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Wohlstandsmaximierung als Soziale Innovation

Richard Posner hat eine eigene Ethik des Kapitalismus entwickelt. Er predigt Effizienz. Misstraut Mindestlohn, Gewerkschaften und Kündigungsschutz. Und befürwortet den freien Handel mit menschlichen Organen, Babys und Drogen. Aber wer sagt, dass ein Utopist auch Moralist sein muss?




Richard Posner ist der erfolgreichste und mit Abstand meist zitierteste Rechtswissenschaftler unserer Zeit. In den USA ist er als Publizist und Kommentator berüchtigt für rücksichtslose Kritik und radikale Ansichten. Der 67-Jährige ist einer der Gründer und führenden Köpfe der Law-and-Economics-Bewegung. Er ist einer der angesehensten und bekanntesten Richter des Landes. Und er ist ein unbarmherziger Realist. Oder Materialist? Vielleicht ist er auch nur ein hart rechnender Ökonom. Angekommen in der sechsten Etage der Law School an der University of Chicago, öffnet sich die Aufzugtür zu einem dämmrigen Bücherdepot. Alle paar Meter sind die Wände von Türen zu Arbeitszellen durchbrochen. Ein Arrangement von klösterlicher Bescheidenheit. Auf den Türen stehen die Namen prominenter Rechtsgelehrter. Nummer 611: Richard Posner.

Gerade kommt er um die Ecke gebogen. Er wirkt jünger als auf den Fotos, die man von ihm kennt. Und für jemanden, dem nachgesagt wird, er verbringe seine gesamte Zeit mit Arbeiten, erstaunlich stilbetont. Nicht extravagant, eher lässig: in den Schultern leicht vornübergebeugt wie viele große Menschen, mit blauem Trenchcoat, Hut und Plastiktüte in der Hand. Es werden nicht viele höfliche Worte gewechselt. Zur Sache!

Vor kurzem hat Richard Posner sich in dem Weblog, das er gemeinsam mit seinem Kollegen Gary Becker führt, für die Legalisierung des Handels mit menschlichen Organen ausgesprochen. 50 000 Patienten stehen allein in den USA auf der Warteliste für eine Nierentransplantation. Aber nur 15 000 Operationen können jedes Jahr durchgeführt werden - wegen Mangels an Spendernieren. Allein im Jahr 2000 starben 3000 Patienten, während sie auf eine Spenderniere warteten.

Ein legaler Markt für Organe, auch von lebenden Menschen, glauben Posner und Becker, würde für die Transplantationschirurgie und ihre Patienten die Versorgungslage wesentlich verbessern. Auch der Organ-Schwarzmarkt, wie er heute etwa in der Türkei oder Indien existiert, könnte eingedämmt werden.

Egal, ob lebensrettend oder effizient: Für das konservative Amerika ist die Vorstellung, dass Organe zu Waren werden könnten, ein Albtraum. "Wenn wir unsere Körper verkaufen, dann ist es zu einem Ausverkauf unserer Seelen nur noch ein Schritt", warnt Leon Kass, der langjährige Vorsitzende von Präsident Bushs Bioethik-Kommission.

Seelen? "Man kann nichts verkaufen, was es nicht gibt." Richard Posner lacht. "Der Verkauf einer Niere oder eines Teils der Leber ist wie der Verkauf von Blut. Blut ist auch ein Organ." Aber gibt es da nicht ein Dilemma? Auf der einen Seite steht der Wunsch nach effizienter medizinischer Versorgung und auf der anderen unsere Skrupel vor Geschäften mit den Bestandteilen des menschlichen Körpers sowie unser Unwille, einen Menschen als Ersatzteillager zu betrachten. Nein, sagt Posner, ein Dilemma kann er beim besten Willen nicht erkennen. Aber was soll man auch erwarten von einem, der sich vor einiger Zeit sogar dafür ausgesprochen hat, das gegenwärtige Adoptionssystem zum Nutzen aller Beteiligten durch einen Babyhandel zu ersetzen? ("Nicht Babyhandel, sondern Verkauf von Elternrechten", pflegt Richard Posner an dieser Stelle zu insistieren.) Seit etwas mehr als einem Jahr betreiben Gary Becker und Richard Posner ihr gemeinsames Blog. Gewöhnlich stimmen die beiden in ihren Grundansichten überein. Aber es gibt Ausnahmen, " Bei der Todesstrafe glaubte Posner, dass die wissenschaftlichen Belege dafür, dass Exekutionen eine abschreckende Wirkung haben, solide sind, während ich eher meine, dass die Befunde auf wackligen Füßen stehen", erinnert sich Gary Becker.

Das Büro des Wirtschaftsnobelpreisträgers, ein Erkerzimmer mit undurchsichtigen bunten Fenstern, liegt in einem der im Stil britischer College-Gothik erbauten Häuser in der Mitte des Chicagoer Campus. Auf einem der beiden überfüllten Schreibtische liegen stapelweise Prüfungsarbeiten. Obzwar bereits Mitte 70, Unterricht Becker immer noch ganz regulär. Und wie üblich verbringt er das Wochenende im Büro.

Gary Becker, neben Milton Friedman und George Stigler einer der bekanntesten Männer aus der beeindruckenden Reihe von Nobelpreisträgem, die das Institut für Ökonomie der Chicagoer Universität hervorgebracht hat, gilt als der Erfinder der "Economics of Everything". Er hat der Ökonomie den Weg geebnet zur Analyse sozialen Verhaltens und von Institutionen wie Familie und Heirat, Diskriminierung und Verbrechen. Mit Richard Posner verbindet ihn eine lange Komplizenschaft.

"Ich habe ein Buch über die Ökonomie der Familie geschrieben", erklärt Becker die gemeinsamen Interessen, "Richard eines über Sex and Reason" - eine rechtsökonomische Studie über Heirat und Homosexualität, Abtreibung, Pornografie und Vergewaltigung. Beide haben über Katastrophenmanagement gearbeitet. Und gerade verfassen sie gemeinsam einen Aufsatz, in dem es um die Frage geht, unter welchen Umständen es gute Gründe für einen Selbstmord gibt. Schockierende Themen, kombiniert mit tabuloser ökonomischer Analyse - daran finden Becker und Posner gleichermaßen Gefallen.

Außerdem haben die beiden in den siebziger Jahren die so genannte Law-and-Economics-Bewegung mit begründet, eine Strömung in der Rechtswissenschaft, die ökonomische Methoden auf Gesetzgebung und Rechtsprechung überträgt. Posner hat den ökonomischen Ansatz zu einer ganzen Gesellschaftstheorie weiterentwickelt, einer Ethik des Kapitalismus. "Wohlstandsmaximierung" nennt er sein Konzept. Der Grundgedanke ist simpel: Alle Markttransaktionen sollen danach beurteilt werden, ob sie den gesellschaftlichen Reichtum mehren. "Wenn jemand seine Briefmarkensammlung für 90 Dollar anbietet, der Kaufinteressent aber bereit wäre, 100 Dollar zu zahlen", erklärt Posner, "dann steigt, wenn der Handel zu Stande kommt, der gesellschaftliche Reichtum um zehn Dollar." Wer bei dem Spiel gewinnt und wer verliert, ist einerlei - solange die Summe des Reichtums insgesamt steigt. Und das, meint Richard Posner, ist auch korrekt so. Nur: Warum ist das eine Ethik? Anstelle einer Antwort erzählt Richard Posner eine seiner Lieblingsgeschichten: "Es gibt da ein Wachstumshormon für Zwerge, das sehr teuer ist. Und es gibt einen armen Zwerg sowie einen reichen Mann, der sein normal gewachsenes Kind gern etwas größer hätte. Wer von den beiden soll das Wachstumshormon bekommen? Für den Reichen ist das Hormon wertvoller - zumindest in den Begriffen von Wert, Nutzen oder Wohlstand, von denen ich spreche. Er ist bereit, mehr dafür zu zahlen. Aber der arme Zwerg ist sicherlich bedürftiger. Wie soll man entscheiden?

Zunächst will man natürlich eine effiziente Methode haben, um dieses Wachstumselixier zu verteilen. Das ist wie bei den Organen. In der gegenwärtigen Situation, in der wir einen Mangel an Organspenden haben, spielt die medizinische Bedürftigkeit eine Rolle. Aber ist ein Patient, der in einem so schlechten Zustand ist, dass eine Organverpflanzung sein Leben nur um wenige Monate verlängert, bedürftiger als einer, dem es jetzt noch besser geht, der aber durch eine Transplantation nicht nur Monate, sondern Jahre zusätzlicher Lebenszeit gewinnen könnte und der ohne eine Transplantation ebenfalls sterben würde?

Solche Fragen sind schwierig zu entscheiden. Die Vergabe nach Bedürftigkeit zu regeln ist deshalb weder besonders praktikabel noch in vertretbarer Weise effizient. Der Markt ist ein weit besser geeignetes Instrument zur Verteilung." Und der bedürftige Zwerg? "Ich persönlich würde das Zeug dem Zwerg geben - aber nicht, indem man den Marktpreis manipuliert, sondern dadurch, dass die öffentliche Gesundheitsfürsorge ihm hilft, das Medikament zu kaufen", meint Posner. "Mein Problem ist nur, dass ich nicht wüsste, wie ich jemanden davon überzeugen sollte, der anderer Meinung ist." Moral ist eine Illusion, mit der man keine Konflikte lösen kann Richard Posner sagt das leichthin, aber es ist eine seiner radikalsten Überzeugungen: Moral hält er für eine Illusion. Und jemanden mit Argumenten von der Notwendigkeit gerechten Handelns zu überzeugen, für aussichtslos. Darüber hinaus, meint er, führt die Moral in den meisten Fragen zu keiner Lösung. Ob es um Abtreibung, Leihmutterschaft oder Anti-Diskriminierungspolitik geht: Die Moral stellt laut Posner lediglich ein Vokabular zur Verfügung, mit dessen Hilfe Menschen Ansichten zum Ausdruck bringen können, mit denen sie sich gefühlsmäßig stark verbunden fühlen. Aber sie sei nicht in der Lage, Konflikte zu lösen. "Entweder die Leute stimmen in ihren Ausgangsgedanken überein. Oder eben nicht. Und da kann man nichts machen: Die Lücke, die sich zwischen den verschiedenen Ansichten auftut, ist nicht zu schließen." Posner behauptet das nicht nur, er hat ein Buch über Fragen der Moral geschrieben - und sich dabei, mit der gewohnten Gründlichkeit, mit so ziemlich allen Autoren auseinander gesetzt, die in der gegenwärtigen moralphilosophischen Debatte eine Rolle spielen. Für einen Grundirrtum des Liberalismus hält er die Annahme, es gebe eine rationale Methode zur Ermittlung des moralisch Gebotenen. "Liberale gehen davon aus, dass vernünftige Leute am Ende in vielen Punkten übereinstimmen. Aber das stimmt nicht: Der Kampf ist nicht aus der Welt zu schaffen." Das Konzept der Wohlstandsmaximierung umgeht alle moralischen Fragen, "sie reduziert die Menge des Unlösbaren". Außerdem ist es praktisch; Ein Staat, der sich darauf beschränkt, für gesellschaftliche Wohlstandsmaximierung zu sorgen, würde den Zielen der meisten Menschen gerecht. Allerdings: "Wie immer man dazu stehen mag: Aus der Ethik der Wohlstandsmaximierung folgt nicht, dass die Gesellschaft irgendeine Pflicht hat, den Bedürftigen zu helfen. Jemand, der nichts zur Mehrung des sozialen Wohlstands beizutragen hat, verdient keine Unterstützung. Das mag unserer modernen Empfindlichkeit zuwiderlaufen. Aber ich sehe nicht, wie man dieser Schlussfolgerung ausweichen könnte." Es sieht schlecht aus für den Zwerg. Richard Posner betrachtet es weder als eine Aufgabe der Regierung noch als eine der Rechtsprechung, den nach der Reichtums-Maximierung erwirtschafteten Profit auf gerechte Weise zu verteilen. "Regierungen treffen ihre Entscheidungen nicht nach ethischen Grundsätzen. Und ich meine, dass nicht einmal Gerichte dazu da sind, der Moral zur Anerkennung zu verhelfen oder Ideale von Unparteilichkeit, Gerechtigkeit und Fairness zu starken. Sie bekräftigen lediglich bereits getroffene Übereinkünfte. Darüber hinaus sollten sie lediglich das Prinzip der Wohlstandsmaximierung verfolgen." Aber wie kann man so ein Prinzip als Ethik bezeichnen? Nun, der Zwerg hat eine Chance: "Wenn die Mehrheit der Bürger es wünscht, dass die Regierung Arme und Bedürftige unterstützt, dann wird dies auch geschehen. Sonst nicht." Ein Akt der Gnade, rational weder zu begründen noch gefordert. "Das", fügt Posner hinzu, "ist Demokratie." Wie kommt einer zu so radikalen Ansichten? Richard Posner ist in New York aufgewachsen und hat sich bis zum Alter von ungefähr 30 Jahren eigentlich immer für einen Liberalen gehalten. Wie auch anders? Seine Mutter, eine bekennende Kommunistin und fromme Jüdin aus einer aus Wien stammenden Familie, hatte ihm sein Leben lang eingetrichtert, dass Konservative schlecht wären. Mag sein, dass Posner, wie seine gute Bekannte, die Philosophin Martha Nussbaum, meint, gerade wegen seiner religiösen und kommunistischen Erziehung heute den Glauben an Anstand und Moral verachtet und Amoralisten wie den Schriftsteller André Gide oder Nietzsche verehrt. Aber es kam wohl noch etwas hinzu. Als Posner während seiner ersten Lehrtätigkeit in Stanford die Chicagoer Ökonomen Aaron Director und George Stigler kennen lernte, musste er zu seiner Überraschung feststellen, dass die beiden genau so dachten wie er. Er folgte ihnen und übernahm ein Jahr später, 1969, eine Professur an der Universität von Chicago. Hier ging es dann richtig los.

Das Universitätsgelände in Hyde Park liegt zwischen der 55sten und der 60sten Straße im Süden der Stadt. Von der Innenstadt fährt man mit einer U-Bahn und weiter mit dem Bus. Nur mit dem Bus. Niemals zu Fuß! Denn Hyde Park, ein familienfreundlicher und ruhiger Stadtteil, ist umgeben von Ghettos. "Das ist hier wie in Israel. Die Universität ist Jerusalem", sagt Mark Lilla, der als Professor am Committee on Social Thought an der Universität Ideengeschichte lehrt. "Und wenn man zum Michigan-See rübergeht, ist dort Tel Aviv mit dem Strand. Aber sonst ist man umzingelt." Die Post, so steht es im Reiseführer, weigere sich zuweilen, Briefe zuzustellen; die Behörden hätten bereits erwogen, zum Schutz der Kinder auf dem Schulweg die Nationalgarde einzusetzen. Die Universität, die ihren Studenten als Warnung regelmäßig einen lokalen Kriminalreport zustellt, bietet einen Begleitservice an, für den Fall, dass man auf dem Campus keinen Parkplatz gefunden hat und auf umliegende Straßen ausweichen muss.

Wer in Hyde Park bestehen will, muss eine gewisse Härte mitbringen. "Es gibt da einen merkwürdigen Stolz", erklärt Mark Lilla. "Wir haben kein Kino hier. Es gibt keine Farbe an den Gebäuden, kaum Restaurants, nur eine Bar." Ein befreundeter Biologieprofessor, erzählt Lilla, habe ihm mal berichtet, wie er das erste Mal in Chicago ankam. "Ein schwerer Schneesturm hatte die Stadt lahmgelegt, die Schulen waren geschlossen. Der Professor ging davon aus, dass die Universität folglich auch geschlossen sein würde und erschien deshalb nicht zum Unterricht. Seine Studenten waren total aufgebracht. Sie machten ihm klar, dass sie gerade wegen des Wetters nach Chicago gekommen seien - um ihre Ernsthaftigkeit unter Beweis zu stellen. An diesem Tag hatte er eine Lektion gelernt." Seine Standpunkte sind radikal, jenseits von Links und Rechts Auch der Umgangston ist rau. "Beim Argumentieren geht es hart zur Sache, ohne dass irgendwelche persönlichen Rücksichten genommen werden. Und anschließend geht man zusammen essen. In Harvard oder in Yale ist das völlig anders: Dort gibt man sich öffentlich höflich und zieht dann im Privaten übereinander her." Richard Posner passt gut hierher. Als Kritiker teilt er aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn man seine Bücher liest, sollte man meinen, dass etwa er und die Chicagoer Philosophin Martha Nussbaum erbitterte Gegner sein müssten, so explizit greift er sie immer wieder an. "Aber Martha und Posner sind befreundet", sagt Lilla.

Posner bezieht gern radikale Standpunkte. "Dabei spielen Rechts und Links so gut wie keine Rolle", sagt Mark Lilla. "Man weiß nie, was bei ihm rauskommt." Posner, der 1981 von Ronald Reagan zum Richter des Chicagoer Berufungsgerichtes ernannt wurde, ist dagegen, die Abtreibung von Föten unter Strafe zu stellen, er ist für die Entkriminalisierung des Marihuana-Konsums, fordert den Beitritt der USA zur Kyoto-Klimavereinbarung und tritt für die Sterbehilfe ein. Auf der anderen Seite ist er ein kompromissloser Verfechter des freien Marktes, ein Gegner von Mindestlohn, Gewerkschaften, Steuerprogression und Kündigungsschutz und ein Befürworter der Todesstrafe.

Vielleicht wurde Posner gerade wegen der Unkalkulierbarkeit seiner Ansichten Ende 1999 im Kartellverfahren gegen Microsoft als Vermittler hinzuzogen. Beide Parteien konnten sich zu Recht erhoffen, dass er in ihrem Interesse agieren würde. Trotzdem gab Posner, nachdem eine Einigung mehrmals zum Greifen nahe schien, nach einigen Monaten auf. Der Vermittlungsversuch blieb erfolglos, erst unter der neuen Regierung Bush konnte der Streit beigelegt werden.

Aber am meisten erstaunt an Richard Posner, dass er alles auf einmal macht. Sein umfangreiches publizistisches Werk umfasst so verschiedene Themen wie das Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton, die Gesundheitspolitik in den Zeiten von Aids, den umstrittenen Präsidentschaftskampf zwischen Bush und Al Gore und eine umfassende Abhandlung über Urheberrechtsschutz und geistiges Eigentum. Sein jüngstes Buch handelt von Megakatastrophen wie Pandemien, plötzlichem Klimawandel und Asteroideneinschlägen.

Allerdings haben die meisten Themen, die Posner aufgreift, eines gemeinsam: Es handelt sich um Fragen und Probleme, über die in der Forschung noch kein Konsens besteht, um Marktlücken im Mittelfeld zwischen wissenschaftlicher Expertise und journalistischer Recherche. In diesem Mittelfeld ist Richard Posner wie kaum ein anderer zu Hause. Als im Juli 2004 die Nationale Kommission zur Untersuchung der Terrorattacken gegen die USA ihre Arbeit beendete, wurde er von der "New York Times", für die er regelmäßig Beiträge verfasst, damit beauftragt, den Untersuchungsreport zu besprechen. Er begann, der 9/11-Kommission hinterherzurecherchieren, aus der Rezension für die "New York Times" entwickelte sich ein eigenes Buch: "Preventing Surprise Attacks - Intelligence Reform in the Wake of 9/11".

Um sich über die Möglichkeiten der Terrorabwehr durch die Geheimdienste ein Urteil bilden zu können, arbeitete sich Posner in die wissenschaftliche Literatur über Überraschungsangriffe und die Reform von Organisationen ein - beides Gebiete, die, wie er beklagt, die Kommission völlig außer Acht gelassen hatte. Sein Fazit; Überraschungsangriffe, die mit einer nur geringen Aussicht auf Erfolg unternommen werden und sich auf ein untergeordnetes Ziel richten, hätten eine relativ große Chance zu gelingen. Kein Staat sei in der Lage, sich dagegen zu wappnen.

Eine Zentralisierung der 15 Geheimdienstorganisationen der USA würde diese Tendenz sogar verstärken, denn für Jahre würde eine solche Reform einen gewaltigen bürokratischen Mehraufwand bedeuten. Und am Ende käme eine Organisation heraus, deren Angehörige wenig Gründe hätten, ihre Arbeitskraft und ihr Wissen optimal zum Einsatz zu bringen, und die außerdem nur noch nach dem Herdentrieb funktionierten. Alles wird von Posner akribisch belegt, mit mathematischen Risikokalkulationen, Modellen zu Anreizstrukturen in Unternehmen, Vergleichen mit Geheimdiensten anderer Länder und Präzedenzfällen zur Umstrukturierung von großen Organisationen.

Doch mit seiner harschen Kritik steht er mehr oder weniger allein. Niemand aus den Reihen der Journalisten und Medien-intellektuellen, klagt Posner, habe sich des komplexen und abstrakten Themas der Geheimdienstreform annehmen wollen. Die Instrumente der kritischen Öffentlichkeit hätten versagt, ja, sie mussten laut Posner sogar versagen - in Anbetracht der Anreizstrukturen für Journalisten in den Zeitungen und Fernsehsendern und auf dem Markt der Intellektuellen.

Mit dieser Klage greift Posner das Thema eines früheren Buches auf, "Public Intellectuals". Unterfüttert mit statistischen Belegen und einer Reihe von Fallstudien demontierte Posner auf 400 Seiten die Vorstellung, dass Intellektuelle - heutzutage fast ausnahmslos verkörpert durch in die Medien drängende Universitätsangestellte - die Politik beraten könnten. Im Gegenteil: Weil das Geschäft der Medienintellektuellen keiner Qualitätskontrolle unterläge, benähmen sich die Wissenschaftler vor der Kamera und in den Kolumnen der Zeitungen so verantwortungslos wie Touristen im Urlaub.

Der Mann arbeitet immer, da hat er für den Alltag keine Zeit Journalisten dagegen, wie der " New-York-Times"-Reporter und Pulitzer-Preis-Träger James Risen, der ein Buch über die CIA verfasst hat, produzieren in Posners Augen auch in Büchern nur Geschwätz, "genauso seicht wie das Zeug, das Risen für die "New York Times" schreibt." Richard Posner muss die Sache also selbst in die Hand nehmen. Eine andere Lösung? "Nein", sagt er, "die sehe ich nicht." Dieses Selbstverständnis erklärt seine monströse Produktivität. Mehr als 30 Bücher hat Richard Posner geschrieben, neben seinen mehr als 300 Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Rezensionen. Als Richter am US Court of Appeals for the Seventh Circuit in Chicago verfasst er im Jahr nicht, wie die meisten seiner Kollegen, etwa 30, sondern an die 80 juristische Gutachten - und zwar, was ebenfalls unüblich ist, eigenhändig. Daneben unterrichtet er noch.

Um all dies zu bewältigen, hat Posner seinen Alltag komplett durchstrukturiert. Alle praktischen Angelegenheiten erledigt seine Frau Charlene. Bis vor einiger Zeit, so ist in einer Geschichte über Richard Posner im "New Yorker" zu lesen, benutzte er nicht einmal seine Geldautomatenkarte. Brauchte er Geld, nahm er es sich aus dem Portemonnaie seiner Frau.

Vor allem aber verabscheut Posner Zeit raubende Geselligkeit. Ein schwedischer Freund, hatte er der Reporterin des "New Yorker" anvertraut, hätte ihm erzählt, dass das Fernsehen in Schweden so schlecht sei, dass die Leute sich in ihrer freien Zeit lieber gegenseitig besuchten. "Aber das ist noch schlimmer", meint Posner. "Wenn man Fernsehen guckt, erhält man wenigstens Informationen und moralische Anleitung. Man lernt, dass man nett zu allein erziehenden Müttern sein soll und dergleichen. Aber wenn man mit Freunden oder der Familie zusammensitzt und sich nur über Banalitäten austauscht - da sehe ich keinen Sinn drin." Es ist schwer zu fassen, dass jemand, der sich als ein hartgesottener Realist gibt und sein Leben mit solcher Ausschließlichkeit der ökonomischen Analyse sozialer Probleme gewidmet hat, dies alles letzten Endes auf nicht mehr als eine Vermutung baut, einen Glauben ohne dessen Stütze alles wie ein Kartenhaus auseinander fallen würde.

Denn dass das Prinzip der Wohlstandsmaximierung zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte wirklich tauglicher ist als andere Prinzipien, lässt sich letztlich nicht beweisen - genauso wenig, wie sich die Moral rational begründen lässt. "Ich versuche gar nicht erst, meine Vorliebe für den freien Markt aus anderen, tiefer liegenden Prinzipien abzuleiten oder gar philosophisch zu begründen", sagt Posner. "So eine Begründung gibt es nämlich nicht - weder für die Wohlstandsmaximierung noch für irgendein anderes ethisches Prinzip. Alles, was ich machen kann, ist lediglich, es in all seinen Konsequenzen darzustellen und öffentlich anzubieten." Daran arbeitet Richard Posner unermüdlich. Und er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Das ist vielleicht nicht sehr moralisch - aber sehr effektiv.