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Immer dümmer!

Wird das Fernsehen schlechter? Wird der Fernsehzuschauer anspruchsvoller? Oder schimpfen wir nur einfach gern darüber? Eine Suchanfrage.




Fernsehen ist strunzdumm. Das kann man jeden Tag um 19:45 Uhr auf Sat1 sehen. Dann ermitteln die Kommissare von "K 11", einer inszenierten Krimi-Soap, in der sich beurlaubte Polizeibeamte als Laiendarsteller versuchen. "Die echten Kommissare werden im Kampf gegen das Verbrechen täglich mit heiklen Aufgaben konfrontiert", heizt der Pressetext die Spannung an. "Vernehmungen, Tatortbesichtigungen, Lauschangriffe, Obduktionen, Observierungen und Festnahmen gehören zum Kripo-Alltag, den dieses Format täglich dokumentiert." Kripo-Alltag? Dokumentiert? Die wichtigste Regel für die Drehbuchautoren scheint zu sein: bloß keine Überraschungen. In K 11 bekommt der Zuschauer, was er schon weiß: Türkische Drogen-Dealer verhalten sich wie türkische Drogen-Dealer, albanische Zuhälter wie albanische Zuhälter und deutsche Triebtäter wie deutsche Triebtäter - Realität, wie Kleinfritzchen sie sich vorstellt. Die Kommissare sind sympathische Kumpeltypen, die auf knallhart schalten, sobald Recht, Ordnung oder beides in Gefahr sind. Nach Auflösung der supersimplen Plots siegt das Gute in Form von harten, aber gerechten Urteilen. Die werden nach einem langen Werbeblock zum Ende der Sendung zu dramatischer Musik eingeblendet.

K 11 läuft nicht ohne Grund zur besten Sendezeit. Die Kommissare gehören werktags zu den Sat1-Quotenbringern. Täglich schalten mehr als drei Millionen K 11-Fans zu, an guten Tagen gut 3,5 Millionen.

"Es gibt klar den Trend, dass Zuschauer im Fernsehen gar keine Überraschungen mehr erleben wollen", beobachtet der Medienkritiker Stefan Niggemeier. " Viele Zuschauer, die Fernsehen als reines Unterhaltungsmedium nutzen, wollen nicht provoziert oder herausgefordert werden, sondern ihre fest gefügten Vorstellungen von der Realität bestätigt finden." TV-Formate mit scheinbar dokumentarischem Charakter sind dafür ideal: Frauentausch von einer verklemmten Westspießerfamilie mit Ostberliner Plattenbau-Asos. Oder: Schnuller-Alarm! Und auch in der Wiederholung immer wieder gern gesehen; Endstation Rosenkrieg - Wenn aus Liebe Hass wird.

Die Macher bieten Klischees im Vorratspack. Der Zuschauer greift dankbar zu, ohne weiter darüber nachdenken zu müssen. Nicht mal hinschauen muss er noch. Viele Sendungen dieser Machart laufen nebenbei, konsumiert wie Dudelfunk. "Doku-Soaps sind die Fortsetzung des Klatsches mit medialen Mitteln", sagt Fernsehautor Jochen Gerken. Der TV-Journalist hat für Big Brother Einspieler produziert, für die "K1 Reportage" und für die WDR-Sendung "Der große Gesundheits-Check" gearbeitet. Er hat zudem zwei interessante Bücher geschrieben: "Idioten im Fernsehen" und "Noch mehr Idioten im Fernsehen". Beide sind Abrechnungen mit den Pflaumes, Nebels und Küblböcks dieser Fernsehwelt. Und mit der "Tagesschau", die meldete, dass Daniel Küblböck mit einem Gurkenlaster kollidierte.

Aus Sicht von Gerken entstehen Doku-Soaps ungefähr so: Normalerweise haben die Formate 48 Minuten Sendezeit netto. In den ersten beiden Minuten müssen Hauptcharaktere vorgestellt und das Problem umrissen sein. Ziel ist es, den Einstieg so stark emotional aufzuladen, dass der Zuschauer über mehrere Werbeblöcke hinweg nicht umschaltet. "Fallhöhe aufbauen" nennen das die Produzenten. Doch zwei Minuten sind wenig Zeit, um Menschen vorzustellen.

Besonders problematisch ist für Gerken die Vereinfachung von Figuren und Handlung in den Coaching-Formaten, in denen es meist um reale Personen und reale Probleme geht. Sein Paradebeispiel ist die "Super Nanny" von RTL. Der Autor hat zwei Minuten Zeit zu zeigen: psychotische Kinder, psychotische Eltern, alles im Argen. Wenn er es gut macht, sagt der Zuschauer: "Mann, ist das asozial, das muss ich sehen." Dann kommt Katia Saalfrank, um mit den Mitteln der Familientherapie eine Lösung zu finden. In den restlichen 46 Minuten geht es allerdings vor allem darum, "Kinder und Eltern in ihrer Ohnmacht vorzuführen und gleichzeitig Katia Saalfrank als Expertin zu profilieren", sagt Gerken. Am Ende steht "Verklärung, weil eine Lösung inszeniert wird, die es in der Realität nicht geben kann".

Fernsehen wird immer dümmer! Wirklich?

Nebenbei hat der Zuschauer die Chance, seinen Tagesbedarf an Voyeurismus zu decken und sein Ego ein wenig zu pampern. "Downward comparison" nennen Medienpsychologen einen Effekt, dem sie einen Großteil des Erfolges von Reality-TV zuschreiben. Wer Big Brother in Standardbesetzung schaut, merkt schneller, als er zappen kann: Hey, so schlecht bin ich selbst gar nicht. Und weil der Keller-Vergleich im Nachmittagsprogramm besonders gut funktioniert, müsste ein sozial kompetenter Außerirdischer, der sich zwischen 14 und 20 Uhr durch das Programm zappt, wohl zu dem Schluss kommen: Deutschland besteht aus einer einzigen grenzdebilen Unterschicht.

Fernsehen ist also nicht nur strunzdumm: Es wird auch immer dümmer. "Halt!", ruft der Medienwissenschaftler und Leiter des Hamburger Hans-Bredow-Instituts Uwe Hasebrink. "Der Vorwurf, das Fernsehprogramm werde immer flacher, ist so alt wie das Fernsehen selbst." Viele Kritiker machten es sich ein wenig zu einfach, und das in doppelter Hinsicht.

Erstens: Ob eine Sendung Qualität hat oder nicht, lässt sich nicht direkt messen - zum Beispiel nach bildungsbürgerlichen Maßstäben. Qualität erweise sich durch die Reaktion des Zuschauers. Ein Beispiel: Die Aufgabe für eine Nachrichtenredaktion lautet, bei Jugendlichen Interesse für Politik zu wecken. "Nach diesem Kriterium ist die Tagesschau schlecht. Den RTL-II-News gelingt es mitunter eher, Jugendliche an politische Themen heranzuführen", sagt Hasebrink.

Zweitens: Zu den Verflachungstendenzen gibt es klare Gegentrends. Nie war das Angebot an Informationssendungen größer. In den Sechzigern gab es keine Nachrichtenkanäle, die rund um die Uhr aus aller Welt berichteten. Es gab keine Arte-Themenabende, keine 3Sat-Kulturzeit, keine Phönix-Berichte aus dem Rundestag, keine Doku-Auswahl wie auf Bayern Alpha und keinen ZDF-Theaterkanal.

Zwar erreichen diese Sender zusammen nicht einmal zwei Prozent Einschaltquote, was die Kritiker der subventionierten Bildungskanäle gern mit der Formulierung kommentieren: "Es wäre billiger, Video-Kassetten an die paar Zuschauer zu verschicken." Uwe Hasebrink aber lässt das Quotenargument nicht gelten: "Die Quote ist kein Urteil darüber, was Menschen sehen wollen. Auch Feinschmecker essen meist Nudeln mit Soße. Und dennoch wollen sie immer wieder besondere Geschmackserlebnisse haben." Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Steven Johnson geht noch einen Schritt weiter. In seinem Buch "Everything Bad Is Good for You" argumentiert er: Die erfolgreichen Unterhaltungsformate im Fernsehen werden immer intelligenter. Johnson vergleicht die klischeebeladenen Geschichten aus Denver und Dallas mit ihren simplen Charakteren und Plots mit den aktuellen Folgen der "Sopranos": In der Mafia-Serie werden pro Episode oft fünf Geschichten parallel erzählt, und der Zuschauer muss Dutzende Figuren im Auge behalten, um folgen zu können. Der Comedy-Hit "Seinfeld" legt Klischees und Vorurteile in Serie vor, um sie im Dienste des Humors sofort wieder zu brechen. Der Dauer-Quotenbringer " Simpsons" baut seine Gags auf subtile Andeutungen aus Politik, Geschichte oder Pop-Kultur auf. Den Drehbuchautoren der Comicreihe gelingt sogar, verschiedene Humor-Ebenen für verschiedene Altersgruppen einzubauen.

Einen wichtigen Grund für den Trend zum Qualitätsfernsehen sieht Johnson im lukrativen Markt der Zweit Verwertung. Wer von seinen Formaten DVDs und Wiederholungsrechte verkaufen und hohe Preise für Auslandslizenzen erzielen will, muss Sendungen produzieren, die Zuschauer auch mehrmals sehen, weil sie - wie bei Filmklassikern - immer wieder etwas Neues und Überraschendes entdecken. Zu Denver-Clan-Zeiten gab es noch keine DVD-Sammelboxen.

Perlen finden sich auch immer wieder zu guter Sendezeit im deutschen Fernsehen. Dominik Graf zeichnet in seinen "Polizeiruf"-Folgen häufig differenzierte Charaktere, und die Geschichten nehmen Wendungen, mit denen der Zuschauer nicht rechnet. Mit "Marias letzter Reise" gewann vergangenes Jahr ein emotionaler Film über das Recht auf Sterben ohne Apparatemedizin einen Fernsehpreis.

Das ändert freilich nichts daran, dass hierzulande die Mehrzahl der Fernsehmacher im Jahr 2006 zu einem Maß an Verkürzung und Vereinfachung neigen, das die Frage aufwirft: Warum sollte man eigentlich noch Fernsehen schauen, wenn man es nicht gerade als Einschlafhilfe braucht? Das gilt auch für Informationsformate, die einen aufklärerischen Ansatz in Anspruch nehmen.

Das Reportagemagazin "ZDF.Reporter" startete vor ein paar Jahren mit originellen Perspektiven auf gesellschaftliche Verwerfungen in Deutschland und der Welt. Heute begleitet das Team vor allem Hundeschützer auf der Suche nach ausgesetzten Welpen, gut aussehende Ärzte beim Verteilen von Anti-Aging-Pillen und - ein moderner Klassiker - die Autobahnpolizei bei der Verfolgung von Temposündern. Der Blick der Programmverantwortlichen bleibt fest auf den sekundengenauen Quotenmesser gerichtet, und der schlägt auch beim ZDF-Klientel bei Hundewelpen höher als bei der differenzierten Sozialreportage. Die Nachrichtenmagazine glänzen hier und da mit investigativem Journalismus. Meist funktionieren sie aber nach dem " Spiegel-TV"-Prinzip: stramme These und durch damit.

Fernsehen zeigt die Realität! Aber welche?

All dies könnte man kulturkritisch verurteilen. Schließlich ist Fernsehen das Massenmedium mit der stärksten Reichweite - und starker Wirkung: Ich sehe doch mit eigenen Augen, wie es war! Doch die Krux ist: Als Informationsmedium ist Fernsehen nur begrenzt geeignet. Selbst wenn sich die Redaktionen ernsthaft bemühen - Tiefenschärfe ist nicht drin. Zumindest nicht in Nachrichtenformaten.

Ein Tagesschau-Beitrag ist in der Regel anderthalb Minuten lang. Der Text für 90 Sekunden umfasst um die 15 Zeilen, hat also die Länge einer kleinen Randnotiz in der "Süddeutschen Zeitung" oder eines kurzen Artikels in der "Bild". Zwischen den 15 Zeilen Tagesschau-Text werden noch mal zwei, maximal drei O-Töne von Politikern oder Experten gesteckt, die darauf trainiert sind, ebensolche abzusondern. Ein Satz darf nur eine Botschaft enthalten. Und dieser Satz bestätigt im Beitrag meist, was der Off-Text vorgelegt hat.

Der Kommentar ist ohnehin sekundär. Entscheidend für die Wirkung eines Beitrags - das lernt der Fernsehvolontär in der ersten Fortbildung - sind die Bilder. Ein Bild ist eine Botschaft: Ansammlung von Muslimen - Bedrohung. Die US-Flagge brennt - Kampf der Kulturen. "So wie das Medium Fernsehen mit seiner Bilddominanz funktioniert, geht das gar nicht anders" , sagt Hajo Schumacher, Herausgeber des Medienmagazins "V.i.S.d.P." und seit kurzem Talkshow-Gastgeber von "Links-Rechts" auf N24.

Was er den Nachrichtenkollegen jedoch vorwirft, ist ihr Hang zur Polarisierung, der Radikalen in die Hände spielt. Etwa beim Streit um die Mohammed-Karrikaturen: "Wir sehen eine aufgebrachte Menge Schnauzbärte, die eine norwegische Flagge verbrennt, weil sie die mit der dänischen verwechselt hat. Was wir nicht sehen, ist, dass es sich um 100 Mietdemonstranten handelt. Das sagt auch der Kommentar nicht. Stattdessen geht die Botschaft um die Welt: Die arabische Welt kocht vor Wut. Ziel ist es, Unversöhnlichkeit zu zeigen. Und zwar so lange, bis die arabische Welt tatsächlich kocht." Fernsehen bildet nicht nur Realität ab. Mit der suggestiven Kraft der Bilder schafft es neue Realitäten, die keineswegs im Sinne der Uno sein müssen.

Hinzu kommt ein Phänomen, das Medienwissenschaftler "Framing" nennen. Fernsehjournalisten erzählen Geschichten, zum Beispiel aus dem bombardierten Libanon. Sie müssen dabei ein unübersichtliches Geschehen ordnen. Dazu wählen sie aus: Protagonisten, Erzählperspektive, 0-Töne. Framing heißt, eine Geschichte in einen Rahmen stellen. Der Journalist hat ein Bild von seiner Geschichte im Kopf, der Zuschauer allerdings auch. Es ist schließlich nicht der erste Bericht über einen Bombenangriff im Nahen Osten, den er sieht. Sein Vorwissen erzeugt eine Erwartungshaltung. Der Journalist erreicht den Zuschauer am besten, wenn der Rahmen seiner Geschichte mit dem Rahmen des Zuschauers übereinstimmt.

Framing ist notwendig, damit Zuschauer Geschichten überhaupt verstehen. Die Innovationskraft des Fernsehens fördert es nicht gerade, sondern führt zu ständiger Wiederholung von Bekanntem, auch in Sendungen wie der Tagesschau.

"Das mag alles so sein, aber das ist kein Spezifikum des Fernsehens", wendet Frank Plasberg ein. Der Moderator des hochgelobten WDR-Talks "Hart, aber fair" erinnert: "Kompetenter Journalismus ist kompetentes Weglassen. Und das ist eine Frage der Qualität des journalistischen Handwerks und nicht des Mediums." Ein schlechter Zeitungs- oder Rundfunkjournalist könnte genauso einseitig Fakten heraussuchen und zur Manipulation einsetzen wie ein schlechter Fernsehjournalist. Heftchenromane oder Magazine über den Hochadel reproduzierten ebenfalls Klischees. Bei der Boulevardzeitung gehörten empörungstaugliche Vorurteile zu den wichtigsten Zutaten.

Im Fernsehen zählt nur Quote! Nur im Fernsehen?

Plasberg dreht den Spieß um - Richtung Zuschauer. Der Fast-Nachfolger von Sabine Christiansen kennt jede Menge Menschen, die sich selbst zur Infoelite zählen, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" lesen, Deutschlandfunk hören und Phönix schauen, aber alle Informationen mit ihrem fest gefügten Weltbild filtern. Durch kommt nur, was ins Weltbild passt.

"Hart, aber fair" will diese Filter durchdringen. Hierzu stellt die Diskussionssendung gern Thesen in den Raum, die bewusst mit Vorurteilen spielen. "Polen da - Auto weg" lautete mal ein Sendungstitel zur Osterweiterung. "Integration? Ey Mann, was soll der Scheiß!" hieß eine Sendung zum Thema Einwanderung. "Wenn man Vorurteile provokativ einsetzt, kann man Gehirne aufmischen", hofft Plasberg. Und offenkundig sogar an einem Mittwochabend mit einem monothematischen 90-Minuten-Format im Dritten Programm halbwegs Quote machen.

Auch von echten TV-Hassern nicht zu bestreiten ist: Fernsehen konfrontiert viele Menschen mit Dingen, die ihnen im eigenen Leben fremd sind. Das kann aufklärende Wirkung haben, selbst wenn TV-Produzenten nur Voyeurismus bedienen wollen. Seit sich schwule Pärchen jeden Tag in Mittags-Talkshows anzicken, weiß auch die letzte Oma im letzten bayerischen Dorf: Homosexualität ist Teil einer gesellschaftlichen Normalität. "Vor 40 oder 50 Jahren ist niemand in das Dorf gekommen und hat die Menschen mit ihren Vorurteilen oder Klischees konfrontiert", sagt TV-Kritiker Stefan Niggemeier.

Warum die strunzdummen Formate mehr Quote machen als die klugen? Niggemeier: "Warum lesen mehr Leute die "Bild" als das "FAZ"-Feuilleton?"