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Mit Vollgas in die Kurve!

Das Lieblingsspiel der Kinder in den sibirischen Dörfern ist es, wie ihre Eltern zu arbeiten. Doch in Russlands Großstädten bedeutet Spiel wie zu Puschkins Zeiten vor allem: Wagnis.




• Mein Angstgegner im Dorf heißt Igor. Ein sibirischer Hüne, der auch beim Schach nicht aufhört zu reden. „Vergangene Woche ertranken zwei Männer im Irtysch.“ Igor schiebt seinen Springer vor, der plötzlich gleichzeitig meine Dame und einen Turm bedroht. „Sie wollten mit ihrem Lastwagen übers Eis, obwohl es bereits taute. Und sind eingebrochen.“ Igor ist ein arbeitsloser Wachmann. Tagsüber versorgt er für seine magenkranke Mutter Haus, Hof und zwei Kühe, abends zertrümmert er auf dem Schachbrett meine Abwehrreihen. Er hat nur Hauptschulabschluss und tröstet mich: „Ich war mal Kreismeister im Jugendschach.“ Russland gilt als Nation der Schachweltmeister, der Karpows, Kasparows und Kramniks. Genau genommen ist Schach aber eher ein sowjetisches als ein russisches Spiel. Schach wurde in den Pionier- und Kulturhäusern gelehrt, als Hirntraining für die sozialistische Jugend. Doch in der Taiga sind Schach spielende Erwachsene selten. Denn die Erwachsenen müssen arbeiten. Und Spielen ist eigentlich Privileg der Kinder.

Die Dorfklubs bieten außer Volkstanz oder Fußball nur Schach an. Doch das Lieblingsspiel der sibirischen Kinder ist ohnehin Arbeit. Sobald sie laufen können, folgen sie den Eltern, ihren ersten Helden. Wenn Papa Bäume fällt, ein Schwein schlachtet oder den Traktor repariert, hüpft sein Sohn staunend um ihn herum und will mithelfen. „Als kleines Mädchen schaute ich der Mutter zu, wie sie in einem Eisloch am Fluss die Wäsche wusch“, erzählt eine Nachbarin. „Und wünschte mir brennend, selbst Bettücher im Eiswasser zu waschen.“ Wenn die Eltern ihnen Arbeit auftragen, rasen die Kinder mit eiferroten Ohren los. Und kein Pokerspieler blickt konzentrierter als ein sibirischer Knabe, der mit seiner Angelrute in der Mückenwolke am Flussufer sitzt.

Die kleinen Sibirier spielen den Ernst des Lebens. Eine vorindustrielle Sitte, die noch rund 40 Millionen Russen auf dem Land kennen. Aus solchen Kinderspielen entstand der moderne russische Staat: Vor mehr als 300 Jahren steckte Zarensohn Peter seine Kameraden in westeuropäische Uniformen und versuchte sie nach französischen Regeln zu drillen, später macht er sie zu seinen ersten Garderegimenten. Sie waren der Kern der Streitkräfte, mit denen er Osmanen und Schweden schlug und dein bis dahin eher verschlafenen Zarenreich die Tür nach Europa aufstieß.

Das Großstadtrussland ist inzwischen in Europa angekommen: Die Menschen amüsieren sich in Billard- und Bowlinghallen, an Volleyballstränden, in Internetklubs und Gotcha-Parks. Das russische Fernsehen hat einschlägige Spiel- und Survivalshows des Westens importiert, sogar „Wetten, dass... ?“. Bei den Pärchenspielen in den Clubs der Provinzhauptstädte versuchen junge Russinnen mit bloßen Zähnen Bananen zu schälen, die sich ihre männlichen Partner in den Schritt geklemmt haben. So peinlich es auch sein mag – in Russland will niemand Spielverderber sein.

Russlands Kultur war schon vor der Revolution vor allem eine Spielkultur. Zu Zeiten Puschkins oder Tolstois schlugen junge Adlige mit sehr viel Geld und Zeit ihre Langeweile tot, indem sie Karten spielten, Pferderennen oder Wetttrinken veranstalteten. Die damalige Publizistik nannte sie „überflüssige Menschen“, heute würde man wohl Playboys sagen. Weil ihnen eine wirkliche Lebensaufgabe fehlte, widmeten sie sich umso heftiger ihren Leidenschaften – mit „Hasard“, wie die Russen die Lust am Risiko bis heute nennen. Die Spieler riskierten damals am Kartentisch nicht nur Vermögen, sondern auch Verstand und Seele.

Die Lust an der Gefahr brachte auch das wohl selbstmörderischste aller Spiele hervor, das russische Roulette: Die Spieler laden die Trommel eines Revolvers nur zum Teil, drehen sie wie eine Roulettescheibe und halten sich dann der Reihe nach den Lauf an den Kopf. Jeder drückt in der Hoffnung ab, er erwische eine Trommelkammer, in der keine Patrone steckt. Das ist im wörtlichen Sinne ein Spiel um alles oder nichts.

Die Lust am Spiel spiegelt sich auch in der Literatur: Der eher kleinbürgerliche Dostojewski, der dem Roulette verfallen war, verfasste seinen Roman „Der Spieler“ in nur 26 Tagen – das Honorar brauchte er dringend, um Spielschulden zu begleichen. Auch sein Hauptwerk „Schuld und Sühne“ widmete Dostojewski dem Risiko als psychologischem Phänomen: Was riskiere ich, wenn ich für mein eigenes Glück über Leichen gehe? Und selbst auf dem Schachbrett, wo eigentlich nichts dem Zufall überlassen bleibt, lockt lustvoll der Untergang. In Vladimir Nabokovs „Luschins Verteidigung“ treibt das Schachspiel einen genialen Großmeister erst in den Wahnsinn und schließlich in den Selbstmord.

Ein Wettrennen durch die Stadt ist wie Sex. Und wem das nicht reicht, der geht in die Politik Spiel bedeutet den Russen vor allem Wagnis, je gewagter, umso mehr geben sie sich ihm hin. Der Wirtschaftsaufschwung unter Putin bescherte Millionen Russen neue Geld- und Freizeitreserven – und Millionen neue Hasardeure. Allein in den rund 2060 Kasinos und Spielhallen Moskaus werden jährlich umgerechnet sechs Milliarden Dollar verspielt. Mehr als 300.000 Moskauer sind nach Einschätzung von Psychologen spielsüchtig, Polizeiberichte über junge Männer, die ihren Monatslohn im Spielsalon ließen und sich danach umbrachten, häufen sich. Das Innenministerium nennt die Spielwut als einen Grund für die wachsende Jugendkriminalität: Teenager, deren Geld der Spielautomat geschluckt hat, rauben Passanten aus, um mit ihrer Beute weiterzuzocken.

Die Russen lieben das Risiko. Die Lust am Wagnis verwischt die Grenzen zwischen Spiel und Alltagsleben. Wer in ein Auto steigt und sich anschnallt, hat beste Chancen als Angsthase ausgelacht zu werden. Viele russische Autofahrer betrachten den Straßenverkehr als Autorennen. Die Piloten von Porsche Cayenne und Lada-Kleinwagen rasen und rempeln, riskieren an roten Fußgängerampeln das Leben kleiner Kinder, alter Frauen und ihr eigenes Seelenheil. „Das ist besser als Sex!“, prahlt ein Hauptstadtjournalist nach einem spontanen Wettrennen mit einer jungen Mercedes-Fahrerin. Das traurige Ergebnis sind mehr als 35.000 russische Verkehrstote jährlich.

Die kurze Geschichte des postsowjetischen Kapitalismus zeugt ebenfalls von Kurven, die mit Vollgas genommen werden. 1994 verloren mehrere Millionen Kleinanleger ihre Ersparnisse beim Einsturz einer Finanzpyramide, die die windige Investitionsfirma MMM organisiert hatte. Vier Jahre später kollabierte die russische Wirtschaft komplett, gemeinsam mit einer anderen Finanzpyramide, die diesmal der klamme Staat selbst aufgebaut hatte. In beiden Fällen kauften einfache Leute massenhaft Wertpapiere, deren Dividenden einzig dadurch finanziert wurden, dass nach ihnen noch mehr einfache Leute investierten. Allen schwante das böse Ende, aber alle hofften, sie würden nicht zu den letzten Käufern gehören. Nach der alten russischen Husarenweisheit: „Wer nichts riskiert, der trinkt auch keinen Champagner.“ Heute stecken die Russen ihre Ersparnisse mit Vorliebe in noch nicht gebaute Wohnungen, obwohl immer wieder Bauunternehmen betrügerisch Bankrott machen.

Selbst Russen, die bereits in Champagnerseen baden können, neigen zum Risiko. 2003 kündigte der Ölmilliardär Michail Chodorkowski an, er wolle künftig Politik machen. Das war ein Fehdehandschuh ins Gesicht der Regierenden im Kreml, der sein Machtmonopol bedroht sah. Die russische Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Chodorkowskis engste Mitarbeiter, man legte dem Unternehmer nahe zu emigrieren. Doch der ignorierte alle Warnungen, wurde schließlich verhaftet, wegen Steuerhinterziehung und Betrug verurteilt und sitzt für die kommenden acht Jahre in einem ostsibirischen Straflager. Doch die klammheimlichen Sympathien des Publikums sind ihm sicher. Oder wie eine pensionierte Ärztin erklärt: „Ein Jude, aber einer mit Courage.“ Russland zollt denen Respekt, die teure Autos zu Schrott fahren, Prügeleien anzetteln, wenn sie in der Minderheit sind, oder mit fremden Frauen ohne Kondom schlafen. Die also „na awos“, auf gut Glück leben. Der russische Alltag erinnert an ein Spiel, unberechenbar, oft grausam. Aber immer spannend.

Schließlich gelingt es mir auch, Igor auf dem Schachbrett zu schlagen. Als ich meinen Freibauern auf die Grundlinie schiebe, zittern meine Hände, ich schwitze vor Aufregung. Igor aber grinst und gratuliert: „War aber auch Zeit, dass du mal gewinnst!“ Ein verlorenes Schachspiel ist für Igor ebenso nebensächlich wie ein gewonnenes. Sibirier brauchen kein Hasard, um ihre Adern mit Adrenalin voll zu pumpen. Wenn ein Mann allein in der Taiga bei 30 Grad minus mit bloßen Händen das brennend kalte Getriebe seines Motorschlittens repariert, dann ist das Abenteuer genug. Springt der Schlitten wieder an oder nicht? Kalbt die Kuh glücklich? Ruiniert der Hagel die Ernte? Oder die Hitze? Die sibirischen Dörfler müssen nicht alles oder nichts spielen, denn der Alltag selbst stellt ihnen wieder und wieder diese Frage. Und wem dieser Alltag nicht reicht, der kann noch bei Tauwetter mit dem Lkw auf das Eis des Irtyschs fahren. ---