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Es ist der Hahn!

Brasilianer nehmen wenig in dieser Welt ernst.
Bis auf das Spiel.




„Alles fließt/alles fließt wieder und wieder/das Leben kommt in Wogen wie das Meer/kommt und geht /grenzenlos“, so plärrt Lula Santos aus dem Radio, aber die Kinder beachten sie nicht. Sie hüpfen in der Brandung und kriegen nicht genug vom Spiel der Wellen. Ebbe und Flut, Luft holen, eintauchen, auftauchen. Immer wieder. Obgleich doch alles in Bewegung ist, bleibt beim Spielen die Zeit stehen.

Der Strömung ein Schnippchen schlagen, sich von ihr forttragen lassen wie die Wellenreiter auf ihren Surfboards. Eine Strandburg bauen, die den nassen Zungen trotzt: Halt das Bauwerk dem Wasser stand? Wird es weggeschwemmt? Brechen die Deiche? Spiele im Sand der Copacabana – alles bloß Kinderkram?

Dem Schicksal einen Streich spielen. Jetzt, an dieser Straßenecke! Da hockt auf einem Schemel der alte Joao, vor sich den Block mit den aufgedruckten Nummernfolgen von 1 bis 25 und von 0 bis 100, mit den Bildern vom Vogel Strauß (Avestruz) bis zur Kuh (Vaca). Joao nimmt Wetten an. Man braucht nur das Tier anzukreuzen oder auf eine der zugehörigen Zahlen zu setzen. Joao wünscht viel Glück und überreicht die Quittung für den Einsatz.

Die Gewinnchance liegt bei 20:1 in der einfachsten Kombination. Mehr als fünf Real (rund zwei Euro) hat Joao noch niemals von einem einzelnen Kunden kassiert. Insgesamt aber kommen rund 718 Millionen Euro zusammen, die die Tierlotterie täglich in Brasilien umsetzt – die Hälfte davon in Rio de Janeiro, wo sie ein Heer von Rentnern, Tagelöhnern und Witwen, Buchmacher wie Joao, beschäftigt und wo sie neben dem Juwelier Hans Stern (siehe brand eins 09/2005) vermutlich das größte private Unternehmen ist.

Die Lotterie mit den Tiersymbolen, das Jogo do Bicho, gehört zu Rio de Janeiro wie der Karneval und der Flamengo-Fußballklub. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem gewissen Baron Joao Baptista Vianna de Drummond ins Leben gerufen.

Kommerzienrat Drummond war ein rühriger Unternehmer, der ein Vermögen mit dem Bau der ersten Eisenbahn in Brasilien angehäuft hatte. Seine Ländereien am Stadtrand von Rio de Janeiro verwandelte er in ein Tiergehege, das für den Publikumsverkehr freigegeben wurde. Jeder Besucher konnte mit dem Eintrittsbillett zugleich an einer Tombola teilnehmen.

Adler, Affe, Bär, Elefant, Esel, Hahn, Hirsch, Hund, Kamel, Kaninchen, Katze, Krokodil, Kuh, Löwe, Pfau, Pferd, Schaf, Schmetterling, Schlange, Schwein, Stier, Strauß, Tiger, Truthahn und Ziege zierten von nun an die Besucherkarten. An der Kasse ließ der Baron eine Tafel errichten. Nach der täglichen Schließung wurde dort angeschlagen, auf welches Tier das Los gefallen war; wer das entsprechende Bild auf dem Billett hatte, konnte den fünffachen Eintrittspreis als Gewinn kassieren.

Nach dem Tod des Barons führten Kaufleute das Jogo do Bicho fort. Die Lotterie hatte nun mit dem Zoo nichts mehr zu tun. Die Tierbilder überdauerten (wegen der Lese-Unkundigen), das Wettsystem aber wurde durch Zahlenkombinationen erweitert. Doch je besser das Geschäft mit dem Glücksspiel lief, desto häufiger musste die Polizei eingreifen.

Die Malandros aus der Halbwelt um den Hafen bemächtigten sich des Spiels. Der Ruf des Jogo do Bicho litt darunter nicht – ganz im Gegenteil: Die Leute hatten schon immer das Schlitzohr mehr geschätzt als den Kaufmann und den Steuereintreiber. Nur die Obrigkeit sah mit Missgunst, wie sich da unter ihren Augen ein Geschäft entwickelte, an dem sie keinen Anteil hatte: Glücksspiele wurden fortan mit dem Segen der Kirche verboten – bis der Staat sie monopolisierte.

Wie zu erwarten, erwies sich die Regierung, von faulen Beamten und Schranzen durchsetzt wie ein Hundefell von Flöhen, als unfähig, ihre eigenen Verbote durchzusetzen. Das Jogo do Bicho war nicht totzukriegen, es blühte in den Hinterhöfen und dunklen Ecken erst richtig auf. Alle Brasilianer, besonders die Cariocas (Bewohner von Rio) träumen davon, mit einem Trick, mit einem Jeitinho die Obrigkeit zu übertölpeln, mit einem Minimum an Arbeit schnell reich zu werden. Gesetze, Vorschriften, Steuern und Schulden: nichts als Papier, lächerliche Pfennigfuchserei von Leuten, die man nicht einmal kennt.

Sieben von zehn Brasilianern setzen auf die 25 Tiere der Tombola, und jeder gibt für Lose so viel aus wie für Zigaretten oder Bier. Der Adler – das bedeutet Intelligenz, der Hund steht für Treue, der Affe macht Faxen, der Pfau ist eitel, das Schwein dreckig, der Bär verschlagen. Schwangere setzen auf die Kuh, das Sinnbild für Fruchtbarkeit, Männer bevorzugen den Stier. Vor einigen Jahren hatte eine Henne in der Favela Cantagalo (Hahnenschrei) ein Ei gelegt, auf dem sich klar und deutlich eine Fünf abzeichnete. Die Fünf – das ist der Hund. Alle Favela-Bewohner setzten auf den Hund, eine Geldlawine war losgetreten – es fiel aber die 13! Es war der Hahn. Eigentlich logisch, wenn man es sich recht überlegt.

Die Würfel fallen hinter gepanzerten Türen in einem Hochhaus von Rio. Abgeschirmt von feindlichen Eindringlingen und im Ambiente eines englischen Klubs entscheiden die zwei Dutzend Bosse des Jogo do Bicho über Gewinne und Nieten. Computer melden ihnen den Wettumsatz und die Verteilung der eingegangenen Wettkombinationen. Mit dem Geld aus der Tierlotterie werden Fußballvereine und Wahlkampagnen finanziert. Die Bicheiros haben sich unentbehrlich gemacht, besonders im Karneval. Mit Dollarbündeln kauften sie sich bei den Sambaschulen ein und verwandelten die bettelarmen Gruppen in professionelle Teams. Neun der vierzehn besten Sambaschulen von Rio de Janeiro sind in der Hand der Spielbosse, schätzt die Steuerfahndung.

Gott würfelt nicht, sagte Albert Einstein. Die Brasilianer sind da nicht so sicher. Bekanntlich ist Gott Brasilianer. Die Spielleidenschaft treibt Brasilianer über die Grenze nach Paraguay und Argentinien, nach Las Vegas und Monaco. Den Brasilianern scheint es im Blut zu stecken, das Schicksal herauszufordern oder wenigstens auf schweijksche Art den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Diese geschmeidige Umgehung aller Widerstände gehört offenbar zum brasilianischen Nationalcharakter.

Vilem Flusser, der tschechische Emigrant und später hoch geehrte Emeritus, war 1940 vor den Nazis nach Brasilien geflohen. Was ihn dort so faszinierte, war die, wie er glaubte, „Genese eines neuen Menschen“, eines Homo ludens. „Die Angst und Sorge ... der Brasilianer ... ist im Grunde: Wir sind elend und werden immer elender, weil wir uns und die Welt um uns herum zu ernst nehmen.“ (aus: „Brasilien oder die Suche nach dem neuen Menschen. Phänomenologie der Unterentwicklung"). Die Spielleidenschaft, der Karneval, der Fußball und die afrikanische Kultur des Rhythmus, ja, „die rituell graziöse Art, mit welcher selbst Messerstechereien in Vorstadtlokalen ausgeführt werden“ (Flusser) – sind sie nicht Belege dafür, dass Brasilien eben keine „ernste Nation“ ist, wie es Charles de Gaulle einmal zornig bemerkte? Wo sie nicht einmal ihre Namen ernst nehmen – welche Travestie, welches Spiel mit der eigenen Identität! – und sich beispielsweise Hitler Mussolini da Silva nennen!

Brasilien hätte nie den Fußball erfinden können: zu klare Regeln

Es ist das Spiel, das zählt. Das Fußballspiel natürlich. Brasilianischer Fußball – die hohe Kunst des Spiels. Fußballspielen ist Kunst und Akrobatik, aber doch nicht kalte Berechnung. Klasse und Eleganz, tänzerische Einlagen, Pirouetten und Staffetten, der Ball, der muss verführt werden wie eine schöne Frau. Der Gegner, das ist eher ein Rivale, einer, den man nicht überwältigen, sondern ausstechen muss. „Beim Fußball ist der schlimmste Blinde der, der nur aufs Leder starrt“, so der brasilianische Theatermann Nelson Rodrigues, ein begnadeter Sportreporter.

Die Regeln im Fußball sind klar. Schon deshalb, bemerkt der Alltags-Soziologe Roberto DaMatta spitz, hätte der Fußball niemals in Brasilien erfunden werden können. Man nehme nur einmal die brasilianische Verfassung mit ihren 268 Artikeln, die mit jedem Jahr mehr und unübersichtlicher werden, und an die sich im Übrigen niemand hält. Die Regeln, so der Nestbeschmutzer DaMatta, würden in Brasilien immer nur dazu gemacht, Unübersichtlichkeit und Chaos herzustellen, sodass sich nur diejenigen im Paragrafen-Dschungel zurechtfänden, die ihn geschaffen hätten. Hatte nicht Präsident-Diktator Getúlio Vargas einst gesagt: „Für meine Freunde alles – für meine Feinde das Gesetz?“ Aber sind die Brasilianer deshalb Fußballfans, weil ihre Mannschaft die Regeln einhält? Roberto DaMatta gibt selbst die Antwort: „Warum heulen wir, warum tanzen wir, warum gehen wir aus der Haut, wenn unser Team spielt? Weil in dieser Welt der Wirtschaft und der Politik in diesem Moment etwas anderes eine Rolle spielt, etwas, wofür wir verrückte Sachen machen, Fahnen schwingen und Geld aus dem Fenster werfen. Das Schema der Rationalität wird auf den Kopf gestellt. Es ist das Spiel, das zählt.” ---