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Frau Baumann macht einen Laden auf

Zwei Frauen, 56 und 84 Jahre alt, begegnen sich zufällig. Und gründen ein Geschäft. Die Geschichte eines kleinen (Wirtschafts-)Wunders.




I Frau Schneider, so viel wird schnell klar, hat immer wieder Zweifel. Ob Frau Baumanns direkte Art richtig ist? Ob die Frau Baumann damit nicht ein wenig über die Stränge schlägt?

Aber gut. Er läuft ja jetzt, der Laden. Da wird die Frau Baumann nicht alles falsch machen. Frau Schneider, 84 Jahre alt, trägt einen blau-weiß gestreiften Kittel und Gesundheitsschuhe, sie macht ein Gesicht, als ob sie überlegte, was man über Frau Baumann erzählen darf und was nicht. Sie sagt erst mal lieber nichts.

Dafür redet Frau Baumann. Wie immer Klartext. " "Mensch, musste aufpassen, hier in Kolenfeld", hat die Frau Schneider gesagt. Und ich sag', es kriegt jeder, was er braucht." Ein Laden in Kolenfeld, Niedersachsen. Er befindet sich im Erdgeschoss eines Hauses, das direkt an der Kreuzung hinter dem gelben Ortsschild steht, Wunstorfer Straße, Ecke Schwalenbergstraße. Gegenüber ist ein Raiffeisen-Markt samt Tankstelle. Das Dorf hat ein paar hundert Einwohner, die roten Bauernhäuser aus Backstein sind hübsch anzusehen. Kolenfeld wirkt wie das ländliche Westdeutschland der achtziger Jahre: konservativ, familiär. Alles hat hier noch seinen Platz.

Frau Baumann ist von außerhalb. Sie hat sich ihren Platz erkämpft. Sie ist 56 Jahre alt, korpulente Gestalt, halblange braune Haare, angeraute Altstimme. Hat ein prägnantes Gesicht mit einer großen Nase und einem oft kritischen Blick, der Neues erst mal kritisch beäugt, wie um eine mögliche Gefahr abzuschätzen. Frau Baumann hat den Dorfladen im vergangenen Sommer aufgemacht. Unter nicht alltäglichen Umständen.

Es beginnt im Frühsommer 2005, und entscheidend für den weiteren Verlauf der Dinge ist das schlechte, nasskalte Wetter. Frau Baumann steht in Kolenfeld an der Kreuzung Wunstorfer Straße Ecke Schwalenbergstraße, sie verkauft Spargel und Wurst an einem kleinen Stand und friert.

In dem großen Haus hinter ihr wohnt eine alte Dame: Frau Schneider. Rechts neben der Tür dieses Hauses befindet sich ein leerer Fleischerladen - ehemals der Schneidersche Familienbetrieb. Von ihm ist nur noch dieses lachende, rund ein Meter hohe Schwein aus Metall übrig, auf das deutsche Fleischer meist ihre Sonderangebote schreiben.

An einem kalten, ungemütlichen Tag denkt Frau Schneider, dass es so nicht weitergehen kann. Bei Wind und Wetter steht diese fremde Frau da draußen und verkauft stundenlang Spargel - das kann Frau Schneider nicht mehr mit ansehen. Sie geht raus und sagt, dass sie das Garagentor aufmacht. Das Tor befindet sich an der Längsseite des Hauses und führt in den rückwärtigen Teil der früheren Fleischerei. Dort ist es ein wenig wärmer und vor allem nicht nass. Frau Baumann stellt sich mit ihrem Stand ins Trockene. Es ist ihr erster Schritt in ein neues Leben.

In den kommenden Wochen lernen sich die beiden Frauen kennen. Da ist Frau Schneider, die von den Leuten im Dorf "Oma Mieze" genannt wird und mit ihren 84 Jahren eigentlich an einen geruhsamen Lebensabend denken könnte.

Und da ist Frau Baumann. Sie kommt aus einer anderen Welt, hat den Alkohol und zwei lieblose Männer überlebt, sich ihr Leben lang von Job zu Job gehangelt, ist elfmal umgezogen, immer der einfachen Arbeit hinterher, und sei es nur ein Job irgendwo im Supermarkt - bis sie selbst den nicht mehr findet. Sie sei zu alt, heißt es. Deswegen wird Frau Baumann zur "Mettwurst-Trude" , verkauft Wurst vor Baumärkten, auf Stadtfesten, am Straßenrand in ganz Norddeutschland. Und landet irgendwann an der Kreuzung in Kolenfeld.

Zwei Frauen, die nicht die gleiche Sprache sprechen, sich aber respektieren. Sie siezen sich, das Duzen wäre ihrer Beziehung unangemessen - nur wenn Frau Schneider nicht dabei ist, nennt Frau Baumann sie zärtlich " Mieze".

Frau Baumann kann nicht genau sagen, wann Frau Schneider und sie beschlossen haben, dass aus dem kleinen Markt-Stand ein Laden werden soll: "Wir haben uns da so gegenseitig hochgeschaukelt." Im Grunde gibt es wohl keinen echten Beschluss. Nur so etwas wie die stillschweigende Übereinkunft zweier Frauen, denen der Sinn nach Beschäftigung steht.

Es gibt allerdings einen Zeitpunkt, an dem der ehemalige Lagerraum der Fleischerei Schneider ladenähnliche Züge annimmt, zumindest bei hochgezogenem Garagentor: Das ist der Einzug der Fleischtheke. "Ich hatte den Kuhltresen Monate vorher schon bei einer Firma in Hameln gekauft, die Auflösungen macht", erzählt Frau Baumann. "Ich hatte den Tresen anderswo untergestellt und wollte damit eigentlich auf die Märkte. So, hab' ich zu Mieze gesagt, ich hab' übrigens diesen Kühltresen. Und Mieze sagte: "Her damit, den stellen wir jetzt hier rein."" II Es ist einer dieser Momente, in denen Frau Baumann nicht mehr weiß, was sie zuerst tun soll. Vom im Laden stehen die Leute vor der Theke und verlangen nach Wurst, hinten in der Küche, dem ehemaligen Schlachtraum, steht die Bohnensuppe auf dem Herd. Frau Baumann hat eine einfache Faustregel: Kunden vor Suppe. Das geht aber nur so lange gut, wie die Suppe nicht anbrennt.

Ein Donnerstag. Frau Baumann hat den Donnerstag zum Eintopftag erklärt, und gleich werden einige Dorfbewohner vorbeikommen, um sich eine warme Mahlzeit abzuholen. Doch jetzt ist erst mal das ältere Ehepaar dran, das gerade den Laden betreten hat. Frau Baumann dreht zum sechsten Mal innerhalb der letzten Viertelstunde schnell das Gas runter, lässt die Bohnensuppe leicht weiterköcheln und läuft nach vorn. Baumann: Guten Tag, womit kann ich helfen? Sie: Guten Tag. Wir hätten gern ein paar Scheiben Salami. Und ein bisschen Kassler.

Baumann: Passen Sie auf, ich zeig' Ihnen jetzt mal was. Probieren Sie die mal ... (schneidet zwei große Stücke von einer Mettwurst aus dem Eichsfeld ab und reicht sie über die Verkaufstheke). Sie: Hhmmm, ja, die schmeckt gut. Er: Ja, die ist gut.

Baumann: Nun warten Sie doch erst mal ab, junger Mann, ganz sachte, ganz sachte ... (schneidet von einer anderen Wurst zwei große Stücke ab und reicht sie wiederum über den Tresen). Das ist die Pfefferwurst mit ganzen Körnern. Sie: Hmm, ja, die ist auch sehr gut. Er: Auch sehr gut.

Baumann: Wollen Sie von beiden eine mitnehmen? Sie: (stockend) Hmm ja, nein, wir nehmen die erste, eine reicht. Er: (dreht sich zu seiner Frau) Eine ganze Wurst? Was sollen wir denn mit der ganzen Wurst?

Baumann: (dehnt die Wörter beim Sprechen) Essen, junger Mann, essen, was denn sonst... Sie hängen die Wurst in die Küche, und wenn Sie wegfahren, dann machen Sie ein wenig Fett auf die Schnittstelle, dann geht auch keine Fliege ran ... Er: (zögerlich) ... gut.

Sie: Was für eine tolle Beratung! Das habe ich ja selten erlebt! Baumann: So viel Zeit muss sein. Hab' ich da noch was von Kassler gehört?

Sie: Ein paar Scheiben für heute Abend bitte ... Baumann: (schneidet das Kassler ab, wiegt es, packt Kassler und Wurst ein) 10,65 Euro sind es dann bitte. Sie: Gern.

Er: (halb im Spaß, halb im Ernst, weil er sich überrumpelt fühlt) Nee, ungern!

Sie (blickt ihren Mann empört an): Aber gern! (zahlt). Wir sind aus Luthe, wissen Sie ...

Baumann: Ich habe viele Kunden aus Luthe! Sie: Ach ja? Wir kommen jedenfalls wieder. Er: ...

Baumann: Auf Wiedersehen! Sie: Auf Wiedersehen!!!

III Herbst 2005. Erst Spargel und Wurst. Dann kommt das Fleisch hinzu, Leber, Entrecôte und Schweinelendchen, dann das Gemüse, Kohl und Möhren, und "weil Schneiders früher auch immer Kartoffeln hatten", verkauft Baumann auch bald Kartoffeln, "und wenn wir die Kartoffeln schon mal hier haben, können wir auch Kartoffelsalat machen, hab' ich gesagt".

Was aber ist Kartoffelsalat ohne Buletten? Hinter einem Garagentor, in einem weiß gestrichenen Lagerraum, wächst ein Laden ohne großen Plan, fast anarchisch. Frau Baumann hat jeden Tag eine neue Idee, was man noch anbieten und verkaufen kann. Frau Schneider auch.

"Und dann fing die Frau Schneider an mit den Rouladen und den Salaten", erzählt Frau Baumann und steckt sich eine Zigarette an. Sie macht gerade Pause, sitzt in ihrer "Spinnstube", einem kleinen Raum, in dem früher das Gewürzlager der Fleischerei war.

Zwei Tische, acht Stühle, holzgetäfelte Wände, dunkelrosa gestrichen. Thermoskannen mit Kaffee, abwischbare Tischdecken In der Spinnstube können sich Gäste hinsetzen, zu Mittagessen und auf ein Bergseepanorama-Bild gucken. Oder "Bild" lesen. Jetzt ist gerade niemand da.

"Aber Frau Schneider sagte: "Den Geflügelsalat muss Elisabeth machen. Elisabeth hat den früher auch immer gemacht"", berichtet Frau Baumann. Elisabeth ist die Schwägerin von Frau Schneider, 88 Jahre alt und die Geflügelsalat-Expertin des Ladens.

Inzwischen bietet Frau Baumann ein nahezu vollständiges Wurst- und Fleischsortiment an, Salate, Gemüse, Früchte und allerlei andere Dinge, die man so braucht: Milch, Sahne, Ketchup, Tee, Kaffee, Zucker, Essig, Salz, Senf, Dosensuppen, Cola, Apfelsaft, Kidneybohnen. Außerdem Mittagstisch, kräftige Landkost, Spiegeleier, Leberkäse und Bratkartoffeln. Festgesellschaften - "50 Personen bis nächsten Samstag" - versorgt sie mit Rollbraten, Sahnegeschnetzeltem und Hochzeitssuppe.

Dass Frau Baumanns Laden auch noch rein äußerlich an Form gewonnen hat, liegt einerseits an ihrer Vorliebe für gediegenen, romantischen Kitsch: Die Würste hängen an einem Holzständer, die Jagdwurstdosen hat sie in einem alten Bauernschrank zur Pyramide geschichtet. Über einem Weinregal aus Holz liegt künstliches Eichenlaub, und demnächst will Frau Baumann noch die zehn alten Kaffeemühlen aufstellen, die sie gesammelt hat.

Andererseits liegt das aber auch an Herrn Hammerschmidt. Der hat in Kolenfeld eine kleine Gärtnerei. Herr Hammerschmidt kam eines Tages vorbei und meinte, dass es nicht nach einem richtigen Laden aussehe, wenn die Kunden jeden Tag unter einem nach oben gezogenen Garagentor hindurchlaufen müssten. Frau Schneider und Frau Baumann gaben ihm Recht. Er kenne da eine gute Fensterfirma, sagte Herr Hammerschmidt. Die nahm dann das Garagentor weg und baute stattdessen eine Glasfront ein - mit einer richtigen Ladentür. Frau Baumann darf die Rechnung abstottern.

IV Auftritt: Ein älterer knorriger Bauer aus Kolenfeld. Bauer: Einmal Leberkäse mit Bratkartoffeln. Baumann: Gern, und was isst Ihre Frau? Bauer (überrascht): Hmmm, richtig, für die nehme ich dann eine halbe Portion mit.

Baumann: Gut. Mögen Sie denn auch Kalbshaxe? Mit Pfifferlingen? Könnte ich kochen. Ich meine nur für Ihre Frau und Sie. Bauer: (nach kurzem Zögern) ... Ja, das machen wir mal. Baumann: Für Dienstag? Bauer: Für Dienstag.

Eine kleine Kostprobe der Baumannschen Verkaufstaktik: übers Essen reden. Es ist aber nur einer ihrer vielen Tricks. Frau Baumann ist, nicht übertrieben, ein Verkaufsgenie. Die Leute kommen, wollen eigentlich nur ein paar Kartoffeln und gehen mit Kartoffeln und zehn Grillwürsten wieder raus. Was daran liegt, dass Frau Baumann das Gespräch auf das für das Wochenende angesagte Grillwetter gelenkt hat. Über den Daumen gepeilt macht Frau Baumann ein Drittel ihres Umsatzes mit Waren, von denen ihre Kunden beim Betreten des Ladens noch gar nicht wissen, dass sie sie kaufen werden.

Frau Baumann sagt beispielsweise: "Passen Sie mal auf, ich tu' Ihnen jetzt mal was Gutes." Nimmt dann zwei Würste vom Haken statt einer, um die gebeten wurde, und legt beide auf die Waage. Guckt über den Tresen, die eine Augenbraue hochgezogen, als ob dies tatsächlich eine einmalige, niemals wiederkehrende Gelegenheit wäre, und wartet geduldig auf ein Nicken des Gegenübers, der gerade angestrengt überlegt, ob das, was hier gerade passiert, tatsächlich "was Gutes" ist.

Manchmal entscheidet Frau Baumann auch einfach selbst mütterlich für ihre Kunden, wenn die nicht genau wissen, was sie wollen: "Junger Mann, ein anständiges Kotelett mit Kartoffelsalat? ... Nein? Dann nehmen wir heute mal den Schinkenbraten ... Ich habe immer Angst, dass Sie mir vom Fleisch fallen. Eh bisschen Senf dazu? ..." Widerspruch ist zwecklos.

Dass Frau Baumann die Kunst der Verführung beherrscht, ist gut für sie. Und auch für ihre Kunden, denn es macht Freude, sich verrühren zu lassen, solange das Versprechen, das jeder Verführung zugrunde liegt, eingehalten wird. Das ist hier der Fall: Die von Frau Baumann angebotene Eichsfelder Mettwurst beispielsweise ist eine Spezialität, eine würzige Wurst. Es ist im Grunde unmöglich, den Kauf einer solchen Wurst zu bedauern.

Darauf setzt Frau Baumann. Und auf ihre Lust an der Frechheit, die aber auf eine intuitive Weise immer die Grenzen des täglichen Miteinanders respektiert und liebenswürdig bleibt.

Frau Baumann schenkt sich den soundsovielten Kaffee ein, steckt sich eine weitere Zigarette an und erzählt: " Da kommt ein Ehepaar rein, und der Mann ist richtig quengelig. Wie der vorhin. Ist ja nicht zum Aushalten, denke ich. Da sag' ich zu der Frau: Lassen Sie Ihren Mann doch nächstes Mal lieber zu Hause, wenn Sie hierherkommen. Solche Verkaufsbremsen kann ich gar nicht brauchen!" Ihre Kunden mögen das. Wer redet heute noch so direkt? Wer bei Frau Baumann aus dem Laden kommt, hat meistens bessere Laune als vorher. Und ein Wurstpaket unter dem Arm.

V Frau Baumanns Laden heißt "Miezes Hofladen". Obwohl es gar keinen Hof gibt. Klingt aber gut und lockt vielleicht Kunden an, die nur mal mit dem Auto hier durchkommen - und für die alteingesessenen Dorfbewohner war bei Mieze einkaufen zu gehen anfangs sicher auch einfacher, als einen Laden aufzusuchen, den jemand von außerhalb betreibt.

Inzwischen ist Frau Baumann weitgehend integriert und sogar nach Kolenfeld gezogen. Sie arbeitet zwölf, dreizehn Stunden jeden Tag, steht morgens um fünf auf, denn die ersten Kunden kommen um sieben auf einen Kaffee und eine Bockwurst vorbei. Unzählige Male läuft sie täglich aus der Küche, die früher mal der Schlachtraum war, nach vom hinter den Tresen und wieder zurück. Kochen, verkaufen, kochen, verkaufen, kochen.

Meist kann sie sich darauf verlassen, dass Frau Schneider vormittags aus ihrer Wohnung im ersten Stock herunterkommt, sich ihren Kittel umhängt, um dann das Geschehen auf dem Gasherd zu kontrollieren. Oder um den Abwasch zu erledigen. Frau Schneider hilft auch bei der Buchführung. Wenn sie aus irgendwelchen Gründen mal nicht runterkommt, erledigt Frau Baumann alles auf einmal und raucht weniger.

Frau Baumann weiß den Einsatz der alten Dame zu schätzen. Wenn sie nach Ladenschluss ins nahe Hannover fährt, um bei der Metro einzukaufen, bringt sie Frau Schneider als Dankeschön zwei Schalen Erdbeeren mit. Das dürfte allerdings kaum das eigentliche Motiv sein, warum sich Frau Schneider im Laden unentgeltlich engagiert. "Die Mieze", hat Frau Baumann beobachtet, " wird nicht alt, wenn der Laden läuft." Frau Baumann hat Pläne. Sie möchte gern ein Café aufmachen. Sie weiß nur nicht genau, wo das hin soll. Sie hat auch schon probiert, in ihrem Laden Kleidung zu verkaufen, weil es eine Frau im Dorf gibt, die Auslaufmodelle aus Italien importiert. Das hat aber nicht funktioniert, sie hatte keinen Platz für die Klamotten. Dafür verkauft sie jetzt nebenbei in der Weihnachtszeit Holzschnitzereien aus dem Erzgebirge, und neuerdings ist ihr Laden auch ein Knotenpunkt des deutschen Versandhandels, eine Neckermann-Paket-Sammel-und-Verteil-Stelle.

Freitagnachmittags wird es im Laden oft langsam ruhiger, das Wochenende kommt. Auch für Frau Baumann. Noch einen Pott Kaffee. Noch eine Zigarette in der Spinnstube. Durchatmen. Ruhe. Wie fühlt es sich an, hier in Kolenfeld zu leben und diesen Laden zu haben?

Frau Baumann, die viele Jahre zu viel getrunken hat, die Dorffeste meidet, weil ihr die Leute dann immer sagen: "Komm, einen kannste doch", die schwer gekämpft hat, um die düstere Welt der Trinker hinter sich zu lassen, die viel dichter am Scheitern als am Gewinnen war: Frau Baumann sagt zufrieden, sie sei das erste Mal im Leben jetzt richtig selbstständig.

Und das sei doch ein kleines Wunder.

VI Eine Kundin kauft ein paar Scheiben Wurst, verlässt den Laden und kommt zwei Minuten später wieder zurück: "Ich war schon am Auto und dachte plötzlich ..., da ist mir eingefallen, was Sie gerade gesagt haben. Haben Sie da eben gesagt, Sie haben Bratkartoffeln auf dem Herd?" "Ja, hab' ich", sagt Frau Baumann. "Dann nehme ich noch eine Portion mit." "Gern", sagt Frau Baumann.