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Jenseits von Cool

Warum etwas tun, wenn es keinen Grund gibt, etwas zu tun?




Menschen wollen überleben. Und wenn das geklärt ist, wollen sie cool sein. Wie man sein gesellschaftliches Ansehen vergrößern kann, unterscheidet sich von Ort zu Ort. In ärmeren Ländern können schlichte Errungenschaften Statussymbole sein: ein Fernseher, elektrisches Licht, fließend warm Wasser. In Deutschland muss dagegen ein fettes Familienauto neben dem Einfamilienhaus stehen, und wenn dann noch die Ehefrau auf dem Stadtfest zur Schnäppchenkönigin gewählt wird, ist der persönliche Status kaum zu toppen. Außer man schafft es, nicht zu arbeiten.

Das suggeriert zumindest die Werbung, die bekanntlich die Träume der Menschen spiegelt: Auffällig viele Spots erzählen von der Sehnsucht nach bewegungsloser Ruhe, Stille, Leere. Früher dachte man bei diesen Worten an Altersheime, heute denkt man an junge Menschen, die entspannt herumlümmeln dank Autos, Kosmetik, Bausparverträgen, Produkten des gehobenen Bedarfs. Als wäre es das Schönste, die Welt verwandele sich in eine Lounge, in der niemand mehr etwas tut. Außer zu loungen.

In Sibylle Bergs neuem Buch "Habe ich dir eigentlich schon erzählt" fliehen zwei Kinder aus dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR. Sie haben das allgegenwärtige Grau satt und die Kälte, aber auch ihr eigenes Leben mit tragischen Eltern, die nicht wissen zu leben. Sie fahren per Anhalter durch den Ostblock, nach Süden, wo es in den Westen geht, erleben dabei lustige, traurige, rührende und aufregende Abenteuer, lernen neue, zarte Gefühle kennen und werden ein wenig erwachsener. Am Schluss ahnt man, dass die Kinder viel für ihr gesamtes Leben gelernt haben. Einmal sagt eine der Hauptfiguren, eigentlich sollte jeder mal abhauen, das wäre für alle gut. Und damit hat er wohl recht. Nur: Was ist, wenn es keinen Grund mehr gibt abzuhauen?

Es heißt, die Menschen haben mehr und mehr Angst. Ich verstehe das, und zwar nicht nur, weil ich sehe, wie in den Medien die Panik geschürt wird, um die Einschaltquoten und Auflagenzahlen vor dem Absturz zu bewahren. Nein, ich verstehe es auch, weil ich früher selbst vor fast allem Angst hatte - bis ich anfing, exakt das zu tun, wovor ich mich fürchtete. Inzwischen habe ich so wenig Angst, dass es beunruhigend ist, und ich weiß: Angst ist eine Folge von Erfahrungsmangel.

Allerdings müssen Erfahrungen immer wieder neu gemacht werden. Ich kenne Leute, die früher, als sie kaum Geld hatten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren sind, aber heute, nach Jahren im Auto, behaupten, öffentliche Verkehrsmittel seien zu gefährlich, um sie zu benutzen - sie haben vergessen, wie es früher war. Das ist nur ein Beispiel von vielen: Menschen gewöhnen sich an Bequemlichkeiten, an kleine Lügen und winzige Umwege. Nach einiger Zeit haben sie die Wahrheit verloren, sich verlaufen und die Bequemlichkeit hat sich in eine Lebensnotwendigkeit verwandelt. Wenn man nicht aufpasst, kann man es verlernen zu leben.

Manchmal denke ich über Gier nach, über zinsgeile Shareholder und renditefixierte Manager. Die Gier ist mir fremd: Warum wollen die Leute mehr, als sie brauchen? Ich habe einige Gründe gehört: Das Problem sei die Abstraktion, die Leute könnten Zahlen nicht mit Menschen und Dingen verbinden, wie die Nazis, die KZ-Opfer als Kennzahlen verwalteten. Oder: Es habe mit den Achtzigern zu tun, da sei die erste Generation ohne materielle Not aufgewachsen und habe im totalen Wohlstand kein Mitgefühl entwickelt. Oder es liege an den destruktiven Patriarchen, die früher links waren und heute beleidigt sind, weil das niemand gewürdigt hat, sodass sie den aberwitzigsten, reaktionärsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Extremismus predigen.

Wahrscheinlich stimmt das alles, aber eine Theorie über Manager überzeugt mich am meisten: Jede neue Aufgabe stellt anfangs erhebliche Ansprüche, sie ist schwierig und gefährlich, sodass der Manager enorm unter Druck steht, bis, tja, bis sich der Erfolg einstellt, der Druck nachlässt und das körpereigene Belohnungssystem die Produktion der inneren Drogen, der Endorphine und des Adrenalins zurückfährt. Darauf reagiert der Betroffene wie jeder Drogenabhängige, er will neuen Stoff und setzt sich deshalb neu Ziele: Die erste Million war nur der Anfang, eine Firma langt nicht, lasst uns fusionieren und so weiter. Und stets mit dem Unterton: Wenn wir das nicht tun, gehen wir unter.

Das ist das Echo der Evolution: Jedes Lebewesen braucht einen Antrieb, um sich zu bewegen, und neben dem Hunger und der Fortpflanzung bewegte uns bisher eigentlich nur die Gefahr. Der Manager folgt also einem alten Muster - das leider nicht mehr aktuell ist. Wir müssen nicht mehr kämpfen, wir können zusammenarbeiten, der Kuchen ist für alle groß genug. Nur: Bringt uns das in Bewegung?

Im Moment scheint es nicht so. Wir wollen Bewegungslosigkeit. Und vielleicht noch sparen, für schlechte Zeiten. Man könnte meinen, diejenigen hätten Recht, die gern behaupten: Wir brauchen mal wieder einen Krieg, um voranzukommen. Nur würde das bedeuten, dass das Projekt Mensch gescheitert ist, ein Irrweg der Evolution, der in einer Sackgasse endet. Andererseits sehe ich unzählige Menschen, die ohne Not, aus eigenem Antrieb für Ziele arbeiten, die weit jenseits ihres persönlichen Wohlbefindens liegen. Künstler natürlich, aber auch auffällig viele Menschen mit relativ viel Geld, die nie Zeit haben, weil sie sich überall engagieren, immer unterwegs, immer aktiv. Und vielleicht ist das der nächste Schritt der Evolution: die Not zu beenden, einige Zeit das Loungen genießen. Und dann mal schauen, was Menschen wollen, wenn sie überleben können und alle cool sind. Sibylle Berg: Habe ich dir eigentlich schon erzählt ... Ein Märchen für alle. Kiepenheuer & Witsch, 2006; 160 Seiten; 7,95 Euro