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DIE URTEILSFABRIK

In Berlin-Moabit befindet sich Europas größtes Strafgericht. Dort verhandeln 317 Richter nach den Ermittlungen von 221 Staatsanwälten gut 50 000 Anklagen im Jahr. Ein Besuch bei Menschen, die vom Urteilen leben.




"Der Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit ist oftmals schwierig, aber entscheidend. Zeugen geben das wieder, was sie glauben wahrgenommen zu haben. Opfer haben manchmal Angst. Das verzerrt die Erinnerung, die Wahrnehmung und die Aussage." Ingmar C. Pauli (nicht abgebildet), 34, seit drei Jahren Strafverteidiger.

"Manchmal ertappe ich mich dabei, dass meine Arbeit meine Wahrnehmung der Welt einseitig beeinflusst. Der Handel mit Drogen beispielsweise wird in Berlin von Palästinensern und Arabern kontrolliert. Wenn man dann in der Straßenbahn Menschen sieht, die aus dieser Region kommen, muss man manchmal schon aufpassen, dass man keine Vorurteile hat und sich erinnert: Viele Drogenhändler sind Araber. Aber nur wenige Araber sind Drogenhändler." Michael Zimmermann (nicht abgebildet), 44, seit fünf Jahren Richter, zuvor vier Jahre lang Staatsanwalt.

"Einmal wollte ich einem Obdachlosen zur Unterstützung einen Bewährungshelfer beiordnen, damit er sich zusammen mit dem Obdachlosen um einen Wohnung bemüht. Als ich das dem Angeklagten vorschlug, lehnte er mit den Worten ab: "Ich bin seit 15 Jahren obdachlos. Ich kann nicht mehr in einer Wohnung leben." Das machte mich betroffen." Karin Nissing (nicht abgebildet), 43, seit zehn Jahren Richterin.

"Hier in Berlin-Moabit wird alles bestätigt, was Sie an Vorurteilen gegenüber der Justiz haben: Sie haben in diesen unübersichtlichen und vielen Gängen schon Probleme, den Saal zu finden, in dem etwas stattfindet, das Sie vielleicht existenziell betrifft." Lars Fricke (Foto), 33, seit viereinhalb Jahren Richter.

"Ich habe den Eindruck, dass ich nach 30 Jahren als Richter milder geworden bin. Es mag Kollegen geben, die bitter werden. Bei mir ist das nicht so. Nur im Privaten bin ich in vielem vielleicht ein bisschen misstrauischer geworden." Gerd Schulz (Foto), 59, seit 30 Jahren Richter.

"Wir haben immer nur eine Annäherung an die Wahrheit. Wir kratzen an der Oberfläche, hinter der die Wahrheit liegt." Dagmar Klusenwerth (nicht abgebildet), 44, Staatsanwältin seit 14 Jahren.

"Kann unsere Gesellschaft damit leben, dass die Mutter, die schon zum sechsten Mal innerhalb eines bestimmten Zeitraums Lebensmittel geklaut hat, nun tatsächlich ins Gefängnis muss? Wären Arbeitsauflagen nicht besser?" Eckart Fleischmann (Foto), 44, seit 16 Jahren Strafverteidiger.