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Glück gehabt

Kein Geld. Kein Ruhm. Kein sozialer Aufstieg. Mit Comics erreicht man keines der Konsensziele unserer Zeit. Und trotzdem werden sie immer weiter produziert. Weil es dafür einen sehr guten Grund gibt.




"Vor 23 00 Jahren kam Aristoteles zu der Schlussfolgerung, dass der Mensch vor allem Glück sucht. Glück wird um seiner selbst willen angestrebt, während jedes andere Ziel - Gesundheit, Schönheit, Geld oder Macht - nur geschätzt wird, weil man erwartet, dass es glücklich machen wird." (Mihaly Csikszentmihalyi: How) Wir sprechen nicht über das Glück, aber es ist immer da, wie das vage Rauschen des Verkehrs vor den Fenstern. Es lebt in den leisen Worten, den weichen Gesten, den freundlichen Blicken, dem allgemeinen Lächeln. Es versteckt sich hinter dem Unverständnis angesichts des Unglücks. Einmal, erzählt Line Hoven, hat sie eine schlechte Erfahrung gemacht. Das war bei einem Job für einen großen Wirtschaftskunden, dessen Namen sie nicht nennen möchte, weil sie keinen Ärger will. Sie kam zu einer Präsentation von Design-Vorschlägen, zusammen mit einer Hand voll Kunststudenten voller Ideen und Enthusiasmus, die bereit waren, ihr Bestes zu geben. Doch die Kunden waren " echt eklig, total seelenlose Menschen. In der Pause sind sie über uns hergezogen, ich habe gehört, wie sie darüber redeten, wie schlimm wir aussähen. Bei so etwas mache ich nie wieder mit, da jobbe ich lieber in der Kneipe". Doch selbst in diesem Moment bleibt die 28-Jährige sanft und freundlich, ein angenehmes Wesen, das verständnislos auf eine unangenehme Welt schaut. Warum sind diese Leute so? Und was wollen die?

Ganz sicher nicht, was Line Hoven will. Denn die ist Comic-Zeichnerin. Und das dürfte in den Augen renditesensibler Macher einer der schlechtesten Jobs sein. Mit Comics verdient man kaum Geld, denn in Deutschland gelten grafische Erzählformen nach wie vor als fragwürdig, und so sind die Auflagen von Heften und Büchern niedrig: Mit 3000 verkauften Exemplaren ist ein Comic-Album hier zu Lande ein Erfolg - in Frankreich werden selbst von kleinen Hits häufig mehr als 100 000 Stück verkauft.

Man wird auch nicht berühmt mit Comics: Comiczeichner sind keine gefragten Gesprächspartner in Talkshows, sie werden nicht vom Goethe-Institut als Repräsentanten der deutschen Kultur um die Welt geschickt, und selbst auf Partys zieht "Ich mache Comics" deutlich weniger als "Ich mache Musik auf dem Laptop" - auch wenn das inzwischen jeder tut.

Andererseits machen Comics viel Arbeit: Zeichner sind in der Regel extrem gut zu erreichen, weil sie immer am Schreibtisch sitzen - außer sie sind gerade bei ihrem Zweitjob, den sie haben, um ihre Miete zahlen zu können, damit sie weiter in der Lage sind, an einem Werk zu arbeiten, das sich später im besten Fall gut genug verkauft, um einen billigen Urlaub zu finanzieren. Meistens reicht es dafür allerdings nicht. Line Hoven jobbt in Hamburg in einem Plattenladen und arbeitet sonst an ihrem ersten Buch "Liebe schaut weg". Sie zeigt ein paar Seiten, an der einen hat sie zwei Wochen gesessen. Das halbe Buch ist fertig, dafür brauchte sie zweieinhalb Jahre.

Es ist an der Zeit, eine Gegenfrage zu stellen: Warum tut man das? Ein leises Lächeln begleitet die Antwort: " Wegen der kleinen Momente. Allein dieses Gefühl, wenn man eine neue Figur gezeichnet hat und weiß, da ist jetzt jemand Neues in meinem Leben. Da gibt es so ein Kribbeln. Das ist mir alles wert." Selbstverständlich stören sie die finanziellen Nöte, ganz zu schweigen von den inneren Kämpfen, "es ist ganz viel Leid dabei, Zweifel, ob man überhaupt etwas kann." Doch obwohl es eine Alternative gäbe, immerhin hat sie visuelle Kommunikation studiert und offiziell als Diplom-Desk-Illustratorin abgeschlossen, will und kann sie nicht anders. "Ich könnte nicht als Layouterin oder Grafikerin arbeiten, weil ich dabei nicht glücklich wäre. So will ich nicht leben." Die Wahlhamburgerin stellt ihre Seiten in einer sehr aufwändigen Kratztechnik her, was sie zu einem extremen Beispiel einer Comic-Produzentin macht, doch ihre Haltung ist typisch: Alle Comic-Künstler arbeiten viel, ohne auch nur ein geregeltes Einkommen zu erwarten. Allein ihr Weg ins Medium ist ungewöhnlich: Der normale Comic-Künstler war als Kind ein Comic-Leser, hat in der Pubertät angefangen, eigene Geschichten zu zeichnen und ist dann dabei geblieben. Da liegt der Verdacht nahe: Hier wird die Kindheit verlängert. Doch nicht bei Line Hoven.

Die hatte bis vor drei Jahren mit Bildergeschichten wenig zu tun: Sie wuchs in einem kleinen Neubaudorf nahe Detmold auf und arbeitete zwei Jahre am Staatstheater Kassel als Bühnen- und Kostümbild-Assistentin, bevor sie an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg ging. Dort gehörten zu ihren Lehrern die Künstler Anke Feuchtenberger und Georg Barber, "die haben mich mit Comics angefixt". Ihre Liebe zur grafischen Erzählung ist seitdem heftig: "Am Theater hat mich immer gestört, dass man die Bilder, die man im Kopf hatte, nie umsetzen konnte, weil alles immer zu teuer war. Im Comic gibt es keine Grenzen, man kann aus allem ausbrechen und andere direkt an seinem eigenen Universum teilhaben lassen." Und darum ginge es doch, um Kommunikation. Und nicht um ... na, Dings, wie heißt das noch mal?

Das ist das Problem in der Comic-Welt: Geld sieht man selten und wenn, nur in Mengen, die knapp über der homöopathischen Grenze liegen. Eine Ausnahme sind die erfolgreichen Mangas, Comics aus Japan beziehungsweise im japanischen Stil, denn inzwischen gibt es auch einheimische Produktionen, die überwiegend von Frauen gezeichnet werden. Ebenfalls relativ erfolgreich sind Superhelden-Comics aus den USA und comic-verwandte Cartoons wie etwa die "Nichtlustig"-Reihe von Joscha Sauer, die dazu gerührt hat, dass sich jetzt auch einige Comic-Zeichner an gezeichneten Witzen versuchen.

Für den Rest gilt, dass sich zwar vor allem im Umfeld von Kunsthochschulen und Grafik-Designern das Publikum für Comics langsam vergrößert, das Medium aber immer noch eines für Minderheiten ist. Selbst wenn man mit Glück eine Lizenzveröffentlichung im Ausland hat, vielleicht sogar im Comic-Land Frankreich, in Südkorea oder Japan, wo die Auflagen hoch sein können, bleibt man oft der ewige Geheimtipp - dann eben global.

Das führt dazu, dass bis auf wenige Bestseller-Ausnahmen wie Ralf König ("Der bewegte Mann") oder Walter Moers ("Das kleine Arschloch") fast alle Zeichner Nebenjobs machen, oft als Grafiker. Nur sind Comic-Produzenten, wie viele Kreative, schlechte Verkäufer, und so war die Gründung einer Comic-Vermittlung eigentlich überfällig. Doch die erste Agentur weltweit, die sich auf Comics spezialisiert hat, wurde gerade erst im Februar dieses Jahres in Berlin eröffnet: Comicstills vermittelt einzelne Bilder aus schon existierenden Büchern sowie Zeichner an Zeitungen, Zeitschriften und in die Werbung.

Die Idee, vorhandene Geschichten in einzelne Grafiken zu zerlegen ist ungewöhnlich, schließlich leben Comics von zusammenhängenden Sequenzen. Doch Henning Stöve, einer der Gründer, ist von ihr überzeugt: "Im Prinzip kann man Comic-Bilder wie Zitate benutzen, wie prägnante Sätze zu einem bestimmten Thema, die man einem Roman entnimmt. Das gibt ihnen einen Mehrwert, den speziell produzierte Grafiken nicht haben." Comicstills wurde von Hannes Niepold (Comic-Fachmann), Hanne Baum (Grafikerin mit Redaktionserfahrung) und Henning Stöve (Programmierer) gegründet. Niepold kam auf die Idee, als er feststellte, dass auch in den USA viele Comic-Zeichner wenig verdienen. Fast zwei Jahre hat das Trio den Start vorbereitet, finanziert von Exist-Seed, einer Förderung für Hochschulabgänger, die inzwischen nur noch für technikorientierte Projekte vergeben wird. Seit Anfang Februar steht eine Datenbank mit zurzeit 11000 Bildern online, 35 Zeichner vertritt die Agentur bislang.

Die erste Resonanz ist gut, aber nicht überwältigend: Die Werbeagenturen lieben die Idee, doch leider wollen es die Kunden konventioneller - das übliche Gejammer verhinderter Genies. Bei den Zeitungen war die Resonanz besser, nicht zuletzt, weil viele auf ein kostenloses Lockangebot mit Gutschein reagiert haben. Aber auch hier wiegt die Gewohnheit schwerer als der Reiz des Neuen, außerdem ist das Interesse an exklusiven Grafiken wesentlich größer als an der Zweitverwertung einzelner Bilder.

Leben können die drei Gründer noch nicht von ihrer Agentur, und so finanzieren auch sie sich mit Nebenjobs, so wie ihre Klienten. Aber das ist kein Problem. Hanne Baum: "Es geht uns nicht nur um Geld, deshalb können wir das überhaupt machen. Es geht uns auch darum, zu zeigen, was im Comic möglich ist." Sie wollen die alten Vorurteile gegen Comics beiseite räumen und müssen deshalb erst mal viel Überzeugungsarbeit leisten. Dabei ist es für sie wichtig, dass sie ihre Künstler subjektiv nach ihrem persönlichen Geschmack aussuchen, denn sonst "wären wir eine beliebige Agentur". Auf der Website werden auch die Bücher der Klienten beworben, man will sie doch fördern, denn schließlich sind, wie Hanne Baum meint, "die meisten Comic-Zeichner echt nett, sonst würden wir das hier nicht machen." Prima Stichwort: Warum machen sie das alles? Henning Stöve: "Es ist interessant und macht Spaß." Hanne Baum: "Wir tun es aus Überzeugung." Hannes Niepold: "Aus Liebe zum Comic." Das Durchschnittsalter der Agenturgründer liegt um die 30, das ihrer Künstler ebenfalls. Es ist eine beliebte Methode vermeintlicher Realisten, den Idealismus anderer mit deren Alter zu begründen: Vor kurzem war einer Student mit einem niedrigen Lebensstandard, nun ist er eben Gründer oder Künstler mit ebenso wenig Geld. Doch mal abgesehen davon, dass die finanziellen Aussichten in der Wirtschaft allgemein nicht nur toll sind, muss man sich vielleicht daran gewöhnen, dass Menschen, die sagen, es ginge ihnen nicht um Geld, das auch meinen.

Über Geld muss man nicht reden, denn um Geld geht es nicht Line Hoven hatte erzählt: "Georg Barber hat immer gesagt, er habe keine Lust, über Geld zu reden, weil es darum nicht ginge." Das hat beim Treffen mit Barber den Vorteil, dass mehr Zeit bleibt, um über andere Dinge zu sprechen - etwa über die Bilder, die an der Wand seines Wohnungs-Ateliers in Berlin hängen: eine Originalseite des Zeichners Jack Kirby oder eine Zeitungsseite aus dem frühen 20. Jahrhundert der Serie "Little Nemo". Vermutlich könnte Barber den Kauf solcher Einzelstücke von der Steuer absetzen, immerhin übernimmt er nicht nur Lehraufträge, sondern stellt auch jeden Monat in der Ost-Illustrierten " Das Magazin" einen Künstler vor - sowohl aus der Malerei als auch aus der Comic-Welt. Aber wahrscheinlich beschäftigt sich der 38-Jährige dafür nicht lange genug mit Steuern. Immerhin ist sein Motto: "Was ich tue, muss Spaß machen." Dem in Frankfurt/Oder geborenen Künstler scheint allerhand Spaß zu machen. Unter seinem Pseudonym Atak veröffentlicht er Comics, zeichnet Illustrationen, malt Plakate und stellt in Galerien Bilder aus. Früher arbeitete er nebenbei im Comic-Laden, heute übernimmt er Grafikaufträge, aber nicht jeden, weil "ich schließlich auch eigene Projekte habe". Alle Pläne zusammengenommen hat er im Moment "für zwei Jahre genug zu tun".

Wobei er, wie alle, viel arbeitet. "Ich male manchmal die Nacht durch, aber man kann schlecht sagen, dass es Arbeit ist, weil ich das gerne mache. Die Produktion am Schreibtisch ist das, was mir am meisten Spaß macht. Da gibt es manchmal Momente, wo man sich daran erinnert, wie man früher mit 12 oder 14 ganz leicht gezeichnet hat, und wo es plötzlich wieder so ist. Aber das kommt selten vor, dafür muss man sehr viel sitzen. Und zwischendurch mache ich natürlich längere Pausen. Die müssen sein, damit in einem selbst wieder etwas passieren kann." Barber hat Schrift- und Grafikmaler gelernt bei der Dewag, der einzigen Werbeagentur der DDR. Er war ein Handwerker, der davon träumte, eines Tages bei "Mosaik" zu arbeiten, dem einzigen Comic-Heft des sozialistischen Deutschlands. Stattdessen wurde er nach dem Fall der Mauer einer der Gründer des ersten unabhängigen Bildgeschichtenmagazins in Ostdeutschland, "Renate".

Seine Idee von Comic war anfangs "dicke Nasen, Comics waren für mich erst mal witzig". Doch das änderte sich bald. Er entdeckte die Möglichkeiten des grafischen Erzählens, "die interessante Verbindung von Text und Bild", studierte in Berlin an der Hochschule der Künste visuelle Kommunikation, veröffentlichte viele Arbeiten auf hohem Niveau, " mein Traum war immer eine eigene Welt, die kann man sich im Comic sehr gut aufbauen", und war schließlich etabliert genug, um für einige Monate sogar einen Strip für "Die Zeit" zu zeichnen: "Einführung in das moderne Leben". Willkommen in der Hochkultur!

Die Anerkennung des Comic-Zeichners als bildender, also echter Künstler, ist ein Sonderweg, der aus dem langen Schatten des deutschen Misstrauens gegenüber dem Medium entstanden ist. Im Nationalsozialismus galten Comics als entartet, in der DDR als imperialistisch, in der Bundesrepublik bis in die siebziger Jahre als jugendgefährdend. Inzwischen werden sie als einfache Unterhaltung für schlichte Gemüter geduldet, doch tatsächlich nutzen viele Künstler die komplexen Möglichkeiten des Mediums. So entstehen häufig Werke, die offensichtlich nicht so schlicht sind.

Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, und Comics eben keine Kultur sind, werden diese Arbeiten zu Kunst erklärt. Das hat den großen Vorteil, dass man sich nicht damit beschäftigen muss, weil man Kunst ohnehin nicht versteht, während das Medium selbst weiterhin als simpel betrachtet werden kann, weil es nur Zeug wie Superman, Donald Duck und Asterix umfasst. Es ist, als würde man alles, was komplizierter ist als ein Song von Dieter Bohlen nicht mehr Musik nennen, sondern Klangkunst, und dann sagen, Musik sei primitiv.

Barber hat kürzlich einen Workshop in Kamerun geleitet, veranstaltet vom Goethe-Institut und dem Centre Culturel Francais. "Die Deutschen haben einen Schriftsteller eingeladen, aber die Franzosen wollten auch einen Comic-Zeichner. Für die war das ganz selbstverständlich, in Frankreich fragt keiner, ob Comics Kunst sind oder Unterhaltung." Ein Problem hat er nicht mit den deutschen Dünkelbürgern, aber er würde, so sagt er, auch keine Kompromisse machen, um künstlerischer zu werden oder gar kommerzieller. "Ich glaube nicht an Zielgruppen. Wenn es ein Publikum gibt, wird es sich von selbst finden. Außerdem geht es mir in erster Linie um den Spaß. Schließlich kommt man in Deutschland finanziell immer irgendwie durch, wir leben doch nicht in der Dritten Welt." Und zu guter Letzt gibt es eine Gruppe, auf die man sich stets verlassen kann: die Comic-Szene. "Die ist sehr angenehm, ganz anders als die Film- oder die Kunstszene. Es gibt überhaupt keine Missgunst. Alle sind sehr nett." Das stimmt. Und zwar auf allen Ebenen. Nette Kreative trifft man überall, aber spätestens wenn es um Verleger oder Rechteverwerter geht, wird es schwierig. Doch auch hier gilt: Wer nichts anderes will, als Kohle machen, geht nicht in die Comic-Branche. Zwar wird in den großen Verlagen Carlsen (Tim & Struppi, Spirou Fantasio, Mangas), Ehapa (Disney, Asterix, Lucky Luke), Panini (Mangas, Superhelden) und Tokyopop (Mangas) Geld verdient. Doch im Vergleich sind die Profite so schmal, dass selbst die darbende Musikindustrie prächtig dasteht. Deshalb ist die Branche unterwandert von Überzeugungstätern, die kleine Perlen in die Programme schmuggeln, die sich vielleicht nicht gut verkaufen, aber toll sind. Und das gilt erst recht für die Kleinverlage, in denen ausschließlich erscheint, was dem Verleger gefällt. Wie zum Beispiel bei Reprodukt.

Es geht um Glück. Deshalb verlegt man lieber ein Meisterwerk als einen Bestseller Dirk Rehm hat Reprodukt 1991 mit 20 000 ersparten D-Mark gegründet. Seine erste Veröffentlichung war ein Band der US-Serie Love & Rockets, was er als seinen "Auftrag" sah. Bis heute ist das für ihn ein wesentliches Motiv geblieben: "Wichtig ist mir, dass bestimmte Dinge passieren." Rehm hat drei Angestellte, die bei ihm aber nur einen Teil ihres Einkommens verdienen, so wie auch er nur zum Teil vom Verlag lebt. Außerdem betreibt er den Comic-Versand Das Sortiment und schreibt mit der Hand Texte in Sprechblasen - das heißt lettern, es ist eine eigene Kunst, und der 42-Jährige ist ein international hoch angesehener Letterer.

Als Verleger hat er einen ebenso guten Ruf, was ihn Anfang des Jahrtausends allerdings eher überforderte: "Die Erwartungen waren zu hoch, die Arbeit zu viel, und der Verkauf stagnierte." So ging er Ende 2000 für anderthalb Jahre zum vergleichsweise großen Carlsen Verlag, wo er als Redakteur und Redaktionsleiter arbeitete. Dort habe er viel gelernt, was ihm heute hilft, sagt Rehm, aber auch, welche Vorteile ein kleiner Verlag hat. "Mit der Größe verringert sich die Qualität, weil du bei der Kommunikation über mehrere Ebenen zu viel Reibungsverlust hast. Außerdem hast du in einem großen Verlag vielleicht vier Leute, die Comics wirklich lieben, der Rest macht einfach nur seinen Job. Und wenn du tatsächlich mal einen Hit hast, musst du einen Apparat aufbauen, der später ausgelastet werden will, sodass du immer neue Verkaufsschlager generieren musst." Rehm ist keine Ausnahme. Es gibt viele Teilzeitverleger, die hart arbeiten, um Comics verbreiten zu können, die sie für schön, interessant oder wichtig halten. Und warum tut er das? "Das wirst du von allen hören: Die Freude am Verlegen bestimmter Sachen gleicht vieles aus, auch die Unsicherheit und die Mühe. Die Arbeit ist so befriedigend, dass sie einen für alles entschädigt." Was würde er tun, hätte er die Wahl, einen Bestseller zu verlegen oder ein schwer verkäufliches Meisterwerk? "Natürlich das Meisterwerk. Das befriedigt mich viel mehr. Wenn man ein Buch verlegt wie "Acht, Neun, Zehn" von Arne Bellstorf und eine gute Resonanz hat, ist es das größte Glück." Das Glück. Es bevölkert diese Geschichte in sanften Massen, es geht durch die Räume und zieht durch die Menschen, es hängt an den Wänden und liegt auf den Tischen, und wenn man einen Comic betrachtet, nickt es einem freundlich zu. Der US-Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi nennt es Flow, vielleicht weil man den Begriff Glück nicht trademarken kann. In seinen Büchern hat er Glück als eine optimale Erfahrung definiert: Flow stellt sich ein, wenn man konzentriert einer Aktivität nachgeht, die man selbst bestimmt, die einen weder unter- noch überfordert, die ein klares Ziel hat und für die es eine unmittelbare Rückmeldung gibt.

Zu den Begleiterscheinungen des Flow gehört neben einer tiefen Befriedigung der Verlust des Zeitgefühls und der Selbstwahrnehmung - man geht in der Tätigkeit auf. Csikszentmihalyi behauptet, Flow sei weit verbreitet. Er hat tausende von Personen interviewt und festgestellt, dass Musiker, Chirurgen, Schachspieler, Maler und Sportler ihre besten Momente auf ähnliche Art schildern. Auffällig ist dabei, dass alle das Glück als Folge von oft anstrengender Aktivität sehen, im Gegensatz zur verbreiteten Meinung, Glück habe etwas mit Entspannung oder Ruhe zu tun.

Tätigkeit macht glücklicher als Untätigkeit - aber nur, wenn man die Tätigkeit selbst in der Hand hat. Das ist wenig überraschend für alle, die in der Lage sind, unabhängig zu arbeiten - egal, ob gut bezahlt oder nicht. Aber man muss sich das als Utopie vorstellen: eine Welt, die vom Flow bestimmt ist. Wo Menschen Dinge tun, die sie gern tun, und sich in ihrer Freizeit mit Sachen beschäftigen, die sie wirklich interessieren. Man muss sich die Zufriedenheit vorstellen, von denen diese Menschen erfüllt sind, und die Hingabe, mit der sie an ihre Aufgaben gehen. Man muss sich vorstellen, wie diese Menschen miteinander reden und welche Gesten sie wählen, um ihre Worte zu unterstreichen. Und wer sich das nicht vorstellen kann ... nun ja, der kann sich genauso gut die Comic-Szene ansehen.

Es gibt dort keine Chance auf Geld oder Ruhm - der Lohn liegt in den Dingen selbst. Und das gilt sogar für die Konsumenten: Auch als Comic-Leser ist man selten der Mittelpunkt der Party, kaum jemand möchte mit einem lieber über ein neues Comic sprechen statt über das Fußballspiel von gestern, und auch nach einem Rat für ein Geburtstagsgeschenk wird man selten gefragt. Grafische Erzählungen werden nur gelesen, wenn sie glücklich machen, weil sie optimal den Erwartungen und Fähigkeiten des Konsumenten entsprechen. Denn auch beim Konsum kann Flow entstehen, solange man sich mit etwas beschäftigt, das einen genug herausfordert. Man könnte das auch Lernen nennen.

Das heißt aber nicht, dass man für immer arm bleiben muss, damit man nicht den Flow verliert. Flow ist unabhängig vom Erfolg, solange man sich nur nicht von äußeren Faktoren wie wachsenden Bankkonten und kreischenden Fans irritieren lässt. Und vielleicht reicht es auch erst mal, sich einen Platz im fröhlichen Mittelstand zu erarbeiten. So wie Kim Schmidt, der in Dollerup nahe Flensburg lebt. Schmidt ist 41, hat eine Frau, zwei Kinder, zwei Autos und zwei Häuser - alles durch Comics-Zeichnen bezahlt. Ohne fette Bestseller oder Verfilmungen. Doch, das geht.

Kim Schmidt liebte als Kind Comics. Er zeichnete sie ab und begann seine erste Serie "Öde" für ein Flensburger Anzeigenblatt bereits in der Schulzeit - die läuft bis heute. Etwas später folgte die Serie " Local Heroes" für das "Flensburger Tageblatt", und weil er in Flensburg konkurrenzlos war und sich sein Ruf als zuverlässiger Grafiker rasch verbreitete, wurde er nach einem abgebrochenen Architekturstudium und einer abgeschlossenen Krankenpflegerausbildung professioneller Comic-Zeichner.

Seit zwölf Jahren lebt er davon. In dieser Zeit hat er 25 Bücher veröffentlicht, meist in seinem eigenen Verlag Flying Kiwi. Dort erscheinen außerdem Cartoon-Landkarten, die erste von Schleswig-Holstein, "Hedwig Holzbein", hat er bisher rund 80 000-mal verkauft. Das hat einige Jahre gedauert, aber "man muss das alles langfristig sehen". Außerdem veranstaltet er bundesweit Comic-Workshops für Kinder und arbeitet als Grafiker für Sparkassen oder die Stadtreinigung. Das Geheimnis seines Erfolges fasst er knapp zusammen: "Disziplin und Durchhaltevermögen." Schmidt ist ein echter Küstenbewohner, seine Worte sind breit, seine Sätze oft einsilbig. Auch das hat ihn wohl zu einem lokalen Star gemacht - er ist an seinem Publikum nahe dran. Allerdings fehlt ihm dessen verbreitetes Sicherheitsdenken. " Als ich mich selbstständig gemacht habe, war gerade unser erster Sohn geboren. Aber ich dachte, na ja, es geht doch finanziell, ich mache das jetzt. Ich habe veröffentlicht, und jede Veröffentlichung ist wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. Der zieht Kreise, und man bekommt wieder Aufträge, auch Werbeaufträge." Der Zeichner arbeitet acht, neun Stunden pro Tag, "fünf Tage die Woche plus Wochenende. Aber nicht immer". Ein Freund hat als Autohändler inzwischen viel mehr Geld mit viel weniger Arbeit gemacht, aber das ist kein Problem: "Ich zeichne doch gerne. Und wenn du dich mit einer Sache beschäftigst, die wirklich gut läuft, merkst du gar nicht, wie die Zeit vergeht." Deshalb empfiehlt er Nachwuchszeichnern auch immer weiterzumachen. "Ich sag' denen: Tu es, du musst machen, was du willst. Such dir irgendwas, wo du veröffentlichen kannst, ein Anzeigenblatt oder eine Gemeindezeitung, und fang an. Klar, die haben oft Illusionen. Die denken, wenn du ein Buch bei Carlsen hast, hast du es geschafft. Aber darum geht es doch nicht." Auch für ihn nicht. Er hat vor einiger Zeit ein neues Projekt mit einem Kollegen begonnen, der erste Band hat 200 Seiten, es ist viel Arbeit. "Wirtschaftlich ist es absurd, so etwas zu machen. Aber wenn ich so ein Projekt anfange, dann in erster Linie, weil ich es will. Ich bin eben Comic-Zeichner. Geldverdienen kommt als Zweites. Erst mal geht es um Spaß."