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Rate mal!

Die Briten lieben Bier. Die Briten lieben Rätsel. Also treffen sich die Briten zum Raten im Pub. Und wenn es ernst wird, im Hinterzimmer.




Eddie heißt der Mann mit bürgerlichem Namen. Doch bei der Arbeit nennt er sich Fat the Controller. Er ist kaum 1,60 Meter groß, dafür aber so breit, als hätte er ein Bierfass unter dem weißen Hemd versteckt. Eng hält er ein schnurloses Mikrofon an den Mund, sieht auf ein Blatt Papier und sagt: "Nächste Frage: Was war der erste Nummer-eins-Hit von Britney Spears?" Auf den grünen Polstergruppen vor den Fenstern sitzen mehrere Gruppen, die heftig debattieren, mit Kugelschreiber Worte auf ein Blatt Papier kritzeln und dazwischen zum Bier greifen. Fat the Controller drängt sich zu einer Gruppe junger Frauen an der Bar, schaut auf ihr Blatt und flüstert: "Ich glaube nicht, dass das stimmt." Es ist Donnerstagabend kurz vor zehn Uhr, und im Wenlock Arms ist Quiz-Night. Das Wenlock Arms gehört zu der Sorte Pub, die eine spezielle Klientel anzieht. Der Teppichboden ist fleckig, auf der Bierflaschen-Sammlung über der Bar klebt der Staub, zum Knabbern gibt es frittierte Schweinehaut. 17 verschiedene Fassbiere werden dort gezapft, über die ordnungsgemäße Lagerung der Fässer wacht ein Kellermeister. Freitags und samstags gibt es Live Jazz. Donnerstags stehen Ratespiele auf dem Programm. Regie führt Fat the Controller.

30 Fragen hat er an diesem Abend dabei, aus allen Bereichen. Ganz oft geht es um Prominente, Pop-Musik oder Fußball. Beim Bilder-Quiz müssen 16 Berühmtheiten erkannt werden, Elvis, Elton John oder Emma Thompson. Raten können Teams oder Einzelspieler, der Gewinner erhält zwei Pints Bier.

Für solche Art von Spielen hat Don Yule wenig übrig. Der hagere grauhaarige Mann betritt den One Tun Pub im Londoner Stadtteil Clerkenwell. Er bestellt ein Bier, setzt sich und sagt: "Mit dem Pub-Quiz will ich nicht in Verbindung gebracht werden, das ist Zeitvertreib, kein Spiel." Yule ist Präsident der Quiz League of London, und Ratespiele sind für ihn eine ernste Sache. 18 Teams sind in der Londoner Quiz-Liga vertreten, acht in der ersten Liga, zehn in der zweiten. Die zwei schlechtesten aus der ersten Liga steigen am Ende der Saison ab, die zwei besten Zweitliga-Teams steigen auf. "Bei uns geht es um Konzentration, Wissen und Urteilskraft", sagt er. Gespielt wird zwar auch in Pubs - jedoch im Hinterzimmer. Getrunken wird dabei nur wenig. "Manche greifen den ganzen Abend nicht zum Bier", sagt Yule. "Wir befinden uns immerhin in einem Wettkampf." Yule hat die Londoner Quiz-Liga im Jahr 1990 gegründet. Danach hat er mit seinem Team Manor Athletic alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Viermal wurden sie Londoner Meister. Ihr Trick: Alle Mitglieder hatten unterschiedliche Schwerpunkte. Yule etwa ist Experte für Militärgeschichte, ein anderer war ein Pflanzenkenner und noch einer Experte für das Königshaus. Ihre Verschiedenheit war ihre Stärke. Nur nach den Spielen wussten sie oft nicht, worüber sie sich unterhalten sollten, sie hatten kaum gemeinsame Interessen. Und so trennten sie sich schließlich - auch um ihr Lieblingsspiel zu fördern: Alle bauten neue Teams auf und rekrutierten neue Spieler.

Das Barbican ist Yules neues Team. Erst vergangene Saison stieg er mit seinen Kameraden ab. "Sie sind keine großen Spieler, aber es ist intellektuell anregend, mit ihnen zusammenzusein", findet er. Der Wiederaufstieg in die erste Liga ist das nächste Ziel. Ausgeschlossen ist das nicht, aber zeitaufwändig. "Man braucht fünf Jahre, ehe man gut spielen kann", sagt Yule.

Denn Raten hat viel mit Taktik zu tun. Bei den Spielen der Quiz-Liga sitzen sich die vier Spieler beider Mannschaften gegenüber. Ein Quiz-Master stellt die Fragen, die ihm im versiegelten Umschlag vom Organisationskomitee zugesandt wurden. Dann muss Spieler eins von der ersten Mannschaft die Frage beantworten. "Welches Londoner Theater war das erste öffentliche Gebäude, das Elektrizität hatte?" Zehn Sekunden hat der Spieler Zeit für die Antwort. Die Uhr tickt. Der Druck steigt. Es ist still. "Man muss zuerst sein Gedächtnis testen, dann fragt man sich, bin ich mir sicher, falls ja, muss ich Verantwortung für mein Team übernehmen und die Antwort geben", sagt Yule. Die Mitspieler dürfen nicht miteinander sprechen. Nur Handzeichen sind erlaubt. Wird einer seiner Mitspieler gefragt und Yule kennt die Antwort, streckt er alle fünf Finger seiner rechten Hand aus. Ist er unsicher, streckt er drei Finger aus. Ein Finger heißt: Ich muss raten. Hat er keinen Schimmer setzt er sich auf die Hände.

Die Ansagen sind damit klar. Doch Spieler eins muss sich entscheiden. Ist er unsicher und sieht Yules fünf Finger, gibt er ab. Sieht er aber nur drei Finger, steckt er in einem Dilemma. Vor allem: Gibt er selbst die Antwort, bekommt sein Team zwei Punkte, gibt er an einen Mitspieler ab nur einen. "All diese Faktoren in nur zehn Sekunden zu entscheiden", Yule nippt an seinem zweiten Bier, "das kann höllisch sein." Die Tochter von Heinrich dem Achten heißt nicht Mary, und die längste Eisenbahnstrecke ist Nullarbor Ratespiele sind ein britisches Hobby. Egal, an welchem Tag, egal, in welcher Stadt - irgendwo findet immer eine Quiz-Night in einem Pub statt. Die Legende will es, dass die Seeleute auf ihren Fahrten über den Ozean sich die Langeweile auf diese Weise vertrieben haben. Vielleicht ist deshalb die Hafenstadt Liverpool eine der Quiz-Metropolen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die britischen Truppen mit Ratespielen bei Laune gehalten, wenn sie nicht kämpften. Später etablierten sich die Quiz-Spiele in den Pubs. Es gibt aber auch noch andere beliebte Kneipenspiele: Darts, Domino oder Kegeln. Wobei die Regeln je nach Region unterschiedlich ausfallen können: Im Westen Englands wird schon mal mit zehn Kegeln gekegelt, und beim Dart ist die Punkteverteilung je nach Ort eine knifflige Angelegenheit.

Um wenigstens bei der Londoner Quiz-Liga verbindliche Regeln zu haben, hat Yule den Rahmen in einem kleinen Heftchen auf 32 Seiten festgehalten. Dort sind auch die Heim- und Gastspielorte der Teams notiert. Yules Barbican-Mannschaft tritt im One Tun Pub an. Die Meisterschaft geht von September bis April. In dieser Zeit wird im wöchentlichen Wechsel zu Hause und auswärts gespielt. Und auch wenn sich die Pub-Hinterzimmer von Nord- und Süd-London ähneln - Teppich, dunkle Wände, Biergeruch - so ist es dennoch nicht egal, wo man spielt. "Wir kennen den Raum und die Art, wie der Quizmaster die Fragen vorliest - das macht einen Unterschied", sagt Yule.

Spiele auf fremdem Terrain können auch zu Missverständnissen führen. Etwa bei der Frage: " Welche englische Monarchin war die Tochter von Heinrich dem Achten und Anne Boleyn?" Yules Gegenspieler wusste die Antwort nicht, deutete auf eine Mitspielerin und sagte: "Mary." Sofort fuhr der Quizmaster dazwischen: "Falsch, andere Seite." " Elizabeth", sagte Yule, verzichtete aber großzügig auf den Punkt, weil sein Gegner nicht "Mary" als Antwort sagen wollte, sondern seine Kameradin Mary dazu aufforderte, die Frage zu beantworten. Yule kann aber auch auf seinem Recht bestehen, etwa bei der Frage nach der längsten Eisenbahnstrecke der Welt. Antwort: "Malabar in Indien." Der Quizmaster gab den Punkt. Yule beschwerte sich: "Es ist aber Nullarbor in Australien." Er bekam am Ende seinen Punkt.

Ernst werden solche Streits selten. Und wenn, dann hat die Heimmannschaft vorgesorgt. "Wichtig ist es, ein gutes Pub als Spielstätte zu haben", sagt Yule. Und ein gutes Pub hat, so Yule "trinkbares Bier, gute Sandwiches und einen toleranten Wirt". Mit dem Bier wird der Durst gelöscht, die Sandwiches stellt gemäß Regeln der Gastgeber, und tolerant muss der Wirt sein, damit er nicht ungemütlich wird, wenn sich der Abend hinzieht. Denn nach besonders hitzigen Debatten über die längste Eisenbahnstrecke der Welt oder die Tochter von Heinrich dem Achten legen die Quiz-Liga-Spieler meist noch ein Freundschaftsspiel nach - um die Gemüter zu beruhigen.