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Lust auf Neues

Viren und andere Krankheitserreger sind erfinderisch und verändern sich ständig. Ein Gespräch mit Helga Rübsamen-Waigmann darüber, wie die Pharmabranche mit den neuen Anforderungen mithalten kann.


brand eins: Die Naturwissenschaften gelten als exakte Disziplinen. Wie wichtig ist Kreativität bei der Pharmaforschung?

Rübsamen-Waigmann: Wenn Sie ein guter Forscher sein wollen, müssen Sie nicht nur das Handwerk und die Theorie beherrschen, also das, was exakt ist. Sie müssen vor allem die Kreativität besitzen, Dinge, die erst einmal noch gar nichts miteinander zu tun haben, so zu kombinieren, dass daraus eine neue Lösung entsteht.

Wenn Sie sich ein Experiment ausgedacht haben und es geht anders aus, als Sie es sich gedacht haben, dann müssen Sie sich überlegen, woran das liegen könnte. Sie müssen interpretieren. Und natürlich müssen Sie sich dann auch etwas Neues ausdenken.

Kann man ein Umfeld schaffen, das so etwas begünstigt?

Ja. Das sieht man an Universitäten wie Harvard. Dort herrscht eine besondere Stimmung, ein besonderer Geist. Dort lehren, forschen und studieren sehr viele sehr kreative Leute. Sie kommen, weil sie sich von dieser Stimmung angezogen fühlen und schaffen sie gleichzeitig. Egal, wo Sie dort sind, es wird überall miteinander diskutiert. Und jeder merkt: Es herrscht große Offenheit gegenüber neuen Ideen, man erfährt sofort davon. Diese Umgebung stimuliert ungemein, etwas Neues auszuprobieren.

Dann hat ein solches Umfeld also mehr mit einer speziellen Stimmung zu tun als mit der materiellen Ausstattung?

Paul Ehrlich, der Nobelpreisträger, hat mal gesagt: "Zum Erfolg braucht der Forscher Geschick, Geduld, Glück und Geld." Selbstverständlich brauchen Sie eine Mindestausstattung im Labor. Eine, die vor allem den Sicherheitsstandards entspricht. Doch um erfolgreich zu forschen, brauchen Sie keine Luxusausstattung. Ganz sicher aber brauchen Sie Menschen, die selbst sehr gut forschen, die kommunikativ sind und die ihre Arbeit sehr engagiert machen. Das erklärt auch, warum große Entdeckungen gar nicht selten aus Labors kommen, wo auf sehr engem Raum geforscht wurde. Die französischen Forscher etwa, die das HIV-Virus zuerst entdeckt haben, arbeiteten in relativ kleinen Räumlichkeiten. Die hatten keinen Palast.

Was die Kommunikation befördert haben dürfte.

Genau. Wenn Sie eine kreative und spielerische Atmosphäre haben wollen, müssen Sie es scharfen, dass sich die Mitarbeiter weiterbilden und austauschen. Auch über die Disziplinen hinweg. Denn vielleicht gibt es in einem anderen Gebiet zum Beispiel eine Technik, die Ihnen helfen kann, wenn Sie mit den Techniken aus Ihrem Gebiet nicht weiterkommen.

Forschen gilt allgemein als ernste Sache. Inwieweit verträgt sich das mit spielerischen Elementen?

Als Forscher leben Sie mit dem Versuch und dem Irrtum. Sie müssen neugierig sein, Sie müssen Spaß daran haben, Neues zu entwickeln und zu entdecken. Sonst können Sie die Frustration, die unser Beruf natürlich auch mit sich bringt, kaum aushalten. Wir arbeiten manchmal wochenlang an einer Fragestellung und kommen keinen Schritt weiter. Dann schafft man es nur, dranzubleiben, wenn man wirklich neugierig ist. Und bereit, es immer wieder zu versuchen. Auf verschiedene Arten. Wenn Sie ein guter Forscher sein wollen, müssen Sie das mit dem Herzen sein und eine Überzeugung haben, warum Sie einer sind.

Warum machen Sie es?

Wir wollen Medikamente gegen schwere Infektionen finden.

Kann man bei solchen Fragestellungen spielerisch bleiben?

Kreativität ist sogar besonders wichtig, gerade wenn man wie wir in einem hoch innovativen Bereich engagiert ist. Es gibt eine Menge Medikamente, die auf verwandten Wirkstoffen beruhen - das machen wir bewusst nicht. Wir arbeiten ausschließlich an wirklich völlig neuen Substanzen, bei denen wir die Hürden sehr hoch gelegt haben, soweit wir das im Labor testen können. Die müssen auf den Gebieten, auf denen wir aktiv sind, wirklich etwas Neues können, also etwa bei HIV, Hepatitis oder resistenter Bakterien. Diese Keime verändern sich ständig, und vorhandene Medikamente verlieren ihre Wirksamkeit. Da braucht man etwas wirklich Neues. Ob die Substanzen halten, was wir uns erhoffen, können wir aber erst in der nächsten Phase der Entwicklung sehen - wenn Patienten damit behandelt werden.

Das ist ein hohes Risiko.

Ja. Auf der anderen Seite ist das Infektionsgebiet aber eines, bei dem Sie aus den Ergebnissen der Tierversuche sehr viel lernen können. Wenn Sie eine Maus retten können, die mit einem Bakterium infiziert ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das beim Menschen auch klappt, recht hoch. Dennoch: Eine wirklich neue Substanz birgt mehr Risiken als eine, die bereits bekannt ist. Wir werden deshalb sicherlich auch neue Wege in der klinischen Prüfung gehen müssen. Das ist unsere Herausforderung.

Dazu braucht es Kreativität und Neugier. Lässt sich das lernen?

Ich glaube beides sind Eigenschaften, die Sie mitbringen oder eben nicht. Ich halte sie für einen Forscher für unverzichtbar. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Dinge, die unterschiedlichen Menschen unterschiedlich viel Spaß machen. Bei unseren Bewerbern gibt es beispielsweise zwei Typen. Die einen wollen am liebsten ihr Leben lang im Labor bleiben, die anderen möchten irgendwann auch mal ins Management. Wir brauchen beide.

Unabhängig davon ist wichtig, dass Sie als Führungskraft Ihre Mitarbeiter ermutigen, Neues zu versuchen. Dazu gehört auch, dass man Fehler akzeptiert - allerdings nicht denselben zweimal. Auch mit negativen Ergebnissen aus einem Experiment muss man positiv umgehen: Wenn das Experiment technisch sauber gemacht worden ist - und das Ergebnis so ganz anders ist als erhofft -kann es trotzdem eines sein, das für uns wichtig ist. Die Frage ist nämlich: Was will uns die Natur damit sagen? So ein Experiment kann uns also durchaus weiterbringen.

Das setzt aber nicht nur die Freude am Probieren voraus, sondern auch eine Menge Wissen.

Man muss schon etwas gelernt haben und etwas können. Sie können kein sehr guter Forscher sein, wenn Sie die Techniken nicht richtig beherrschen. Oder in der Theorie Lücken haben. Oder die aktuelle Weltliteratur auf Ihrem Gebiet nicht kennen. Ein guter Forscher zu sein bedeutet viel Arbeit. Das muss man bei aller Faszination sehen und akzeptieren.

Inwieweit spielt das Sich-Messen-Wollen, der Wettbewerb mit anderen eine Rolle?

Das ist sicherlich ein Element. Und es ist auch schlichtweg notwendig. Sie wollen schließlich nichts machen, was andere schon gemacht haben. Wenn Sie etwa etwas veröffentlichen wollen, geht das nicht mehr, wenn es schon jemand anderes getan hat. Und Sie können ein Produkt, das einem anderen sehr ähnlich ist, auch nicht gut verkaufen. Aber die Menschen sind auch in dieser Beziehung unterschiedlich. Es gibt Leute, die sehr stark rangeln und für die es ein starker Antrieb ist, besser zu sein als der Wettbewerb. Andere holen sich ihre Motivation eher daher, dass sie ein deutlich besseres Produkt entwickelt haben.

Sie haben lange für Bayer gearbeitet. Nun leiten Sie Aicuris, eine kleine Firma, die am 1. März dieses Jahres gegründet wurde. Wo wird kreativer, spielerischer gearbeitet?

Ich hatte hervorragende Arbeitsbedingungen bei Bayer. Auf der anderen Seite gibt es in großen Organisationen mehr eingefahrene Wege als in einer kleinen, neuen. Größe hat sowohl Vorteile als auch Nachteile.

Wir sind ganz anders aufgestellt. Wir haben unsere gesamte frühe Pipeline auf dem Infektionsgebiet von Bayer mitbekommen. Die Strategie, wie wir sie weiterentwickeln, können wir sehr frei bestimmen und neue Wege gehen. Wir arbeiten mit diversen Beratern, mit denen wir über Qualität diskutieren und darüber, wie das Medikament am Ende aussehen soll. Wenn Sie etwa an einem Wirkstoff gegen Herpes forschen, stellen sich viele Fragen. Soll das Präparat gegen Lippenherpes eingesetzt werden oder auch gegen Genitalherpes? Soll eine Creme daraus werden oder eine Pille? Das kostet zwar Zeit, aber es hilft, die Projekte aus mehr als einem Blickwinkel zu betrachten. Ich glaube schon, dass wir damit kreativere, vielleicht sogar schnellere Entwicklungen hinbekommen, als wenn man immer alles nach Schema F macht.

Ein kreatives Umfeld, ein spielerischer Umgang sind sicherlich wichtig - aber wie wichtig ist die Aufgabe für einen Forscher?

Für mich persönlich macht das einen großen Unterschied. Infektionskrankheiten kennen keine Grenzen, und ihre Beherrschung ist auch Teil unserer Sicherheit. Aber es gibt genauso Forscher, die einfach aus Spaß forschen und für die die Frage, ob das, woran sie arbeiten, etwa lebensrettend sein könnte, nicht so wichtig ist.

Aber etwas zu machen, was neu ist, ein innovatives Medikament zu entwickeln, das macht uns allen Spaß - unabhängig von der Indikation.