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Die Jagd nach dem Porsche

In Madagaskar floriert die Modell-Autoindustrie. Meist sind es Kleinwagen, die aus Wohlstandsmüll hergestellt werden. Auf Wunsch gibt’s aber auch einen Sportflitzer. Die Geschichte einer Einzelanfertigung.




Dominique ist einer der Schnellsten. Einer der weiß, was er will. Geld. Unser Geld. Auf der Hauptstraße von Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, fängt er seine Kunden. Er hält ihnen ein aus Getränkebüchsen gebasteltes Auto unter die Nase. Schnell. Schnell. " Du hast nur Bruchteile einer Sekunde, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen", erzählt er später, "gelingt das nicht, empfinden sie dich einfach nur als lästig." Aber wenn es gelingt, verwickelt er die Leute in Gespräche und verspricht ihnen allerbeste Preise.

"Wollt ihr ein Auto? Allerbeste Ware?" " Au ja. Kannst du einen Porsche für uns organisieren?" "Na klar. Kommt mit." Und schon düst er los, im Affenzahn durch den dichten Verkehr. Taucht im Gedränge unter. Taucht wieder auf. Ruft seinen Kumpels zu, was er mit uns vorhat. Bettlerinnen hängen sich an uns, Frauen mit kleinen Kindern, die entschlossen sind, nicht eher zu weichen, bis man ihnen etwas gibt. Mit Gefolge steigen wir die breite Treppe in die Altstadt hoch, an den Stempelschnitzern vorbei, den Tischdeckenstickerinnen, den Kindern, die Postkarten verkaufen, an zwei Frauen, die sich gegenseitig entlausen, und landen schließlich vor einem Stand mit kleinen Autos aus Blech. Citroen 2 CV, Renault R4, Kleinbusse - all die alten Modelle, die hier das Straßenbild prägen. Aber einen Porsche gibt es nicht.

"Wenn ihr wirklich einen Porsche wollt und nicht einfach nur ein Auto, dann müssen wir ihn euch bauen", sagt Dominique. "Besorgt ein Foto." Wir liefern ein Blatt aus dem Porsche-Kalender. Es zeigt einen silbergrauen 911er, den Traum von einem Auto vor einem Tempel mit griechischen Säulen. Kein Krümel Staub trübt das Bild. Dominique nimmt das Blatt. Erst ein bisschen überheblich. Dann guckt er genauer, und wir sehen, wie er seine dunklen Finger vorsichtig vom Papier nimmt und den Bogen nur noch an den Kanten hält, wie ein sehr wertvolles Gemälde, und er sagt gedehnt: "Okay, ich verstehe, was ihr meint. Ihr wollt den perfekten Wagen. Sorry, dass ich dachte, ein 2 CV täte es auch." Sofort danach ist er wieder rau, sagt fordernd: Aber das wird teuer. Wie teuer? Dominique nennt einen Preis: 250 000 Ariary, umgerechnet 91 Euro. Eine Frechheit. "Ein Porsche ist sehr, sehr viel Arbeit", sagt Dominique. Wir sagen gar nichts.

Marktforschung. Was kostet ein Modell-Auto? Eine ganz normale "Ente"? Ein Taxi? Ein Oldtimer? Was ist der erste Preis, den ein Verkäufer nennt? Was der letzte, nach dem Handeln? Was ist ein Preis unter Freunden? Auf dem Kunsthandwerker-Markt Marché Artisanal, der am Rande der Stadt an der Straße zum Flughafen liegt, bieten Händler eine riesige Auswahl. Sie sitzen in Buden aus Holz, in einzelnen kleinen Geschäften, die sich gegenseitig unterbieten. Wir lassen uns von Madame Fanja beraten, die Händlerin und Mitglied eines Autobauer-Clans ist. Bei ihr stehen fast 200 Wagen in Reih und Glied. Vor allem 2 CVs, das Dach aufgerollt wie Sardinenbüchsendeckel.

Schnell werden Qualitätsunterschiede deutlich. Geht die Tür auf? Die Motorhaube? Ist ein Motor drin? Dann das Blech: Stammt es aus irgendeiner Büchse? Oder aus einer besonderen? Mit Marken-Aufdruck? Dann wird das Auto gleich teurer.

Wie überall in der Welt hat Markenware auch hier ihren Preis. "Wir sind Teil dieser Welt", sagt Madame Fanja und wischt mit einem Staubtuch über die Ware. Obwohl eine elegante Citroen-Limousine mit zartlila Veilchen von einem Duftspray fürs Bad durchaus Reize hat, liegt der Preis für das gleiche Modell mit Heinecken-Werbung (für die Niederländer), Coca-Cola (für alle) oder dem lokalen Three Horses Beer (für Touristen, die ein Souvenir suchen, das sie an den Abend auf der Hotelveranda erinnert) um 20 Prozent darüber. Von den Kleinwagen mit dem Aufdruck bekannter Marken setzt Madame Fanja pro Woche 50 Stück ab. Die anderen verkaufen sich vor allem über den Preis - was in vielen madegassischen Familien ein Argument ist. Einen Porsche gibt es hier nicht.

Das Blech für die Autos ist ein Markt für sich. Es gibt Sammler, die zu den Hintereingängen der großen Hotels ziehen, zum Beispiel vom Hilton, und dort ihre Beziehungen spielen lassen. Sie kaufen für Mini-Beträge die Dosen und verkaufen sie an die Autobauer weiter. Sie handeln entlang des Bahndamms, dort, wo die Ärmsten der Armen leben. Da sind die Sitten rau. "Wer Vorschuss bezahlt, bekommt, was er sucht", sagt Madame Fanja. "Sonst gilt: Nur wer früh aufsteht, hat die Wahl." Früh heißt: um vier Uhr da sein. Nach fünf Uhr braucht man es gar nicht mehr zu versuchen - da sind die Lager leer, die Sammler wieder auf der Jagd nach Beute.

Dominique ist schweigsam, als wir ihn wiedertreffen. Man sieht: Auch er denkt über den Preis nach. Es passt ihm nicht, dass wir recherchieren. "Was wollt ihr? Erst verhandeln? Oder erst zur Werkstatt?", fragt er schließlich. Zur Werkstatt. Dominique organisiert ein Taxi. Der Wagen - ein R4 mit durchgesessenen Sitzen, nicht besser und nicht schlechter als die anderen Autos, die hier unterwegs sind, sieht man von den wenigen Geländewagen der Reichen und der Ausländer ab - stottert über die Straßen, der Motor geht bei jedem Halt aus.

Es gibt die Dosensammler, die Künstler, die Händler, den offiziellen und den Schwarzmarkt Wir nutzen die Chance, Dominique nach seinem Leben als Straßenhändler zu befragen. Was er tut, ist eigentlich nicht legal, erzählt er. Der Handel mit Souvenirs, der früher mitten in der Stadt stattfand, ist heute laut Gesetz auf den Kunsthandwerker-Markt beschränkt. Aber natürlich wimmelt es im Zentrum, vor den Hotels und Restaurants, von potenziellen Kunden. Es lohnt sich, das Gesetz zu brechen und dort zu handeln, wo auch Ausländer verkehren. Immer mal wieder kommt die Polizei und beschlagnahmt die Ware. Man kann sie auslösen, heißt es. Also zahlt man ein bisschen an und kommt am nächsten Tag wieder. " Nur sitzt dann da ein anderer Mann und weiß von nichts", schimpft Dominique, "und meine Ware ist unwiederbringlich verloren." Aber was soll er tun? "Handeln ist das Einzige, was ich kann." Im Stadtteil Ambohimahitsy lässt Dominique den Taxifahrer halten. Da wartet Roland, ein kurz gewachsener, drahtiger Händler. Er führt uns jetzt. Es geht zu Fuß weiter, über schmale Gänge zwischen den Häusern den Hügel abwärts, über einen Markt, vorbei an einem Fischstand, wo die Fische auf einer Plastikplane liegen und ein Händler die Fliegen verscheucht, und weiter, über Gräben mit modrigem Grund. Dann sind wir da.

Die Werkstatt ist winzig, ein schmaler Gang im Erdgeschoss eines Hauses. Es gibt kein Schild, keinen Hinweis, dass hier einer der besten Modellbauer der Stadt wohnt. Wer wissen will, was hier los ist, schaut durch das Fenster vom Hof. "Kommt rein", sagt der Besitzer. Er heißt Solo und ist Anfang 40. Gerade liegt ein Citroen-Kastenwagen auf seiner Werkbank. Solo nimmt die Schere, schneidet das Blech zu, während sein Kollege DieuDonné mit ruhiger Hand pinselt. Dann legen beide das Werkzeug weg. "Lasst uns reden", sagt der Meister.

Solos Wohnung ist kaum größer als die Werkstatt, vielleicht vier mal drei Meter, dafür stehen da zwei Betten, zwei Schränke, eine Nähmaschine und schwere hölzerne Sessel. Es nehmen Platz: Solo, der Besitzer der Werkstatt. Roland, ein alter Fuchs in Sachen Handel, er hat schon so manches große Geschäft abgewickelt. Dominique, der Junge von der Straße, der seinen Anteil sichern will. Und wir, als potenzielle Kunden. Das Blatt aus dem Porsche-Kalender liegt schon da. Es hat gelitten, ist mehrfach geknickt, Druckerfarbe hat sich mit Dreck aus Hosentaschen vermischt, ölige Finger hinterließen ihren Abdruck. Aber das Auto glänzt in dieser Umgebung wie eine Wundermaschine von einem anderen Planeten.

"So einen also wollt ihr", sagt Solo. "Ich habe ihn in meinen Büchern gefunden." Er legt dicke Wälzer auf den Tisch, Kataloge von Spielzeugautomodellen. Da gibt es natürlich auch den Porsche 911. Von vom, von hinten, von allen Seiten. "Ein Super-Auto", sagt Solo, "aber ich glaube, auf ganz Madagaskar gibt es keinen." Können Sie denn einen für uns bauen? Solo lässt seine Augen wohlwollend über die runden Formen wandern: "Ja." Bei einem 911er sollte man nicht am falschen Ende sparen. Der Autobauer rät zu "allen Extras" Solo baut Autos, seit er zehn war: Wie viele Jungs hier musste er sein Spielzeug selbst bauen. Als er heiratete, machte er einen Beruf daraus. "Weil ich Autos liebe", sagt er, "und man mit guten Produkten auch gut verdient." Er erzählt von seinen Kunden, zeigt Referenzen. Auch ein Händler in Berlin ist dabei. Natürlich ist vieles Massenanfertigung für den Markt. Aber da sind auch die Träume, das Blättern in Auto-Büchern und Katalogen, die Vorstellung von Schönheit, Geschwindigkeit, Eleganz.

So ein Porsche ist schon etwas anderes als das, was Solo sonst macht. Für 2 CVs und Taxis gibt es Schablonen, die der Autobauer benutzt, um die Bleche für die Karosserie zu schneiden. Solo hat einen ganzen Stapel solcher Schnittmuster in seiner Werkstatt. Das für den Porsche muss er neu entwerfen, bei seiner Erfahrung ist das durchaus möglich, aber richtig einfach ist es nicht, es braucht einen Meister wie ihn, um die Bilder in ein Modell aus Blech zu übertragen, sagt er, jemanden, der gut darin ist, dreidimensional zu denken. Denn am Anfang steht die platt gewalzte Dose, aus der die Karosserie geschnitten wird. Erst wenn die äußere Form steht, kann die eigentliche Arbeit beginnen. "Aber keine Sorge", sagt Solo, "ich mag es, wenn es schwer ist." Wie aufwändig soll das Auto sein, das wir uns wünschen? "Spart nicht am falschen Ende", beschwört Solo. "Macht das, wenn schon, dann richtig. Also mit allen Extras." Schließlich wird sein Werk später in Deutschland für die madegassische Handwerkskunst werben. Es geht um seinen Stolz, seine Ehre. Dafür ist nur das Beste gut genug. "Die Deutschen lieben Qualität", sagt Solo. "Und Qualität hat ihren Preis", sagt Roland. Dominique bekommt Hummeln im Hintern. Der Handel auf der Straße ist viel schneller, Anderthalb Stunden reden wir. Dann kommen wir endlich zu Zahlen. Solo nennt einen Preis. Wir sind erleichtert, der ist völlig realistisch. Aber Roland springt sogleich auf. "Es gibt zwei Preise", sagt er, "den der Werkstatt und den des Handels", und schlägt einfach noch mal das Doppelte obendrauf. Ein Wort gibt das andere, und jedes Mal wird das Auto etwas teurer. Einen Moment überlegen wir, einfach zu gehen. Roland lenkt ein. Dominique ist empört. Es dauert, aber wir reden, bis alle nicken. Zwei Modelle geben wir in Auftrag. Schlagen ein, klopfen uns auf die Schultern. Solo setzt den Vertrag auf. Anzahlung. Rest. Liefertermin. "Vielen Dank für das Vertrauen in meine Arbeit." Zehn Tage später stehen drei Porsches bei Solo auf der Werkbank. Die zwei bestellten und ein dritter. Einfach so. "Ich dachte, den könntet ihr vielleicht auch noch gebrauchen", sagt er. Und nachdem die Schablone nun einmal da war ...

Er wäre jetzt bereit, auch größere Stückzahlen zu fertigen. Für jedes Detail hat er eine Lösung gefunden. Der Motorblock: Blech, Kabel, Schläuche, Lötzinn. Die Reifen: Streifen aus schwarzen Abfluss-Rohren, mit dem Gewinde eines Bolzens geprägt. Schaltknüppel, Handbremse: Stücke von einer Sicherheitsnadel. Die Sitze: Samt, ehemals Ärmel einer Jacke. Die Windschutzscheiben: Plastik von Getränkeflaschen. Die Scheibenwischer: Fahrradschlauch-Gummi. Die Seitenspiegel: Scherben, die an Büroklammern kleben. Das Schloss an den Türen: Draht, es schließt wirklich. Das Lenkrad: die Kupferader aus einem Stromkabel, über einem Rohr gebogen und mit der Radaufhängung verbunden. Der Materialpreis ist, mal abgesehen von den Dosen, sehr gering. In den Unterboden hat Solo mit Stahlstiften seinen Namen gestanzt. " Mein Zeichen", sagt er. "Damit man erkennt, dass das Auto von mir ist." Dominique, der Junge von der Straße, beobachtet den Meister und seine Kundschaft schweigend. In seinem Hirn rotiert es. Er träumt, dass Solo jetzt berühmt wird und mehr Autos nach Deutschland exportiert. Soll er darauf setzen? Er schiebt den Gedanken zur Seite. Nein. So lange kann er nicht warten. Zu Hause warten Frau und Kinder. Kaum haben wir Solos Werkstatt verlassen, da ist er schon wieder der Alte: Hält uns ein paar schäbige Blechautos unter die Nase. "Allerbeste Ware, toller Preis" - die alte Leier. Es ist das, was er kennt. Das, was läuft, wenn auch eher schlecht. Er weiß nicht, wie er da rauskommt. "Aber heute Abend", sagt er, "werden wir feiern. Und wenn ihr Deutsche trefft, die von einem Porsche träumen, schickt sie her."