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Der Nerz für den Mann

Eine kleine Firma aus dem Erzgebirge beherrscht die große Kunst, Gebrauchs- in Luxusgegenstände zu verwandeln. Und fügt der Vielzahl der Kulturen ganz eigennützig eine weitere hinzu: die Rasierkultur.




Der Mann als solcher hat's nicht leicht, sein Alltag ist grau, und außerdem wachsen ihm Haare im Gesicht, die jeden Morgen aufs Neue entfernt werden wollen. Lästig. "Aber nein!", widerspricht Christian Müller, "die Rasur ist, wenn man's richtig macht, ein entspannendes Ritual." Wie man's richtig macht - nass, mit gutem Pinsel, Rasierseife oder -creme und scharfer Klinge -, das kann er in schönen Worten beschreiben. Gemeinsam mit seinem Vater führt der 3 3-Jährige mit dem sanften Blick die Geschäfte der Hans-Jürgen Müller KG in Hundshübel, einem idyllisch gelegenen Dorf im Erzgebirge.

Die Familie stellt dort in dritter Generation Rasierpinsel der Marke Mühle her. Und ist mit diesem im Grunde schlichten Produkt dank einer cleveren Mischung aus Bodenständigkeit und modernem Marketing erstaunlich erfolgreich. Zum Werbeauftritt zählen unter anderem zwei hauseigene Periodika, die "Rasier Kultur" und der "Rasier-Spiegel", mit denen die Müllers ihren Kunden die Kunst des Schaumschlagens, Anekdoten aus der Firma und natürlich ihre Produkte nahe bringen.

Eine ungewöhnliche Öffentlichkeitsarbeit für einen 22-Mann-Betrieb in der tiefsten Provinz. Findig waren die Müllers aber schon immer. Christians Großvater gründet die Firma 1945 in einer Waschküche, wo er Schweineborsten auskocht, um daraus Rasierpinsel zu fertigen. Nach seinem frühen Tod übernimmt der heutige Seniorchef Hans-Jürgen Müller, eigentlich Ingenieur, die Firma. 1972 wird sie verstaatlicht und versorgt bis zur Wende die gesamte DDR und weite Teile des Ostblocks mit Rasierpinseln. 1990 kauft Müller senior den Betrieb von der Treuhand zurück - und kämpft ums Überleben. Die traditionellen Märkte sind mit der Vereinigung verschwunden, neue müssen mühsam erschlossen werden.

Die Müllers investieren einerseits in moderne Technik, mit der sich Standard-Schweineborstenpinsel rationell herstellen lassen; es gelingt ihnen Drogeriemärkte und einen großen Rasierklingenhersteller als Abnehmer zu gewinnen. Andererseits pflegen sie ihre Marke und verwandeln einen schnöden Gebrauchsgegenstand in ein Statussymbol beziehungsweise in "den Nerz für den Mann" (Christian Müller). Im Mühle-Sortiment sind Rasierpinsel mit Griffen aus Olivenholz, Mooreiche oder Büffelhorn und Köpfen aus Silberspitz-Dachshaaren, die, weil sehr fein und teuer, von Hand verarbeitet werden. Ines Richter, eine der Mitarbeiterinnen, macht das seit zehn Jahren mit großer Geschicklichkeit und führt ihr Können dem Besucher gern vor.

Für Tierfreunde gibt es übrigens auch vegane Kunstfaser-Pinsel. Christian Müller hat vor seiner Ausbildung zum Bürsten- und Pinselmacher zwei Semester Theologie studiert und daher Sinn für moralische Fragen. Ungefragt betont er auch, dass der Dachsbestand in China und Russland, woher die Rohware stammt, nicht gefährdet sei. So kann sich die anspruchsvolle Kundschaft guten Gewissens mit den Pinseln aus dem Erzgebirge einseifen. Über mangelnde Nachfrage klagt man in Hundshübel nicht, vor allem in Großbritannien und Nordamerika laufe das Geschäft mit den exklusiven Pinseln prima. Mit einer Partnerfirma aus dem britischen Sheffield haben die Müllers in den USA eine eigene Vertriebsgesellschaff gegründet, die dort schicke Geschäfte in den Metropolen beliefert.

Und weil's der Klientel, die dort das Besondere sucht, nicht exklusiv genug sein kann, frisieren die Müllers ständig ihr Sortiment. Das Neueste ist eine limitierte Edition mit Griffen aus dem Hightech-Werkstoff Carbon zum Preis von 500 Euro für ein Set aus Pinsel und Rasierer. Hochkultur hat halt ihren Preis. Für Minderbemittelte hat Christian Müller einen Trost bereit: "Ein Schweineborstenpinsel für fünf Euro tut's auch."