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Arbeit

Sollte man haben. Aber nicht nur, um Geld zu verdienen.




"Wenn man keine Arbeit mehr hat, wird es schwierig, sich selbst richtig einzuschätzen, denn man gerät nie in Stresssituationen." Iain Levison: Betriebsbedingt gekündigt Jake Skowran lebt in einem dieser Orte, die es heute überall gibt: Der örtliche Hauptarbeitgeber, ein Maschinenbauer, ist weg, nicht weil die Fabrik Verluste gemacht hat, sondern weil woanders mehr Gewinn erwartet wurde - jetzt vegetiert die Kleinstadt in Wisconsin unauffällig vor sich hin. Genau wie Skowran: Nachdem er seinen Job verloren hat, hat ihn seine Freundin verlassen, und nun hockt er allein zu Haus, verliert Geld beim Wetten, wartet auf eine neue Fabrik, verkauft nach und nach sein Eigentum und versucht bei all dem, sein absehbares Ende zu verdrängen - irgendwann wird er auf der Straße landen.

Bis ihm sein Buchmacher einen Vorschlag macht: Er soll dessen Freundin erschießen. Für 5000 Dollar. Von denen nach Abzug seiner Wettschulden noch 800 Dollar bleiben. Das ist nicht viel, reicht aber immerhin für einen neuen Fernseher. Und mehr. Doch das Geld ist nicht das Entscheidende: "Ich verlasse sein Büro und gehe zurück zu meinem Wagen, nicht schweren Herzens wie ein Mann, der zugestimmt hat, alle seine Wertvorstellungen über Bord zu werfen, sondern beschwingt wie ein Mann, der einen Job gefunden hat." Iain Levisons böser Roman "Betriebsbedingt gekündigt" handelt von der Freude an der Arbeit und wie die sich neue Wege sucht. Skowran wird zum Killer und blüht dabei auf. Er plant, führt aus und freut sich über eine gut erledigte Aufgabe. Ein erstklassiger Arbeiter, der über seine Pistole sagt: "Ich betrachte sie als ein Werkzeug, und Werken ist etwas Ehrenhartes. Das ist etwas, was die Leute, die das Werk dichtmachten, nie begriffen." In diesem Satz zeigt sich die Grenze, die Skowran zieht: Auf der einen Seite stehen Arbeiter wie er, die etwas Greifbares, Reales tun. Und auf der anderen Seite befinden sich Menschen, die gestützt auf Zahlen und Theorien die Wirtschaft steuern, ohne wirklich zu wissen, womit sie tatsächlich zu tun haben.

Ich sehe das ähnlich. Auch ich habe den Eindruck, dass es eine neue Spezies gibt, die das Phänomen Arbeit grundsätzlich nicht begreift. Allein der Glaube, Menschen brauchten Anreize zur Arbeit, weil sie sonst nichts tun, vertreten von Leuten, die sich sonst für jeden Quatsch auf die Evolution berufen, die mit ihr den Wettbewerb begründen oder gar eine natürliche Auslese - wie kommen die darauf? In der gesamten Menschheitsgeschichte, seit mehr als 100 000 Jahren, sind die Leute aktiv, immer am Machen - und das soll sich quasi über Nacht geändert haben?

Levison legt in seinem Buch nahe, dass wir es bei dieser Sorte Managern mit einer nicht nur von sinnvoller Arbeit total entfremdeten Spezies zu tun haben. Sein Held trifft einen solchen Totaltheoretiker, als ihm ein Freund einen Job in einer Tankstelle vermittelt und er fortan neben seinen Mordgeschäften zur Tarnung Benzin und Mineralwasser verkauft. Er hat recht schnell ein Bild von seinen Chefs, die für ihre "imaginären Profitmargen von völlig aus der Luft gegriffenen Vorstellungen ausgehen, die sie sich beim Weintrinken oder Spätabendpoker zusammengesponnen haben". Schließlich trifft er einen leitenden Angestellten, der die Filiale inspiziert: 30, grauer Anzug, sauber rasiert, "er verwechselt harte Arbeit mit aggressivem Geldraffen". Doch mehr als die Gier argem ihn dessen Arroganz und sein Misstrauen. "Sie halten jede Arbeiter-Ameise unter ihnen für einen potenziellen Schwerverbrecher, der darauf brennt, Hand an ihr Zeug zu legen. Aber ich und meine Kollegen arbeiteten nicht für sie, nicht mal für unsere Gehaltsschecks. Wir arbeiteten für uns selbst ..." Ich denke, dieses Gefühl kennt jeder, der jemals etwas erschaffen hat, in einer Fabrik oder einer Werkstatt, in einem Team oder allein, für einen Kunden oder in seiner Freizeit, zu Haus oder im Garten, wie, wo, wann auch immer. Das befriedigende Gefühl der Vollständigkeit. Diese Sattheit, die den Hunger nach Sinn stillt. Eine große, angenehme Sache. Das war früher der Mittelpunkt des Lebens: Die Menschen waren, was sie taten. Heute dagegen scheinen sich viele Menschen anders zu sehen: Sie glauben zu sein, was sie haben, Eigentum, Symbole, Marken, bedeutungstragendes Material.

Wir wissen, woher das kommt. Vom großen Rad des endlosen Konsums, angetrieben von einer Wirtschaft, die von sich glaubt, sie müsse stetig wachsen, um überleben zu können, und deshalb den Menschen Zeug aufschwatzt, auch wenn die längst nichts mehr brauchen. Ich fürchte allerdings, dass ein Haufen Statussymbole oder gar bloß eine Zahl auf einem Kontoauszug keine sinnvolle Tätigkeit ersetzen kann. Denn Status und Geld sind eben nur abstrakte Konzepte - Arbeit ist etwas Reales.

Jake Skowran ist ein Arbeiter, also ein Realist. Als er sich verliebt und sich überlegt, was er zuerst tun soll, bei einem Kumpel vorbeifahren, um ihn umzulegen, oder ins Blumengeschäft, um seiner Freundin Rosen zu kaufen, wird ihm klar, dass sein Leben so nicht weitergehen kann. Er bleibt unabhängig, doch er wechselt die Branche, vom selbstständigen Killer zum bürgerlichen Kaufmann, und kann auch damit leben, dass einige Fragen unbeantwortet bleiben. "Vielleicht ist das ein Zeichen für ein falsch geführtes Leben, dass man alle diese Leute kennt, die umgelegt werden müssen. Vielleicht sind aber auch diejenigen, die getötet werden müssen, diejenigen, die ein falsches Leben führen. Was auch immer." Eben: was auch immer! Das sind schließlich nur so Gedanken. Was zählt ist, was man tut. Iain Levison: Betriebsbedingt gekündigt. Matthes & Seitz Berlin, 2005; 224 Seiten; 19,80 Euro