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Auf der Röhre sitzen

Das alte, dörfliche Russland lebt wie im 19. Jahrhundert.
Mit holzgefeuerten Öfen, ohne Gas- oder Wasserleitungen.
Derweil sich das neue öl- und gasgetriebene Russland anschickt, als Super-Energiemacht den Weltmarkt zu erobern. Porträt einer Volkswirtschaft mit doppeltem Gesicht.




• Nachts sitzt Tolja vor dem Ofen, legt Fichtenscheite nach und redet mit sich selbst. Oder mit seiner jüngsten Ziege, die im Stroh daneben liegt. „Die anderen schlachte ich. Aber dich rühre ich nicht an.“ Tolja hustet, zündet eine neue Zigarette an, „Prima“, eine Billigmarke. „Ein halbes Jahrhundert habe ich jetzt gelebt“, sagt er traurig. „Und in fünf, sechs Jahren soll alles vorbei sein.“ Tolja Kusmin ist 63. Seine riesigen Filzstiefel zieht er auch im Haus nicht aus – 37 Grad Frost belagern das Dorf Petroserje. Oder was davon übrig geblieben ist: Tolja, seine drei Ziegen, vier Katzen sowie drüben, am anderen Ufer des Sees Glubokoje, sein Bruder Jura und Viktor, der Optimist. Auch sie heizen Tag und Nacht gegen die Kältewelle an, mit selbst gehacktem Holz, wie Millionen Russen auf dem Land. Viktor hat angefangen, seinen Gartenzaun zu verfeuern. „Die Zaunlatten muss man sowieso auswechseln. Im Sommer hole ich Holz für neue.“ Morgens sind es 27 Grad minus. Die Sonne hängt schamblass wie ein falsches 50-Kopeken-Stück in der blauen Leere über Petroserje. Jura ist zur zwölf Kilometer entfernten Kolchose aufgebrochen, um seine Rente abzuholen, 1130 Rubel, knapp 34 Euro. Tolja heizt den Küchenofen an, um Brotfladen aus dem Teig von gestern zu backen. „Tolja heizt sich noch kaputt“, lacht Viktor der Optimist. Er hackt gefrorene Zaunlatten klein, seine Axt singt, als schlüge er auf Metall.

Viktor Meneev ist 66, Dorfbriefträger a.D. und begeisterter Energiesparer. Er überwintert in einer winzigen Blockhütte, 27 Kubikmeter Platzangst, beengt durch Schmelzwassereimer und Plastiktüten voll Makkaroni und Knoblauchzehen. Graublaue Wäsche hängt über dem flackernden Kanonenofen. „Den Ofen habe ich selbst gebaut.“ Der Atem dampft, das elfenbeingelbe Plastikthermometer zeigt vier Grad plus. „Hauptsache über null“, sagt Viktor. „Über null schläft man nachts gut. Hitze schadet nur. Seit 28 Jahren bin ich nicht mehr krank gewesen.“ Es gab eine Holzkirche in Petroserje, eine Grundschule, ein Dorfgeschäft mit Mehl, Salz, Wodka und Pralinen, einen Klub, wo indische Liebesfilme liefen für 20 Kopeken Eintritt. Es gab einmal 300 Einwohner, Roggen und Flachs, Kühe und Schweine. Jetzt gibt es nicht einmal mehr elektrischen Strom. „Die letzten sieben Hühner“, sagt Viktor, „hat der Nerz gerissen.“ Die drei letzten Männer von Petroserje gehören zum Russland der Kolchosebauern und Dorfschullehrer, dem alten, hölzernen Russland. Das neue Russland heißt Miller oder Rosneft, eröffnet in Berlin Gas-Tankstellen für deutsche Autofahrer und spielt als FC Zenit St. Petersburg im UEFA-Cup. Es verhandelt mit dem Iran über atomare Wiederaufbereitung, verlegt Pipelines durch die Ostsee und heuert Ex-Kanzler Gerhard Schröder an. Das neue Russland, das Öl- und Gasrussland, taxiert seinen Wert stolz auf 40 Trillionen Dollar in Bodenschätzen. Und fordert in einem TV-Spot des Staatskonzerns Gasprom: „Russlands Siege multiplizieren!“ Zweimal Russland: In Moskau wird mit Milliarden jongliert, auf dem Land gibt es nicht mal Strom Russland sieht sich als neue Energie-Supermacht, es diktiert Weißrussen, Georgiern und Moldawiern Gaspreise, die vom Wohlverhalten der früheren Sowjetrepubliken abhängen. Auch gegenüber den Europäern tritt Moskau breitbeinig auf: „Wir versorgen sie störungsfrei mit Brennstoff“, erklärt der Wirtschaftsberater Grigori Wygon »Russkij Newsweek«, „und garantieren faktisch ihre Energiesicherheit – dafür müssen wir entsprechende Dividenden bekommen.“ Präsident Wladimir Putin verkündet die neue Nationalidee: „Russland soll zum Initiator und Modeschöpfer bei Energie-Innovationen werden, bei der Erschließung neuer Technologien wie bei der Suche nach modernen Formen der effizienten Nutzung von Ressourcen und Rohstoffen.“ Die Weltwirtschaft mit traditionellen Brennstoffen zu versorgen, die Versorgung zu diversifizieren und zu sichern, auch gegen Terroristen – so sieht Putin Russlands aktuelle Mission.

Vergangenes Jahr kaufte der russische Staat die Aktienmehrheit an Gasprom zurück. Und Gasprom kaufte Sibneft, den fünftgrößten Ölproduzenten des Landes. Ende 2004 hatte die staatliche Ölfirma Rosneft die Yukos-Tochter Yuganskneftegas geschluckt. Der Anteil des Staates an der Branche ist von 15 Prozent auf 35 Prozent gestiegen. Experten streiten, welcher Ölkonzern als nächster verstaatlicht wird. Die Atomkraft-Industrie ist komplett in staatlicher Hand. Außerdem kontrolliert der Staat die Aktiengesellschaft RAO Vereinigte Energiesysteme (UES), die 70 Prozent des russischen Stroms produziert. Das Herz des neuen Imperiums aber lodert blau: In Russland lagern 49 Billionen Kubikmeter Gas, 30 Prozent der globalen Bestände. 28 Billionen Kubikmeter Gas gehören dem Staatskonzern Gasprom. Gasprom fördert 86 Prozent des russischen und 20 Prozent des weltweit gewonnenen Gases. Das Unternehmen ist mit einer Marktkapitalisierung von 160 Milliarden Dollar, 330.000 Angestellten, eigenen Banken, TV-Sendern und Yachthäfen das Mutterschiff der russischen Energieträume. Es kontrolliert mehr als zehn Prozent der UES und gilt als Finanzier und Betreiber der 40 Atomreaktorblöcke, die Russland in den kommenden 20 Jahren für schätzungsweise 60 Milliarden Dollar bauen will.

In Petroserje kramt Viktor ein Nokia-Handy heraus. „Es gibt hier Empfang, aber keinen Strom, um die Batterie aufzuladen.“ Wann die Elektrizität aus Petroserje verschwand, weiß er nicht genau. Irgendwann um die Jahrtausendwende fielen bei einem Waldbrand einige Masten um, die Kabel rissen. Die Männer richteten neue Masten auf, die Leitung ging wieder kaputt. Jemand kappte die Kabel, um sie als Buntmetall zu verkaufen. „Aber wozu brauchen wir Strom?“ Viktor rechnet grinsend vor, dass seine Kerzen für je neun Rubel preiswerter sind als das Kerosin zu 36 Rubel der Liter, das Tolja in seine Petroleumlampe gießt.

Draußen dröhnt die Stille. Obwohl wir nicht am Ende der Welt sitzen, sondern nur 200 Kilometer nördlich von Moskau. Wie in Petroserje schleppen die Menschen in tausenden Dörfern zwischen Kaliningrad und Kamtschatka Wasser und Brennholz, gibt es Gas nur aus 50-Liter-Flaschen, die meist in gefährlicher Nähe zum Herd stehen. Aber zumindest hat man vielerorts Strom, Telefon und Fernsehen. Auch 38 Millionen Russen in der Provinz dürfen zuschauen, wenn Präsident Putin live die Fragen seiner Landsleute beantwortet. Etwa, ob der Gasreichtum nicht irgendwann endet? „Die Vorräte sind größer, als wir denken“, sagt der Präsident. „Sie werden für uns und die künftigen Generationen ausreichen.“ Diese Vorräte hüten Putins engste Vertraute. Vizepremier Dmitrij Medwedew, potenzieller Nachfolger des Präsidenten, sitzt dem Aufsichtsrat von Gasprom vor. Er stammt aus Petersburg, ebenso wie der Ex-KGB-Agent Igor Sechin, der Vizechef der Präsidialverwaltung und Aufsichtsratvorsitzender von Rosneft. Oder Alexe) Miller, ein Kollege Putins aus Petersburger Zeiten, der jetzt Gasprom managt. Pressescheue Apparatschiks, „Leute, die grundsätzlich nicht an den freien Markt glauben, an Privatinitiative oder Konkurrenz“, urteilt Wladimir Milow, der als früherer Vizeminister für Energiewesen direkt mit Putins Elite zu tun hatte. „Ganz im Gegenteil: Sie haben Angst vor dem Markt, sie glauben eigentlich nur an zentrale Kontrolle.“ Russlands neue Rohstoff-Oligarchen sind eher Aufpasser als Macher.

Manchmal hört Viktor Transistorradio, batteriegetrieben, er kann sogar Echo Moskwy empfangen. „Die lästern heftig über Putin.“ Viktor amüsiert sich, „dass er die noch nicht an die Wand stellen ließ“. Echo Moskwy gilt als letzte kritische Stimme unter den elektronischen Medien, seit Gasprom Media zu Beginn der Präsidentschaft Putins den oppositionellen Fernsehsender NTW aufgekauft und gleichgeschaltet hat. Gasprom Media kontrolliert inzwischen auch Echo Moskwy, duldet aber bisher seine Attacken auf den Kreml – offenbar braucht man den Sender noch als journalistisches Feigenblatt.

Ob mit oder ohne Echo Moskwy, Viktor glaubt nicht an das neue Russland: „Die Sowjetmacht war immerhin ein Staat der Arbeiter und Bauern. Ich konnte mich beschweren, auch über den Brigadier. Doch für die Bosse heute, die am Wochenende auf ihren Motorschlitten angefahren kommen, bin ich eine Null.“ Der Kreml schert sich nicht um das alte, hölzerne Russland – er betreibt wieder Supermachtpolitik. Nur sind auf der Weltkarte von Putin und seinen Adjudanten statt Raketenbasen Gasfelder und Öl-Pipelines eingezeichnet. Energieexperte Milow beschreibt das Verhältnis des Präsidenten zu Gasprom als „erotisch“: „Ihm gefällt die Idee des Supergasmonopols, das Supereinfluss auf Politik, Wirtschaft und internationale Beziehungen ausübt.“ Gasprom kauft turkmenisches Gas auf ein Vierteljahrhundert im Voraus auf. Gasprom baut mit deutschen Juniorpartnern die Ostsee-Pipeline und denkt laut darüber nach, sie nach Skandinavien und Großbritannien zu erweitern, um die Märkte dort zu erobern. Über seine deutsche Tochter ZMB GmbH will Gasprom deutsche Stadtwerke kaufen. Gasprom will den „Blauen Strom“ in die Türkei Richtung Israel, Griechenland und Italien verzweigen. Und die Russen flirten auch mit den energiehungrigen jungen asiatischen Volkswirtschaften.

Die staatliche Pipelinefirma Transneft schickt sich an, eine Ölleitung von Tajschet im ostsibirischen Irkutsk nach Nachodka am Pazifischen Ozean zu legen, um von dort Japan, aber auch China und Südkorea beliefern zu können. Laut »Nowaja Gazeta« soll die Leitung etwa zwölf Milliarden Dollar kosten. Skeptiker warnen, dass die Irkutsker Funde nicht lange reichen werden. Dann muss zusätzliches Öl aus Westsibirien herangepumpt werden, die Transportkosten könnten auf bis zu 15 Dollar pro Barrel ansteigen und so der Endpreis nicht mehr rentabel sein.

Trotz aller geopolitischen Rhetorik gibt es auch noch keine Gaspipeline nach Ostasien. Seit 2002 liegt bei Gasprom ein Projekt zur Förderung ostsibirischen Gases, mit der Option auf den Export nach China. Doch laut „Echo Moskwy“ scheiterten die Verhandlungen mit den Chinesen daran, dass die sich weigerten, das Super-Sonderangebot von 75 Dollar für 1000 Kubikmeter zu zahlen, ein Drittel des in Europa üblichen Preises.

Russische Pipelines sind teuer – weil die staatlichen Angestellten an ihnen sehr gut mitverdienen Die russische Weltmarktoffensive krankt daran, dass ihre Väter im Kreml dem Markt misstrauen. 2002 schlugen die russischen Ölkonzerne Lukoil, Sibneft, TNK und Yukos vor, auf eigene Rechnung eine Ölpipeline mit einer Transportkapazität von 80 Millionen Tonnen Öl von Westsibirien nach Murmansk zu bauen. Der Hafen ist ganzjährig eisfrei, dort können auch Tiefseetanker anlegen, und der Seeweg zur US-Küste ist wesentlich kürzer als der vom Persischen Golf. Aber Moskau behagte so viel Privatinitiative nicht und beauftragte den staatlichen Ölleitungsmonopolisten Transneft mit dem Projekt. Transneft verwarf es.

Dabei lieben die Staatsmanager teure Rohrleitungen. Und das, obwohl Pipelines den Lieferanten immobil machen, abhängig von End- und Transitkunden. Gasprom erlebte das gerade erst um Neujahr: Um die Ukraine zu zwingen, eine mehr als vierfache Preiserhöhung zu schlucken, drehte man ihr das Gas ab. Doch die Ukraine bediente sich aus dem nach Westeuropa durchlaufenden Gas, und so mussten die Russen nachgeben, um die Kundschaft im Westen nicht zu verprellen. Jetzt verhandeln die Russen mit Amerikanern und Kanadiern über künftige Flüssiggaslieferungen. Aber eine Flüssiggasraffinerie haben sie noch nicht gebaut. Der russische Volksmund umschreibt Gas- und Ölgeschäfte längst mit „auf der Röhre sitzen“.

Rohrleitungen sind leicht zu kontrollieren, leicht auf- und zuzudrehen. Aber die staatlichen Energiewirtschaftler lieben Pipelines noch aus anderen Gründen: An Rohrverlegungen lässt sich sehr gut nebenher verdienen. Vor allem das mittlere Management bei Gasprom arbeitet nach postsowjetischen Spielregeln: Es zählt nicht, wie viel Gehalt du offiziell bekommst, sondern wie viel Gewinn du aus deinem Posten schlägst. „Alle Einkäufe von Gasprom beruhen auf persönlichen Beziehungen und laufen über Firmen, die den Mitarbeitern des Monopols nahe stehen“, sagte ein anonymer Energieexperte dem Magazin »Russkij Forbes«. So werden Röhren und Technik über dubiose, völlig überflüssige Zwischenhändler erworben, denen man überhöhte Preise zahlt. Wadim Klejner vom Hermitage Capital Management hat ausgerechnet, dass Gasprom für jeden Kilometer gebaute Pipeline drei- bis viermal mehr ausgibt, als in anderen Ländern üblich ist.

Einerseits wickelt sich das firmeneigene Rohrleitungssystem mit einer Länge von 153.000 Kilometern fast viermal um den Erdball. Andererseits schiebt Gasprom die Erschließung neuer Felder auf der Halbinsel Jamal Jahr für Jahr vor sich her. Jamal gilt als zentrale Rohstoffbasis des Konzerns, doch die Erschließung neuer Gasfelder ist wenig nebengeschäftsträchtig, und Gewinne macht man erst mit jahrelanger Verspätung. Also verkauft man lieber das erreichbare Gas, statt mehr zugänglich zu machen – seit 1999 stagniert die Gasförderung bei Gasprom.

Auch der boomenden Ölbranche droht Stagnation. Lagen die Wachstumsraten in den beiden Vorjahren noch bei elf und neun Prozent, förderte Russland im Jahr 2004 mit 479 Millionen Tonnen Erdöl nur 2,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Fachleute wie Milow glauben, das läge auch an der staatlichen Steuerpolitik: Inzwischen kassiert der Staat fast 96 Prozent Steuern auf die Gewinne, die bei Preisen ab 25 Dollar das Barrel fließen. Der Staat hortet einen Stabilitätsfonds von umgerechnet mehr als 43 Milliarden Euro, während den Produzenten die Lust vergeht, zu investieren. Viele in der Branche fürchten, dass Förderlizenzen künftig nur noch an Staatskonzerne gehen, andere, dass ihnen Steuerpolizei und Staatsanwaltschaft demnächst ähnlich zu schaffen machen könnten wie Michail Chodorkowskij: Der Ölmilliardär sitzt wegen Steuerhinterziehung in einem ostsibirischen Straflager.

Petroserje hätte zum Russland der Röhren gehören können -ein paar Meter neben dem Mast, an dem das Stromkabel endet, ragt ein schwarzes Rohr aus dem Schnee. „Da haben die Geologen nach Öl und Gas gebohrt“, erzählt Viktor. „Anfang der sechziger Jahre.“ Aber gefunden haben sie nichts. „Jetzt heißt es, Gasprom wolle hier ein Hotel bauen.“ Diesmal grinst Viktor nicht. „Aber ich bin dagegen, weil dann hier Müll und Säufer auftauchen werden.“ Später, in der Gemeindeverwaltung 20 Kilometer weiter nördlich, stellt sich das Gasprom-Hotel als Gerücht heraus. Das Unternehmen investiert ganz woanders: Es hat umlängst den russischen Fußballklub Zenit St. Petersburg gekauft und will dem Erstligaverein ein neues Stadion bauen. Für sterbende Dörfer fühlt es sich nicht zuständig.

Das neue Russland hängt das alte Russland ab. Moskau, Sankt Petersburg und die Regionen, die mit Öl, Gas oder anderen Bodenschätzen gesegnet sind, geben sich als boomende Industrienation. Das arme agrarische Russland überlebt dagegen fischend, holzfällend, kartoffelackernd, in einer anderen Zeit. Wer kann, flieht aus dem alten in das neue Russland. 14 Millionen Menschen bevölkern inzwischen inoffiziell Moskau, während von 155.000 russischen Dörfern 34.000 nur noch zehn oder weniger Bewohner zählen. 13.000 stehen leer. Schulen schließen mangels Kindern, Familien fliehen, in Sibirien zerlegt man ganze Wohnhäuser, um sie anderswo wieder aufzubauen.

Es bleiben nur die Alten. Auch in den Dörfern mit Schulen flackert die Hoffnung wie eine erlöschende Kerosinlampe: Kolchosebauern verdienen im Monat keine 100 Euro, sie sind viel zu arm, um ihren Kindern die Schmiergelder, Studiengebühren und Mieten für eine Universitäts- oder Fachhochschulausbildung zu finanzieren. Oft fehlt sogar das Geld für die Busfahrkarte, um in die nächste Stadt zu kommen. In Nowaja Orscha, dem letzten Ort vor Petroserje, hat uns jemand Grüße an Sascha Kossygin ausgerichtet. „Sascha Kossygin war unser Brigadier“, sagt Viktor. „Aber der ist längst gestorben.“ „Lasst uns Tee trinken. Oder Kaffee, Pulverkaffee mit Trockenmilch und Moosbeeren.“ Viktor stellt Zaunlattenscheite senkrecht ins Herdloch: „So geben sie mehr Wärme.“ Auch er zieht seine in Gummigaloschen steckenden Filzstiefel nicht aus. Das Thermometer zeigt jetzt immerhin sieben Grad plus.

Auch das neue Russland ist alt: Alte Raffinerien, alte Heizungen und alte Rohre fressen viel Energie Doch in diesem Rekordwinter friert nicht nur das hölzerne Russland – auch im Russland der Röhren gibt es Risse: Seit Jahren häufen sich Rohrlecks in den Gasprom-Pipelines. Kein Wunder, laut Milow sind die Leitungen mit einem Durchschnittsalter vom 33 Jahren schrottreif. Ein offiziell nie veröffentlichter Bericht des russischen Rechnungshofes nennt 57 Prozent der Gasprom-Produktionstechnik „abgenutzt“. Von 25 russischen Ölraffinerien sind 20 seit mehr als 40 Jahren in Betrieb. Mit der veralteten Technik produzieren sie aus dem Öl nur 16 Prozent Benzin, in US-Raffinerien sind es 44 Prozent.

Die Generatoren vieler russischer Stromwerke sind ähnlich museumswürdig, bereits 2003 galten 58 Prozent der elektroenergitischen Produktionsmittel Russlands als abschreibungsreif.

Die Verbrennungseffizienz der gebräuchlichen russischen Dampfkraftgeneratoren ist um 40 bis 50 Prozent niedriger als die europäischer Generatoren. Die russische Stromwirtschaft muss deshalb jährlich 40 bis 50 Milliarden Kubikmeter Gas zusätzlich verheizen, mehr als Russland zurzeit nach Deutschland exportiert. Mangels moderner Technik und Wärme-Isolierungen braucht die russische Industrie 0,5 Kilo Öläquivalent, um einen Dollar Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Die meisten Industrie-, aber auch Schwellenländer benötigen 0,1 bis 0,2 Kilo Öläquivalent.

Noch trostloser sieht es in Russlands Kommunalwirtschaft aus. Einerseits fehlen in fast allen Stadtwohnungen Heizregler, im Winter kann man die Temperatur nur ändern, indem man das Fenster öffnet. Andererseits sind die kommunalen Heiz- und Wasserrohre rostig, leck, schrottreif. Insgesamt frisst die veraltete Infrastruktur etwa 40 Prozent der in Russland hergestellten Energie.

Im gusseisernen Kessel auf Viktors Ofen kocht das Wasser. „Ich habe immer heißes Wasser. Da können sie am Radio noch so viel melden, dass in Moskau wieder die Heizungen ausfallen“, Viktors Stimme klingt zufrieden, aber nicht schadenfroh. „Für das kommende Jahr haben sie minus 50 Grad angekündet.“ Die Kältewelle ließ in ganz Russland Wärmetrassen platzen. Allein im Januar führte nach offiziellen Angaben „übermäßige Abnutzung der Netztechnik“ zu 36 kapitalen Ausfällen in der Kommunalwirtschaft. Zehntausende Stadtbewohner fanden sich in ungeheizten Wohnungen wieder, in einigen Plattenbauten rissen die Wände. Auch die Stromerzeugung stagniert seit Jahren, während der Bedarf wächst, vor allem in den Millionenstädten. Mangels Strom zwang der Energieversorger RAOUES allein in Sankt Petersburg 650 Industriebetriebe, ihre Produktion ganz oder teilweise zu stoppen.

Der russische Energiesektor muss dringend und gründlich renoviert werden. Nach Schätzung des Ministeriums für Industrie und Energetik sind für Ausrüstung und neue Kraftwerke bis 2015 zwischen 48 und 65 Milliarden Dollar nötig. Die Internationale Energieagentur schätzt den Investitionsbedarf des russischen Energiesektors bis zum Jahr 2020 auf 170 bis 270 Milliarden Dollar. Anatolij Tschubais, der Chef von RAO UES will angesichts der Lage nicht mehr von National-Ideen reden: „Hier herrscht eine andere Logik: Wenn wir jetzt nichts tun, geht das Licht aus.“ „Was aus mir wird, wenn ich richtig alt bin?“, fragt Viktor. „Darüber habe ich mir nie den Kopf zerbrochen.“ Auch Tolja mag Petroserje nicht verlassen: „Ich habe eine Schwester im Kreiszentrum, die will mich zu sich holen. Aber wer kümmert sich dann um meine Ziegen?“ Tolja sitzt wieder am Ofen, raucht, heizt und hustet. Eine traurige Gestalt mit offenem Hosenstall. Ich biete ihm 500 Rubel an, für die Übernachtung. Er schaut auf den Geldschein, dann auf mich. „Wozu gibst du mir Geld? Du hast wohl zu viel davon.“ Plötzlich klingt seine Stimme sehr selbstsicher: „Nein, wir leben hier unser Leben ohne Geld.“ Die Werte des neuen Russland kümmern das alte, hölzerne Russland nicht.“ ---