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Hoffen auf den Regenbogen

Die Apartheid in Südafrika ist lange vorbei.
Nach dem Gesetz.




• Sie hasst die Angst. Jeden Morgen, wenn sie das Gittertor zur Straße öffnet, kommt die Angst mit ihr zum Joggen. Sie meldet sich mit akutem Herzrasen, wenn ein Auto neben ihr die Geschwindigkeit reduziert, ein Mann in der Entfernung pfeift oder ein Typ die Straße in ihre Richtung überquert. Dann rasen Bilder von in ein Auto oder in den Busch gezerrten Körpern durch ihren Kopf, begleitet von abstrakten Zahlen: Sie weiß, dass in Südafrika Jahr für Jahr mehr als 50 000 Frauen vergewaltigt werden, alle zehn Minuten eine. Die Angst, die sie verfolgt, hat ein Gesicht – und es ist schwarz. Dabei gehört sie zu jenen liberalen Weißen, die die Apartheid verabscheuten.

Ihre Universitätszeit verbrachte sie in schwarzen Townships, wo sie Befreiungslieder sang, beim Aufbau oppositioneller Organisationen half und Aktionen des zivilen Ungehorsams vorbereitete. Dafür saß sie sogar mal im Gefängnis. Rassismus ist für sie das, was für einen Priester die Sünde und für einen Weinbauern der Mehltau ist: eine abscheuliche, den Kopf wie die Seele des Menschen befallende Krankheit.

Als Nelson Mandela aus der Haft freikam, tanzte sie auf der Straße; bei den ersten freien Wahlen machte sie ihr Kreuzchen hinter dem Akronym für die schwarze Befreiungsbewegung, und als Erzbischof Desmond Tutu die Gründung der Regenbogen-Nation, das Experiment einer von Rassenvorurteilen freien Gesellschaft ausrief, weinte sie Tränen des Glücks.

Sie wuchs im geborgenen Schoß einer jüdischen Familie am Kap der Guten Hoffnung auf. Schwarze Südafrikaner kannte sie lediglich als Handlanger und Untergebene: Alles, was zu deren Kultur gehörte, blieb dem blauäugigen Mädchen fremd. Sie sprach ihre Sprache nicht und ekelte sich vor ihren Gerichten wie Maisbrei und Walkietalkie (Hühnerkopf und -füße). Die afrikanische Weltanschauung, wonach Krankheiten von bösen Geistern oder verärgerten Ahnen ausgelöst werden, amüsierte sie oder flößte ihr Furcht ein. Die Politik der Rassentrennung hatte ganze Arbeit geleistet: Sie wusste von den dunkelhäutigen Menschen, die jenseits des Hügels in den Townships lebten und nur zum Arbeiten in die weißen Städte kamen, so viel wie von den Eskimos.

Man bleibt unter sich – auch wenn man es eigentlich nicht möchte

Als ihr Verstand eigenständig zu arbeiten begann und sie das Unrecht wahrnahm, schloss sie sich Organisationen an, die gegen das Vorurteil der Überlegenheit der weißen Rasse und die fadenscheinige Doktrin der „separaten Entwicklung“ antraten, und machte sich zu Exkursionen in die schwarzen Townships auf. Dort war sie zumindest als Besitzerin eines Kleinwagens willkommen, als unermüdliche Organisatorin und als Fundraiserin, die wusste, wo Geld aufzutreiben war. Den Sprung über den Graben in die ganz andere Welt vollzog sie indessen nie: Sei es, weil sie die Sprache nicht sprach, sei es, weil doch zu wenig Vertrautes im Fremden lockte, sei es, weil sie von den politischen Intrigen abgestoßen war. Seitdem, sagt sie, habe sie sich in ihrer Heimat Südafrika nie mehr richtig zu Hause gefühlt.

Etwas neidisch verfolgte sie damals den Werdegang ihrer besten Freundin Lucy, die mehr Mut als sie aufbrachte. Lucy hatte sich vier Jahre lang in einem schwarzen Homeland niedergelassen, lernte die Sprache Tswana und heiratete, kurz nachdem das Verbot gemischtrassiger Ehen aufgehoben wurde, ihren dunkelhäutigen Freund Mickey – ungeachtet der Vorbehalte ihres Vaters, der wissen wollte, ob ihr künftiger Mann Shakespeare verstehe und mit Messer und Gabel essen könne. Obwohl Mickey noch viel mehr verstand als Hamlet und den Nutzen eines Löffels (er erhielt ein Stipendium der amerikanischen Fulbright-Stiftung für ein Filmstudium in Los Angeles), scheiterte ihre Romeo-und-Julia-Geschichte letztlich: „Wir haben den Graben zwischen uns nie wirklich überwunden“, sagt Lucy heute.

Lucys beste Freundin heiratete unterdessen einen Ausländer, der neben ihrer Hautfarbe auch ihr Befremden über die Heimat teilte. Zusammen adoptierten sie ein Kind, das getreu den Ansprüchen des neuen Regenbogen-Staates dunkler Hautfarbe ist. Mit ihrem Töchterchen machte sie sich regelmäßig zu einem nahe gelegenen Spielplatz auf, wo sie sich als einzige weiße Mutter mit schwarzem Kind zwischen lauter schwarzen Kindermädchen mit weißen Babys wiederfand. Abgesehen von schwarzen Intellektuellen, die im Fernsehen gelegentlich beklagten, immer mehr afrikanische Kinder würden von weißen Zieheltern aus ihrem kulturellen Nährboden gerissen und zu wurzellosen Hybriden erzogen, bekam sie eigentlich nur aufmunternde Bemerkungen zu ihrer Regenbogen-Mutter-Rolle.

Probleme tauchten auf, als ihre plötzlich farbenbewusste Tochter die äußerlichen Unterschiede wahrnahm und gleichhäutige Spielkameradinnen forderte. Da wurde ihr erneut vor Augen geführt, wie monochrom ihre Umgebung war: Selbst zwölf Jahre nach dem Ende der Apartheid zeigt sich der Regenbogen höchstens fern am Horizont. Feiert jemand aus ihrem liberalen Freundeskreis ein Fest, geht es dort blütenweiß wie in der Waschmittel-Werbung zu. Ihr Buchclub ist ein Hort kaukasischer Kulturgenießer, und auch ihr Wohnviertel hat höchstens erste dunkle Tupfer.

Ihr Freund, ein belgischer Geschäftsmann, erzählt halb amüsiert, halb ärgerlich von der Mentalität seiner weißen Angestellten, die noch immer davon ausgingen, dass sie von Natur aus die besseren Mitarbeiter und deshalb zu höherem Gehalt berechtigt seien. Dabei vergeudeten sie einen Großteil ihrer Zeit damit, Unzulänglichkeiten ihrer schwarzen Kollegen zur Rechtfertigung der eigenen Überlegenheit ausfindig zu machen: Wie viel Produktivität in Südafrika noch heute dem Überlegenheitswahn der Bleichgesichter zum Opfer fällt, darüber gibt es keine Studien.

Schon besser erforscht ist die Angst der Regenbogen-Mutter vor dem schwarzen Mann, die sie beim Joggen ergreift und die von immer mehr Berichten über scheußliche Verbrechen geschürt wird. Wie jede denkende Südafrikanerin weiß sie, dass sich die Kriminalität keineswegs in schwarze Täter und weiße Opfer dividieren lässt: Die überwiegende Mehrheit der Opfer ist schwarz, der Anteil weißer Täter keineswegs unterrepräsentiert.

Trotzdem sitzt das Bild von der schwarzen Bestie tief – und hat in der von der Rassenherrschaft demolierten Psyche manches schwarzen Gewaltverbrechers sicherlich ein reales Fundament. Bei weniger sensibilisierten Zeitgenossen drückt sich diese Angst in einer kodifizierten Form des alten, grobschlächtigen Rassismus aus, weiß der Kapstädter Psychologe Christopher Petty: Statt von Kaffern reden viele Weiße inzwischen von „those people“, womit sie im engeren Sinne Gangster, ganz allgemein jedoch die Schwarzen meinen.

Ein nicht weniger weitverbreitetes Ressentiment rankt sich um die neu besetzten öffentlichen Ämter. Schwarze Südafrikaner gehen davon aus, dass sie – die ewigen Opfer – jetzt endlich an der Reihe sind, sich an den Quellen des Wohlstands zu laben: Schließlich haben sich die Weißen lange genug satt gesogen und hängen noch immer wie Zecken an den privaten Goldadern des Landes. Empowerment-Programme sollen dafür sorgen, dass möglichst schnell ein Ausgleich zwischen Schwarz und Weiß geschaffen wird, wobei es allerdings nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Korruption, politische Patronage, Inkompetenz und ein Trend zur Raffgier sind weitverbreitet. Das wiederum bestätigt Weiße in ihrem Vorurteil von den korrupten und inkompetenten afrikanischen Herrschern, die schließlich auch die unter weißer Vorherrschaft errichtete stärkste Volkswirtschaft des Kontinents in den Ruin treiben werden.

Öffentlich zur Sprache bringen darf man solche Ressentiments indes nicht. Niemand kann es sich im erklärten Regenbogen-Staat erlauben, alte Geister beim Namen zu nennen – egal, wie gegenwärtig sie noch sind. Dabei wären nationale Debatten, in denen auch rassistische Vorurteile offen ausgedrückt werden, höchst hilfreich, meint der Johannesburger Psychologie-Dozent Kgamadi Kometsi: „Aber den Weißen ist das peinlich, und viele Schwarze schmerzt es noch zu sehr.“ So wird lieber der Mantel politischer Korrektheit über die Wunden geworfen: Sie habe manchmal den Eindruck, als ob hier alle mit schmerzverzerrten Gesichtern zu lächeln versuchten, sagt die Regenbogen-Mutter.

Dabei leugnet sie nicht, dass es Vorboten des angestrebten Glückes gibt – kleine Oasen, über die sich schon ein Regenbogen wölbt. Bars, in denen sich vor allem gut betuchte Repräsentanten aller Kulturen treffen, Unternehmen, bei denen tatsächlich die Leistung zählt, auch Ehen verschiedener Couleur. Dabei handelt es sich jedoch oft um Verbindungen zwischen Südafrikanern und Ausländern: „Weiter ist man hier noch nicht“, sagt ein Professor aus Kamerun, der mit einer weißen Kapländerin verheiratet ist und seine Freizeit fast ausschließlich im intellektuellen Multi-Kulti-Kreis verbringt. Kleine Inseln des Weltbürgertums.

Ihre große Hoffnung sind die Kinder. „Auch wenn ich selbst das Regenbogen-Kuckucksheim wohl nie erleben werde“, sagt unsere Protagonistin: „Zumindest wird meine Tochter eine reelle Chance haben.“ Die wird demnächst in eine der „farbenblinden“ Bildungseinrichtungen eingeschult: Orte, in denen Kinder mit anderen Kindern andere Welten und nicht nur Vorurteile kennenlernen. Dort wird die Kleine Klassenkameraden jeglicher Farbschattierung treffen, die jedoch alle eines gemeinsam haben – zum urbanen Bürgertum zu gehören. Der Kitt dieser Regenbogenkinder wird sein, dass sie vom selben Karrieredruck, demselben Materialismus und derselben Angst vor dem zum Verbrechen verurteilten Lumpenproletariat getrieben sind, meint die Regenbogen-Mutter: Aus dem Rassen- wird der Klassenstaat.

Wenn nichts Schlimmeres dazwischenkommt. Denn nicht alle teilen den Traum von der offenen Gesellschaft. Derzeit macht in Südafrika ein Mann Furore, der das Vorurteil braucht und pflegt, um sein Ziel, das höchste Staatsamt, zu ergattern. ANC-Vizepräsident Jacob Zuma sucht seinen von Korruptionsvorwürfen, finanzieller Inkontinenz und sexuellen Übergriffen auf junge Freundinnen der Familie angeschlagenen Ruf durch populistische Ressentiments aufzumöbeln: Er prügelt auf Homosexuelle ein, macht sich über Feministinnen lustig und präsentiert sich stolz als traditioneller Vollblut-Zulu. Ihm ist zuzutrauen, dass er – wie der Präsident des Nachbarlands Simbabwe – die Idee vom Regenbogen-Staat auf dem Altar der eigenen Macht opfert, indem er den Zorn der Massen aufs urbane Bürgertum lenkt. „Die Idee, der wir hinterherjagen, ist so verdammt zerbrechlich“, seufzt die Regenbogen-Mutter: „Wer weiß, ob sie in dieser Welt jemals verwirklicht werden wird.“ ---