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Knirsch und Glanz

Dierig ist einer der wenigen überlebenden Textilfabrikanten Deutschlands. Die Firma hat früh auf Globalisierung gesetzt. Und kleidet heute den westafrikanischen Mann.




Paul L'Alinec nimmt das dunkelblaue Stück Afrika-Damast vom Tisch, presst und reibt es fest zwischen Daumen und Zeigefinger und sagt beschwörend: "Hören Sie das? Das ist der Knirsch! Und sehen Sie das? Das ist der Glanz!" So beurteilen die Männer in Westafrika den Stoff für ihre Bubus. Das sind beinlange traditionelle westafrikanische Männerkleider. Und die stammen aus Schwaben.

Na ja, fast. Denn ein Bubu ist ein wahrhaft globalisiertes Stück Kleidung. L'Alinec, Prokurist bei der Augsburger Dierig Holding AG, zeigt auf die Webkante des Stoffes: "Origine Allemagne" steht darauf in goldenen Buchstaben. Richtig daran ist, das von hier aus die Herstellung gesteuert wird. Die Baumwolle stammt vor allem aus Ägypten und wird in Italien und in der Schweiz zu einem besonders dünnen, gleichmäßigen Garn gesponnen. Von dort aus gehen die Fäden auf die Reise Richtung Ostdeutschland, Tschechien oder Ungarn, wo sie gewebt werden.

Paul L'Alinec, ein 69 Jahre alter Franzose, trägt einen akkurat gestutzten Schnauzbart, Brille und Haarkranz. Er spricht tadelloses Deutsch mit einer Mischung aus französischem und breitem süddeutschem Einschlag. Vom Reversknopf seines Sakkos aus feinem marineblauem Tuch läuft eine Uhrkette in die Tasche - alte Schule. Seit mehr als 30 Jahren kümmert sich L'Alinec ums Afrika-Geschäft, fliegt zwei- bis dreimal im Jahr zu seinen Kunden, bespricht Geschäftliches und sieht sich auf den Märkten um, um aktuellen Trends nachzuspüren. "Etwas aus der Mode sind die kleinen Rapporte", also kleinteilige Muster. Dafür seien kunstvoll verfremdete Ananas-Silhouetten derzeit der letzte Schrei.

In Afrika Geld verdienen? Ja, das geht, weil der Kontinent eben nicht nur aus hungernden Kindern und heruntergekommenen Blechhütten besteht. Die Grenze zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung verläuft nicht nur zwischen Nord- und Südhalbkugel, sondern auch zwischen Arm und Reich. Im Schnitt verlässt jeden Monat ein Container im Wert von 500 000 Euro das Werk. Macht sechs Millionen Euro Jahresumsatz, dazu kommen noch etwa zwei Millionen Euro über Zwischenhändler in London, Paris und der Schweiz. 250 bis 300 Euro kostet ein fertiger Bubu. Die Kunden gehören laut Dierig zur "gehobenen Mittelschicht". Manchmal sehe er Männer mit Bubus aus seinem Stoff auf Londoner Flughäfen oder Pariser Straßen.

Keine Schicht ist so international wie die der Reichen. Dierig hat das verstanden - und verdient mit ihr seit den siebziger Jahren gutes Geld in Afrika. Damals machte ein libanesischer Handelspartner den damaligen Exportchef auf etwas aufmerksam: Die Bettwäsche "Heidelberg", schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein Klassiker, würde einen tadellosen Bubu abgeben. "Wir dachten: Das ist doch eine Schnapsidee. Aber eine, die funktionieren könnte", sagt Christian Dierig. Der Endvierziger trägt ein braunes Sakko, eine goldene Brille, er spricht präzise und ohne Umschweife. In sechster Generation führt er das Unternehmen, seine Familie hält gut 70 Prozent der Anteile.

Die erste Order war im Nu verkauft. Seitdem ist der Markt gewachsen. Christian Dierig beugt sich über eine Landkarte, die auf dem Tisch ausgebreitet vor ihm liegt, und fährt mit dem Finger über sein Absatzgebiet: Mauretanien, Senegal, Gambia, Mali, Niger, Nigeria, Burkina Faso, Ghana und die Elfenbeinküste - das gesamte frankofone Afrika außer dem Maghreb, dazu ein paar angrenzende englischsprachige Länder.

Beim Design gilt: Erlaubt ist, was gefällt. Nur Essen, Tiere und Schriftzeichen gehen nicht L'Alinec führt ins Büro von Brigitte Römer. Die 45-jährige Designerin und Textilingenieurin entwickelt am Computer im Jahr etwa 500 Dessins, also Webmuster, für die Bubus. Auf dem Bücherregal hinter ihr stehen Bände mit Titeln wie "Decorated Paper Designs", "Islamische Kalligrafien" und ein Band von Keith Haring, von denen sie sich inspirieren lässt. Erlaubt ist, was gefällt. "Außer Essen, Tieren und Schriftzeichen, das geht aus religiösen Gründen nicht", sagt sie und zeigt einige Dessins: verfremdete Pfauenfedern, abstrakte Figuren, fast psychedelisch Anmutendes, Ahornblätter. "Der kulturelle Bezug zur Region ist nicht so wichtig. Hauptsache, es sieht gut aus." Ist das Dessin fertig, wird das Tuch gewebt. Da geht es um die hohe Kunst von Glanz und Knirsch. Die Bubustoffe sind aus Damast, einem besonders dichten Baumwollstoff. Nicht ohne professionellen Stob erklärt L'Alinec: " Mindestens 60 Fäden müssen pro Quadratzentimeter verwebt sein, mindestens 68 Kilometer Faden müssen in einem Kilo Stoff stecken!" Denn ohne Dichte kein Glanz. " Den Deutschen verkaufen wir das kaum noch. Denen fehlt das Qualitätsbewusstsein! Den Afrikanern aber, denen macht keiner was vor, dort ist Kleidung das Statussymbol." Für den Knirsch sorgt ein deutscher Partner, der den Stoff veredelt, also chemisch behandelt. Das Garn wird gebleicht und merzerisiert, also zum Quellen gebracht. "Dadurch verändert und vergrößert es seine Oberfläche und bekommt den ersten Glanz", erklärt L'Alinec. Denn was nicht glänzt, verkauft sich nicht. Genaueres wird nicht verraten - der Knirsch, das ist das Betriebsgeheimnis des Partners. Weltweit gibt es laut L'Alinec höchstens sechs Hersteller, die Afrika-Damast produzieren können.

Christian Dierigs Vorfahren haben das Unternehmen vor 200 Jahren im schlesischen Langenbielau gegründet. Mit 15 000 Mitarbeitern war es vor dem Ersten Weltkrieg eine der größten Baumwollspinnereien Europas. Zur Zeit der Industrialisierung porträtierte Gerhart Hauptmann in seinem Stück "Die Weber" die reiche Unternehmerfamilie Dierig kaum verfremdet und wenig schmeichelhaft als Kapitalistenfamilie Dittrich.

Von der einstigen Größe ist heute nicht viel mehr geblieben als ein paar Kupferstiche an den Wänden der Firmenzentrale, auf denen die ehemaligen Werke mit vielen rauchenden Schornsteinen zu sehen sind. Dierig ist einer der wenigen Überlebenden der einst zu den Großen des Weltmarktes zählenden deutschen Textilfabrikanten. Zwischen 1990 und 1997 wurden 3300 Leute entlassen. " Das war für die wie für uns eine Katastrophe", sagt Christian Dierig. Bankschulden wurden getilgt, 40 Millionen Mark in Sozialpläne gesteckt. Die Textilindustrie sei immer Vorreiter gewesen: bei der Industrialisierung, bei der Internationalisierung - und jetzt beim Niedergang der heimischen Industrie. Heute stehen 1700 Dierig-Rentner 220 Mitarbeitern gegenüber. Aber, so der Inhaber: "Wir stehen heute deutlich besser da als 1997" Seit damals wird in Augsburg nicht mehr produziert. Den meisten Umsatz macht die Firma heute mit Bettwäsche der Marken Fleuresse und Kaeppel. Und mit Immobilien, die zum großen Teil auf den ehemaligen Produktionsflächen gebaut wurden.

Eine Tochterfirma verwaltet 600 000 Quadratmeter Grundstücke und 165 000 Quadratmeter Gebäudefläche, worauf unter anderem Büros, Lager- und Produktionsräume stehen. 60 von 75 Millionen Euro Jahresumsatz kommen aber noch immer aus dem Textilgeschäft - beim Gewinn halten sich laut Dierig Immobilien- und Textilgeschäft in etwa die Waage.

Eines der Probleme beim Weg des Stoffes von Augsburg ans Ufer des Nigers: die Korruption Das Geschäft ist diversifiziert, doch noch immer laufen bei Dierig alle Fäden zusammen. Und danach wieder auseinander: Sind die Tücher veredelt, werden sie in Augsburg in Container verpackt, die verplombt auf die Reise geschickt werden. Wohin, darüber zerbrechen sich L'Alinec und die Kunden regelmäßig die Köpfe. Welcher Hafen ist sicher? Von wo aus ist der Landweg nicht zu lang und nicht zu gefährlich? Manchmal begleitet Militär die wertvolle Fracht. Und: Wo kann man sich auf die Korruption verlassen? Ja, verlassen. Denn dort, wo man sich nicht ganz sicher sein kann, dass man sich den Weg zu einem bestimmten Preis freikaufen kann, wird die Anlieferung risikoreich. "Wir sind angewiesen auf verlässliche ,Korruption'", sagt Christian Dierig. "Aber das setzen Sie bitte in Anführungsstriche. Die ,Korruption' muss mit beinahe deutscher Genauigkeit laufen", fährt er grinsend fort, nippt beiläufig am Kaffee und demonstriert: Ich bin der Chef, muss kein Blatt vor den Mund nehmen und weiß, wie der Hase läuft.

Bisweilen, so erzählt er, binden sich Schmuggler die Stoffbahnen um den Leib und passieren so die Grenze. Wenn alles klappt, liegt der Stoff irgendwann am Ende ihrer Reise zum Beispiel in Mali am Ufer des Nigers, ausgebreitet auf dem Boden. L'Alinec legt Fotos auf den Tisch, die zeigen, was damit passiert, bevor der Bubu vor Ort geschneidert und mit den jeweils typischen traditionellen Mustern bestickt wird: Afrikanische Händler beugen sich über den Stoff und beurteilen seine Güte; Hausfrauen färben ihn in heißen Blechtonnen, auf dass er auch unter afrikanischer Sonne nicht ausbleiche; sie stärken ihn mit Manjokpulver und hängen ihn zum Trocknen auf.

Auf dem nächsten Foto sitzen sich zwei Arbeiter auf dem Boden gegenüber, zwischen sich einen kahlen Baumstamm, auf dem ein gefaltetes Stück Stoff liegt. Mit Holzhämmern klopfen sie abwechselnd so lange auf das Tuch ein, bis es speckig glänzt. So dicht und dünn gewebt, so gewissenhaft veredelt, so intensiv gefärbt und gestärkt, so stark durchs Hämmern geplättet: So entsteht er, der Glanz und Knirsch, der den hohen afrikanischen Ansprüchen genügt.