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VON RAFFSÄCKEN, NOTLÖSUNGEN, BELÄCHELTEN, FAULPELZEN, HEULSUSEN, VERSAGERN UND ARMEN SCHLUCKERN

In Deutschland ist Selbstständigkeit vor allem eines: nicht gut angesehen. Deshalb schämen sich viele, die es sind. Und sagen nicht offen, was sie machen, was sie können und was sie wollen. Schade eigentlich. Zum Beispiel für die Wirtschaft.




Kürzlich öffnete Robert Conrad, seit mehr als sechs Jahren und gern freiberuflicher Architekturfotograf in Berlin, eine Postwurfsendung. Der Absender warb für Kredite: "Für Arbeitslose. Rentner. Und Selbstständige." Conrad musste schlucken. Zwar war ihm klar, dass Selbstständigkeit bei vielen kein gutes Image mehr hat. Aber dass sie offenbar bereits für Verarmung und Hilfsbedürftigkeit steht, hatte der 43-jährige Freiberufler nicht geahnt.

Barbara Meili, die 2001 ihren Job als Leiterin Konzernkommunikation in einem großen Industrieunternehmen gekündigt und sich als Kommunikationsberaterin in Zürich selbstständig gemacht hat, trifft manchmal werktags auf der Straße Bekannte. Die Leute fragen dann oft, wie es mit der Arbeit läuft. Strahlt Meili, spürt sie häufig Neid. Ihre Bekannten sagten zwar: "Wie schön, als Selbstständiger kann man arbeiten, wann man will." Insgeheim aber, vermutet sie, dächten viele: "Selbstständige verdienen viel, arbeiten wenig und zahlen keine Steuern." Wenn Meili dagegen über die Arbeit klage, lächelten die Leute und lüden sie großherzig zu einem Kaffee ein.

Thomas Horacek, der nach abgeschlossenem Studium zum Diplom-Braumeister gerade dabei ist, eine kleine Brauerei zu gründen, muss immer wieder die Frage beantworten: "Was machst du überhaupt den ganzen Tag?" Wenn der 29-jährige Süddeutsche dann wahrheitsgemäß antwortet, sagt man ihm: "Von der Planerei kann man auch nicht leben." Sich selbstständig zu machen, spürt er, ist für die meisten keine Karriereentscheidung, sondern eine Notlösung - für die, die keine Anstellung finden. Dabei hat sich Horacek bewusst gegen das Angestelltendasein entschieden. Und keine einzige Bewerbung geschrieben.

Ähnlich geht es der 51-jährigen Hamburgerin Jutta Birkhold. Sie hat vor kurzer Zeit eine Ausbildung zur medizinischen Fußpflegerin absolviert und sich im April im Laden eines befreundeten Friseurs selbstständig gemacht. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und staatlich geprüfte Betriebswirtin, die fast zehn Jahre Redaktionssekretärin beim NDR war, hat sich damit einen Traum erfüllt. Dennoch gab es für diesen mutigen Schritt von vielen Bekannten keine Anerkennung, sondern den Satz: "Medizinische Fußpflege - so was gibt's doch schon in der Nähe." Conrad, Meili, Horacek, Birkhold. Vier Menschen, die sich ohne Not dazu entschlossen haben, selbstständig zu sein. Vier Menschen, die mit neuen Ideen und viel Engagement den Markt beleben. Die alteingesessene Konkurrenten zu Innovation zwingen. Die flexibel sind. Die eigenverantwortlich arbeiten. Für die niemand einen Arbeitsplatz bereitstellen muss. Die mit ihren Investitionen die Konjunktur beleben. Menschen, die jede Volkswirtschaft dringend braucht, um gesund und zukunftsfähig zu bleiben.

Und von denen man gern noch mehr hätte im "Land der Ideen", in dem die traditionellen, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze zunehmend wegfallen und der Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft in vollem Gange ist. Im Jahr 2004 arbeiteten bereits 3,85 Millionen Menschen selbstständig. Derzeit kommen jährlich weit mehr als eine Million haupt- und nebenberuflich hinzu.

Einerseits: Nirgendwo gibt es so viel Förderung für Selbstständige Doch immer noch stehen Selbstständige -es sei denn, sie sind Ärzte, Anwälte oder Steuerberater - hier zu Lande unter Rechtfertigungsdruck. Dabei ist man mittlerweile von Staats wegen sehr um sie bemüht, wie unabhängige Beobachter festgestellt haben. Seit 1999 untersucht das wissenschaftliche Non-Profit-Konsortium Global Entrepreneurship Monitor (GEM) der London Business School fast 40 Länder in Bezug auf ihre Attraktivität für unternehmerische Aktivitäten. In jedem Land werden dazu mindestens 2000 Personen und handverlesene Experten befragt. Ein Ergebnis der jüngsten Untersuchung aus 2004: In keinem anderen Land gibt es eine so gute öffentliche Förderung für Existenzgründer wie in Deutschland.

Und tatsächlich: Ein Blick ins Internet genügt, und jeder, der sucht, findet auf Anhieb eine Vielzahl von Beratungsangeboten, Schulungen, Anlaufstellen und Literatur, speziell zugeschnitten auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen. Es gibt Förderprogramme für existenzgründende Frauen, Coachings für Studenten, die Unternehmer werden wollen, und sogar Gewerkschafts-Hotlines für Selbstständige. Dazu kommen zahlreiche Technologie- und Gründerparks sowie weit überdurchschnittlich gut geschultes Personal in den öffentlichen Einrichtungen.

Neuerdings können Selbstständige gegen einen Monatsbeitrag von knapp 40 Euro freiwillig der Arbeitslosenversicherung beitreten, um im Fall einer Flaute unterstützt zu werden. Nach den Hartz-Reformen gibt es für Selbstständige, deren Gewinn nicht zum Leben reicht, auch die Möglichkeit, ergänzendes Arbeitslosengeld II zu beantragen. Vor allem in der Gründungsphase übernimmt die Bundesagentur für Arbeit etwa die Kosten für die Krankenversicherung. Und bewahrt den Gründer vor einem schnellen Ende.

Dennoch mangelt es in Deutschland nach wie vor an unternehmerischem Geist. Und Selbstständigkeit gilt den wenigsten als erstrebenswert. Warum?

Fragt man Conrad, Horacek oder andere Selbstständige danach, klagen sie selten über Informationsdefizite, mangelnde Förderung oder zu viel Bürokratie. Sondern fangen an, vom Prestige zu sprechen, das man nicht hat, wenn man keine Mail-Adresse oder Visitenkarte von einem großen, namhaften Unternehmen besitzt. Sie erzählen von der Einsamkeit. Sie berichten von der Angst, mit ihrer Geschäftsidee zu scheitern. Vor allem aber klagen sie über das mangelnde gesellschaftliche Ansehen und die zwei klassischen Reaktionen, die andere für sie bereithalten: Neid, wenn das Geschäft gut läuft. Und - seit der Ich-AG-Gründerwelle noch verstärkt - Mitleid, wenn es nicht gut läuft. Zudem plagt viele die Frage nach der eigenen beruflichen Identität: Was ist Selbstständigsein? Ein Beruf? Ein Zustand?

Andererseits: Es fehlt nach wie vor an Wertschätzung für Entrepreneure "Es gibt keine Wertschätzung gegenüber der Leistung der Selbstständigen, sich oder andere in Lohn und Brot gebracht zu haben", sagt Fred Henneberger, Direktor am Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen, der im Rahmen des Forschungsprojektes "Neugründungen von innovativen Kleinstunternehmen, Probleme ihrer Realisierung" mit 50 Kleinstunternehmem ausführliche Interviews geführt hat.

Die Folgen: Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle bei den Selbstständigen. Manchmal auch Gejammer. Und fast immer ein Mangel an Austausch. Viele Selbstständige rühren eine Art Schattendasein. Und es gibt nur wenige, die den nötigen Druck ausüben, damit sich dieser Zustand ändert.

So wird derzeit zwar ausgiebig über das vom Familienministerium geplante Elterngeld diskutiert, bei dem derjenige oder diejenige, die nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleibt, bis zu 14 Monate lang einen Betrag von monatlich maximal 1800 Euro bekommt. Dass Selbstständige aber in aller Regel gar nicht daheim bleiben können und ihnen statt Geld Betreuungsmöglichkeiten für das Baby helfen würden, davon hört man sehr wenig. Elternzeit, bei der Angestellte drei Jahre lang ein Recht auf unbezahlte Freistellung von der Arbeit haben, ergibt für Selbstständige ebenso wenig Sinn. Und Sozialleistungen, die Schwangere im Angestelltenverhältnis beanspruchen können, sind für Selbstständige nicht vorgesehen oder unzureichend: Nur Frauen, die mit ihrer privaten Krankenversicherung entsprechende Verträge abgeschlossen haben oder freiwillig in der gesetzlichen Krankenkasse mit Anspruch auf Krankengeld versichert sind, erhalten während der 14-wöchigen Mutterschutzzeit Krankentagegeld.

Die Förderungen durch die "Riester-Rente" erhalten nur diejenigen, die bereits Mitglieder der gesetzlichen Rentenkasse sind. "Rürup-Rente" lohnt sich nur für Gutverdiener mit hohem steuerlichem Absetzungspotenzial. Das Gros der Selbstständigen hat das Nachsehen.

Ebenso auf dem Wohungsmarkt: Vermieter geben dem Angestellten eines großen Unternehmens fast immer den Vorzug vor einem Selbstständigen.

Bei den Banken ist es nicht anders. Zwar haben fast alle Geldinstitute mittlerweile Abteilungen für Existenzgründer-Beratung geschaffen. Viele, allen voran die Sparkasse, zeigen sich zudem flexibel, wenn bei schlechtem Geschäftsverlauf individuelle Lösungen für die Rückzahlungen von Krediten gefunden werden müssen. Doch bei der Vergabe von privaten Krediten werden Selbstständige noch immer schlechter behandelt als Angestellte. Auch dann, wenn sie seit Jahren exakt das Gleiche verdienen. So verlangt man private Sicherheiten wie Bürgschaften oder die Übertragung von Immobilien von ihnen, obwohl die Arbeitsplätze von vielen Angestellten kaum sicherer sind als eine selbstständige Tätigkeit. Auch bei Geschäftskrediten sind viele Geldinstitute übervorsichtig.

Große Unternehmen schätzen Selbstständigkeit. Aber nur theoretisch Immerhin: Die öffentlich finanzierte KfW Bankengruppe (früher Kreditanstalt für Wiederaufbau) vergibt Kredite zu sehr günstigen Konditionen an Gründer. Doch diese Darlehen werden nur über die Hausbanken vergeben. In der Praxis führt das dazu, dass sich die Vermittlung eines KfW-Kredits wie dem " Mikrodarlehen 10" von 10 000 Euro an einen Selbstständigen für die Hausbanken aufgrund geringer Provisionen kaum lohnt. Folgerichtig drucksen sie herum, verzögern, beraten ungern oder versuchen, hauseigene Produkte zu höheren Zinssätzen zu verkaufen.

Ähnliches kann aber auch bei größeren Beträgen passieren: Braumeister Thomas Horacek etwa brauchte für die Ausrüstung seiner Brauerei 500 000 Euro. 75 000 Euro hatte er, 125 000 Euro wollte er in Form eines KfW-Nachrangdarlehens leihen. Dieses Darlehen wird bei weiteren Kreditvergaben wie Eigenkapital behandelt - verschafft dem Unternehmer also bessere Konditionen. Die fehlenden 300000 Euro wollte sich Horacek anschließend von der Hausbank leihen. Die zeigte sich allerdings nicht besonders euphorisch bei der Vermittlung des KfW-Kredits - denn ohne dieses Darlehen aus öffentlichen Mitteln hätte sie mit Horacek ein viel besseres Geschäft machen können.

Unwahrscheinlich, dass die Banken an diesem Geschäftsgebaren ohne Druck von außen freiwillig etwas ändern. Ebenso wie wohl ohne entsprechende Forderungen von Selbstständigen nur sehr schleppend auf sie zugeschnittene Finanzdienstleistungen angeboten werden, die sich flexibel an veränderte Lebensumstände anpassen. Vorstellbar wäre etwa, dass man eine Kreditratenzahlung in beruflichen Umbruchphasen für ein paar Monate aussetzen kann, ohne detaillierte Angabe von Gründen.

Wie so etwas aussehen kann, zeigen zumindest im Ansatz die Lebensversicherung der Allianz und die Premium Fonds Rente der WWK. Weil der Vertrieb einen Bedarf sah, hat man dort neue Möglichkeiten für die Ratenzahlungen geschaffen: flexiblere Produkte für flexiblere Arbeitsbiografien und damit verbundene wechselnde Einkommensverhältnisse. Bei der WWK können Kunden nun die monatlichen Zahlungen für die Rente im Bedarfsfall bis zum Mindestbeitrag von 35 Euro reduzieren, in wirtschaftlich guten Zeiten zahlen sie freiwillig mehr. Auch bei der Allianz kann man bei wirtschaftlichen Engpässen Teilbeitragszahlungen vereinbaren. Zudem kann man bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit den Beitrag ohne Leistungsverluste zinslos stunden - bei der Allianz und der WWK für insgesamt zwei Jahre.

Ein freiwillig gewählter Start in eine Selbstständigkeit oder eine schlechte Auftragslage sind allerdings noch kein Grund für eine Unterbrechung der Zahlung. Die Folge ist: Lebensversicherungen, Renten- oder Krankenkassenbeiträge können Faktoren sein, die Selbstständigkeit unattraktiver machen und im Einzelfall verhindern.

Die neuen Freiberufler müssen für ihre Interessen kämpfen. Gemeinsam Genau wie die Geschichten über das Verhalten von Personalverantwortlichen in vielen Unternehmen, wenn Selbstständige sich wieder um eine feste Stelle als Angestellte bewerben. Zwar sagt Hans Böhm, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Personalführung: "Bei mir würde eine Zeit der Selbstständigkeit die Chancen des Bewerbers erhöhen." Doch viele Selbstständige, die in solchen Situationen waren, haben andere Erfahrungen gemacht. Gängige Meinungen bei Personalem, die den Umgang mit Selbstständigen nie gelernt haben, sind demnach: "Selbstständige sind eigenbrötlerisch, können sich nicht mehr unterordnen, ecken an, passen nicht mehr in das Gefüge einer Organisation." In jedem Fall sind die Selbstständigen fast immer gefordert, sich zu erklären - schließlich haben sie weder Arbeitszeugnisse noch Urkunden oder Titel. Besonders paradox: Eigentlich gehören genau die unternehmerischen Qualitäten, die Selbstständige mitbringen, zu den Jobprofilen vieler Managementpositionen in heutigen Unternehmen. Doch dort bewerben sich die Selbstständigen erst gar nicht, wie Personalleiter von Dax-Unternehmen berichten. Geschweige denn, dass sie mit ihren zahlreichen Erfahrungen offensiv für sich werben.

Viel häufiger reagieren sie stattdessen wie Philipp Kraemer, ehemaliger Geschäftsführer einer 15-köpfigen Internet-Agentur. Der Grafik-Designer hatte sich gleich nach dem Studium in den besten Dotcom-Zeiten selbstständig gemacht, ging nach vier Jahren Pleite und fragte sich plötzlich: "Was habe ich eigentlich vorzuweisen? Was kann ich? Und wer glaubt mir das?" Als Folge seiner Selbstzweifel machte er mit 32 Jahren noch eine kaufmännische Lehre "um etwas Solides vorzuweisen", statt sich gleich für Führungsaufgaben in anderen Unternehmen zu bewerben. Typisch in diesem Zusammenhang ist auch, was deutsche Studienabsolventen mit Gründungswillen sagen, wenn sie sich doch erst mal in einem Konzern bewerben: "Ich kann ja noch nichts. Ich muss erst mal was lernen." Die Pleite ist eine wichtige Erfahrung. Aber in Deutschland eine Katastrophe "Das Bild des Unternehmertums muss sich von Grund auf ändern", sagt Sonja Bischoff, Autorin des Buches "Das Zukunftsmodell ,Freier Beruf'", Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Mitbegründerin des viersemestrigen Masterprogramms Entrepreneurship an der Universität Hamburg. Sie denkt dabei unter anderem an ein Ergebnis der aktuellen G EM-Untersuchung über Deutschland. Es besagt, dass es fast kein Land auf der Welt gibt, in dem mehr Menschen Angst haben, mit ihrer Unternehmens-Idee zu scheitern. Und daher gar nicht erst den Weg in die Selbstständigkeit wagen. Aus verständlichen Gründen: Wer in Deutschland Pleite geht, hat in den Augen der meisten nicht eine wichtige und notwendige Erfahrung des Unternehmertums gemacht, sondern ist ein Versager.

Ein zweites wichtiges Forschungsergebnis für Bischoff: Die Neigung, sich selbstständig zu machen, nimmt bei den Angestellten aus dem mittleren Management spürbar ab. Da jedoch vor allem im Topmanagement genau diese Neigung erfolgsrelevant sei, so Bischoff, könnte in deutschen Unternehmen in Zukunft der Nachwuchs für diese Positionen fehlen. CEO-Posten in großen Unternehmen würden dann immer häufiger von Ausländern besetzt.

Um diese Stimmung zu verändern und solche Tendenzen zu beeinflussen, sollten sich nach dem Willen der Professorin die Lehrpläne in den Schulen langfristig ändern. Dort würde das Fach Wirtschaft bisher höchstens am Rande behandelt. Mit der Konsequenz, dass ein "unglaubliches Unverständnis über wirtschaftliche Zusammenhänge in der Gesamtbevölkerung" besteht und keine Vorstellung davon existiert, warum Selbstständige wichtige Aufgaben in einer Volkswirtschaff erfüllen.

Till Erdmann hat sich vor kurzem mit Freunden in Halle selbstständig gemacht. Statt als Unternehmensberater zu arbeiten, testet er mit seiner Firma IDrug Medikamente auf ihre Reinheit. Ein wichtiger Impuls, um den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, waren Beispiele anderer erfolgreicher Gründer in seinem Umfeld.

Erdmann beobachtete sie, sah, welche Freiheiten sie genossen, und merkte vor allem: "Das kommt auch im Freundeskreis gut an." Fred Henneberger von der Universität St. Gallen hält "die Darstellung und Aufarbeitung von erfolgreichen Gründer- und Selbstständigengeschichten" denn auch für einen der wichtigsten Faktoren, um das Image der Selbstständigkeit mittelfristig zu verbessern. Gerade die Medien täten häufig das Gegenteil. Bei Geschichten über erfolgreiche Selbstständige schwinge oft ein " Mit rechten Dingen ist das nicht zugegangen" mit. Dagegen stürze man sich gern auf Gescheiterte, etwa in Ostdeutschland.

Einen wahren Gründungs-Boom hätte es dort nach der Wiedervereinigung gegeben. Doch in den Zeitungen las man vor allem von Menschen, die scheiterten. Heute sind die Menschen zwischen Rostock und Dresden extrem vorsichtig, bevor sie wagen, eine Gründungsidee zu realisieren. Glauben ohnehin schon unterdurchschnittlich wenige Deutsche laut GEM-Untersuchung, dass sie "das Wissen, die Fähigkeit und die Erfahrung haben, die notwendig sind, um ein Unternehmen zu gründen", so sind es in Ostdeutschland noch weniger als in Westdeutschland. Tendenz: weiter sinkend.

Kurzfristig und schnell verbessern können wohl vor allem die Selbstständigen selbst ihre Situation, indem sie sich zusammentun, sich engagieren und offener über sich und ihre Bedürfnisse berichten.

So wie die 67-jährige Nelly Meyer-Fankhauser, die schon 1993 in der Schweiz NEFU, das Netzwerk der Einfrau-Unternehmerinnen, gegründet hat. Rund 1600 Netzwerkerinnen gibt es mittlerweile. Sie treffen sich regelmäßig, empfehlen sich gegenseitig, tauschen Informationen aus. Und ändern allem durch ihre öffentliche Präsenz langsam, aber sicher das allgemeine Bewusstsein.

Die Kommunikationsberaterin Barbara Meili hat über ihre Erfahrungen beim Wechsel vom langjährigen Angestelltendasein in die Selbstständigkeit ein Buch geschrieben. Es heißt "Die maßgeschneiderte Karriere". Das Buch ist sachlich geschrieben und wirkt unaufgeregt. Als Leser überkommt einen während der Lektüre weder Neid noch Mitleid. Auch klingt das Geschriebene nicht nach Gejammer. Der Eindruck ist viel mehr: Selbstständigsein ist eine Alternative mit einigen Vor- und Nachteilen.

Ganz so, wie jeder andere, ganz normale Beruf auch. Barbara Meili: Die maßgeschneiderte Karriere. Haupt Verlag, 2005; 187 Seiten; 29 Euro Arbeitslosengeld II für Selbstständige: Unter www.existenzgruenderinfo.de kam man da eine sehr detaillierte Schrift für 30 Euro beziehen.