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Falscher Film

Eastman Kodak machte einst die Massen zu Hobby-Fotografen. Doch beim Übergang in die digitale Welt hatte das Traditionshaus den Finger zu spät am Auslöser. Jetzt ist die Aufholjagd zum Überlebenskampf geworden, bei dem der Heimatstandort Rochester ausblutet.




Prahlen liegt Steven Sasson nicht. Die Idee, eine " elektronische Kamera für Standbilder" zu bauen, sei ihm eher zufällig gekommen. Der damals 25-Jährige war 1973 gleich nach der Uni im Labor für angewandte Forschung von Eastman Kodak gelandet, und hatte mit seinem Vorgesetzten über dieses neue Gerät namens CCD, Charge Coupled Device, gesprochen - also jenem lichtempfindlichen Sensor, ohne den eine digitale Kamera nicht funktionieren kann. "Eine kurze Unterhaltung von höchstens einer Minute brachte mich auf den Kurs, um etwas Unerhörtes zu bauen", erinnert sich Sasson heute: Die erste Digitalkamera, die Schwarz-Weiß-Bilder mit 0,1 Megapixeln Auflösung auf einer Audiokassette speicherte und nur 23 Sekunden nach dem Druck auf den Auslöser über einen Fernseher abbilden konnte.

Was er Anfang 1976 vorlegte und seinem Chef in einem Erfindungsbericht beschrieb, trägt Sasson heute in einem kleinen schwarzen Hartschalenkoffer mit sich herum wie ein Beweisstück für die skeptische Nachwelt. Schaut her, schreit das knapp vier Kilo schwere Gerät förmlich: Kodak hat die digitale Zukunft keineswegs verschlafen! Mit ein bis zwei Technikern schraubte Sasson damals die "elektronische Kamera" in einem Hinterzimmer zusammen. Die Einzelteile im Wert von 2000 bis 3000 Dollar besorgte er sich ebenso wie fehlendes Fachwissen auf eigene Faust.

Es ist ein Kuriosum, was Sasson da mit sich herumträgt - ein Fremdkörper in einem Unternehmen, das wie kein zweites die Welt der Fotografie bestimmte, solange es um Negative, Diafilme, Fotopapier und Entwickler ging. Der damalige CEO von Eastman Kodak bekam die revolutionäre Kamera nie zu Gesicht, und am Patent für Gerät und Abspielsystem verdienten weder der Erfinder noch sein Arbeitgeber jemals einen Cent. Stattdessen brachten Sony 1981 mit der Mavica FD5 und Apple mit der QuickTake 100 im Jahr 1994 die ersten digitalen Kameras für Hobby-Fotografen auf den Markt. Da war Kodak noch mit seinen - bei der breiten Masse - zum Scheitern verurteilten Filmprojekten namens APS und Advantix befasst.

Fast könnte man sagen, mit Sassons unerkanntem Geistesblitz begann die lange, unaufhaltsame Talfahrt des Industrieriesen Eastman Kodak. Das traditionelle Filmgeschäft ist spätestens seit dem Jahr 2000 todgeweiht und hat die Firma wie ein Mühlstein in den Abgrund gezogen. Gegenwärtig versucht der neue CEO Antonio Perez, mit 25 000 Entlassungen, weltweiten Werkschließungen und einem trotzigen Komplett-Schwenk zur digitalen Fotografie zu retten, was noch zu retten ist. Der späte Kurswechsel bringt Eastman Kodak indes keineswegs auf die sichere Seite. Das neue digitale Territorium haben Konkurrenten wie Sony, Hewlett-Packard, Yahoo und Google bereits unter sich aufgeteilt.

Um die Verbitterung über die verpasste Chance in Steven Sasson freizulegen, muss man lange und bedächtig nachhaken. "Ich ging damals davon aus, dass es 15 bis 20 Jahre dauern würde, bis eine solche Kamera für den Endverbraucher reif wäre. Ich habe damals schon aufgeschrieben, dass es die Art und Weise fundamental ändern würde, wie wir Bilder machen - Fotografie ohne Film", sagt der schlaksige Mittfünfziger beim Gespräch in Kodaks Hauptquartier in Rochester, im Staat New York. Der steinerne Turmbau aus den Blütezeiten des Unternehmens überragt zwar noch den Rest der Stadt, aber er ist mit einem wuchtigen Quader von Bürowaben umbaut worden, die ihm den Charakter einer Festung geben. Sein Inneres strahlt die Kälte eines Mausoleums aus, in dem eine neue Mannschaft mit ein paar bunten Postern und Regalen voller Digitalkameras die Zukunft herbeizwingen will.

"Wir haben zu lange gewartet, weil wir zu zaghaft waren", schiebt Sasson wenig später nach. Das Gleiche gilt für Speichermodule, kritische Bestandteile einer filmlosen Kamera. Sie wurden ebenfalls im Hause Kodak erfunden, aber nicht vermarktet, berichtet der Ingenieur: "Es gab null Interesse, aber wir meldeten zumindest einige Patente an." Am Ende, gesteht er ein paar Minuten später, "widerte mich das Thema digitale Kameras an. Na, sagen wir lieber, ich war entmutigt, denn ich hoffte, wir würden uns als Unternehmen darauf konzentrieren." Kodaks Pressesprecher, der das Gespräch mit Sasson als willkommenen Beleg für den weit blickenden Erfindergeist seines Hauses präsentieren wollte, zuckt bei diesen Kommentaren sichtlich zusammen. "Wir wollen uns nicht mit der Vergangenheit aufhalten. Wir blicken lieber nach vom", wiederholt der PR-Mann ein ums andere Mal. Das Firmengelände ist deshalb weitgehend tabu - der sieben mal zwei Meilen große Kodak Park, in dem in guten Zeiten mehr als 60 000 Menschen arbeiteten, mit eigenen Buslinien, eigener Feuerwehr und dutzenden Werkhallen und Labors. Heute stehen viele von ihnen leer.

Symbol für den Abstieg: der Markenwert Gerade noch 14 000 Arbeitnehmer sind in Rochester und Umgebung für Kodak tätig, die Produktion wurde nach China und Mexiko verlegt. In den vergangen zehn Jahren ist der Umsatz des Unternehmens von mehr als 16 auf 14,2 Milliarden Dollar gefallen. Seit dem Geschäftsjahr 2004 schreibt Kodak jährlich weit mehr als eine Milliarde Dollar Verlust. Der Wertverlust der Marke, den die US-Agentur Interbrand jährlich misst, ist noch dramatischer. Während Kodak vor fünf Jahren noch auf Rang 27 der 100 wertvollsten Marken der Welt rangierte, kam die Firma vergangenes Jahr nur noch auf Platz 62.

Der Grund ist relativ leicht auszumachen. Eastman Kodaks Ruf und Ruhm gründete auf analoger Fotografie, also der Bildgebung mit Film und Filmpapier. Der Siegeszug digitaler Kameras seit Ende der neunziger Jahre hatte mehrere, einander potenzierende Folgen: Nicht nur kaufen Verbraucher in Industrienationen Jahr für Jahr weniger Rollen Film und nehmen Labors weniger häufig in Anspruch, sie lassen zudem all die digital aufgenommenen Schnappschüsse weniger oft ausdrucken als erhofft. Und jene Schwellenländer wie China oder Indien, in denen eine aufstrebende Mittelklasse die Freuden der Hobby-Fotografie entdeckt, haben nach Expertenmeinung die Filmphase übersprungen und sind gleich in digitale Fotografie eingestiegen.

Schlechte Vorzeichen für ein Unternehmen, das "Sie drücken aufs Knöpfchen, wir erledigen den Rest" zum Slogan machte und so zum Weltmarktführer in einer Industrie mit jahrzehntelangen Kundenbeziehungen und lukrativen Margen wurde. George Eastman gründete sein Unternehmen, die Eastman Dry Plate Company, 1881 in Rochester im Norden des Bundesstaates New York - besessen von dem Gedanken, Fotografie einfacher und preiswerter zu machen. Acht Jahr später brachte er die erste Kamera auf den Markt, die diese Ansprüche erfüllte.

Der Apparat wurde in einem Holzkasten verkauft, war mit 100 Aufnahmen geladen und kostete mit 25 Dollar die Hälfte der damals üblichen Monster auf Stativ. Als markanten Namen ersann Eastman das Fantasiewort Kodak - K war angeblich sein Lieblingsbuchstabe und suggerierte "Stärke und Prägnanz". Für weitere zehn Dollar konnte man das Gerät samt belichtetem Film nach Rochester schicken und bekam es in ein paar Wochen nachgeladen samt Abzügen zurück. Zum Massenphänomen taugte die Kamera allerdings noch nicht - 25 Dollar entsprachen rund sechs Wochenlöhnen. Der große Durchbruch gelang Eastman 1900 mit der Kamera namens "Brownie" - sie kostete samt Film mit sechs Aufnahmen einen Dollar, weitere Rollen Film waren für 15 Cent zu haben. "Eastman war ein Marketing-Genie, und das war sein Meisterstück", sagt der ehemalige Firmen-Archivar Ray Curtin. "Er hatte als Erster erkannt, dass man an Frauen und Kinder appellieren muss - denn wenn man sie jung an sich bindet, bleiben sie ein Leben lang Kunden." Beworben wurde die Kamera mit einem Fantasiezwerg und dem unablässigen Gebrauch des Begriffs Kodak. 1892 benannte Eastman sein Unternehmen offiziell in Eastman Kodak Co. um.

Aus der engen Bindung an das Alltagsleben von Laien, die ihre Erinnerungen Schnappschuss für Schnappschuss festhalten, entstand der legendäre Begriff vom " Kodak Moment". Die billige Kamera war das Vehikel, um in den Alltag der Verbraucher Einzug zu halten und sicherzustellen, dass sie durch Verbrauchsmaterialien einen steten Einkommensstrom schufen, der nach Rochester floss. Diese revolutionäre Abkehr von der aufwändigen Porträtfotografie des 19. Jahrhunderts zum schnellen "Klick" machte Eastman und die Stadt Rochester reich.

Die Brownie verkaufte Kodak bis 1970. Parallel dazu kaufte oder erfand Eastman die Bausteine für die Unterhaltungswelt des 20. Jahrhunderts: flexibler Rollenfilm für Hollywoods Spielfilme (1889), die erste Filmkamera samt Projektor für zu Hause (1923), der von Simon & Garfunkel musikalisch verewigte Farbfilm namens Kodachrome (1935) und die Super-8-Filmkamera (1965). Die selbst ladende Instamatic-Kamera (1963), bei der der Film nicht mehr im Dunkeln einlegt werden muss, wurde zu einem der erfolgreichsten Kassenschlager des Unternehmens - bis 1976 verkaufte Kodak 60 Millionen Exemplare, sechsmal mehr als alle seine Konkurrenten zusammengenommen. 1989 kam die Wegwerfkamera auf den Markt.

Bei allen Neuerungen übersah man aber grundsätzlich neue, "zerstörerische" Techniken, die der beständig sprudelnden Einkommensquelle das Wasser abgraben könnten - allen voran digitale Fotografie, wie sie Steven Sasson einigen Managern im Konzern schon Anfang 1976 vorgeführt hatte. Bis Kodak seine erste digitale Verbraucherkamera auf den Markt brachte, war das neue Jahrtausend angebrochen; den Markt der Speicherkarten und Minilabors beherrschten ebenfalls andere Firmen. Dass Erinnerungen nun plötzlich als Bits gespeichert, online bearbeitet, verwaltet und an Freunde und Verwandte weitergereicht werden - all das hat dem Geschäft, dessen Regeln George Eastman geschrieben hatte, die Grundlage entzogen.

Deswegen befindet sich Kodak seit einem Jahrzehnt in der Sinnkrise. Seitdem haben drei CEOs Geschäftsbereiche abgestoßen, die Belegschaft immer weiter verkleinert und versucht, sich auf die digitale Welt einzustellen. Bisher scheinen sie das Wettrennen zu verlieren, denn der Markt für den guten alten Film und Abzüge bricht immer noch erheblich schneller ein, als das Unternehmen erwartet hatte. Noch 2003 wurde geschätzt, dass der Filmabsatz um sechs bis zehn Prozent im Jahr abnehmen würde. In Wirklichkeit fiel das Minus mindestens dreimal so groß aus. Allein im vergangenen Jahr sank der Absatz von herkömmlichem Film um 36 Prozent und der von Einwegkameras um 17 Prozent. Als Gegenmittel hat sich die Firma einen radikalen Gedächtnisschwund verordnet: Was aus der jüngsten Vergangenheit stammt, wird verschwiegen. Gepflegt wird nur, was den unverfänglichen Heiligenschein des genialen Gründers aufrechterhält.

Wer auch nur kurze Zeit in Rochester zubringt, bemerkt den langen Schatten, den Kodaks kontinuierlicher Abstieg auf die Stadt mit ihren rund 200 000 Einwohnern wirft. Rochester und der umliegende Landkreis Monroe haben dank Eastman Kodak sowie seinem Nachbarunternehmen, der Kopiererlegende Xerox, einen Berg an Patenten vorzuweisen wie kaum eine andere Stadt ihrer Größe. Allein Kodak bringt es auf mehr als 28 000 Patente. Aber beide müssen sich den Vorwurf gefallen lassen - aus Angst vor Verlust ihrer Monopolstellungen -, die besten Erfindungen verpasst zu haben. Und damit als einst wichtigste Arbeitgeber auch für die anhaltende Strukturkrise ihrer Heimatstadt maßgeblich verantwortlich zu sein.

Heute unerwünscht: das Gedächtnis der Firma "Die Region ist ein Opfer ihres eigenen Erfolges", resümierten Regionalplaner des Council on Competitiveness in einer ernüchternden Studie: Je weiter die einstigen Großfirmen schrumpfen, desto mehr junge Arbeitnehmer ziehen weg, was die Krise verschärft. Der Regionalforscher William Frey spricht von der " Bright Flight", der Flucht der klugen Köpfe zwischen 25 und 34.

Es gibt kaum eine Familie, in der nicht mindestens ein Verwandter in Kodak Park arbeitete und Geschichten von der boomenden Produktion in drei Schichten, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche zu berichten weiß. " Kodak Park fühlte sich an wie der Mittelpunkt der Fotografie-Welt", schwärmt etwa der Firmenarchivar Ray Curtin, der wie so viele sein ganzes Arbeitsleben bei Kodak verbrachte und jetzt als letzter von drei Archivaren in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde. "Die Leute standen im Sommer Stunden an, um eine Bustour durch das Werksgelände zu machen." Heute würde man vergeblich versuchen, das Mausoleum von George Eastman zu besichtigen, in dem die Asche des Gründers ruht, der 1932 Selbstmord beging. In seinem berühmten Abschiedsbrief hieß es kurz und bündig: "An meine Freunde: Meine Arbeit ist getan. Wozu noch warten?" Nur das vorbildlich renovierte und zum internationalen Filmmuseum umgebaute Herrenhaus des Gründers fernab der Industriebrache wird gern vorgezeigt. Dorthin und an die Universität Rochester retteten Curtin und einige Kuratoren das Gedächtnis des Unternehmens, bevor Jahrzehnte Firmengeschichte auf der Müllhalde gelandet wären. Zigtausende Anzeigen seit der Jahrhundertwende, alte Patente, Notizbücher, in denen Kodaks Ingenieure die chemischen Formeln für Emulsionen in bis heute nicht entzifferten Geheimcodes festhielten, sowie die Arbeit Kodaks an Luftaufnahmen im Zweiten Weltkrieg und an den Zündern für die ersten Atombomben sind in Zeiten der digitalen Flucht nach vorn nicht mehr von Interesse - und ihre Aufbewahrung ein unerwünschter Kostenfaktor.

Curtin berichtet, dass Kodak seit 1982 aufhörte, solche Dokumente zu sammeln. Für Kathleen Connor, Kuratorin im Eastman Haus, sind das schlechte Vorzeichen für einen erfolgreichen Turnaround. "Geschichte ist weit mehr wert als nur Nostalgie", sagt die Archivarin und kurbelt einen blauen Rollschrank auf, in dem Werbematerialien seit 1890 lagern. "Das alte Kodak-Material gibt auch für die digitale Welt so viele neue Anregungen her. Wenn es um Bilder geht, sind die Menschen immer noch an den gleichen Dingen interessiert wie vor 100 Jahren." Das sehen die bei Kodak verbliebenen Forscher etwas anders. Eine der wenigen noch belebten Immobilien auf dem Werksgelände, in das Besucher eingelassen werden, ist der Gebäudekomplex 81 bis 83. Ein schmutzigbrauner Büroturm, in dessen 14 Stockwerken rund 420 Forscher und Entwickler dabei sind, eine Überlebensstrategie für Kodak zu ersinnen.

Die Marschrichtung in die digitale Zukunft hat CEO Perez .Anfang 2006 auf einer Verbraucher-Elektronikmesse in Las Vegas vorgegeben, und James Weaver, der Direktor für Fotowissenschaften und Technik, betet sie mit monotoner Stimme fast wörtlich nach. "Die heutige digitale Fotografie ist eine Fortsetzung der analogen Welt, das heißt digital kann viel mehr leisten, um alte Modelle aufzubrechen", rezitiert Weaver in einem Konferenzraum mit durchgesessenen Stühlen und verblichenen Vorhängen.

Sein oberster Chef hat drei große Themengebiete vorgegeben, in denen Kodak führend sein will: die Produktion und Weiterverarbeitung makelloser Fotos und drittens die Entdeckung noch ungeahnter Verwendungszwecke für die Aufnahmen. "Bisher gibt es nur vorläufige Ideen, wie diese neue Welt aussehen wird. Es ist eine Herausforderung für die gesamte Branche, was Produkte, Bedienungsfreundlichkeit und vor allem die Interaktion mit den Kunden angeht", sagt Weaver, der 30 Jahre bei Kodak hinter sich hat und selbst erst vor zwei Jahren auf digitale Fotografie umgestiegen ist.

Unsichere Zukunft: die digitale Welt Auf die Hardware kommt es inzwischen nicht mehr an, sondern auf intelligente Software, die noch beim Fotografieren rote Augen verhindert, unscharfe Fotos repariert sowie Vorschläge für ein besseres Motiv macht. Als zweiten Schritt arbeitet Weavers Team an der "intuitiven Organisation" von Bildern - etwa Software, die mit Spracherkennung arbeitet oder sich Gesichter und Orte auf Fotos merken kann und Aufnahmen nach GPS-Koordinaten sortiert. Kodak nennt das Projekt E-Finder.

Noch einen Schritt weiter gedacht, könnte die Software selbstständig handeln und Bilder miteinander kommunizieren lassen. Mit einem Schuss künstlicher Intelligenz versehen, ergeben sich völlig neue Arten von Fotoalben, die den Kontext einer Aufnahme verstehen und Sammlungen automatisch ergänzen, wenn neue Schnappschüsse von Tante X dazukommen. Das Schlagwort der Kodak-Tüftler dazu heißt E-Moment. Allerdings: "Die technischen Probleme sind einfacher zu lösen, als zu verstehen, was der Kunde wirklich will", gesteht Weaver.

Von einem tragfähigen Geschäftsmodell ganz zu schweigen. Seit Kodak aus dem analogen Schlummer erwacht ist, erlöst es inzwischen mehr als Hälfte des Umsatzes im wichtigsten Unternehmensbereich Film und Bildgebung mithilfe digitaler Produkte, allen voran Kameras. Das sieht auf den ersten Blick ermutigend aus - doch mit Film waren noch Spannen von 60 bis 80 Prozent drin, in der digitalen Welt bewegen sie sich bei zehn Prozent.

Neuer Umsatz heute ist also nicht gleich verlorener Umsatz von gestern. Um sich bis 2004 den ersten Platz bei Digitalkameras im unteren Preissegment in den USA zu erobern, musste Kodak seine Apparate an Discounter oft mit herbem Verlust liefern - in der Hoffnung, dass aus den Käufern Kunden für Abzüge, Drucker und Fotopapiere werden. Im oberen Segment ab 400 Dollar, in dem Kameras mit Gewinn verkauft werden und als Statussymbole Trends setzen, spielt Kodak erst seit kurzem mit. Aber selbst wenn dank der Billigkamera ein fester Kunde gewonnen wird: Im Geschäft um Verbrauchsmaterialien, Drucker und Kameras drängeln sich unter anderem Canon, Sony, Epson, Dell und Hewlett-Packard (HP). In Fotogeschäften, Drogerien und Supermärkten konkurriert Kodak mit Sony, Fuji und neuerdings HP, die nicht nur Abzüge, sondern auch höher preisige Fotoprodukte wie Kalender, Bücher oder sogar Souvenirbecher, Babydecken und T-Shirts herstellen.

Bleiben Web-Seiten, auf denen Hobby-Fotografen hunderte oder tausende von Bildern speichern, verwalten und mit Freunden austauschen können. Auch dieses Feld ist heiß umkämpft. HP hat sich die mit Abstand beliebteste Seite namens Snapfish gesichert, Kodak hat mit der Übernahme von Ofoto nachgezogen und sie in Kodak Gallery umbenannt. Daneben bieten die Internet-Riesen Google mit Web-Alben (ehemals Picasa) und Yahoo mit seiner eigenen Foto-Seite sowie dem jüngst dazugekauften Dienst Flickr zum Verwechseln ähnliche Dienstleistungen. Und bei der Software zur automatischen Erkennung von Gesichtern und Ortsschildern sind Neugründungen wie Riya dem schwerfälligen Riesen Kodak zuvorgekommen - schlimmer noch, die Internet-Konkurrenz bietet viele der von Weaver angedachten Dienste gratis an.

Alle Anbieter ringen allerdings mit dem gleichen Problem: Wie bringt man digitale Fotografen dazu, mehr Bilder auszudrucken und so Umsatz zu generieren, statt auf ihren Megabytes zu sitzen? "Mit dieser Frage kämpfen alle. Und es ist keineswegs sicher, dass die Lücke zwischen digitalen Aufnahmen und gedruckten Bildern eine noch nicht ausgeschöpfte Geschäftsgelegenheit ist", warnt Dimitrios Delis von der Photo Marketing Association International (PMAI). Der Branchenverband erhebt monatlich Trends zur Fotoleidenschaft von Endverbrauchern. Sie belegen, dass die Zeiten wilden Wachstums bei Digitalkameras vorbei sind. In den USA besitzen knapp die Hälfte und in der Bundesrepublik sogar an die 60 Prozent aller Haushalte mindestens einen der neuen Apparate. Damit schießen Hobby-Fotografen mehr Fotos als je zuvor - in den USA 21,7 Milliarden, in Deutschland acht Milliarden Aufnahmen im Jahr.

Aber die Schere zwischen Aufnahmen und Abzügen öffnet sich stetig weiter. So werden US-Bürger nach PMAI-Schätzungen in diesem Jahr nicht mal jede dritte Aufnahme ausdrucken. In Deutschland ist das Missverhältnis noch ausgeprägter: Weniger als ein Zehntel aller digitalen Bilder werden je zu Papier gebracht. Im Gegensatz zu den Amerikanern sind die Deutschen nach wie vor Freunde der beim Einzelhandel bestellten Abzüge. Auf diesen Trend, der sich inzwischen auch in den USA abzeichnet, versuchen Kodak und HP aufzuspringen.

Nicht nur in Rochester treibt Manager die Erkenntnis um, dass die erste Phase der digitalen Fotograne vorbei ist. Sie war dominiert von jenen "Early Adapters", die alles Neue ausprobieren wollen und ihre Bilder zu Hause ausdrucken. Das verschlingt Unmengen an teurem Papier und Tinte, bedarf spezieller Drucker -und es beschert den Herstellern herrliche Umsätze. Kodak war die erste Firma, die diese Gewohnheit erkannte und vereinfachte, indem es einen Extra-Fotodrucker auf den Markt brachte, der sich direkt an eine Kamera hängen ließ und so das Nadelöhr PC umschiffte. Gerade für Frauen - die traditionelle Kernzielgruppe der Firma - eine ansprechende Idee.

Mittlerweile kehren Verbraucher jedoch wieder zum Ausdruck im Laden zurück - es ist oft billiger, geht schneller und bietet mehr Variationen. Hier hat Kodak mit seinem radikalen Rückzug aus dem absterbenden Filmgeschäft voreilig kostbares Territorium geräumt, sagt Fotoexperte Delis. "Sie hatten eine über Jahrzehnte gewachsene Partnerschaft mit jedem Einzelhändler entwickelt. Es gab Spezialisten, die sich um diesen Vertriebskanal gründlich kümmerten und Läden mit Marktforschung versorgten, um mehr Umsatz zu generieren. Diese Unterstützung haben sie weitgehend eingestellt. Das wird der Marke schaden." Die Verbraucher von morgen wissen mit einem "Kodak Moment" wenig anzufangen, sie sind mit MySpace, Google und SMS aufgewachsen. Deswegen hat das Unternehmen Kooperationsverträge mit Handy-Hersteller Motorola und der Internet-Telefoniefirma Skype abgeschlossen.

Während Kodak beim Filmgeschäft Leinen kappt, versucht CEO Antonio Perez im zweiten verbliebenen Kerngeschäft mit massiven Investitionen voranzukommen: kommerzielle Druckdienste. Seit September 2003 hat die neu geschaffene Graphics Communications Group (G CG) insgesamt fünf Firmen aufgekauft und ringt bis heute mit deren Integration. Die Einkaufstour kostete mehr als 2,5 Milliarden Dollar und erlaubt Kodak, beim gesamten Prozess - vom digitalen Druck bis zur langfristigen Verwaltung der Druckvorlagen - mitzuspielen. Selbstverständlich stößt man auch dort auf andere große Marken, die sich bereits als Partner für digitales Drucken, Scannen und Kopieren etabliert haben: Xerox, Hewlett-Packard oder der Frankiermaschinen-Hersteller Pitney Bowes.

Die Hoffnung: Optimismus von draußen Eine der bislang bedeutendsten Akquisitionen war ein Joint Venture mit dem Unternehmen Heidelberger Druckmaschinen, dessen Digitaldruckgeschäft Kodak im April 2004 ganz aufkaufte. Heute arbeiten 130 Angestellte fern des alten Firmengeländes auf der grünen Wiese bei Rochester und bauen hoch moderne Nexpress-Druckanlagen. Das Know-how brachte die deutsche Partnerfirma nach New York, und geleitet wird das Werk heute noch von einem Deutschen. Analysten haben indes große Zweifel, ob Kodak das Sammelsurium aus einem halben Dutzend Vertriebsorganisationen und Werken zu einer starken Marke bündeln kann.

All das lässt Jeffrey Hayzlett nur grinsen. Der Mann mit Cowboystiefeln und rosa Krawatte ("Frauen stehen auf Rosa!") passt so gar nicht ins alte Kodakbild der grauen Technokraten. Das hat einen Grund: Er ist ein Import, um frischen Wind in Rochester zu demonstrieren. Hayzlett lebte zuvor in Kalifornien und ist seit kurzem für das Marketing des hastig zusammengestückelten Druckimperiums verantwortlich. Er lacht, ist laut, klopft große Sprüche und redet von Visionen - so gar nicht Kodak.

Hayzlett sieht seinen neuen Arbeitgeber als ideale Marke, um aus den Einzelteilen ein größeres Ganzes zu machen, das Qualität, Verlässlichkeit und Tradition suggeriert. "Die Integration funktioniert, und wir werden weiter expandieren, wenn wir die Gelegenheit sehen. Die Zukunft der Welt und die Zukunft dieser Firma ist digital - das zeigt uns jede Kundenbeobachtung. Die Frage ist nur, wie schnell man diesen Übergang von hüben nach drüben meistert? Meine Faustregel lautet: Man sollte nie den Grund und Boden aufgeben, auf dem man erfolgreich war." Für einen Kodak-Mitarbeiter, der gut 30 Jahre dabei war, hat genau das das Schicksal des Unternehmens besiegelt: "Sie haben Rochester als Standort abgeschrieben. Geforscht wird bereits in Asien, einige der neuen Topleute wohnen hier nur noch zur Miete. In der digitalen Welt von morgen heißen die Gewinner Sony oder Samsung. Ich war früher stolz, bei Kodak zu arbeiten. Heute glaube ich, dass sie in fünf bis zehn Jahren dichtmachen."