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Ungesunde Verhältnisse

Es heißt, es gebe zu viele Apotheken. Trotzdem werden es laufend mehr. Wieso eigentlich? Ein Besuch in der Kleinstadt Bergheim: bei sieben Apotheken in einer kurzen Fußgängerzone.




Man könnte sagen, das Jahr 1975 markiert das Ende der Übersichtlichkeit. Bis dahin gab es drei Apotheken in jenem zentralen Teil von Bergheim, den die Bergheimer bescheiden "das Städtchen" nennen, benannt nach der Gottesmutter, dem Löwen und dem Mohren. Man ging hinein, legte ein Rezept auf den Tresen, der Apotheker reichte das Medikament und murmelte sein " Dreimal täglich nach den Mahlzeiten". Kinder bekamen manchmal Hustelinchen geschenkt, die hartnäckig zwischen den Zähnen klebten. Jeder der drei Apotheker rührte eine auskömmliche Existenz, in der Status-Rangordnung der 64 000-Einwohner-Stadt westlich von Köln lagen sie gleich hinter den Ärzten und noch vor den Rechtsanwälten. Die Bergheimer (und nicht nur die) sagten, "das ist eine Apotheke", wenn sie fanden, dass ein Laden unangemessen teuer war.

1975 eröffnete die vierte Apotheke. Größer, heller, moderner, mitten im Herzen des Städtchens. Die Bergheimer sagten: "Das kann nicht gut gehen. Entweder geht er bald Pleite, oder er macht die anderen kaputt. Wovon sollen denn vier Apotheken leben?" 31 Jahre später. Die Bergheimer Stadtväter haben ihrem Städtchen längst eine kleine Fußgängerzone spendiert, die abends daliegt wie ausgestorben. Dort gibt es zwar kein Lebensmittelgeschäft mehr, aber vier Resterampen, fünf Handyshops, sechs Schmuckläden; sechs Eisdielen, sechs Optiker. Und sieben Apotheken. Die Bergheimer sagen immer noch: "Das geht nicht gut. Wovon sollen denn sieben Apotheken leben?" Niemand braucht sieben Apotheken auf wenigen hundert Metern Fußgängerzone, zumal die anderen Stadtteile ebenfalls gut versorgt sind. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass die Bergheimer häufiger zum Arzt gehen als Menschen andernorts, öfter oder schwerer krank sind oder aus anderen Gründen mehr Arzneien brauchen. Und trotzdem: Obwohl die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ein langsames Apothekensterben in Deutschland herbeiraunt, hat in Bergheim eine Apotheke nach der anderen aufgemacht.

Nun ist es kaum vorstellbar, dass sieben Apotheker ohne Sinn und Verstand agieren. Apotheker gelten als vernünftige, auf Sicherheit bedachte Menschen. Welche ökonomische Rationalität nährt also das Gründungsfieber, das sich in den vergangenen drei Jahren mit den Apotheken Nummer sechs und Nummer sieben noch einmal beschleunigt hat? Fragt man nach, sagen Nummer eins bis vier über Nummer fünf bis sieben: "Was hier stattfindet, ist nur noch Verdrängung." Nummer sechs wiederum bilanziert: "Wir arbeiten alle mit sinkender Rendite." Die ist nach den Berechnungen der Apotheker-Lobby im bundesweiten Schnitt inzwischen so weit gesunken, dass von 100 Euro Umsatz nur noch 40 Cent Reingewinn übrig bleiben.

Warten also alle darauf, dass einer aufgibt oder aufs Altenteil geht? Dann brauchen sie wohl einen langen Atem. In den Bergheimer Apotheken ist der Generationswechsel schon vollzogen, die Inhaber sind Ende 20 bis Anfang 40. Ein jeder wird verbissen um seine Existenz kämpfen. Von der alten Garde ist nur noch einer dabei, aber auch der hat schon seinen Sohn zur Seite.

Die zum Wettbewerb Gezwungenen sprechen weder viel noch gern übereinander. Einige reden immerhin miteinander. Die Inhaber der Marien-, Mohren- und St.-Georg-Apotheke haben sich dem Netzwerk der "Jungen Apotheker im Rhein-Erft-Kreis" angeschlossen. Sie profitieren von den Rabatten beim gemeinsamen Einkauf, nutzen Synergien bei der Fortbildung des Personals, werben in der Lokalzeitung und helfen sich gegenseitig aus, wenn ein Medikament mal nicht vorrätig ist.

Die Mini-Kooperative startete vor gut zwei Jahren, zeitgleich mit der Eröffnung von Apotheke Nummer sechs. Nummer sechs, die Stern-Apotheke, in bester Lage direkt gegenüber der Post und der Kreissparkasse, gehört nicht zum Netzwerk. Nummer sechs ist der Eindringling, der Hecht im Karpfenteich: groß, modern, voll technisiert, ein glasglänzendes Schiff, das zur Apotheke gewordene Ende der Gemütlichkeit.

Die Apotheke der Zukunft: ein Gesundheits- und Wellnesscenter mit Medikamentenverkauf Als einzige Apotheke weit und breit verrügt sie über einen Kommissionierungsautomaten, ein computergesteuertes Warenwirtschaftssystem, das vom Einräumen der Medikamente bis zur Ladenhüter- und Verfallsdatenkontrolle alles übernimmt, was vorher von Hand erledigt werden musste. Der Apotheker braucht nicht mehr "nach hinten" zu gehen und das Präparat aus der Schublade zu nehmen. Er bleibt beim Kunden und setzt per Mausklick kleine Greifer in Bewegung, die das gewünschte Medikament aus dem Hochregallager nehmen und es auf ein Förderband legen, das in einem Körbchen am Verkaufstisch endet.

Als Stern-Apotheker Jörg Peters vor gut drei Jahren mit den Planungen begann, wurde ihm schnell klar: "Wenn ich mich auf einem so engen Markt gegen fünf etablierte Konkurrenten behaupten will, muss ich etwas Besonderes bieten. Alles genauso zu machen wie die anderen, nur ein bisschen größer, ein bisschen moderner, das bringt nichts." So entstand sein Konzept der " kompromisslosen Optimierung", mit dem er "den Leuten einen Mehrwert vermitteln" will. "Komm zu mir", soll seine Apotheke ihnen zuflüstern, "hier werden deine Probleme gelöst." Zuerst hatten die Ärzte keine Zeit, den Blutdruck zu messen, den Blutzucker oder den Cholesterinspiegel. Jetzt haben sie für Kassenpatienten eigentlich gar keine Zeit mehr. "Da ist ein Vakuum entstanden", sagt Peters, der Optimierer. Er will rein in dieses Vakuum.

Jörg Peters hat "überall noch einen draufgesetzt, manchmal auch zwei". Zehn Beschäftigte, allesamt in Seminaren mit einem Persönlichkeitstrainer auf ihn eingeschworen, stehen auf seiner Gehaltsliste, darunter allein drei angestellte Apotheker. Auch eine Fachapothekerin für Homöopathie und Naturheilverfahren ist dabei. Aus der Tiefgarage - für Kunden gebührenfrei - führt der Aufzug gleich in die Apotheke.

Dort ist alles perfekt durchdacht und durchgestylt: der sonnenstrahlende Button am Revers mit der Aufschrift "Heute ist ein Lächeltag". Die leicht geschwungenen Linien, die den Kunden von einer Verkaufsinsel zur nächsten geleiten, als sei die Apotheke ein Center Parc en miniature, vom " Mutter-Kind-Bereich" zum "Venenfachcenter" und weiter zum Ernährungsbereich "Gesund und schlank". Das Licht, sanft und mild, vom blau, hinten grün. Der kleine Raum für die Inkontinenzberatung, der dezente Hauch ätherischer Öle aus dem blau schimmernden Duftsteinbrunnen, der " Happy-Kids"-Touchscreen mit Spiel- und Lernprogrammen für die mitgebrachten Kinder, die sich in Apotheken sonst immer langweilen. Das ist eher eine Art Gesundheits- und Wellnesscenter mit integrierter Apotheke.

Gesundheit ist ein Wachstumsmarkt, daran ändern auch die Sparlisten der Politiker nichts. 33 Milliarden Euro jährlich sind zu verteilen. Die Alten, die Jungen, die Schlauen und die Dummen, alle wollen fit sein. "Wer zu uns kommt, muss nicht unbedingt krank sein", sagt Peters. Er bietet die optimierte Apotheke für Menschen, die sich gesundheitlich optimieren wollen. "Jemand, der mit einem Burn-out-Syndrom zu uns kommt", erklärt er, "der braucht vielleicht Vitamine. Oder einen entspannenden Duft. Oder beruhigende Musik." Schon mit der Namensgebung signalisierte Peters das Andersartige. Kein braver Heiliger stand Pate, sondern die Energie des Universums. "Ich habe einen Namen gesucht, der kurz ist und positiv besetzt", sagt der Apotheker. "Der Stern strahlt, er leuchtet hell, weist den Weg." Aber rechnet sich das? Manch ein Hecht ist schon an seiner Beute erstickt. Er konnte sie weder verschlingen noch ausspucken, weil seine spitzen Zähne sie festhielten. Wie viele Bergheimer kaufen denn Entspannungs-CDs, die "Lebensfreude" heißen, "Wolkenmeer" und "Sternentanz"? Schafft Peters' Diplom-Kosmetikerin so viele Gesichtsmasken, Aknebehandlungen und Hautanalysen, dass sie ihr monatliches Gehalt wieder reinholt? Sie darf ja nicht mal ein Nasenspray verkaufen. "Wahrscheinlich rentiert sie sich momentan noch nicht", sagt Peters. "Ehrlich gesagt, kontrolliere ich das gar nicht. Ich könnte es tun, aber was mache ich dann? Wenn ich abspecke auf das, was sich heute rentiert, sieht meine Apotheke genauso aus wie jede x-beliebige andere. Und was meinen Sie: Sichere ich dadurch langfristig meine Existenz?" Peters denkt an jene Konkurrenz, die noch kommen wird, in fünf Jahren vielleicht oder in zehn. "Mit welchem Konzept kann ich gegen die Discount-Apotheke bestehen, mit der wir es demnächst zu tun haben werden? Welche von unseren sieben Apotheken wird eine Chance haben gegen die Billigheimer?" Nicht seine sechs Wettbewerber bereiten dem Stern-Apotheker Sorgen, sondern die Umfragen, nach denen jeder zweite Apothekenkunde völlig auf Beratung verzichtete, bekäme er dafür seine Medikamente 20 Prozent billiger.

Die Apotheke der Vergangenheit: Tradition und das Wissen um die Krankheiten der Stammkunden Mit der Internet-Konkurrenz, die rezeptfreie Medikamente bis zu 30 Prozent billiger anbietet, müssen die traditionellen Apotheker sich schon seit zwei Jahren herumschlagen - Branchenführer Doc-Morris beliefert bereits rund 700 000 Kunden. Doch der wirkliche Feind liegt noch in Lauerstellung: Einige Pharma-Großhändler und Drogerie-Discounter warten nur darauf, dass der Gesetzgeber das Fremdbesitzverbot aufhebt, wonach Apotheken ausschließlich im Besitz von Apothekern sein dürfen. Wenn dann noch die Apothekenpflicht für viele Medikamente fällt, ist der Weg frei für die Discounter. "So eine Schlecker-Apotheke benötigt kaum Personal", sagt Peters, "Einer sitzt an der vollautomatischen Kasse, einer steht mit dem Rottweiler an der Tür und passt auf, dass keiner was klaut, einer räumt die Regale ein. Die können natürlich ganz anders kalkulieren als wir." Der konservative Gegenentwurf zu Peters' wellness-lastiger Spekulation auf die Zukunft ist die Marien-Apotheke. Seniorchef Wolfgang Burghardt und sein Sohn Marcel führen Bergheims einzig wirklich traditionelle Apotheke - und sind dem Mann mit dem " Lächeln"-Button in Bitterkeit verbunden. Jörg Peters war zehn Jahre lang angestellter Apotheker bei Burghardt. Dann kündigte er - und eröffnete zwei Jahre später seine Stern-Apotheke, nur sechs Häuser weiter. Manche Bergheimer meiden die Stern-Apotheke allein deshalb.

Mit Freundlichkeit und Kompetenz - und dem Wissen um sämtliche Krankheiten der Stammkunden - führen Vater und Sohn Burghardt eine Apotheke, wie man sie noch aus Kindertagen kennt. Man tritt durch die Tür, steht direkt vorm Verkaufstisch und sieht keinen Duftsteinbrunnen, sondern hunderte kleiner brauner Flaschen mit Ingredienzien, lateinische Namen auf den Holzschubläden in der Rezeptur, große Gläser mit Tees und Kräutern, Waagen, Stößel und Mörser. 500 Sorten Tees stehen zur Auswahl, von Hand gemischt. Manche finden so etwas altmodisch. Vielleicht haben sie Recht. Aber schließlich sind auch die Rolling Stones irgendwie altmodisch. 1976, da führte Wolfgang Burghardt die Marien-Apotheke gerade seit einem Jahr, lag die neue Rolling-Stones-LP " Black and Blue" bei Schallplatten-Krantz (heute " Euro-Döner") im Schaufenster, und Keith Richards war schwer auf Heroin. Doch die Rolling Stones rocken heute immer noch, Richards ist schon ewig runter von der Nadel, und Burghardts altmodische Marien-Apotheke versorgt als einzige die Junkies der Stadt mit Methadon.

Die Burghardts wollen sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass eine Apotheke künftig geführt werden soll wie ein Handyshop oder eine Boutique. Dass sie zu Verkäufern degradiert werden. Zucker, Blutdruck und Cholesterin messen sie doch ohnehin schon alle - mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis. Alle bringen den Kunden Medikamente nach Hause, die nicht vorrätig sind. "Mir ist egal, was ich verkaufe", sagt einer ihrer Bergheimer Kollegen. Wolfgang Burghardt entgegnet: "Ich will keinen Rummel in meiner Apotheke und auch keine Werbung für Industrieprodukte. Wir sind doch kein Kosmetik-Shop." Sein Sohn sieht es nicht ganz so kategorisch und erwähnt vorsichtig, man müsse " sein Geld in Zukunft vielleicht auch anders verdienen" . Der Vater schweigt, der Sohn spricht von Babynahrung und einem breiteren Kosmetikangebot. Einige Bergheimer Apotheker haben die Kosmetik schon wieder ausgelistet, weil es sich nicht lohnte. Will Burghardt junior bei der Babynahrung denn ernsthaft mit Schlecker konkurrieren? Einstweilen kommt es nicht dazu, denn noch hat der Vater das Sagen, noch kann er ein Machtwort sprechen: "Wir machen das traditionell", bescheidet er. "Und solange ich hier bin, soll das so bleiben." Kurze Pause. Dann sagt er leise: "Wissen Sie, ich habe von den Kunden noch nie zu Weihnachten so viele kleine Geschenke bekommen wie voriges Jahr. Das zeigt doch, dass unser Konzept richtig ist. Oder was meinen Sie?" Die Probleme der Apotheken: Wettbewerbsverbot, Ähnlichkeit der Sortimente und die Praxisgebühr Immer wieder lesen die Bergheimer Apotheker (und nicht nur die), dass es in Deutschland von ihnen zu viele gibt. Eine Apotheke versorgt hier zu Lande 3858 Einwohner, in den Niederlanden sind es 9700. Gut 6000 der knapp 21500 deutschen Apotheken sind überflüssig, sagt etwa der Bremer Gesundheitsforscher Gerd Glaeske, Mitglied des Sachverständigenrates für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Aber was heißt überhaupt "zu viele Apotheken"? Wenn weit und breit keine Arztpraxis in der Nähe ist, gibt es für eine Apotheke nicht genug zu verdienen. Doch im Bergheimer Städtchen drängen sich 34 niedergelassene Ärzte, darunter neun Allgemeinmediziner und fünf Internisten, die klassischen Umsatzbringer für Apotheken.

Früher hieß es, dass eine Apotheke von zwei Arztpraxen sorgenfrei leben kann. Aber gilt das heute noch? Auch in Bergheim schreckt die Praxisgebühr viele Patienten vom Arztbesuch ab, entsprechend weniger Medikamente werden verschrieben. An den verbleibenden Rezepten verdient der Apotheker auch nicht mehr so gut wie früher, als er einen festen Prozentsatz des Medikamentenpreises einstreichen konnte - je teurer die Medizin, desto höher war der Erlös. Seit die Apotheker lediglich pauschal 6,10 Euro für jedes verschreibungspflichtige Präparat plus einen dreiprozentigen Aufschlag auf den Einkaufspreis erhalten, spielt es praktisch keine Rolle mehr, wie viel ein Medikament kostet. Das bekommen vor allem die Apotheker zu spüren, die bislang von Ärzten gelebt haben, die gern teure Marken-Präparate verschreiben.

Sieben Apotheker, das sind sieben Konkurrenten. Aber wie funktioniert Konkurrenz auf dem transparenten Markt Fußgängerzone, wenn sich die Wettbewerber weder im Sortiment noch im Preis merklich unterscheiden? Ein Apotheker kann, anders als ein Gastwirt, der über das Essen im Restaurant schräg gegenüber herzieht, nicht mal das Angebot der Konkurrenz mies machen - schließlich verkauft er das Gleiche. Und was den Preis betrifft: Zwei Drittel des Umsatzvolumens, nämlich die rezeptpflichtigen Medikamente, sind vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Herrscht also überhaupt Konkurrenz? Oder anders gefragt: Sollen, wollen und können die Konkurrenten miteinander konkurrieren? "Der Apotheker ist berufen, die Bevölkerung ordnungsgemäß mit Arzneimitteln zu versorgen", bestimmt die Bundes-Apothekerordnung. "Er dient damit der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes." Nach einem verbissenen Ringen um Marktanteile klingt das nicht gerade. Auch dass einigen der Alteingesessenen die Häuser gehören, in denen sie ihre Apotheken betreiben (in einem Fall auch weitere Geschäftshäuser), andere dagegen etliche tausend Euro Miete zahlen müssen, führt zu einem unterschiedlichen Drang, sich unternehmerisch zu verhalten.

Krämertugenden sind dem Berufsstand fremd: Marketing und Preisgestaltung spielen im Pharmaziestudium keine Rolle. An der Universität werden Wissenschaftler herangezüchtet, die jedes Eiweißmolekül erklären können - doch die Bergheimer interessieren sich nicht sehr für die Struktur von Eiweißmolekülen.

Die traurigste und die fröhlichste Apotheke: Hoffnungslosigkeit gegen Einfallsreichtum Die Löwen-Apotheke, am oberen Ende des Städtchens kurz vor dem Bahnhof gelegen, ist mit mehr als 200 Jahren der mit Abstand älteste und wohl auch schwächste unter den Bergheimer Beutefischen. Inhaber Michael Kisling scheint trotz seiner erst 41 Jahre die Kraft für ein neues Konzept zu fehlen, die Lust auf Zukunft - und wohl auch das Geld, das in die Jahre gekommene Interieur zu erneuern. Ihn umgibt die Aura eines Menschen, der im Grunde genommen schon aufgegeben hat. "Wenn ich noch zehn Jahre arbeiten darf", sagt er, "bin ich zufrieden." Das klingt nicht gerade optimistisch. "Es ist die Wahrheit." Mehr als die Hälfte der Geschäftszeit steht Kisling allein in seiner Apotheke. Oder er sitzt hinten im Büro und raucht. Es gibt nichts, worin er sich von den Konkurrenten unterscheiden will. Es ist ihm nicht so wichtig. Manche seiner Kollegen schreiben ihren Stammkunden Glückwunschkarten zum Geburtstag. "Für so was hab' ich keine Zeit", sagt Kisling. Er versteht auch nicht, warum jemand an drei Apotheken vorbeigeht, um ausgerechnet zu ihm zu kommen. "Ich würde das nicht tun, wir machen doch alle das Gleiche." In Bonn gehört ihm noch ein Sanitätshaus, auch das läuft wohl nicht besonders gut. "Wenn erst mal die Rückzahlungen für die Kredite fällig werden", sagt er, "dann ist man fertig." Im Grunde genommen, sagt Kisling, sei er zufrieden. Vor zehn Jahren kam er aus dem Nordkaukasus nach Bergheim, nur mit einem Köfferchen. "Und jetzt gehört mir eine Apotheke. Meine polnische Putzfrau hat Literatur studiert und arbeitet bei mir für fünf Euro die Stunde. Ich hab' doch Glück gehabt, es geht mir gut." Doch nachts kann er nicht schlafen. Er steht auf, wandert in seiner Wohnung hin und her. Und denkt an die Kredite.

Von der traurigsten zur fröhlichsten Apotheke Bergheims sind es gut fünf Minuten zu Fuß. Anne-Marie Delnava, die mit ihrer ansteckenden Freundlichkeit das reichlich nüchterne Ambiente ihrer Kloster-Apotheke nach Kräften übertüncht, hat den Frieden unter den Bergheimer Pharmazeuten gestört, als sie vor 13 Jahren aus Berlin hierher kam und die fünfte Apotheke eröffnete. " Die schlummerten so vor sich hin", erinnert sie sich. "Damit war es dann vorbei." Sie zog mit ihrer Apotheke in ein Ärztehaus mit vier Praxen. Damals ließ sich noch recht gut prognostizieren, welchen Umsatz eine Facharztpraxis für eine Apotheke im gleichen Haus bringt. Spezialisten waren besser fürs Geschäft als Hausärzte - weil sie in der Regel teurere Medikamente verschrieben.

Die Apotheke der Gegenwart: Vielfalt und trotz allem immer wieder Neugründungen Dem Allround-Konzept der Alteingesessenen setzte die einfallsreiche Unternehmerin ein klar definiertes Profil entgegen: Sie machte ihre Apotheke zum Kompetenzzentrum für Diabetes. Allein in Bergheim gibt es schätzungsweise 4000 Zuckerkranke - die in den Apotheken mangels Fachwissen oft nur schlecht beraten werden. Anne-Marie Delnava hat alle gängigen Injektions-Pens auf Lager, checkt regelmäßig die Blutzuckermessgeräte ihrer Kunden und fragt diskret nach schlecht heilenden Geschwüren an den Füßen. " Eigentlich sind das Aufgaben der Arzte, aber viele nehmen sich einfach nicht die Zeit. Zuckerkranke sind heutzutage ziemlich allein gelassen." Im November bekam das Städtchen seine siebte Apotheke. Ganz am unteren Ende der Fußgängerzone liegt sie, wo kaum jemand langgeht, weil es dort schon lange keine schönen Geschäfte mehr gibt. Doch ein paar Ärzte haben sich dort niedergelassen. Apotheker Nummer sieben heißt Manoucher Delnava und ist der Ehemann von Apothekerin Nummer fünf, Anne-Marie Delnava. Seine Stadttor-Apotheke ist also eine Art pharmazeutische Filiale, schließlich gibt es für Apotheker keine Niederlassungsbeschränkung wie bei Ärzten. Wenn jemand meint, er könnte mit einer Apotheke Geld verdienen, darf er eine aufmachen.

Die Delnavas hatten Hinweise erhalten, dass sich auswärtige Apotheker für den Standort interessieren. "Da machen wir's lieber selbst", sagten sie sich, zahlten die Patienten, die aus den Arztpraxen kamen und verfolgten, in welcher Apotheke sie ihr Rezept einlösten. Dieses Kundenpotenzial versucht Manoucher Delnava nun abzuschöpfen. Die Konkurrenten sagen dazu nichts. Nur einer, der allerdings nicht genannt werden möchte, bemüht bedeutungsvoll Sigmund Freud: "Noch eine Apotheke reinballern, nur damit da kein anderer hinkommt - das sind Angsttriebe kurz vor dem Tod."