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Von der Freude

Was ist Leben? Und: Ab wann leben wir? Das sind Fragen, mit denen sich der chilenische Systemtheoretiker Humberto Maturana sein Leben lang beschäftigt hat. Eine seiner Antworten: Wir leben, wenn wir spielen.


brand eins: Herr Maturana, wie und wann spielen Sie?

Maturana: Oh, ich spiele die ganze Zeit. Ich habe gelernt, immer zu spielen. Und ich kann Ihnen erzählen, wie das passiert ist. Als Kind war ich ernsthaft und verspielt - so wie es alle Kinder sind. Aber mit elf Jahren fand ich heraus, dass ich es nicht mochte zu gehorchen. Bis dahin hatte ich immer getan, um was meine Mutter mich gebeten hatte - aber ich fand es nicht gut zu gehorchen. Ich erinnere mich, wie ich unter einem Baum saß und darüber nachdachte. Ich kam darauf, dass es nur eine einzige Möglichkeit gab, nicht zu gehorchen: nämlich nur Dinge zu tun, die ich tun wollte. Dazu musste ich bloß, was meine Mutter von mir wollte, in etwas umwandeln, was ich wollte - dann konnte ich es mit Vergnügen tun. Nur wenn ich etwas überhaupt nicht wollte, machte ich es auch nicht - und akzeptierte die Konsequenzen, die sich daraus ergaben. Es war meine eigene Entscheidung.

Das zeigt eigentlich genau, was Spiel ist: Tu, was du tust, mit Freude. Und mache dir keine allzu großen Sorgen über die Konsequenzen - auch wenn du weißt, dass das Konsequenzen haben wird.

Ist die Fähigkeit zu spielen im Menschen angelegt?

Spiel entsteht, weil Spiel Emotion ist. Beobachten Sie Kinder beim Spielen: Sie wissen, dass etwas passieren wird, aber das Ergebnis ist dabei nicht so wichtig - sondern das Tun um des Tuns willen und die Freude daran. Sie widmen alle Aufmerksamkeit dem Moment, unbeeinflusst und ungestört von den Konsequenzen. Sie haben einfach eine tolle Zeit, während sie tun, was sie tun. Das ist Spiel.

Aber wir werden alle erwachsen ...

... und sind zunehmend über die Konsequenzen unseres Tuns besorgt. Selbstverständlich müssen wir uns über die Konsequenzen unseres Handelns Gedanken machen - aber wir nehmen zu viel vorweg. Wir denken ständig darüber nach, was passieren wird, und sorgen uns. Was ist, wenn mir etwas passiert? Was, wenn ich mir wehtue? Was, wenn etwas schief geht? Egal, was es ist, ich muss es perfekt machen. Das sind störende Emotionen.

Die sich aber schwer abstellen lassen.

Emotionen sind immer da, und sie bestimmen unser Handeln. Wenn man Angst hat, wird das, was man tut, einen bestimmten Charakter bekommen, der wiederum ein bestimmtes Verhalten zur Folge hat. Wenn Sie dagegen lieben, werden Sie feststellen, dass es da keine Forderungen, keine Erwartungen, keine Voreingenommenheit gibt, die sich in die Beziehung zwischen Ihnen und der anderen Person einmischen.

Liebe verbindet Menschen. Sie verstehen Menschen, wie alle Lebewesen, als lebende Systeme, die Sie in Ihrer Theorie als operativ geschlossen bezeichnen - also als Systeme, die sich ihre jeweils eigene Wirklichkeit im Verhältnis zu ihrer Umwelt erschaffen. Aber wie finden solche operativ geschlossenen Systeme zueinander?

Wenn wir davon ausgehen, dass wir geschlossene Systeme sind, dann sind wir, ich sage das als Metapher, blind für die externe Welt. Doch wenn ich mit jemand anderem in Kontakt trete, sorgt das Verhalten des anderen für Veränderungen bei mir. Es entsteht etwas Neues, und dieses Neue ist: Sprache. Sie ist die Voraussetzung für alles, was wir als menschliche Wesen leben. Wir sprechen über das, was wir tun und was für Gefühle wir dabei haben. Darüber, was wir in einem Gespräch fühlen oder bei der Betrachtung einer Landschaft. Wir sprechen über philosophische Reflektionen, über Erklärungen, die wir uns von der Natur physikalischer Phänomene machen, oder über die Handlungen eines lebenden Systems.

Das Problem ist nur, dass wir Sprache nur allzu gern auf die Physiologie oder die Anatomie reduzieren. Das tun die meisten von uns. Bis wir beginnen, die Natur der Sprache zu verstehen.

Und was ist die Natur der Sprache?

Sprache hat sich in einer langen Evolutionsgeschichte entwickelt und ist dabei zu etwas geworden, mit dem wir sogar über unser Sprechen in Sprache sprechen können - zu einer Meta-Sprache. Das ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit und nicht so leicht zu erklären, wenn man nicht die ganze Theorie aufrollen will.

Aber vielleicht hilft es, die Entstehung einer anderen "relationalen Domain" zu erklären, so nennen wir Emotionen an unserem Institut: Stellen Sie sich vor zu laufen. Da ist ein Boden, und Sie gehen darauf. Was tun Sie? Sie bewegen Ihre Beine in einer zyklischen Weise, die dazu führt, dass jede Beinbewegung aus der vorangegangenen Beinbewegung stammt. Wenn man Sie nun an den Achseln aufhängen würde und Sie bewegten Ihre Beine weiter, als ob Sie liefen, ohne den Boden zu berühren - dann laufen Sie nicht. Um zu laufen, müssen Ihre Füße den Boden berühren. Und nicht nur das: Der Boden muss sich verschieben. Oder besser: Sie müssen sich über den Boden verschieben. Sie können zwar sagen: "Ich laufe." Aber das ist so nicht richtig. Gehen entsteht durch Ihre Interaktion mit dem Boden.

Das ist interessant, weil es etwas ganz Neues ist. Es ist nicht der Boden, es ist nicht die Bewegung Ihrer Beine, die den Boden berühren - sondern es ist die Dynamik, die entsteht, wenn die Bewegung der Beine, der Boden und die Verschiebung des Bodens zusammenkommen.

Also kommt bei allem, was wir tun, etwas Neues zu Stande - neue Emotionen.

Genau. Wann immer eine zyklische mit einer linearen Dynamik in Verbindung kommt, geschieht etwas Neues. Das ist das Phänomen der Rekursion. Jetzt können wir diesen Zusammenhang anhand der Sprache erklären: Sprache ist ein Fluss kontinuierlicher Verschiebung von Relationen. Und diese Verschiebungen fühlen wir und übersetzen unsere Gefühle in Sprache.

So verstanden ist Sprache ein permanentes soziales Ereignis -und nicht die Verwendung einer Sammlung von Worten, Sätzen und Gesten.

Sie ist ein Fluss. Ein Wort konstituiert keine Sprache. Eine Geste konstituiert keine Sprache. Es ist der Fluss der Interaktion als solcher: Sprache ist die permanente Koordination von Verhalten und Handlungen in Beziehung zu unseren Emotionen.

Was hat nun die Sprache mit Spiel zu tun - mit unserer Fähigkeit zu spielen?

Damit Sprache entsteht, müssen wir zusammenbleiben. Wenn wir uns separieren, geschieht gar nichts. Sprache entsteht nur, wenn sich zwei Wesen begegnen.

Stellen wir uns vor, zwei Kinder begegnen sich und gehen dann auseinander. Wenn sie Freude an ihrer Begegnung hatten, werden sie versuchen, sie zu wiederholen - weil es angenehm ist. Sie berühren oder schubsen sich, sie rennen und raufen, so bleiben sie im Spiel zusammen. Ihre Beziehung wird rekursiv. Das gilt auch für das Spiel von Mutter und Kind: Im Spiel sind sie zusammen. Die Mutter sagt "Ball" und rollt den Ball zu dem Kind. Dann sagt sie zu dem Kind: "Leih mir den Ball", und das Kind gibt der Mutter den Ball zurück. Was Sie in diesem vergnügten Spiel sehen, ist ein rekursiver Fluss in der Koordination von Verhalten.

Durch das Spiel entsteht also ein immer weiter wachsender Bereich von Beziehungen. Umso differenzierter, je mehr gespielt wird.

Je mehr Mutter und Kind miteinander spielen, umso mehr Neues entsteht. Die ganze Domain des menschlichen Lebens entwickelt sich durch Sprechen und Handeln im Spiel.

Vorausgesetzt, man geht in diesem Spiel auf, fern von Zielen und Absichten und von den Sorgen vor den Konsequenzen.

Sehr richtig. In dieser Haltung entwickelt sich das frühe Spiel in der Mutter-Kind-Beziehung. Doch das geht sehr bald und leicht verloren. Dann können andere Emotionen dazwischenkommen und das Spielen verhindern.

Wenn zum Beispiel zwei Kinder spielen und das eine knufft das andere ein wenig zu fest, dann wird sich das andere Kind über seinen Schmerz beklagen und zurückziehen. Und wenn es sich ganz zurückzieht, hört das Spiel auf. Aber gewöhnlich kommt das Kind zurück und beginnt wieder mit dem anderen zu spielen. Andere Emotionen können also dazwischenkommen. Ich denke, das menschliche Leben ist wesentlich die Freude daran, zusammen zu spielen. Es ist die Freude daran, Dinge gemeinsam mit Sprache zu tun. Aber diese Grundlage wird leicht gestört durch andere Gefühle, die mit der Zeit entstehen. Denn in der Komplexität des Lebens kommt es zunehmend zu Frustrationen, Erwartungen, Forderungen, Ängsten ...

Denken Sie dabei nur an sich selbst. Sie wollen auch in einer Situation sein, in der Sie im Spiel sind. Wenn Sie aber etwas tun müssen, zu dem Sie keine Lust haben, vielleicht, weil Sie jemand angewiesen hat, dann ändert sich alles: Es geht Ihnen nicht gut.

Stimmt, aber was lässt sich dagegen tun?

Liebe hilft. Wobei ich mit Liebe eine Disposition der Beziehungen meine, in denen man sich befindet und in der man nicht von sich selbst oder einem anderen bestimmte Konsequenzen fordert oder Angst vor ihnen hat. Man lässt den anderen einfach entstehen, man entsteht selber einfach - und neue Dinge entstehen aus diesem Zusammenleben.

Wir erschaffen also ständig etwas Neues, wenn wir ohne Vorbehalte und Erwartungen spielen?

Genau. Wir schaffen uns die Realität, von der alles abhängt. Nehmen Sie unser Gespräch. Es ist ein Spiel. Ich lebe gerade in der Freude daran, mit Ihnen zu sprechen. Und ich habe das Gefühl, dass Sie ebenfalls in einem Gefühl der Freude in unserem Gespräch sind. Und es sind lauter neue Fragen und Ideen entstanden, die weder von mir noch von Ihnen geplant waren. Genau das, worüber wir hier sprechen, entsteht, während und dadurch, dass wir es tun - im gemeinsamen Spiel. Literatur: Humberto R. Maturana & Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis - Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Scherz Verlag, Bern & Zürich, 1987 Humberto R. Maturana & Gerda Verden-Zöller: Liebe und Spiel - Die vergessenen Grundlagen des Menschseins. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 1993