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Auf gute Nachbarschaft

Ist grüne Gentechnik gut? Ist grüne Gentechnik böse? In Iowa ist sie: der Alltag.




Schnurgerade die Straße, flach und leer das Land. Nur ab und an thronen Getreidespeicher über einsamen Orten, hier und da ragen silberne Silos aus dem Boden neben weißen Farmhäusern. Farm Country. Nicht viel zu sehen zwischen Himmel und Erde. Außer dem Mais: Mannshoch, mattgrün, grau vom Staub steht er bis zum Horizont. Und Sojabohnen, endlose braun gefleckte Felder wie schmutzige Flokati-Teppiche. Mais und Soja. "... where you can hear the corn grow", steht auf Postkarten. "A Place to Grow" auf einer Betonplatte am Rande des Highways.

Eine Fahrt im Spätsommer durch den Bundesstaat Iowa im Herzen der USA. Gelegentlich ein Schweinestall, dann Mais, Soja, Mais, Soja, Schweinezucht. Für etwas anderes ist Iowa nicht bekannt. Die Landwirtschaftsausstellung in der Hauptstadt Des Moines ist das herausragende gesellschaftliche Ereignis des Jahres. Eine Welt geprägt von Säen und Ernten, Pflug und Mähdrescher und allem, was sonst noch dazugehört. Wetterprognosen, Preisänderungen an den Rohstoffbörsen, Sonderangebote der Landmaschinenhändler. Darüber berichten die Zeitungen, darüber reden sie im Radio.

Am Rande der Siedlung Paton, Greene County, anderthalb Stunden Autofahrt nördlich von Des Moines, steht zwischen einem Farmhaus und einem Maisfeld ein Tisch, auf dem Prospekte mit den Produkten der Firma Pioneer Hi-Bred Inc. liegen, einer Tochtergesellschaft des Chemiegiganten DuPont. 36 Sorten Saatgut, ein paar Impfstoffe. Ein Dutzend Farmer stehen drum herum. Hamburger werden serviert, grüne Baseballkappen mit dem Logo von Pioneer verteilt. Mike Richards, Bill Sutton und George Naylor blättern in den Broschüren. Männer, wie man sich amerikanische Farmer vorstellt: die Gesichter verwittert, ein bisschen ungelenk im Umgang, aber hilfsbereit und herzlich.

Richards, Sutton und Naylor sind Nachbarn. Man kennt sich, man mag sich. Herkunft verbindet. Was sie trennt, sind ihre Ansichten über die Produkte in den Heften: Maissorten, die 38F35 heißen oder 37Y17; Sojabohnen namens 91M70 oder 93M11. Sie beinhalten sogenannte Technologiesegmente wie HXRW (Herculex Rootworm), RR (Roundup Ready) oder YGCB (Yield Guard Corn Borer), tragen Zusatzvermerke wie PFT (Phytophthora Field Tolerance), WM (White Mold) oder SDS (Sudden Death Syndrome). Es handelt sich um Genetically Modified Organisms (GMO), gentechnisch veränderte Organismen.

Grüne Gentechnik: eine komplizierte Sache Richards verkauft Pioneers Sortiment in Greene County und behauptet, es gebe "dem Farmer Schutz und Versicherung für viele Risiken". Er hat Schautafeln mitgebracht, mit Fotos von verfaulten Strünken, zerfressenen Kolben, Ungeziefer und Parasiten, dazu Grafiken mit Ernteergebnissen und Herbizidverbrauch. Sutton wird ihm vielleicht etwas abkaufen, weil er glaubt, dass der Ertrag steigt, "und wir müssen mit der Zeit gehen". Naylor wird wie immer nichts kaufen, weil "sich die Sache für den Farmer nicht auszahlt, und niemand weiß, was diese Technik für Schäden anrichtet". Er pflanzt sogenannte Hybride, Sorten aus klassischer Züchtung, und würde es sich nur anders überlegen, "wenn in dem Zeug Viagra wäre". Über den Witz lachen alle.

Das ist die Geschichte. Pro und contra, dazwischen Fragezeichen. Das Thema grüne Gentechnik ist grundsätzlich komplex, oft verwirrend, selten eindeutig. Letztlich hängt es davon ab, wen man fragt und wem man glaubt. Es hängt davon ab, ob man ökonomisch denkt oder ökologisch, Optimist oder Pessimist ist, Rationalist oder Moralist. Der Mais und die Sojabohnen geben nur die Kulisse ab. Man sieht ihnen nichts an.

1983 entwickelte das Unternehmen Monsanto aus St. Louis im Bundesstaat Missouri eine genmodifizierte Petunie. Ihr folgten Nutzpflanzen, die ab 1996 in den USA für den Anbau zugelassen wurden. Seither sind zahllose Gen-Kreationen entstanden, darunter neben Mais und Sojabohnen vor allem Raps, Baumwolle, Alfalfa, Zuckerrüben, Reis und Weizen, aber auch Kartoffeln, Tomaten, Squash und Papaya. Sie alle weisen veränderte Inhaltsstoffe auf: Gene, Eiweiße und Proteine von anderen Pflanzen, aber auch von Tieren wie Insekten und Bakterien, sogar von Fischen; sie beinhalten Viren, Bazillen, Wachstumshormone, Krankheitserreger (etwa Hepatitis B), Antikörper oder industriell erzeugte Enzyme. Anders als bei Hybriden, die auch durch Züchtung massiv verändert wurden, ist ihre DNA manipuliert.

Als wichtigste Errungenschaften gelten bislang Pflanzen mit dem Gen der Bodenbakterie Bacillus Thuringiensis (Bt), die für Parasiten tödlich sind, vor allem für die Larven des Maiszünslers sowie alle, die gegen die Chemikalie Glyphosat resistent sind. Glyphosat ist im weitverbreiteten, von Monsanto produzierten Herbizid Roundup enthalten. Man nennt sie daher Roundup Ready (RR). Die Industrie sagt, die Produkte rührten zu größeren Ernten, geringerem Aufwand beim Ackerbau und einer giftreduzierten Umwelt; RR-Pflanzen trügen sogar zur Bodenfruchtbarkeit bei. Organisationen wie die National Corn Growers Association (NCGA) oder die American Soybean Association (ASA) stützen diese Thesen, Monsanto spricht darüber hinaus von einem Mittel gegen den Hunger in der Welt.

Die Kritiker reden dagegen von einem gigantischen genetischen Experiment aus kommerziellen Interessen. Sie monieren, die Flora aus dem Labor sei unkontrollierbar, Genpflanzen würden auskreuzen und auf andere Spezies übergreifen, die Biodiversität zerstören und zum Aussterben nicht genetisch modifizierter Lebensformen beitragen. Zudem könnten Bakterien und Insekten durch das Genmaterial mutieren. Auch würden mehr Chemikalien eingesetzt, nicht weniger, da Schädlinge und Plagen inzwischen gegen die neuartigen Organismen resistent oder für bislang ungefährliche anfällig seien. Schließlich seien die Folgen für Vieh und Mensch komplett ungeklärt, von Toxizität, Allergien, Immunschwäche, Intoleranz gegen Antibiotika und Krebs ist die Rede.

So weit, so widersprüchlich. Die Wahrheit wird noch gesucht, die Realität ist schon da. In Iowa etwa sind zwei Drittel allen Maises und mehr als 90 Prozent aller Sojabohnen genmodifiziert. Das liegt über dem Landesdurchschnitt, wenngleich nicht viel. Die USA sind mit 49,8 Millionen Hektar Anbaufläche weltweit führend bei gentechnisch veränderten Organismen. In Kanada wächst längst fast ausschließlich Genraps, in Argentinien und Brasilien überwiegend Gensoja, in China Genreis und Genbaumwolle, in Südafrika hauptsächlich Genbaumwolle. Insgesamt werden in diesen Ländern derzeit 80 Millionen Hektar mit gentechnisch veränderten Pflanzen bebaut, Tendenz steigend. Anderswo sind die Zahlen marginal. Primär in der EU und in Japan will man sich dem Trend nicht anschließen. Dort hält man weiter an einer Vielzahl von Einfuhr- und Anbauverboten fest, was wiederum die USA, Kanada und Argentinien zu einer Klage bei der WTO veranlasste, da diese Einschränkungen das Prinzip des freien Handels verletzten.

Auf einer Landstraße in Iowa, Richtung Osten von Paton nach Ames. Das vertraute Bild, ergänzt von Äckern, vor denen Dutzende von Schildern stehen. Sie tragen die Namen von Saatgutfirmen wie DeKalb, Asgrow, Agrigold, Croplan, die inzwischen von den Giganten des Geschäfts, Monsanto, Pioneer, Syngenta oder BASF aufgekauft wurden. Allein Monsanto hat für alle Übernahmen zehn Milliarden US-Dollar ausgegeben. Die Schilder markieren Versuchsplantagen. Was dort landet, hat einen langen Weg durch Reagenzgläser hinter sich. 25 000 bis 60 000 Gene hat eine herkömmliche Pflanze. Durch deren Aktivierung oder Deaktivierung wie durch biologische Zusätze verändert sie ihren Stoffwechsel, ihr Wachstum, ihre kulturelle Identität. Manche werden dadurch zu einer Art pflanzlichem Bodybuilder. Wer die Datenbanken studiert, stößt auf Inhaltsstoffe wie PPT-acetyltransferase, Bacillus amyloliquefaciens, Cucumber mosiac virus, Klebsiella pneumoniae oder Agrobacterium tumefaciens. George Naylor sagt: "Das muss einem doch Angst machen." Tausende von Tests laufen nicht nur in den USA. Patrick Moore, ehemaliger Gründer von Greenpeace, heute Leiter der Beratungsfirma Greenspirit, meint, das könne einem Mut machen: "Der Einsatz präziser Technik macht genetisch veränderte Produkte sicherer als herkömmliche Pflanzen." Und wertvoller. Etwa Golden Rice, eine Reissorte, die gentechnisch verändert wurde, damit im Reis Betakarotin entsteht, eine Vorstufe des Vitamins A. Dank ihr seien Kinder in Asien und Afrika, die unter Vitaminmangel leiden, nicht mehr von Erblindung bedroht.

Mit genetisch modifizierten Züchtungen, die gegen Stressfaktoren wie Hitze, Kälte oder Trockenheit tolerant sind, könnten bislang ungenutzte Anbauflächen erschlossen werden. Es gibt bereits herbizitresistente Pflanzen, die ihre Farbe wechseln, wenn sie über Landminen wachsen. Genbaumwolle ist ein Exportschlager in China und könnte es in Schwellen- oder Entwicklungsländern werden. Mikroorganismen in Mais könnten dazu beitragen, dass sich dessen Stärke selbstständig in Zucker verwandelt, aus dem Ethanol destilliert wird. Sojabohnen mit erhöhtem Ölgehalt eignen sich für Biodiesel.

Ames. Eine kleine, schmucke Stadt, 50000 Einwohner. Im Zentrum liegt der Campus der Iowa State University, die das Biosafety Institute für genmodifizierte Landwirtschaftsprodukte betreibt, ein Saatgutlabor, ein Genlabor, Gewächshäuser und das Leopold Center for Sustainable Agriculture, das sich mit den Auswirkungen von Agrikultur auf die Umwelt befasst. Dort arbeitet Mike Duffy, ein älterer, langsam sprechender, behutsam formulierender Herr. Er ist Leiter des Ausbildungsprogramms für junge Farmer. Vor vielen Jahren hat er mal eine Studie über Ernteerträge erstellt, verglichen wurden gentechnisch modifizierte Pflanzen mit Hybriden aus der klassischen Züchtung. Das Ergebnis: bei Bt-Mais ein minimales Plus, bei Gensojabohnen kein Unterschied. Was einem das sagt? Duffy winkt ab. " Die Sache ist nicht so schwarz-weiß, wie das viele gern hätten. Wir müssen uns das Agro-Business generell ansehen." In den USA ist die Zahl der Farmen in den vergangenen 70 Jahren von sieben auf 2,1 Millionen gesunken. Eine Million Jobs gingen verloren. Die übrig gebliebenen Betriebe werden immer größer, zwei Prozent aller US-Farmen produzieren inzwischen 40 Prozent der Ernten. "Obwohl das Bruttoeinkommen der Farmen seit Jahrzehnten konstant steigt", sagt Mike Duffy, " ist das Nettoeinkommen heute nur halb so hoch wie vor 50 Jahren, weil immer mehr Technik notwendig ist und die Preise auf dem Weltmarkt durch Überproduktion stagnieren." Und genau hier kommt die grüne Gentechnik ins Spiel. Die Landwirte stehen unter Druck, sie müssen mehr ernten und dafür größere Maschinen kaufen. Bei Ausfällen droht der Konkurs. Genpflanzen sind, das gilt als Faustregel, einfacher und mit weniger Personal zu managen. "Man weiß in der Landwirtschaft nie, was kommt, die Natur verhält sich nicht statisch", sagt Duffy. "Die Farmer brauchen eine Absicherung, die Gentechnik ist ihre Hoffnung." Duffy ist kein Freund dieser Entwicklung, er glaubt, die Farmer könnten sich anders wehren. In Iowa etwa könnten sie auf Weinanbau, Knoblauch oder Babykarotten ausweichen. Und gutes Management sei sowieso wichtiger als alles andere. Er hat das bewiesen; Einige Farmer ließ er traditionell anbauen, andere wurden von Agronomen des Leopold Center beraten und erzielten 50 Dollar mehr Ertrag pro Hektar - alles ohne Gentechnik.

Also braucht man die nicht? "In Amerika oder Europa nicht", sagt Duffy. "In Entwicklungsländern ist das anders." Die Diskussionen um Gefahren für das Ökosystem hält er für überflüssig. "Wer kann bei Monokulturen wie in der industriellen Landwirtschaff üblich, von Ökosystemen sprechen? Jede Form der Landwirtschart greift in die Natur ein. Gentechnik ist nur Teil eines Wandels, den wir in allen Bereichen der Wirtschaff beobachten. Die entscheidende Frage ist: Wer profitiert?" Bill Sutton sagte, der Farmer profitiere. Er hat gute Erfahrungen gemacht mit Bt-Mais, dessen Ertrag sich gut kalkulieren ließe und den er hauptsächlich an Fabriken verkauft, die Ethanol produzieren: Ein Viertel der US-Produktion an Ethanol kommt aus Iowa. Ethanol, glaubt Sutton, "ist das nächste große Ding im Agrarbereich". George Naylor sagte dagegen, ein Sack Hybridmais, mit dem sich ein Hektar bepflanzen ließe, koste 100 Dollar - das vergleichbare Bt-Produkt mit zusätzlicher Roundup-Verträglichkeit und Schutz vor Rootworm (beispielsweise Herculex XTRA von Pioneer) sei doppelt so teuer. "Diese Differenz kann keiner dauerhaft wettmachen. Und wenn wir im Mai eine Woche Regen zu viel haben, ist sowieso die Ernte im Eimer." Für Hybridmais oder -sojabohnen wird ein geringfügig höherer Preis bezahlt, da sie meist in die Lebensmittelproduktion gingen oder ins Ausland. Sutton meint dennoch, er zahle lieber mehr, wenn er sich dafür nicht um Schädlinge kümmern müsse, was sich bei größeren Anbauflächen durchaus rechne. Naylor behauptet, der Maiszünsler, ein Parasit, sei in ihrer Region in 30 Jahren nur einmal vorgekommen, und wer zwischen Mais und Sojabohnen rotiere wie er, habe kein Problem mit Rootworm.

Sutton und Naylor. Naylor und Sutton. Zwei Männer, zwei Positionen, zwei Weltanschauungen. Sutton betreibt eine Farm von 640 Hektar, Naylor eine von 180 Hektar. Sutton ist ehrenamtlicher Vorsitzender des örtlichen Farm Bureau, einer landesweiten Organisation, die sich, wie er sagt, "der Prosperität der Farmer und der Pflege der Kommunen verpflichtet fühlt". Er glaubt an die Marktwirtschaft und an die USA als Vorbild der Welt. Naylor ist überzeugter Ökologe und hat neulich einen Brief an die Tageszeitung "Des Moines Register" geschrieben, in dem er das Farm Bureau als "Lakaien der Industrie" beschimpfte. Er glaubt, kleine Landwirte können ohne staatliche Subventionen nicht überleben. Nachdem 1998 der Genmais StarLink von Aventis, der nur für Viehfutter zugelassen war, in Nahrungsmitteln auftauchte und Käufer im Ausland Maisimporte aus den USA stornierten (Einbußen: eine Millarde Dollar), verklagte er 1999 mit anderen Farmern, die Genpflanzen ablehnen, Monsanto. Naylor meinte, die Industrie habe durch mangelhafte Forschung und unterlassene Sorgfaltspflicht diesen Schaden zu verantworten. Außerdem sei Monsanto dabei, ein weltweites Saatgut-Kartell aufzubauen.

Sutton trägt Jeans und Hemd, spricht von Fortschritt und Zukunft und wirkt mehr wie ein Geschäftsführer als ein Bauer. Naylor trägt schmuddelige Latzhosen, einen zerzausten Vollbart und philosophiert schon mal ausdauernd über die Evolution und den Niedergang der Landwirtschaft seit der großen Depression. Kaum jemand in Greene County, der nicht Sutton respektierte und Naylor für einen schrulligen Eigenbrötler hielte - seine Klage gegen Monsanto wurde übrigens abgewiesen. Aber manchmal sind sie sich einig. Sutton: "Die Macht der Biotech-Industrie ist zu groß geworden." Naylor: "Saatgut ist eine naturgegebene Resource, die zu einem handelbaren Gut gemacht wurde, das zur Massenproduktion führt und die Preise für unsere Produkte in den Keller treibt. Wir haben die Kontrolle verloren, wir sind zu Werkzeugen des Kapitals geworden." Das Problem sind nicht die Konzerne, es ist die Politik Keine Frage, der Industrie geht es gut. Die Verkaufszahlen von Gensaatgut steigen ebenso wie die Preise, begründet durch immer komplexere Produkte mit immer mehr Eigenschaften. Der Verbrauch von Pflanzen- und Insektenschutzpräparaten steigt. Längst geht das Geschäft über Nutzpflanzen und Chemikalien hinaus: Monsanto hat in 160 Ländern das Patent für ein genmodifiziertes Schwein beantragt. Eine andere Firma will Lachse designen, die zwölfmal schneller wachsen als ihre natürlichen Artgenossen. "Ich werfe das der Biotech-Industrie nicht vor", sagt Mike Duffy, " ihr Ziel ist es, Geld zu machen." Selbst Naylor sagt: "Dass die Industrie den Bauern kaputtmacht, ist ein billiges Klischee." Er sagt das, obwohl Monsanto erbarmungslos Farmer verklagt, die nicht bei dem Unternehmen gekauft haben und in deren Ernte sich Spuren seiner Produkte finden. Andererseits lässt sich bisher nicht schlüssig beweisen, wie und wodurch Genpflanzen auskreuzen. Pollenflug ist die häufigste Erklärung. Empfohlen werden zwar Sicherheitszonen, in Iowa ist ein Abstand von zehn Metern zu Gentech-Pflanzen vorgeschrieben, doch Wind, Vögel und Insekten können Samen kilometerweit tragen. Auch Bill Suttons Hybrid-Sojabohnen waren einmal kontaminiert, er weiß nicht warum. Die Gerichte entscheiden bislang im Zweifel für den Kläger. "Die Farmer zahlen für die Konsequenzen einer Technik, die sie nicht erfunden haben", sagt Duffy. "Da frage ich: Was macht die Politik?" Eine gute Frage. In den USA ist die Situation erschütternd: Die Lebensmittel- und Medikamentenbehörde (FDA), das Umweltschutzamt (EPA) und das Landwirtschaftsministerium (USDA) entscheiden auf der Basis von Gesetzen, die teilweise aus einer Zeit kommen, als es Biotechnik noch nicht gab. Genprodukte wurden pauschal für unbedenklich erklärt, obwohl FDA-Wissenschaftler intern mehrfach warnten, sie könnten negative Auswirkungen auf die menschliche Erbmasse nicht ausschließen. Als kürzlich der genetisch veränderte Langkornreis LL601 in Nahrungsmitteln auftauchte, wollte US-Landwirtschaftsminister Mike Johanns nicht mal sagen, wie viel Reis wo gefunden wurde. Bayer CropScience behauptet, die Tests an dem Reis wurden vor fünf Jahren eingestellt. LL601 ist in den USA nicht zugelassen und löst möglicherweise bei Menschen Allergien aus. Nicht nur deshalb fragen sich viele: Warum verabschiedet der Kongress, also das Parlament, kein Gesetz, das Tests und Kennzeichnung von Genfood in Nahrungsmitteln regelt?

Aus einem internen Bericht des USDA ging 2005 hervor, dass die Inspektoren des Ministeriums ihre eigenen Regeln missachteten, oft nicht wussten, wo sich die Feldversuche der Industrie befanden, geschweige denn sie kontrollierten. Meistens folgen die Behörden den Forschungsergebnissen der Biotech-Industrie. Die geraten aber in der Regel nicht an die Öffentlichkeit; es sei denn zufällig, wie beim Genmais MON 863 von Monsanto, der an Laborratten verfüttert wurde, die daraufhin Abnormitäten der Nieren und vermehrt weiße Blutkörperchen aufwiesen. Unabhängige Studien ergaben, dass bei Versuchstieren Genkost zu Hirnschäden, Wachstumsschwund, Lebervergrößerung und Immunschwäche führen kann. Die Industrie sagt: alles Quatsch, schlechte Studien. Ihre eigenen hält sie allerdings unter Verschluss.

Einzelfälle betrachten statt pauschal urteilen Bernd Müller-Röber kann verstehen, dass "die Technologie in der breiten Öffentlichkeit in Deutschland nicht gewollt wird". Der Gentechnikexperte und Professor am Max-Planck-Institut in Potsdam sagt: "Das Thema ist nicht nebenbei zu erklären." Dass auch hierzulande Spuren von LL601-Reis in Lebensmitteln gefunden wurden, macht die Sache nicht einfacher.

In Deutschland wird lediglich auf 700 Hektar mit Genpflanzen experimentiert, bis auf wenige Ausnahmen, hauptsächlich bei Futtermitteln, besteht Importverbot für gentechnisch veränderte Produkte. Das heißt nicht, dass sie in unseren Supermärkten nicht oder nur ausnahmsweise zu finden wären. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt in Freiburg fand 2005 in einem Fünftel von 465 Proben Spuren genmodifizierter Substanzen, darunter in Maismehl, Fertiggerichten, Knabbergebäck und Säuglingsnahrung. Ein Grund zur Panik? Müller-Röber sagt, Genpflanzen seien nicht gefährlicher als die aus klassischer Züchtung, auch sie seien über Jahrhunderte massiv verändert worden. " Nehmen Sie nur den Wildkohl. Der hat mit Blumenkohl, Rosenkohl oder Weißkohl, die aus ihm gezüchtet wurden, nichts zu tun." Man kann das Thema nicht pauschal abhandeln, es geht um Einzelfälle. Müller-Röber: " Ich stelle mir eine Mischform vor - klassische gezüchtete Pflanzen und genetische Präzisionszüchtungen nebeneinander." Auch hierzulande. Schließlich könne Deutschland andernfalls "den Anschluss auf einem wichtigen Innovationsfeld verlieren", wie die Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie (DECHEMA) warnt. Doch entscheidend ist, was die Politik vorgibt. Und in Europa ist das Klima für Gentechnik so günstig wie in Alaska für Ananas-Anbau.

Polen hat jüngst den Verkauf von GMO-Saatgut untersagt. Die Schweiz hat in einem Referendum ein fünfjähriges Moratorium für den Anbau von Gengemüse beschlossen. In Dänemark wurde festgestellt, dass das Herbizid in RR-Pflanzen im Grundwasser landete. Auch in Afrika ist man vorsichtig: Eine Delegation aus Sambia beschloss nach einem Besuch in Washington, auf den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zu verzichten, nicht zuletzt, weil die Verantwortlichen fürchten, die Bauern könnten die Kontrolle über ihr Land an die Konzerne verlieren. Die Welt produziert ohnehin anderthalbmal mehr Nahrung, als benötigt wird - und trotzdem hungert jeder Siebte. Hunger ist eine Frage von Armut und ungerechter Verteilung von Land und Lebensmitteln - daran kann auch die Gentechnik nichts ändern.

Noch einmal zurück nach Iowa. Wenn es Herbst wird, fahren Farmer wie Bill Sutton und George Naylor die Ernte zu ihren Abnehmern. Dazu gehört die Farmers Cooperative (FC) in Farnhamville, deren mausgraue Getreidespeicher wie Bollwerke in der Landschaft stehen. Im Bürogebäude sitzt Roger Koppen, der leitende Manager. 48 Filialen hat die FC, die alles verkauft von Schweinefutter über Hybridsaatgut bis zu genmodifizierten RR-Varianten, die sie als Lizenznehmer von Monsanto herstellt. "Wir haben von hier aus Zugang zu sechs Eisenbahnlinien", sagt Koppen, "und verhandeln mit Abnehmern von Mexiko bis China." 5300 Farmer sind als Mitglieder über die Dividende am Gewinn beteiligt. Koppen schaut aus dem Fenster über die Felder. Er ist ein kräftiger Mann, jovial und unkompliziert, ein Macher. "Wissen Sie", sagt er und lehnt sich zurück, "mich nerven diese Debatten. Die einen sagen, Biotechnologie ist die Zukunft der Landwirtschaft, die anderen nennen sie Frankenfoods in Anspielung an Frankenstein. Ich weiß nur, dass es ein Geschäft ist." Säen, ernten, verkaufen. Es geht um Angebot und Nachfrage. "Wir wissen nicht, was noch kommt", sagt Koppen, " was Monsanto noch erfindet, ob Ethanol boomt oder ob sich in zehn Jahren alle Amerikaner vegan ernähren. Mal reagiert die Produktion auf den Markt, dann wieder reagiert der Markt auf die Produktion." Wird in Iowa noch mehr Ethanol produziert? Das wäre gut für Mais. Wollen die Japaner mehr organische Sojaflocken? Das wäre gut für organische Sojabohnen. Warum gibt es in USA keine Genkartoffeln? Koppen glaubt: "Weil McDonald's befürchtet, dass die Kunden dann ihre Fritten nicht mehr essen." Als in Missouri Spekulationen um die Verträglichkeit von Genreis aufkamen, stornierte Anheuser-Busch, eine der größten Brauereien der Welt, den Kauf von Reis aus Missouri. Auf Hawaii ist der Export von Papaya eingebrochen, weil die genveränderte Variante nicht schmeckt. Organische Lebensmittel verzeichnen in den USA dagegen gesunde Zuwachsraten, ein Trend, der in Teilen Kaliforniens und an der Ostküste bereits erhebliche Ausmaße angenommen hat.

Es ist ein schöner Tag, voll grellem, fast unwirklichem Licht. Wir schauen aus dem Fenster. Koppen: "Die Welt zwingt dich schneller zu Anpassungen, als du planen kannst." Draußen weites, leeres, flaches Land. Im Juli treiben die Maispollen über die Felder, im August der Staub des ausgetrockneten Bodens, im September und Oktober wirbeln die Ernteabfälle durch die Luft. Dann kommt der Winter, der Frühling, die Zeit der Saat. Koppen hat recht, es wird weitergehen. So oder so.