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So kann es gehen

Die Gier und die Bürokratie im Kampf gegen die Menschen und die Kunst. Eine Geschichte über die Fotografin Walde Huth. Mit HAPPY END.




Das ist Walde Huth. Wie sie da zum Empfang ihres Gastes steht, nicht einmal 1,50 Meter groß und dennoch unübersehbar. Mit diesem weltumarmenden, warmen Lächeln, vor Energie vibrierend. 83 Jahre ist sie alt, aber " das Alter zählt doch nicht, das ist egal". Außerdem müsse sie gleich etwas zeigen, hier habe sie auch schon ein paar Fotos rausgelegt, aber vielleicht zuerst einen Tee?

Dann stehen wir in dem engen Flur ihrer Wohnung in den ehemaligen Laborräumen ihres Hauses in Köln, ein Meisterwerk der Architektur, das sie verkaufen musste, als sie vom Finanzamt bedrängt wurde, und es dauert ein paar Minuten, bevor wir in die enge Küche kommen, weil ihr noch etwas eingefallen ist zu einem der Steine, die auf einem Regal liegen, zu einem Foto oder zu einer Feder, die besonders schön ist und die sie an etwas erinnert, ein Erlebnis in Italien vielleicht in den siebziger Jahren oder in den Fünfzigern in Paris oder daran, wie ihr Mann oder ihre Mutter oder ein Kunde etwas getan oder gesehen hat, oder wie sie ein Foto gemacht hat, weil das Licht gerade gut war oder weil sie das Licht so eingerichtet hatte. Immerhin betrieben sie die größte Lichtanlage Deutschlands in ihrem Fotostudio Schmölz & Huth, 20 Angestellte inklusive eines eigenen Elektrikers und eines eigenen Schreiners, in Esslingen hatte sie auch schon acht Angestellte, aber auch das große Studio hat sie organisiert, selbst während der 15 Jahre, als sie Diät kochte, weil ihr Mann Krebs hatte, was er aber nicht wusste... Und so sind wir schon mittendrin im Fluss der Geschichte, der nie endet und in dem alles zusammengehört, genau wie in dem Redefluss dieser kleinen, entschiedenen Frau.

Hitler und Willy Brandt, eine blinde Nachbarin und ein übergeschnappter Finanzbeamter Sie hat ein großes Leben geführt, so viel ist klar, doch die Details sind undeutlich. Auch wenn es ein paar Daten gibt, die feststehen: Walde Huth, "eigentlich heiße ich Waldine, nach meiner Großtante Waldberta, kennen Sie die?, aber Sie kennen doch die Villa Waldberta in München, da werden heute immer noch Künstler untergebracht, die war von Anfang als Künstlerresidenz geplant, 1972 hat dort während der Olympischen Spiele Bundeskanzler Willy Brandt gewohnt, ja, und mein Vati sollte eigentlich der Haupterbe von Tante Waldberta werden, aber sechs Wochen vor ihrem Tod hat sie noch ihr Testament geändert, zu Gunsten der letzten Krankenschwester, die sie gepflegt hat, und ihres eigenen Rechtsanwalts, können Sie sich das vorstellen?, die wusste gar nicht mehr, was sie tat". Ja, die Verbrecher. Die Gier, der Eigennutz, die Gedankenlosigkeit. Da gibt es auch eine lange Linie im Leben dieser Frau. Aber nun mal langsam.

Walde Huth wurde 1923 in Stuttgart in einem mittelständischen Haushalt geboren. Ihr Vater, ein Ingenieur, schickte sie mit dem Geld aus dem Pflichtanteil der Erbschaft von Tante Waldberta nach Weimar, wo sie Fotografin lernte. Nebenher arbeitete sie bei Agfa in Wolfen, wo sie einen neuen Farbfilm mit entwickelte, "und eines Tages kam ein Sonderzug, das war Anfang 1945, da fuhren gar keine Züge mehr, um zwei Filme des Führers zu bringen, die ich entwickelt habe, da war eine Dame drauf im Badeanzug, Eva Braun, und einige gut gebaute Jünglinge, der Führer war ja in beide Richtungen orientiert." 1945 gründete sie ihre Künstlerische Lichtbildwerkstätte in Esslingen, die bald sehr erfolgreich war, "ich war ein Jahr im Voraus ausgebucht". Ab 1953 arbeitete sie für deutsche Zeitschriften als Modefotografin, "ich war sofort ganz oben", ihre Bilder aus dieser Zeit gelten heute als Klassiker. 1956 heiratete sie den Architekturfotografen Karl Hugo Schmölz, "ein großer Mann, sehr stattlich und so vornehm", mit dem sie 1958 in ein für die beiden erbautes Atelier- und Wohnhaus in Köln zog, das heute als ein herausragendes Beispiel für moderne Architektur gilt, "da hat damals die Nachbarin gegen geklagt, weil das angeblich ein Fabrikgebäude sei, dabei war die Frau blind, die hatte das Haus nur beschrieben bekommen".

Das Paar lebte und arbeitete dort in ihrem gemeinsamen Studio Schmölz & Huth bis zu Schmölz' Tod 1986. Sie fotografierten vor allem Möbel und Mode, und zwar künstlerisch, "wir haben nie Umsatzsteuer gezahlt, weil wir vom Finanzamt als Künstler offiziell anerkannt waren, dafür mussten wir jeder 50 Arbeiten vorlegen, nur Kundenaufträge, keine künstlerischen Werke, und getrennt, obwohl wir doch immer zusammen gearbeitet haben, und die Bilder wurden einer Kommission vorgelegt, die entschieden hat, ob das Kunst ist". Ja, der bürokratische Wahnsinn. Der spielt eine wichtige Rolle.

Denn zu ihm gehört einer der flüchtigeren Teile dieser Geschichte: der Steuerbescheid. Der Begriff flüchtig mag auf Anhieb etwas seltsam wirken, geht es doch bei Steuergesetzen um scheinbar feste Regeln, aber bekanntlich gibt es keine Regel, die man nicht unterschiedlich interpretieren kann, und fehlen auf der einen Seite gute Berater und auf der anderen Seite der gute Wille, kann man schnell wie Walde Huth enden. 1998 sollte die Fotografin Steuern in einem derartig enormen Ausmaß nachzahlen, dass sie sich gezwungen fühlte, ihr Haus zu verkaufen. Das hatte sie bis dahin zum großen Teil an fünf Parteien vermietet, um von den Einnahmen ihr Leben und ihre Arbeit zu finanzieren, die nach dem Tod ihres Mannes vor allem in der Produktion neuer, freier Werke bestand. Doch eben die Mieteinnahmen waren das Problem, da sie ihnen keine Ausgaben gegenüberstellen konnte, denn, Überraschung: In dem Tun der Fotografin, die damals seit mehr als 50 Jahren tätig war und deren Bilder in etlichen Sammlungen hängen, konnte die Behörde kein Gewinnstreben erkennen, und so ging man davon aus, dass es sich um eine nicht absetzbare "Liebhaberei" handle.

Es ist einfach, an dieser Stelle auf den offensichtlich übergeschnappten Finanzbeamten zu schimpfen, der sich zum Kunstkritiker berufen fühlte, aber die Situation ist komplizierter. Denn einerseits hatte Walde Huth eine Steuerberaterin aus der Hölle, "später habe ich erfahren, dass sie drei Unternehmen in den Bankrott getrieben hat". Und andererseits hat auch die Fotografin ihren Anteil an dem Desaster - weil sie eine brave Staatsbürgerin ist. Eine, der die Idee fremd ist, dass der Staat eine Struktur ist, die von seinen Bürgern erschaffen wird und die folgerichtig den Bürgern dienen muss. Eine, die stattdessen sagt, "da kann man doch nichts tun". Und die damit wohl zur Mehrheit gehört.

Also verkaufte sie ihr Haus, um die Steuern zu bezahlen, für einen Spottpreis an zwei Männer, von denen der eine es ihr dankte, indem er ihr die ehemaligen Laborräume im Keller als Wohnung vermietete, und zwar mit einem Gewerbemietvertrag, sodass er sie bei einem Problem jederzeit rausschmeißen kann. Doch das Geld aus dem Verkauf reichte nicht, das Finanzamt wollte mehr, eine weitere Forderung über 43 000 Euro flatterte ins Haus, und weil die Frau nun nichts mehr hatte, was man ihr wegnehmen konnte, wurde fortan ihre Rente gepfändet.

Das wäre das Ende der Geschichte gewesen, hätte Walde Huth nicht im Dezember vergangenen Jahres dem Besitzer eines vietnamesischen Imbisses zu erklären versucht, dass es zu Weihnachten doch viel schöner sei, echte Kerzen aufzustellen statt lebloser Elektrofunzeln. Der Eigentümer sprach von seinen Gründen, von der Feuerwehr, dem Ordnungsamt, der Versicherung, bis sich der einzige andere Gast in dem eigentlich schon geschlossenen Imbiss einmischte, dem ebenfalls einige verbesserungswürdige Details aufgefallen waren. Sie waren sich einig, die wackere Dame in Rot und der freundliche Herr, also tauschten sie Telefonnummern aus und lernten sich über die folgenden Monate näher kennen. "Sie hatte mir anfangs nur gesagt, dass sie Fotografin sei", erzählt Horst Gläser, der Mann aus dem Imbiss, " und ich wollte ihre Fotos sehen. Aber mit der Zeit bekam ich einen Einblick in ihre Situation, und na ja ... Ich weiß bis heute viele Details nicht, einiges ist wohl auch verloren, weil es zu lange her ist. Aber man kann das nicht anders sagen: Sie ist unter die Räuber gefallen. Und da wird natürlich in einem der Robin Hood wach." Gläser betreibt in Köln eine kleine Werbe- und Marketingagentur, die auch für große Kunden wie Camel oder den WDR tätig ist, dabei aber nur drei fest angestellte Mitarbeiter hat. Auch das ist die Folge einer Begegnung mit dem Finanzamt. "Ich habe genau dasselbe wie Frau Huth erlebt: Eines Tages sollte ich eine sechsstellige Summe nachzahlen, nicht, weil sich meine Verhältnisse geändert hätten, sondern weil sich die Sichtweise auf meine Verhältnisse geändert hatte. Damals musste ich mehrere Leute entlassen, das war das Schlimmste, was ich jemals getan habe. Seitdem arbeiten wir mit einem dichten Netz von Freien." Der 53-Jährige nahm sich der still verzweifelten Fotografin an, auch weil ihn ihre Haltung beeindruckte. "Sie finanzierte ihre Wohnung und ihr Atelier, obwohl ihr dann kein Geld zum Leben blieb. Und sie ging immer zu Fuß, jeden Tag 40 Minuten zu ihrem Atelier und zurück, mit Tüten und Taschen." Ihm war klar, dass sich die Situation der Frau ohne Hilfe niemals verbessern würde. Und er glaubte, er müsse bloß klären, was im Argen liege, danach seinen Steuerberater oder vielleicht seinen Anwalt in Gang setzen, und bald wäre alles gut. Doch so einfach war es nicht: Die Dame in Rot wollte anfangs nichts erzählen.

Das ist Walde Huth. Wie sie wortreich um die entscheidenden Fakten herumredet, weil sie nicht will, dass Menschen sie bedauern, schließlich ist sie Fotografin "und was hat denn das mit dem Finanzamt zu tun?". Außerdem denkt sie, sie habe selbst Schuld, "es liegt an mir", zwei Jahre hat sie die Behördenpost nicht mehr aufgemacht, was hätte sie auch tun sollen? "Und man darf nicht zeigen, dass man Angst hat." Außerdem hat sie genug anderes zu erzählen, sie hat mal Theodor Heuß fotografiert, " der hat sich gerne mit mir unterhalten, man hat allgemein gerne mit mir geredet, auch gereist, wir waren immer unterwegs, immer im Auto, als wir geheiratet haben, mussten wir unsere Terminkalender vergleichen, wann wir überhaupt Zeit haben, wir hatten im August zwei Wochen, und die kirchliche Trauung fand auf meinen Wunsch in Italien statt, in Seborga, an der Riviera, wo wir 1975 unser Haus gebaut haben, mit Blick auf Monaco, da war ein sehr schönes Licht, das Haus habe ich 1990 verkauft, um den Kredit der Sparkasse für das Haus in Köln zu bezahlen, ein Konto habe ich heute nicht mehr, die Deutsche Bank hat mir gekündigt, und eine Krankenversicherung habe ich auch nicht." So tauchen sie immer wieder auf, die bitteren Details neben den großen Erlebnissen und den Menschen, die sie getroffen hat, Ernst Jünger, Hubert de Givenchy, Karl Lagerfeld, oder ihr Freund Hans-Peter, von dem sie sich 1956 getrennt hat, ein Stahlbildhauer, der sich umgebracht hat, weil er "40 war und es nicht geschafft hatte, außerdem hatte er noch 100 000 Mark zu kriegen, die man ihm nicht gezahlt hat, die Skulptur steht aber immer noch in Stuttgart..." Das ist ihr Fluss, und aus dem Wasser zu schöpfen, um es von anderem Wasser zu trennen, ist nicht einfach, vielleicht auch nicht sinnvoll. Aber nach Sinn fragt bekanntlich niemand im Amt. Also lichtete Horst Gläser langsam das Dickicht um das ökonomische Leben von Walde Huth, machte eine Liste der zu erledigenden Dinge und arbeitete sie systematisch ab.

Er begann bei der Forderung der Deutschen Bank: Walde Huths dortiges Konto war mit einem Minus von 5000 Euro gelöscht worden, die Forderung war einem Inkassobüro übergeben worden, und das wollte nun von der Fotografin inklusive Bearbeitungsgebühr 8200 Euro. "Zu Ostern haben sie in einem Brief angeboten, 30 Prozent der Summe zu erlassen, wenn man sofort zahle, was bedeutet hätte, dass man die ursprüngliche Summe gezahlt hätte, nur eben ohne Gebühren", erzählt Horst Gläser. " Ich habe dort angerufen und über die Summe verhandelt. Ich habe ihnen gesagt, dass das Finanzamt 43 000 Euro will, dass zurzeit 150 Euro monatlich von Frau Huths Rente gepfändet werden und dass sie sich selbst ausrechnen können, wann sie an der Reihe sind. Außerdem habe ich erzählt, dass ich ihr meinen Anwalt empfehlen werde, um eine Privatinsolvenz zu erklären, wenn sich ihre Situation nicht grundsätzlich bessert, und dann könnten sie ihre Forderung vergessen. Nach einer Woche haben sie geantwortet, mit 2200 Euro wäre die Sache erledigt. Ich habe bei dieser Geschichte sehr viel gelernt." Ein Haufen Schulden, die endlich bezahlt sind, und ein selbst geschaffenes Vermögen: Fotos So ging es weiter. Die Elektrizitätswerke wollten den Strom abstellen, das Friedhofsamt das Grab ihres Mannes schleifen. Die GEZ hatte über Jahre Mahnungen für eine Rechnung gestellt, jedes Mal mit einem Gebührenaufschlag, und so war mit der Zeit aus einer kleinen zweistelligen Summe eine große dreistellige geworden. Und dann das Finanzamt: Ohne Steuererklärung war Walde Huth geschätzt worden, wobei man davon ausging, dass sie immer noch so gut verdiente wie damals, als sie ihr Haus hatte und Mitarbeiter, für die es in ihrer Wohnung im Keller längst keinen Platz mehr gab. Gläser sortierte zwei Abende die Belege der geschätzten Dame, übergab sie seinem Steuerberater - und das Finanzamt reduzierte die Forderung auf 10000 Euro.

Inzwischen gelten alle Bescheide als nicht zugestellt, es gibt keine Forderungen mehr, die Belege ab 2000 müssen neu eingereicht werden. Und alles andere ist bezahlt - Horst Gläser hat Walde Huth das Archiv des Fotostudios Schmölz & Huth abgekauft und zahlt ihr nun eine zusätzliche Rente.

Denn natürlich gibt es Werte im Leben der Fotografin: die Fotos. Fotokunst steigt seit Jahren rasant im Preis, und Klassiker wie die Modefotos Walde Huths oder die Möbel- und Architekturfotos ihres Mannes tauchen immer wieder in Versteigerungen auf. Aber auch die künstlerischen Werke der Fotografin, poetische Arbeiten mit Titeln wie "100 ungeschriebene Briefe" oder "100 festgehaltene Schritte", die vielfach ausgestellt und teilweise an Museen verkauft wurden, dürften einen beträchtlichen Marktwert haben. Nur nützte das der Fotografin bisher nicht viel, was allerdings nicht nur daran liegt, dass "ich nicht gut für mich handeln kann", sondern auch daran, dass fast alle, die es für sie tun wollten, vor allem an ihrem eigenen Wohlergehen interessiert waren. Wahrscheinlich hat es sich für einige tatsächlich gelohnt, denn schließlich sind das 30 Jahre umfassende Archiv und die unzähligen anderen Fotos eine prima Beute.

"Die Leute haben Verträge mit Frau Huth gemacht, die kann man sich nicht vorstellen", sagt Horst Gläser. "Die haben gesagt, Sie geben mir Fotos, und ich kümmere mich darum, haben ihr ein-, zweitausend Euro in die Hand gedrückt, und das war's. Aber wenn man in einer Notlage ist, greift man natürlich nach jedem Strohhalm, da ist man auch für Almosen dankbar." Das Archiv Schmölz & Huth übergab die Fotografin dem Rheinischen Bildarchiv in Köln, denn "ich war doch verpflichtet, mich darum zu kümmern, und ich hatte keinen Platz mehr, es zu lagern". Die Gabe an die städtische Institution half ihr jedoch wenig. Horst Gläser: "Lustig ist, dass das Rheinische Bildarchiv, dem Frau Huth ihr Archiv quasi schenken wollte, ein Stockwerk über dem Amt sitzt, das plante, das Grab ihres Mannes zu zerstören. Abgesehen davon, wurde das Archiv mit der Vorgabe überlassen, dass das Material wissenschaftlich und publizistisch ausgewertet wird - aber da ist nichts passiert. Es wurde angeblich zumindest eine Liste der Fotos gemacht, aber die ist verschwunden. Außerdem wurden Fotos verliehen, doch als ich darüber Belege sehen wollte, hieß es, man habe das ohne Papierkram geregelt. In einer deutschen Behörde! Wie realistisch ist das? Aber am meisten hat mich geärgert, wie die Leiterin des Bildarchivs Frau Huth behandelt hat, von oben herab, als wäre sie eine Putzfrau. Die hat überhaupt keinen Respekt gezeigt. Das hat mich erschüttert: Kaum einer hatte Respekt. Die interessierten sich nur dafür, was Frau Huth ihnen bringen konnte, Geld oder Ruhm." Es gibt Ausnahmen, ein Kölner Galerist hat einige ihrer Bilder verkauft, und ein kleines Unternehmen in der Eifel hat sich ebenfalls redlich bemüht, allerdings ohne Erfolg, vielleicht, weil es auf Serigrafien von Malern spezialisiert ist und im fremden Terrain Probleme hatte, vielleicht aber auch, weil Walde Huth nach Jahren in der Versenkung nicht mehr so bekannt ist, wie sie es einst war. Die Agentur wird die Bilder zurückbringen, und das ist gut so, denn nun gibt es dafür auch einen Platz: Horst Gläser hat für das Archiv Schmölz & Huth einen Raum neben dem Atelier der Fotografin gemietet, wo er auch die Bilder sammeln will, die sich sonst im Umlauf befinden, bevor sie in Versteigerungen auftauchen, und ihre Schöpferin sagt, sie habe die niemals jemandem zum Verkauf gegeben. Danach will er die Fotos katalogisieren und eine Ausstellung organisieren, im Ausland, " damit die hier in Köln nicht mehr sagen können, das ist doch nichts, das will doch keiner". Und dann kann die Fotografin ihre Bilder selbst verkaufen, über eine eigene Website, die Adresse www.waldehuth.de ist schon geschützt, das Design liefert Gläsers Agentur. Die Geschichte wird ein Happy End haben. Und Walde Huth wird weiter tun können, was sie am liebsten tut, was sie am besten kann und womit sie niemals aufgehört hat: fotografieren.

Das ist Walde Huth. Wie niemand sie sieht, wenn sie etwas entdeckt, eine Pfütze, in der sich ein Mast spiegelt, eine Tüte, die einem Engel ähnelt, ein Lichtstrahl, der für wenige Sekunden ein einfaches Ding zu etwas Besonderem macht. Und wie sie dann ihre Kamera holt, wie sie abdrückt und diesen Moment aus dem Strom der Zeit fischt, ein Moment, der nie wiederkehren wird, von dem es nur dieses eine Bild gibt. Sie spricht über Farben, über ihren Verlauf und über Kompositionen, die hat sie von Kandinsky gelernt, aus dessen Buch "Punkt und Linie zu Fläche", das war ihre Bibel, Adornos " Klangfiguren 1 & 2" auch und Marc Aurel, aber das Wichtigste ist das Licht, sie liebt die Sonne. Und nun lebt sie unter Tage, mit kleinen Fenstern. Doch Mitleid wäre fehl am Platz, denn "ich finde, jeder Tag sollte lebenswert sein, dafür habe ich immer gesorgt, auch als mein Mann gestorben ist, er hat erst am Schluss begriffen, wer ich wirklich bin, das hat er selbst gesagt, aber wenn ich viermal wegfuhr, um dieselbe Pfütze zu fotografieren, hat er das akzeptiert, ich war auch immer eine gefragte Fotografin, ich bekam pro Tag 3000 Mark Honorar, und wenn der Steuerberater zu uns kam und sagte, dass es so nicht weiterginge, haben wir brav genickt, und hinterher sind wir uns in die Arme gefallen, ich habe meinen Mann gefragt, ob er etwas verstanden hätte, er hat Nein gesagt, ich auch nicht".

Diese Frau ist manchmal etwas anstrengend. Aber wen stört das, wenn sie lächelnd sagt: "Ohne Erotik geht bei mir nichts, das Fotografieren ist nur Erotik, das habe ich auch mal in einem Interview der " Esslinger Zeitung" gesagt, na, da war was los." Oder: "Ich bin immer aktiv, und wenn eines Tages der Tod neben mir steht, werde ich sagen: Nein, jetzt habe ich keine Zeit, da müssen Sie einen Moment warten." Und dann gibt sie mir ein Blatt Papier, auf dem sie in ihrer energischen Handschrift, "können Sie die überhaupt lesen?", einen Ausschnitt aus " Gespräche mit Kafka" von Gustav Janouch geschrieben hat. Da steht: "Die Jugend ist glücklich, weil sie die Fähigkeit besitzt, Schönheit zu sehen. Wenn diese Fähigkeit verloren geht, beginnt trostloses Alter, Verfall, das Unglück." "Alter schließt also die Fähigkeit zum Glück aus?" "Das Glück schließt das Alter aus. Wer die Fähigkeit behält, Schönheit zu sehen, der altert nicht."