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Fragen

Die man sich mal stellen kann. Eine Feriengeschichte.




Und so beginnt nun endlich das Glück. Wir sind Deutsche und dürfen stolz darauf sein. Wir haben so viel Fernsehen, so viel Exportweltmeister und so viel Reform. Doch das ist längst nicht alles. Bald können wir immer und überall einkaufen, alles wird immer geöffnet sein, unsere Läden, unsere Herzen, unser Geld. Und wer kein Geld hat, kann wenigstens dabei zusehen, wie die mit Geld Tag und Nacht einkaufen. Zumindest, bis sie von der Security hinausgebeten werden, weil sie sich nicht ausweisen können, mit einer Kreditkarte der offenen Herzen oder Bargeld lacht. Es ist so schön. Trotzdem bist du nicht glücklich. Warum?

Also fährst du in den Urlaub. Eine Woche lang nichts tun, die Sonne sieht die ganze Zeit auf dich herab, aber du schaust immer weniger zu ihr hinauf. Eines Tages fragst du deine Begleitung: "Erinnerst du dich an Bruno? Den Problembären?" Und sie antwortet: "Der ist doch tot, oder?" Du zögerst einen Moment, dann sagst du: "Ja, ich weiß. Ich dachte nur: Ist es nicht erstaunlich, dass du zu einem Problembären werden kannst, ohne jemals ein Problem gehabt zu haben? Und dann erschießen sie dich. Kann uns das auch passieren?" Deine Begleitung sieht dich einen Moment an, schüttelt dann schweigend den Kopf und vertieft sich wieder in ein Sudoku. Du schweigst auch, während du nicht siehst, was sich prächtig vor dem Balkon ausbreitet. Warum kannst du es nicht ruhen lassen?

Du willst dich nicht ruhen lassen. So verlässt du eines frühen Morgens das Hotel, nimmst einen Bus zu einem Ort, an dem du noch nie warst, verlässt den Ort zu Fuß und betrittst nach einiger Zeit eine menschenleere Landschaft. Wo dir ein Tier begegnet. Ein Hirsch? Eine Gazelle? Jedenfalls kein Problembär, denn das ist keines von Natur, dazu wird man gemacht. Du siehst das Tier, es sieht dich, und für einen Moment glaubst du an eine Verbindung zwischen euch, die dir eröffnet, was dir fehlt - die Natur, die kraftvollen Bewegungen deines Körpers im selbstverständlichen Rhythmus deiner Seele. Die Wahrheit jenseits des Ladenschlussgesetzes. Bis das Tier den Mund aufmacht und spricht. Warum fallen immer die falschen Worte im falschen Moment?

Es sagt: "Hey, hast du vielleicht was zu essen?" Denn so ist das in der Wildnis, der Kampf ums Überleben ist hart, und manchmal muss man eben schnorren. Das Tier sieht eigentlich ganz harmlos aus, also gibst du ihm ein paar Nüsse, die du aus der Minibar hast. So kommt ihr ins Gespräch. Das Tier heißt Ralf, und als du es nach der Natur fragst, antwortet es: "Tja, die Natur. Schöne Sache. Ich bin dafür. Ich habe zwar keine Ahnung, wie meine Natur aussieht, aber ... Na ja, die wird wohl dem entsprechen, was ich tue, sonst wäre es doch nicht meine Natur, oder? Also, ich ziehe so durch die Gegend, weit bin ich allerdings bisher noch nicht gekommen, weil ... keine Ahnung, hier ist es ja auch schön. Dann suche ich Essen, manchmal schnorre ich ... Hast du noch ein paar Nüsse?" Du gibst Ralf deine letzten Nüsse. "Und dann laufe ich so rum. Das hatten wir schon, ich weiß. Aber wenn ich mir das jetzt überlege ... Das ist eigentlich alles, essen und laufen. Das klingt nicht so toll, aber mir reicht es. Ach ja, paaren. Paaren mache ich auch noch." Dann muss Ralf los, denn ihr befindet euch in einem Wildpark, und hinter dessen Restaurant landen gleich die Mittagsabfälle in der Tonne, was er ungern verpassen würde, denn die sind in der Regel lecker. Jagen muss man sie auch nicht, denn so eine Tonne ist "ja eher eine Immobilie. Kleiner Scherz, hihi". Und was machst du jetzt?

Du kehrst ins Hotel zurück, wo niemandem aufgefallen ist, dass du weg warst, und isst einen kleinen Salat. Danach Freizeitaktivitäten. Abends wird Trivial Pursuit gespielt. Die Fragen aus dem Bereich Unterhaltung kannst du alle beantworten. Geografie geht so. Irgendjemand hat mal gesagt, Geografie ist Schicksal. Bei Trivial Pursuit stimmt das. Danach siehst du hinaus in die Nacht. Da draußen sind Tiere. Die kannst du hören. Nun weißt du auch, was die so machen. Nicht viel. Außer Lärm. Am nächsten Tag beobachtest du Vögel. Die fliegen rum. Die Insekten sind klein und sehr aktiv. Aber interessant? Eher nicht. Wie wird man wohl zu einem Problembären? Wer bestimmt das? Und warum glauben alle, dass die Menschen mehr kaufen, wenn die Läden länger geöffnet sind? Wachsen nachts die Bedürfnisse?

Dann sagt deine Begleitung etwas. Es ist ein Satz, den du schon tausendmal gehört hast, aber er ist so fern von dir, dass du plötzlich begreifst, dass die Person neben dir ein anderes Wesen ist. Eines, das manchmal dieselben Dinge sieht wie du, aber aus einem anderen Winkel. Das wie du Wünsche hat, Träume und einen Willen und das nicht aufhört zu sein, wenn du es nicht mehr siehst, das dann irgendwo anders ist und dort etwas tut, von dem du nie genau wissen wirst, was es ist, weil es sein Leben ist, ein ganzes Leben. Man kann nur ein Leben zur Zeit leben, alles andere sind Ausschnitte, begleitet im günstigsten Fall von dem großen Versuch des Verstehens. Da ist plötzlich in dir ein neues Gefühl. Ist das Liebe?

Abends sitzt du wieder auf dem Balkon. Du hast ein Wort gefunden: Verschnaufpause. Das ist sehr schön. Aber ausgestorben. Vielleicht ist es ein Problemwort? Dann stehst du auf, gehst hinüber zu deiner Begleitung, die da liegt, eingehüllt in ihr eigenes Leben, und gibst ihr einen langen, weichen Kuss, von Leben zu Leben. Danach gehst du wieder hinaus, setzt dich, wo du hergekommen bist, starrst in die Dunkelheit, in den Lärm der Tiere. Und fragst dich: Wieso ist es eigentlich verloren gegangen, dieses Wort Verschnaufpause? Oder wurde es erschossen?