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Alt ist out

Sagen die Brasilianer.
Weil sie notorisch optimistisch sind.
Und weil sie sich lieber mit neuen Problemen beschäftigen als mit alten.




• Der Parque Cacilda Becker im Villenviertel Urca von Rio de Janeiro war bei den jugendlichen Skateboardern beliebt: Auf der dortigen kleinen Piste konnten sie bis tief in die Nacht herumbrettern. Bis die Proteste der Anwohner über die nächtliche Ruhestörung bei der Präfektur Gehör fanden. Statt regelmäßig einen Wachmann vorbeizuschicken, kam die Stadtverwaltung mit einem Architekten. Der Platz wurde für eine halbe Million Euro umgebaut. Nun gibt es dort keine Skateboard-Piste mehr. Dafür haben sich die Penner eingenistet.

Der Glaube, mit neuen Bauten neue Zustände schaffen zu können, ist tief in die kollektive Seele Brasilien einbetoniert. Von oben nach unten. Weil es in Rio de Janeiro zu eng wurde, weil die Straße regierte, zog die Regierung 1960 in die Wüste. Mit Brasília, der „Hauptstadt des dritten Jahrtausends“, so die Überzeugung, würde alles viel besser werden. Als die Militärs, die ab 1964 das Kommando hatten, vor den streikenden Studenten Angst bekamen, bauten sie gigantische neue Universitäten auf der grünen Wiese. Und weil der Hafen von Rio de Janeiro durch den Filz von Unterwelt und Gewerkschaft zu einem Rattenloch verkam, entschied die Landesregierung vor fünf Jahren, 50 Kilometer weiter westlich in Sepetiba einen neuen Hafen auszuheben.

Das Muster wiederholt sich: Statt das Alte zu ändern, fängt man lieber von vom an. Deswegen hat Brasilien seit seiner Unabhängigkeit (1822) acht Verfassungen bekommen, von denen keine wirklich eingehalten wurde. Deswegen folgte eine neue Währung auf die andere, ohne dass sich je die ökonomische Misere änderte. Deswegen stehen im Land Herden sogenannter weißer Elefanten herum: einstürzende Neubauten und ehrgeizige Bauprojekte, denen wegen politischer Wechsel das Geld ausging.

Das Neue ist eigentlich das Alte – aber viel, viel besser Politische Wechsel funktionieren im Grunde nach dem gleichen Prinzip: Das Alte habe abgewirtschaftet, nun müsse das Neue zum Zuge kommen. Auf keinem anderen Kontinent wird der Begriff Revolution so inflationär verwendet wie in Lateinamerika, Brasilien macht da keine Ausnahme. Dabei wechselt in der Regel nur die eine Seilschaft gegen eine andere. Die Tourismusbehörde von Rio de Janeiro ist dafür ein gutes Beispiel: Alle vier Jahre kommt ein neuer Dezernent, tauscht bis zur Empfangsdame alle Mitarbeiter aus und lässt neue Prospekte drucken – während sich die alten noch im Keller stapeln.

Von Kontinuität keine Spur. Das präsidiale Regierungssystem – der Präsident vom Volk als Diktator auf Zeit gewählt – ist auf Bruch gepolt. Die Parlamente sind Basare ohne konstruktive Mitspieler, die Parteien sind bunt bedruckte Polohemden, die man jederzeit wechseln kann. So entsteht der Eindruck, Lateinamerika sei ein Kontinent, in dem es brodelt. Dabei gilt hier eigentlich nur der weise Spruch des Fürsten Fabrizio in Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Der Leopard": „Wir müssen die Dinge ändern, damit sie die gleichen bleiben.“ Das Neue ist eigentlich das Alte. „Mag sein, dass du recht hast, der Wagen ist technisch vielleicht nicht besser, aber er ist neu! Riech doch mal!“ Der angesprochene Ehemann wird sich hüten, seiner Frau zu widersprechen.

Alt ist out, und Neu ist in. Universitäts-Professor Walter Olemann weiß ein Lied davon zu singen. Seine Studenten haben die neuesten Notebooks und surfen leidenschaftlich gern durchs Internet. Aber ein Tortendiagramm zeichnen können die wenigsten. Seine Abteilung, die Mikrobiologie, bekommt die neuesten Analysegeräte vom Forschungsrat genehmigt. Und dann stehen die Apparate originalverpackt im Depot, weil sie niemand bedienen kann. „Eine neue Universität zu errichten ist viel einfacher, als eine alte zu reformieren“, bekennt Forschungsminister Wanderley de Souza, der im Westen von Rio de Janeiro einen neuen Campus plant. Derweil verrottet das Uni-Klinikum am internationalen Flughafen, ein turmhoher Betonklotz, der zu zwei Dritteln Rohbau geblieben ist.

Brasilianer möchten das Unlösbare lösen -und geben dabei nie auf Einstürzende Neubauten sind die Wegmarken von Brasilien. Bereits 1934 notiert der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss über die rasch wachsenden Städte: “... ihre Jugend verblüht, ohne dass sie gealtert sind.“ Die Faszination für das Neue treibt die Brasilianer an den Bettelstab – es gibt wenige Nationen, in denen technische Neuerungen so begierig aufgenommen werden wie in Brasilien. Jeder zweite Brasilianer (Babys und Betagte inklusive) verfügt über ein Handy. Acht Brasilianer teilen sich ein Auto, 15 einen Computer. Für ein Schwellenland mit einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner von rund 2600 Dollar sind das eindrucksvolle Werte.

Der Wahlspruch „Ordnung und Fortschritt“ ist in die brasilianische Flagge gestickt. Die Ordnung ist alt und abgestanden wie ein lästiger Kreditvertrag, doch der Fortschritt ist neu. Eine Sisyphosarbeit, dieser Fortschritt? Man muss sich Sisyphos als glücklichen Brasilianer vorstellen, denn er hat ja die Chance, immer von Neuem anzufangen. Er ist glücklich, weil er die Vergangenheit vergessen hat und alles auf die Zukunft setzt. „Brasilianer – Beruf: Optimist“, lästerte der Kulturphilosoph Darcy Ribeiro.

„Brasil tem memoria de galinha“, spotten die Brasilianer über ihre „Vergesslichkeit einer Henne“ Sie macht nicht einmal vor Baudenkmälern aus der Barockzeit halt, die in Europa bis zum letzten Nagel geschützt werden, hier aber nicht selten ohne viel Federlesens einer frisch betonierten Tiergarage oder einer neuen Sparkasse weichen müssen.

Geschichtslosigkeit gleich Barbarei? Dem preußischen Naturforscher Alexander von Humboldt schien es so – jedenfalls beobachtete er auf seiner „Reise in die Äquinoctial-Gegenden des neuen Kontinents“ (1799-1804) wie Archive und Bibliotheken in tropischer Schwüle den Termiten und Ameisen leicht zum Opfer fielen und nur mit übermenschlicher Anstrengung vor dem Verfall gerettet werden konnten. Kein günstiges Klima für die Blüte einer Hochkultur? Jedenfalls sehen die Museen und Archive in Brasilien nicht danach aus.

Nach Auffassung des bekannten Soziologen Roberto DaMatta lässt sich Brasilien nicht über objektive Kategorien wie Geschichte, Verfassung oder einen Common Sense, also einen unausgesprochenen Gesellschaftsvertrag, erfassen. Die innere Logik Brasiliens sei nicht festgeschrieben, sondern fließend. Und sie bewege sich zwischen den Polen Tradition und Moderne, wolle sich aber weder auf das eine noch das andere festlegen. Brasilien versuche tagtäglich, das Unvereinbare miteinander zu vereinen, ja zu verschlingen. Das Bedürfnis, alles zu umarmen, Konflikten aus dem Weg zu gehen, alles in einen Topf zu werfen und an die prinzipielle Lösbarkeit des Unlösbaren zu glauben – dies sei der Stil der Brasilianer. Keine Ideen, keine Theorien, keine Gesetze, an die man sich halte – bloß ein nicht endender Optimismus und ein nie versiegender Glaube an sich selbst.

Im tropischen Klima sprießen an ein und demselben Baum die Knospen, strahlen die Blüten und fallen zugleich die Blätter ab. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wachsen auf einem Ast. Der Zeitbegriff zerfließt. Was zählt, ist der Augenblick. Nordeuropäer sind da anders gestrickt: Sie müssen immer an den nächsten Winter denken, ans Sparen, Zurücklegen, Planen und Buchen. Für Brasilianer sind das lästige Angelegenheiten, die sie vom Leben – und das ist jetzt! – ablenken. Jeden Tag wird die Welt neu geschaffen, und die Brasilianer sind dabei. Die Vergangenheit ist nur ein Vorurteil. ---