dass sich das Phänomen des Wegsortierens bei vielen auf immer mehr Sachverhalte und Dinge erstreckt. Mit anderen Worten: Weil alles immer komplexer wird, steigt auch die Anzahl der Vorurteile. "Menschen mit vielen Vorurteilen nennen wir kognitive Geizhälse - sie geizen mit Denken, sie sparen es sich. Was bei ihnen reinkommt, wird schnell als Vorurteil gespeichert und wegsortiert. Zweifel und Nachdenken kommen gar nicht vor", sagt Jens Förster. Für einen Teller Pasta kann man kaum verlangen, dass das Oberstübchen einen so komplexen Prozess wie das Denken anstößt, dessen Ziel ein Urteil ist, ein persönlich tragbares Endprodukt der geistigen Mühe. Wer sich nur die elementaren Bestandteile der Kognition, des Denkprozesses, vor Augen führt, der weiß, wie viel Arbeit dazu nötig ist: die Aufmerksamkeit etwa, die Wahrnehmung, die Erkenntnisfähigkeit und Schlussfolgerung, die Entscheidungsfindung und das Erinnern, das Merken und Lernen, das Abstraktionsvermögen, die Fähigkeit zur Rationalität und Kreativität. Kein Wunder, wenn der geistige Geizhals da auf seine Verdauung setzt.

Doch da wäre noch eine Kleinigkeit, sagt Förster, ein Dilemma nämlich: Einerseits sorgt eine komplexe Welt für immer mehr halb fertige Urteile, die mangels Nachdenken die Welt so scheinen lassen, wie sie möglicherweise nicht ist. "Auf der anderen Seite ist Wohlstand und Selbstbestimmung immer stärker an Denkarbeit, an Wissensarbeit gebunden. Damit verdient man heute und künftig seine Brötchen", sagt er. In so einer Welt interessiert das Naheliegende, also das, was man weiß, weil es jeder weiß, immer weniger: "Das Vorhandene ist in der Wissensgesellschaft völlig uninteressant. Es geht darum, sich etwas Neues einfallen zu lassen. Das Nachdenken über das Offensichtliche hinaus ist die Voraussetzung für Innovation", so Försters Resümee. Wo immer mehr Menschen immer mehr Halbgedachtes bloß verdauen, als darüber nachzudenken, kommt wenig Neues heraus. Das muss man sich leisten können.

III. Die Automatik des Vorurteils In guten, satten Jahren nähren sich Vorurteile besonders gut. Dann aber kommen die Veränderungen, der Kopf muss ran. Das ist nicht neu. Es wird nur leicht vergessen.

In Zeiten der Veränderung lebte vor vier Jahrhunderten der englische Philosoph und Politiker Francis Bacon. Jeder kennt dessen berühmtesten Satz: Wissen ist Macht. Das klingt heute sehr selbstverständlich und ziert praktisch jede Sonntagsrede. Doch so einfach war es nicht, auf diesen Satz zu kommen. Er ist das Ergebnis eines langen Kampfes gegen das Vorurteil. England befand sich an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in einem gewaltigen Umbruch. Königin Elisabeth I hatte es in einem einmaligen Kraftakt geschafft, das Land aus inneren und äußeren Konflikten in eine halbwegs stabile Lage zu bringen. Unter ihr und ihrem Nachfolger James I machte Francis Bacon eine steile Karriere, bis zum Lordkanzler, dem höchsten politischen Amt im Königreich. Das lag auch daran, dass Bacon dem aufstrebenden Land den Schlüssel für künftige Erfolge lieferte: Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Ihre "Natur" musste hinterfragt werden.

Was heute alltäglich klingt, das systematische Suchen von Antworten auf offene Fragen, war damals die Ausnahme. Die führenden Denker begegneten der Welt mit der Parole: Das ist so, weil es immer schon so war. Neu Entdecktes fügte man dem Vorhandenen hinzu. Wenn es sich nicht fügte, wurde es einfach so lange gedreht und gewendet, bis es irgendwie zu den Vorurteilen und Dogmen passte. Jedes Vorurteil erzeugte somit ein neues Vorurteil - ein fataler Automatismus. Bacon nannte diese Weltsicht des Vorurteils ein Trugbild, lateinisch Idola. Sie verdeckte die freie Sicht auf das Wesen, die "Natur" der Dinge. Und diese Trugbilder waren überall. Sie entsprangen, so führte Bacon aus, sowohl dem Unbewussten wie auch den Dogmen der Kirche und des Staates, dem Aberglauben und schlichter Eitelkeit. Gegen sie, befand Bacon, konnte nur eines helfen: der beständige Vergleich mit der Natur, also der Realität. Ganz besonders musste das für all jene Dinge gelten, die man als gesichert annahm. Hinter ihnen verbarg sich meistens ein besonders widerstandsfähiges Trugbild - das aber schon durch einen Gegenbeweis zum Kippen gebracht werden konnte. Mit diesem Realitäts-Check versetzte Bacon dem satten, selbstverliebten Bauch einen schweren Schlag.

Bacons Zeitgenosse, der französische Philosoph und Mathematiker Rene Descartes, fügte Bacons Vorurteilverhinderungs-Formel noch einen entscheidenden Rat hinzu: Zweifle an allem. Der Schock sitzt bis heute tief. Denn wer das falsch versteht, und das sind nicht wenige, der vermutet dahinter ein ewiges Bedenkenträgertum, das niemals seinen Standpunkt findet. Doch das ist falsch. Descartes hatte, wie Bacon auch, nichts weiter begriffen, als dass die Natur der Dinge eben nicht so bleibt, wie sie ist. Wer wissen will, muss sich bewegen, bereit sein, seinen Standpunkt zu ändern. Der Kopf kennt den Unterschied und weiß ihn zu nutzen. Nur im Bauch kommt alles zusammen.

Das neue Weltbild hatte nachweisbare Erfolge aufzuweisen, und das gilt bis heute. Das Zeitalter der Erfindungen ist ohne Bacons und Descartes' Grundzweifel nicht vorstellbar. Aber genauso verbissen wehrten und wehren sich die Vorurteile, die Trugbilder, gegen die Aufklärung. Zweifeln führt bei vielen zu unangenehmen Gefühlen. Sie glauben gem. Je mehr die Zweifler entdeckten, desto mehr Anhänger fanden sich auf der anderen Seite, die ihre Vorurteile als Denkmodelle ausgaben. Es war die Geburtsstunde der Ideologie, des Supervorurteils.

IV. Ideologen Es ist kein Zufall, dass der Begriff Ideologie in den späten Jahren der Französischen Revolution auftaucht und schlagartig in ganz Europa ungeheuer populär wird. Vernunft und Rationalität, Aufklärung und Zweifel am Bestehenden hatten der Revolution Pate gestanden. Exekutiert aber wurde sie mithilfe von Vorurteilen. Von der Vernunft waren nun viele enttäuscht. Immer schon hatte es Veränderungen gegeben, und immer schon waren sie von brutalen Brüchen begleitet. Doch war nun das, was zwischen 1789 und 1795 passierte, weniger brutal? So hatte man sich die Sache mit der Vernunft nicht vorgestellt.

Die Ideologie ist im Kern eine reine Sache des Bauches, aber sie tarnt sich geschickt. Im Zeitalter der Ideologien wurden mehr Kriege mit mehr Opfern geführt als je zuvor, haben sich stereotype Weisheiten gefestigt, die den dumpfen Aberglauben vorhergegangener Zeiten noch übertrumpfen. Das Vorurteil bildet den Kern, der niemals, unter keinen Umständen, bezweifelt werden darf. Darum bilden sich Schichten der Ideologie, die durchaus flexibel sind. Wenn erst mal "unumstößlich" feststeht, dass eine Sache gut oder falsch ist, erspart das nicht nur weitere Zweifel, sondern ermöglicht auch die Nutzung eines mehr oder weniger großen Spielraums, in dem die Ideologie sich den wechselnden Zeiten anpasst. Die Ideologie baut auf Falschem und Irrationalem, aber sie kommt infamerweise als rational und logisch, als ausgedachtes, perfektes und folgerichtiges System daher. Deshalb sind Ideologien so hartnäckig und langlebig.

Ideologien sind hochgradig anpassungsfähig. Anhänger dieser "Weltordnung" brauchen außer dem festen Glauben an einige wenige Grunddogmen, die keinesfalls hinterfragt werden dürfen, relativ wenig: Denn selbst als verblassende Minderheit befinden sich Ideologen selbstverständlich im Vollbesitz der Wahrheit, daran ist eben nicht zu zweifeln. Weil Zweifelnde und Nachdenkende in der Regel nicht die Mehrheit bilden, gewinnen Ideologien rasch Anhänger - ein Wort, das verräterisch aufrichtig ist: Wer sich an etwas anhängt, tut nichts aus eigener Kraft. Das gilt auch fürs Denken.

V. Die Blendung Dass sich alte Vorurteile nicht überwinden lassen, zeigt sich auch in der Art und Weise, wie sich alte Ideologien mit Wirtschaft, Markt und Freiheit auseinandersetzen. Was Karl Marx und Friedrich Engels über die Realitäten des frühen Industriekapitalismus sagten, war durchaus eine tiefgreifende, realistische Analyse der Realität. Und doch schufen sie eine der bis heute einflussreichsten Ideologien der Moderne.

Die beiden verwechselten, ganz nach Art des Vorurteils, schlicht Ursache und Wirkung. Der Kapitalismus, seither wenig hinterfragtes Hassobjekt nicht allein der politischen Linken, sondern auch der rechten Ideologen, muss zwangsläufig die Folgen haben, die Marx und Engels in ihren reportagehaften Erzählungen aus dem England des 19. Jahrhunderts beschrieben. Der Kapitalismus kann gar nicht anders sein als böse, schlecht und menschenverachtend.

Wo immer im Werk der Väter des Kommunismus Einwände am Bestehenden geäußert werden, wo immer sie den Finger in die Wunde legen, an ihrem großen Vorurteil lassen sie keinen Zweifel. Und genauso halten es bis heute Millionen, die sich - bewusst oder unbewusst - als Gegner des Kapitalismus verstehen und sich nie den Zweifel oder die Frage gestatten würden, ob denn all das so sein und bleiben muss. Sie schütten das Kind mit dem Bade aus, und ganz gleich, unter welchen modischen Vorzeichen - mal als Anti-Globalisierungs-Kritik, mal als fundamentalistische Sinnsuche - der Antikapitalismus seine Renaissance feiern mag, an diesem einen, aber elementaren Denkfehler baumeln endlose ideologische Trugschlüsse. Kein Fortschritt, kein Wohlstand, kein nachweislicher Erfolg des Kapitalismus und der Marktwirtschaft lässt bei solchen Menschen Zweifel an ihrem Weltbild aufkommen. Das Ding ist schlecht, von Haus aus. Wenn es mal anders erscheint, wenn der Markt unübersehbar Gutes schafft, dann ist das nur ein " Trick". Von wem eigentlich? Der Realität? Denn genau die spricht gegen ihre Annahme.

Wie gut für sie, dass Vorurteile Welten erschaffen können. Der amerikanische Soziologe Robert Merton - der Vater des gleichnamigen Wirtschaftsnobelpreisträgers von 1997 -nannte dieses Phänomen die "sich selbst erfüllende Prophezeiung" (Self-fulfilling Prophecy). Das ist eine Erwartung, für die es in der Realität keinen Anlass gibt, die aber so stark ist, dass sie das Verhalten so beeinflusst, dass durch den festen Glauben an sie die Dinge tatsächlich einen anderen Gang nehmen. Es gibt beispielsweise viele Menschen, die sich Horoskope erstellen lassen. Was in diesen Weissagungen steht, nehmen sie so ernst, dass sie ihr Verhalten danach ausrichten. Naturgemäß erfüllen sich einige der Prophezeiungen schon allein deshalb - durch aktive Mitwirkung.

Nun gibt es, wie Merton feststellte, nicht nur die sich selbst erfüllende Prophezeiung, sondern auch ihr Gegenstück, die Selfdestroying Prophecy. Sie baut darauf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Man glaubt einfach daran, dass etwas von Grund auf böse ist -und tut alles, um sich nicht selbst zu enttäuschen. Wobei wir wieder bei der Marktwirtschaft wären. Wer tief in seinem Inneren davon überzeugt ist, dass die Marktwirtschaft nur Elend über die Menschheit bringt, wird all seine Wahrnehmungen danach ausrichten. Durch den Filter kommt nur durch, was dem Bild entspricht. Die sich selbst erfüllende Prophezeiung liegt dann im Handeln: Weil "man weiß", dass der Kapitalismus übel ist, werden nur die Optionen ausgewählt, die die Entwicklung eines freien Marktes in Schach halten. Auflagen, Gesetze und Regeln werden in einer wahren Flut präventiv entwickelt und eingesetzt.

Ein klassischer Fall ist der über Jahre hindurch heftig diskutierte Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer. Wer über 50 ist, kann kaum noch gekündigt werden, weil Gesetze das verhindern. Die Folge ist, dass Unternehmen über 50-Jährige nicht mehr einstellen. Das wiederum bestätigt die Vorurteile jener, die als treibende Kräfte hinter solchen, sich selbst erfüllenden Prophezeiungs-Gesetzen stecken: dass Unternehmer unsozial handeln. Der Bauch ist damit zufrieden. Er hat es immer schon gewusst. Antikapitalismus gehört zu den großen Irrationalitäten unserer Zeit. Wer dem Vorurteil folgt, dass die Kräfte des Marktes in einem unausweichlichen, schicksalhaften Automatismus in den Untergang rühren müssen, überlässt seinem Bauch das Regiment und lebt in der Zeit vor der Aufklärung. Bediene dich deines eigenen Verstandes - diese Überschrift über dem Projekt der Aufklärung bedeutet eben auch: Nutze die Möglichkeiten. So hält die verbreitete Ideologie des Antikapitalismus viele davon ab, sich mit dem Markt auseinanderzusetzen und ihn zum Besseren zu gestalten. Dabei ließe sich daraus viel Nutzen ziehen und die Freiheit des Einzelnen erhöhen, denn der Preis des Vorurteils ist hoch.

Gewiss: Ob man das merkt, hängt, wie bei jedem Vorurteil, auch davon ab, was die anderen so machen. Davon hängt im Übrigen auch der Preis ab, den man für seine Vorurteile zahlt. Solange sich die Welt in ideologische Lager teilte, bis 1989 in der Zeit des Kalten Krieges etwa, dachte die Mehrheit mit dem Bauch. Doch die Globalisierung und die mit ihr zutage tretende Vielfalt macht der satten Gemütlichkeit einen Strich durch die Rechnung. Die Marktwirtschaft sorgt in Asien für einen Wohlstands-Boom ohne historisches Beispiel, und die, die daran teilhaben, haben ideologische Vorurteile längst über Bord geworfen. Immer mehr Menschen nähern sich dem Neuen kritisch, zweifelnd, aber eben nicht ablehnend. Also ganz so, wie es sein soll. Zweifeln heißt denken, und denken heißt prüfen. Das klärt, seit Bacon und Descartes sollte das eigentlich bekannt sein, die Sicht auf die Realität.

Doch die Vorurteile und die aus ihnen gebackenen Ideologien wehren sich hartnäckig gegen Erkenntnisse. Vorurteil und Ideologie ähneln dabei einem Virus, das sich wechselnden Bedingungen perfekt anpasst, um sein zerstörerisches Werk fortsetzen zu können. Deshalb nennen Menschen, die der Aufklärung verbunden sind, andere Menschen, die wissen, was immer schon richtig war und bleibt, also Ideologen, umgangssprachlich auch so: Verblendete.

Das wiederum sagt man nicht nur so. Es ist auch so. Denn das Vorurteil sieht schlecht. Das fiel bereits zu Beginn der 1920er Jahre dem Vater der Vorurteilsforschung, dem amerikanischen Psychologen Edward Thorndike, auf. Nehmen wir zum Beispiel Medikamente, also Stoffe, die zur Heilung oder Linderung von Krankheiten geschaffen sind. Praktisch jedes Arzneimittel hat Nebenwirkungen, und es kommt nun darauf an, ob sich bei einem Menschen dieser Aspekt als Vorurteil gegenüber allen Arzneien festgesetzt hat. Praktizierende Arzte kennen dieses Phänomen gut. Es gibt viele Patienten, die die im Beipackzettel angeführten Nebenwirkungen eines Medikamentes, das ihnen verschrieben wurde, im Schlaf aufsagen können. Von der - meist ebenfalls ausführlich dargelegten - Wirkungsweise der Pillen hingegen wollen sie nichts wissen. Es interessiert sie einfach nicht. Weit wichtiger ist ihnen, was sie erleiden könnten. Oder wie wär's mit Blondinen und Dicken? Blondinen, so sagt man, seien etwas geistesschwächer als der Durchschnitt, und Dicke, das weiß man doch, sind gemütlich, aber träge - also relativ unproduktiv. Weder die Blonden noch die Breiten lassen sich, falls man das Vorurteil mit der Wirklichkeit konfrontiert, in irgendeiner Weise in eines dieser Klischees pressen. Eine Eigenschaft überstrahlt alle anderen.

Thorndike nannte dieses Phänomen - eine Eigenschaft überstrahlt alle anderen - den Hab-Effekt, nach dem griechischen Halo, Lichthof. Der Halo-Effekt ist heute allgegenwärtig. Statt ein neues Verfahren, eine Idee, fremde Kulturen oder Menschen nach ihren je unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten zu unterscheiden, genügt uns ein Detail, das hell und grell strahlt. Im Populismus, der Leitkultur der Moderne, waren diese Lichthöfe immer schon ein magischer Anziehungspunkt. Die Sprache ist dabei eine ehrliche Haut. Sie verweist auf diesen Blendeffekt so gut es geht: Stars sind Menschen, deren Eigenschaften und Charakter in einem winzigen, grellen Licht konzentriert werden. Blitzende, grelle Lichtpunkte - auf gut Englisch: Spots - machen den Großteil dessen aus, was wir heute wahrnehmen, und weil all das nicht langt, nicht genug ausgedacht und reif ist, verlangt es nach immer mehr der weitgehend bedeutungslosen Blendungen. Doch zu viel helles Licht macht blind, was in diesem Fall eins ist mit: blöd.

VI. Arm und reich Alles, auch die Dummheit, lässt sich bekanntlich leichter ertragen, wenn man nicht ganz allein ist auf der Welt. Der Bauch reibt sich gern an Bäuchen. Ideologen bestärken sich gern gegenseitig. Sie fühlen sich stets bedroht, von einer feindlichen Welt aus Heimtücke und List, den anderen, den Fremden, dem Neuen. Das führt dazu, dass sich ideologische Gemeinschaften gleich welcher Art ungleich aggressiver mit Fremden auseinandersetzen als jede andere bekannte Gemeinschaft. Nationalismus und Spießigkeit fühlen sich in dieser Welt pudelwohl. Gemütlichkeit und Ausgrenzung passen toll zueinander.

Gesehen wird das freilich anders. In der deutschen Kultur etwa ist ein Vorurteil-Atom, aus dem die antikapitalistische Ideologie gestrickt ist, tief verankert: die Redensart "arm, aber ehrlich". Damit ist praktischerweise auch gleich gesagt, dass all jene, die nicht arm sind, naturgemäß unehrlich sind. Die Binse, dass hinter jedem großen Vermögen ein großes Verbrechen steckt, wird gern geglaubt, und zwar umso lieber, je weniger man hat. "Das Vorurteil "arm, aber ehrlich" ist in Deutschland so verankert wie Grimms Märchen", sagt Vorurteilsforscher Förster. Wäre dieses Vorurteil keines, müsste sich das irgendwo widerspiegeln, beispielsweise in Kriminalitätsstatistiken. Da müssten die Reichen überproportional oft vertreten sein, die Armen hingegen praktisch nicht. So ist es aber nicht.

Was, ruft der Bauch, das soll ein Beweis sein? Wo doch jeder weiß, dass die Reichen sich das Recht biegen, wo es nur geht? Solche gesamtkulturellen Verblendungen gehören zum festen Repertoire der Republik, genauso wie die - 16 Jahre nach der Wiedervereinigung -fest verankerten Vorurteile, die Ossis und Wessis gegeneinander hegen. Die Übersicht liefert wieder Jens Förster: "Ostdeutsche halten sich für die Emotionaleren, Wessis für die Rationaleren." Fundis und Realos also, ein bekannter Gegensatz.

Professor Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, hat die gegenseitigen Ressentiments zwischen Ost- und Westdeutschen, die mehr als anderthalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung stärker denn je sind, zusammengefasst: "Im Westen ist die Vorstellung verbreitet, die Bevölkerung der ehemaligen DDR kranke an selbst verschuldeter Leistungsschwäche und mangelndem Leistungswillen, fehlender Initiative, Untertanenmentalität und Undankbarkeit gegenüber westlicher Aufbauhilfe. Im Osten sind viele überzeugt davon, dass die Bewohner des Westens materiellen Wohlstand höher zu schätzen wüssten als menschliche Wärme, dass Ellbogenkraft wichtiger genommen werde als Solidarität, dass der Vereinigung ein " Okkupationsregime" gefolgt sei, bei dem die arroganten Westler den Ostler ausgeplündert und regiert hätten." Der Höhepunkt der Umfragen, die Benz in der Schlacht der Vorurteile zwischen Ost und West zitiert, ist aber eindeutig die von Westlern mehrheitlich vertretene Auffassung zu ihren deutschen Brüdern im Osten: "Die sind nicht so fleißig wie wir Deutschen." All das ist skurril, aber weitverbreitet, und es stellt sich die Frage, was passiert, wenn diese Vorurteile nicht nur in Meinungsumfragen auftauchen und Stereotype verstärken, sondern einem Realitäts-Check unterzogen werden. Genau das war die Absicht der Journalisten und Autoren Angela Elis und Michael Jürgs, die Anfang 2005 ihr Buch " Typisch Ossis - typisch Wessis" veröffentlichten. Sie fragten: "Stimmt denn das, was Ossis über Wessis sagen und umgekehrt? Gibt es dafür Belege, die über den persönlichen Eindruck hinausgehen? Wir haben im Grunde nichts anderes gemacht, als das, was am Stammtisch gesagt wird, einer Überprüfung unterzogen: Gibt es Studien, Umfragen, eindeutige Verhaltensweisen, die zeigen, dass es eben nicht nur Vorurteile sind, die Ossis und Wessis trennen?", erzählt Michael Jürgs. Die Autoren hofften, durch Ironie und Konfrontation den Verblendeten ihre Vorurteile so zu präsentieren, dass die "darüber lachen könnten. Ironie und Selbstironie ist ein wichtiges Mittel gegen die unerwünschten Folgen von Vorurteilen". Es kam anders. Man beschimpfte Elis und Jürgs als Brunnenvergifter. Wer schaut schon gern in den Spiegel? Was sieht man da: Der Bauch ist groß und mächtig.

VII. Das Kollektiv Können wir uns solche Vorurteile eigentlich leisten? In Zeiten der Wissensgesellschaft nein, sagen nicht nur die Vorurteilsforscher. Wer sich der Realität beharrlich verweigert, auf Ideologie und alte Vorurteile setzt, statt sie im Hier und Jetzt - und immer wieder - zu prüfen, verliert. Nichts ist noch sicher. Bacon, wir erinnern uns, empfahl dringend, die Wirklichkeit dort zu suchen, wo man sie am wenigsten vermutet. Denn dort, wo niemand glaubt, dass Vorurteile und alte verzopfte Ideologien herrschen, führt der Bauch am ungestörtesten sein Regiment.

Wer würde zum Beispiel meinen, dass das Internet irgendwas mit Vorurteilen zu tun haben könnte? Die Zeiten, in denen verbiesterte Technologieverweigerer das weltweite Netzwerk als Teufelswerk brandmarkten, sind praktisch vorbei. Nur gelegentlich verwechseln manche Ursache und Wirkung, etwa dann, wenn von einer totalen Überwachung des Webs die Rede ist, die vermeintlich unser aller Sicherheit gegen Terror und Intoleranz gewährleisten soll. Das Internet, so haben wir gelernt, ist gegen Intoleranz und das alte Bauchgefühl weitgehend resistent. So viele tun so vieles vor den Augen aller Welt, dass Fehler und Irrtümer, Vorurteile und Ideologien nicht unwidersprochen bleiben.

Zig Millionen Online-Medien, Infoseiten und Blogs mündiger Bürger sorgen heute weltweit dafür, dass eine Vielfalt an Meinungen und Kritik wie nie zuvor publiziert wird. Das heißt immer auch: eine Menge Zweifel und eine gute Portion Nachdenken, was wiederum optimal gegen Vorurteile wirken kann. Das Web 2.0, in dem die Produzenten dieser Nachrichten gleichsam auch die Verbraucher sind, die Konsumenten anderer Informationen, die von ihresgleichen hergestellt werden, mag so wie die Einlösung eines alten Traums aller Aufgeklärten erscheinen: Kritik ist immer und überall, niemand kann sich dem entziehen. Selbst wo Minderheiten durch Mehrheiten überbrüllt werden, muss der Einzelne nicht mitmachen. Etiam si omnes - ego non, auch wenn alle es tun, ich nicht, das Prinzip der Anständigen und Widerständigen, es wird möglich. Bacon und Descartes winken uns aber nochmals zu. "Bleibt auf der Hut, zweifelt!", würden sie sagen, vor allem dort, wo es scheinbar keine Zweifel gibt. Natürlich hilft die Vielfalt der Meinungen, starre Vorurteile und Ideologien aufzubrechen. Wenn nicht auch ein Geist beschworen würde, der dem entgegensteht.

Einer der am meisten gelesenen und prominentesten Vertreter des neuen Webs ist der amerikanische Autor Kevin Kelly. Vor vielen Jahren gründete er ein Magazin namens "Wired", das sich tapfer gegen die Vorurteile schlug, die dem neuen Medium Internet entgegengebracht werden. Doch Kelly, der Gute, an dem niemand zweifeln konnte, hat sich längst der Ideologie verschrieben. Künftige Generationen, behauptet er, werden das, was heute passiert, mal als Anfang eines Prozesses begreifen, in dem die Menschen ihre Gehirne "in einer weltumspannenden Einheit - einer einzigen Sache - verbinden". Daraus entstünde laut Kelly eine ungeheuer große, ungeheuer global "fühlende und denkende Einheit", die zu einem "Neuanfang für die Menschheit führen würde". Einst, meint Kelly, riefe man angesichts all dieser Wunder, die sich hier und heute ereignen würden: "Es wurde Licht." Licht. Schon wieder.

Dabei geht's hier um Finsternis. Kelly beschwört das Kollektiv, die Gemeinschaft der Bäuche, die Anhänger, die Mitmacher, die Mitzieher, all jene also, die Vorurteile und Ideologien brauchen, um sich stärker, besser, sicherer zu fühlen. Kritik, eine der wichtigsten Waffen gegen das Vorurteil, übt jeder selbst. Niemand kann uns das Denken abnehmen. Die Vorstellung von der kollektiven fühlenden und denkenden Einheit ist nicht neu - sondern die Fortsetzung der schlimmsten Abgründe der Menschheit, ein Rückfall in die Ideologie.

Der amerikanische Computerwissenschaftler Jaron Lanier hat Kellys neue Ordnung als das entlarvt, was sie ist, ein altes Vorurteil in neuem Gewand, eine Scheinsicherheit, die in einer Welt im raschen Wandel für Ordnung sorgt - statt Freiheit: "Wenn es ein unfehlbares Grundprinzip gibt, müssen die Einzelnen keine Risiken eingehen und keine Verantwortung übernehmen. Das passt zu den enormen Unsicherheiten und der geradezu pathologischen Angst vor Verantwortung in unserer Zeit." Verantwortung? Damit trifft Lanier den Bauch an seiner empfindlichsten Stelle. Das ist nichts fürs Große und Ganze, nichts für Bäuche, die sich aneinander reiben wollen, um die Welt so zu lassen, wie sie sie gern hätten. Das Vorurteil ist unsere persönliche Sache, unsere Last, und nur wir selbst bekommen sie wieder aus der Welt geschafft. Denken müssen wir selbst, und zwar - auch wenn das keine gute Nachricht ist - immer wieder neu, und wo wir es unterlassen, werden wir gedacht, von alten und neuen Ideologen, die nur darauf warten, ein bisschen Ordnung reinzubringen ins Chaos des Zweifels, der Leben heißt. Vorurteile dazu gibt es genug.

Wie verliert man sie? Durch Bewegung. Das macht Bäuche kleiner. Und das, versprochen, weiß man nun wirklich.