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Spar dir das

Von nichts kommt nichts. Falsche Sparsamkeit führt in den Untergang.




"Ein Physiker, der nur Physiker ist, kann durchaus ein erstklassiger Physiker und ein hoch geschätztes Mitglied der Gesellschaft sein. Aber gewiss kann niemand ein großer Ökonom sein, der nur Ökonom ist - und ich bin sogar versucht hinzuzufügen, dass der Ökonom, der nur Ökonom ist, leicht zum Ärgernis, wenn nicht gar zu einer regelrechten Gefahr wird." Friedrich August von Hayek I. Der heilige Krieg Wir sind keine Fundamentalisten, denn so sehen wir nicht aus. Tragen wir etwa lange Bärte und wehende Gewänder? Wir leben nicht in Teheran oder Kandahar. Und was haben wir mit verstockten Rechtskonservativen in Tennessee oder Arkansas zu tun, die Evolution für eine Gotteslästerung halten? Die Fundis sind immer die anderen.

Und jedes Kind weiß, wie sie sind: Sie hassen das Neue und Fremde. Sie lieben die Ordnung des Einfachen, so sehr, dass sie dafür auch mal einen heiligen Krieg führen. In der muslimischen Welt führen einige radikale Fundamentalisten diesen heiligen Krieg gegen den Überfluss der Güter, Bilder und neuen Eindrücke. Der Name dieses Krieges ist Dschihad. Damit haben wir nichts zu tun, nicht wahr?

Diese Sicherheit gewinnen wir durch Kritiklosigkeit und einen Übersetzungsfehler, der es möglich macht, dass wir zwischen dem, was Extremisten in fernen Ländern tun, und dem, was unsereins für normal hält, keinen Zusammenhang erkennen. Dschihad ist gar nicht der heilige Krieg. Er ist nur die Voraussetzung dafür. Die korrekte Übersetzung lautet: Knappheit. Haben wir damit nichts zu tun? Man braucht den Koran nicht, um zu wissen, dass der Glaube an die Knappheit und der Kampf gegen den Überfluss nicht nur in Kandahar eine Tugend ist. Wer nicht knapp haushaltet, spart, rationalisiert, weglässt, was scheinbar überflüssig ist, dem fehlt es an Moral. Die Befürworter des Dschihad haben im Überfluss auf Erden den Inbegriff des Satanischen ausgemacht. Und wir?

Sparen, sparen, sparen - das Wort der Knappheit dröhnt durch das ganze Land. Verzichten, vermeiden, verhindern - das klingt nicht nur nach einem fanatisch religiösen Dreiklang, es ist auch einer. Spare, wo du kannst, und alles wird gut. Kürze die Ausgaben. Schränke deinen Konsum ein. Kaufe Schnäppchen. Sei geizig. Wer da nicht mitmacht, gilt als verrückt.

Kein Politiker im Land, der sich nicht mit Sparprogrammen profilieren möchte, allesamt vom Kaliber der dubiosen Hartz-IV-Reformen, in denen sich der Geist des Dschihad hervorragend widerspiegelt. Weil es nicht wahr sein darf, dass die Zeiten der Vollbeschäftigung und damit der staatlich verordneten Wundertaten vorbei sind, werden die sozial Schwächsten in der Gesellschaft nicht nur finanziell ausgehungert, sondern auch noch einem nicht enden wollenden Schikanenkatalog unterstellt. Nicht dass sie etwas falsch gemacht hätten. Und es ist auch nicht so, dass die Aktion irgendetwas bringt: Die Sparmaßnahme Hartz IV kostet um rund zehn Milliarden Euro mehr als alle zuvor als Vergeudung von öffentlichen Mittel gebrandmarkten Leistungen.

Gerechtigkeit, Solidarität, wenigstens etwas Mitleid mit anderen spielt dabei nicht die geringste Rolle. Große deutsche Wörter lösen sich im deutschen Dschihad in Luft auf. Selbst einer der Architekten der Hartz-IV-Maßnahmen, der ehemalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, stellte vor einem Jahr fest, dass sparwütige Kommunen und Institutionen schamlos sogar Komapatienten und Schwerstinvaliden in die Kategorie der Arbeitsfähigen einreihten, und das alles, um ihre eigenen Budgets zu retten und ihren entschlossenen Sparwillen zu demonstrieren. Ein heiliger Krieg ist immer ein schmutziger Krieg.

II. Der finstere Stern der Knappheit Kein Land in Europa hat ein derart gestörtes Verhältnis zu den Begriffen "sparen" und "ausgeben" wie unseres. Dazu braucht man zunächst keine Wirtschaftsuniversität zu betreten, es reicht völlig, einmal um die Ecke zu gehen. Bei Discountern kauft die Nation ein wie verrückt, und zwar Lebensmittel, bei denen andere europäische Völker zögern würden, sie ihren Haustieren vorzusetzen. Aber sie kosten wenig. Und was noch zählt, hier, im Mutterland der Industrie, ist: eine fanatische Lust an der Quantität. Hauptsache billig, Hauptsache viel. Noch in den fünfziger Jahren gaben die Deutschen fast die Hälfte ihres verfügbaren Haushaltseinkommens für Lebensmittel aus, heute sind es gerade mal elf Prozent. Ein Durchschnittsbürger verdient heute das 19-fache des Einkommens eines seiner Vorfahren aus dem Jahr 1950, aber die Lebensmittelpreise haben sich lediglich um das 8,5-fache verteuert. Das Fressen kommt vor der Moral, das gilt als gesichert, doch es kommt auch vor der Qualität, und das gilt nicht nur für das, was wir schnell verdauen. Der Glaube daran, dass alles immer billiger werden muss, ist in allen Schichten und Klassen verbreitet. Es ist der Discountismus, eine perfide Form der Selbstkannibalisierung. Denn dieselben Leute, die bei Aldi, Lidl, Penny und Co auf Schnäppchenjagd gehen, erwarten Lohnsteigerungen oder wenigstens eine - wie auch immer geartete - staatliche Garantie auf die Erhaltung ihres Wohlstands.

Doch Moment mal, steht nicht in den klugen Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften, dass das nichts anderes ist als rational? Handeln die, die Schnäppchen schießen, als ob es kein Morgen gäbe, nicht völlig logisch und vernunftbestimmt? Ist dort, wo "Geiz ist geil" die eigentliche erste Strophe der Nationalhymne ist und wo alle, die nicht sparen, blöd sind, nicht mehr Verstand im Spiel, als manche denken?

Immerhin: Der finstere Stern der Knappheit, so lernen es Wirtschaftsstudenten im ersten Semester, leuchtet über allem, was mit Ökonomie zu tun habe. Ohne die Knappheit, die Mutter des Sparsinns, funktioniert Wirtschaft nicht. Wo alles für alle im Überfluss vorhanden ist, gibt es bald niemanden mehr, der dafür etwas zu zahlen bereit wäre. Dagegen lässt sich schwer etwas vorbringen, außer, dass Äpfel mit Birnen verwechselt werden. Denn es gibt diesen Stern der Knappheit im Kosmos der Ökonomie tatsächlich, die Frage aber ist, ob er wirklich das Zentralgestirn ist, zu dem Rationalisierungsexperten und Sparfüchse ihn so gern machen.

In der Realität des Wirtschaftens ist die Knappheit ein Mechanismus, der für das Funktionieren des Marktes mit verantwortlich ist. Der also seinen Teil dazu beiträgt, dass Märkte funktionieren. Aber es ist purer Unfug zu glauben, die Welt der Wirtschaft stehe ganz und gar unter dem finsteren Stern der Knappheit. Dahinter steckt, wie bei allen Fundamentalisten, der Wahn, dass eine Lösung, eine Methode, die allein selig machende ist. Das ist, nun ja, für manche einfältigen Bewohner des Planeten Knappheit, die meinen, auf einem mächtigen finsteren Stern zu leben, keine erfreuliche Nachricht.

Knappheit als solches zum Fixstern des Wirtschaftens zu machen ist kurzsichtig und wird dort, wo man nicht weiter sieht, zum Dogma, zum Fundamentalismus. Denn nicht die Knappheit ist das Ziel des Wirtschaftens, sondern die Erzeugung von mehr und besseren Gütern. Das Ziel ist die Überwindung der Knappheit, nicht ihr Erhalt. Wer das Gegenteil für richtig hält, der findet sicher auch, dass Planwirtschaften ganz wunderbar funktioniert haben.

III. Vorsicht in der Trockenmasse: 96 Prozent Deutschland spart, aber wofür? Die nackten Zahlen sind beeindruckend. In den 16 Jahren, die seit der Wiedervereinigung vergangen sind, haben sich die Sparvermögen der Deutschen verdoppelt: Mehr als vier Billionen Euro - nahezu das 15-fache des Bundeshaushalts - liegen auf der hohen Kante. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden veröffentlicht regelmäßig, wie die Deutschen sparen: 30,4 Prozent des Ersparten stecken sie in Versicherungen, am liebsten Lebensversicherungen, 29,6 Prozent werden in Rentenwerten angelegt, 9,4 Prozent sind Spareinlagen bei Banken und 7,2 Prozent Ansprüche an Pensionsrückstellungen im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung. 36 Prozent, der größte Batzen Geld, sind Bargeld und Sichteinlagen, die die am stärksten wachsende Anlageform darstellen. Aktien und andere riskante Dinger mögen die Deutschen nicht.

Im Sommer 2001 untersuchte die Universität Mannheim die ökonomischen, soziologischen und psychologischen Beweggründe, die die Bundesbürger zum Sparen bewegen. Nahezu 60 Prozent der Bürger sparen regelmäßig, und nur 16 Prozent verfügen über ein so geringes Einkommen, dass kein müder Euro zur Seite gelegt werden kann. Gespart wird in allen gesellschaftlichen Klassen und Milieus. Aber wofür? Die Antwort gaben 96 Prozent der Sparer prompt: Sie betrieben "Vorsichtssparen", um "unvorhersehbaren Ereignissen zu entgehen".

Erst beide Studienergebnisse ergeben zusammen ein Bild von dem, was man heute Angstsparen nennt: Der größte Teil des Sparvermögens wird nicht etwa für spätere Investitionen gebunkert. Es gibt kein klares Sparziel, und das Geld, das man sich angstvoll zurücklegt, wird naturgemäß kaum Risiken ausgesetzt. 96 Prozent Vorsicht - dass ist ein ungeheurer Wert für ein Land, in dem ein vergleichsweise dichtes soziales Netz nach wie vor dafür sorgt, dass niemand verhungert, verdurstet oder erfriert.

IV. Reich durch Konsum Und was bringt diese Vorsicht? Im Jahr 2004 hat das Institut der Deutschen Wirtschaft das Spar- und Konsumverhalten der Bundesdeutschen mit dem der US-Amerikaner verglichen. Im Vergleichszeitraum von 1991 bis 2002, der Zeit also, in der die Deutschen ihr Sparvermögen verdoppelten, konsumierten die Amerikaner deutlich mehr als wir: Während der private Konsum der Deutschen in diesem Jahrzehnt um insgesamt 46 Prozent wuchs, wuchs er in den Vereinigten Staaten um 84 Prozent. Die Investitionen in den USA lagen im Jahr 2002 nach Angaben der OECD um 87 Prozent höher als im Jahr 1991. In der Bundesrepublik waren sie seit 1991 - immerhin im Jahr der Wiedervereinigung und der damit ausgelösten Sonderkonjunktur - stetig gesunken. 2002 betrugen sie gerade noch 47 Prozent des Wertes von 1991.

Der Zusammenhang zwischen Zukunftsangst und Knappheitsethik auf der einen und einem relativ breiten Optimismus auf der anderen Seite des Atlantiks ist nicht von der Hand zu weisen. Die amerikanische Sparquote ist mit durchschnittlich 3,5 Prozent deutlich niedriger als hier, was für einige ewig Ängstliche ein Beleg für die soziale Unsicherheit ist, mit der Amerikaner leben müssen. Der höhere Konsum und die intensiven Investitionen der Amerikaner haben aber eben nicht dazu geführt, dass Land und Leute pleite sind. Das lässt sich einwandfrei nachweisen. Der Maßstab dafür ist das Nettogeldvermögen der privaten Haushalte, also das, was dem Bürger hüben und drüben in der Tasche bleibt, wenn alle Kredite und Schulden beglichen werden. In den USA lag diese Nettovermögensquote, die sich am jeweils verfügbaren Einkommen bemisst, im Jahr 2002 bei 276 Prozent, in Deutschland bei 159 Prozent. Mehr Konsum, mehr Risiko, mehr Investition - kurz und gut: mehr Ausgaben - haben also die Amerikaner fast doppelt so wohlhabend gemacht wie die Deutschen.

Mit anderen Worten: Angst ist ein teurer Spaß.

V. Sparen ist Konsum Dabei ist das wahre Wesen des Sparens alles andere als unvernünftig, vorausgesetzt, dass die Verhältnisse, unter denen gespart wird, auch noch ein wenig mit Köpfchen zu tun haben. In seiner elementaren wirtschaftlichen Definition ist Sparen nichts weiter als der momentane Verzicht eines Haushalts auf Konsum. Man verzichtet heute auf etwas, um sich morgen etwas leisten zu können. Das kennen viele noch von ihrer Großmutter und von Unternehmen, die tun, was sie sollen: vernünftig wirtschaften, damit sie reichlich investieren können. Sparen ist nichts anderes als eine Vorstufe des Konsums, und demnach kann das, was heute in großem Maße in Unternehmen, Verwaltungen und beim Bürger selbst geschieht, nicht Sparen sein. Das ließe auch der Fachmann, in diesem Fall Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts HWWI, so nicht durchgehen: "Man kann einfach nicht sparen ohne ein Ziel und eine Vision, man kann kein Opfer bringen für nichts. Wer spart, um zu sparen, handelt irrational - sonst nichts." Für Straubhaar ist Sparen eine herausragende Kulturleistung, eine "große Entwicklung, die uns entscheidend dabei geholfen hat, voranzukommen - die Erfindung der Investition im egoistischen Sektor sozusagen". In der Agrargesellschaft, die bis vor zweieinhalb Jahrhunderten das Leben unserer Vorfahren bestimmte, gab es, der knappen Ressourcen wegen, kaum Chancen, für spätere Investitionen etwas auf die Seite zu legen. Man lebte in den Tag hinein, und die Familienverhältnisse waren darauf abgestellt, dass die Alten mehr schlecht als recht von den Jungen durchgefüttert wurden, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten. Bei Missernten und ähnlichen Katastrophen litt man Not. Denn es fehlte an Vorräten. "Es gab eigentlich kaum eine Möglichkeit, seinem Schicksal zu entrinnen, weil man niemals in die Lage geriet, so viel zur Seite zu legen, dass man in einer schlechten Lage davon leben konnte." Wo die Möglichkeit zu Investitionen fehlt, weil sie keine materielle Grundlage haben, fehlt nicht nur der rettende Ausweg aus einer schlimmen Lage: "Es fehlt jede Möglichkeit, mehr als eine Option wahrnehmen zu können, wenn die Zeit dafür reif ist", sagt Straubhaar. Wer spart, wer also Mittel für den Fall der Fälle hat, investieren kann, entrinnt gleichsam seinem scheinbar unausweichlichen Schicksal. "Er kann wählen. Er hat mehr als eine Möglichkeit." Der allmählich vordringende Fortschritt eröffnete ganz langsam Chancen zu sparen, also Investitionskapital für die Zukunft zu schaffen. Damit war weit mehr getan als bloß die Sicherung der nackten Existenz nach einer schlechten Ernte: Es gab Wahlmöglichkeiten für das eigene Leben. Man konnte in sich selbst investieren, indem man auf eine Fahrkarte nach Übersee sparte, um dort sein Glück zu versuchen, statt als Knecht auf einem Bauernhof leben zu müssen. Im ländlichen Bereich sorgten im 19. Jahrhundert Genossenschaften, wie sie Friedrich Wilhelm Raiffeisen und der Manchesterliberale Hermann Schulze-Delitzsch initiierten, dafür, dass der Spar- und Investitionsgedanke in der immer noch vorwiegend ländlichen Bevölkerung allmählich immer mehr Raum griff. Arbeiterbildungsvereine förderten die Spar-Idee. Zuerst war also tatsächlich der finstere Stern der Knappheit. Aber er wurde durch die Idee der Chancen, die Investitionen bieten, immer blasser.

Mit dem Wohlstand, den die Industriegesellschaft mit sich brachte, veränderte sich die Bedeutung des Sparens deutlich. Die ersten Sparkassen, die in Deutschland zur Mitte des 18. Jahrhunderts gegründet wurden, hatten alle nur ein Ziel für ihre Kunden: die schlimmsten Widrigkeiten des Lebens dadurch zu lindem, dass systematisch verzinstes Kapital für das Alter und für den Fall einer Krankheit angelegt wurde. Der frühe Industriekapitalismus aber brauchte mehr als das: Er brauchte viel Geld, und auch dieses Geld sammelten die wie Pilze aus dem Boden schießenden Sparkassen, die den aufgeschobenen Konsum der Leute, also ihr Sparvermögen, für Investitionen in neue Techniken und Waren, Dienstleistungen und Produkte verwendeten. Erst viel später, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, reichte die Sparkasse zur Geldbeschaffung nicht mehr aus. Nun finanzierten sich viele Unternehmen zunehmend über die Aktienbörse.

Alle diese Methoden und Einrichtungen haben die Knappheits-Krankheit überwunden. So oder so: Was man sparte und anlegte, hatte einen Zweck, und zwar den, etwas Neues zu schaffen, also etwas zu unternehmen. So etwas war von jeher ganz unfundamentalistisch.

VI. Sparen oder Geiz "Ein Unternehmen spart nicht - ein Unternehmen investiert." Das ist eine so simple Logik, dass man sich fast dafür genieren müsste, sie auszusprechen und aufzuschreiben. Doch die Zeiten sind nicht so, weiß Thomas Straubhaar - und so sagt er es wieder und wieder. Sparen, sagt er nochmals, kann niemals etwas anderes sein als aufgeschobener Konsum. Wer nicht weiß, wozu er spart, der spart nicht. Der geizt.

Geiz? Das Wort ist in Deutschland durch nachhaltige Gehirnwäschen ganz allgemein nicht mehr das, was es eigentlich bedeutet: die asozialste Form, mit Kapital, Werten und Menschen umzugehen. Hinter dem Sparen steckt die Erkenntnis, das aus nichts nichts werden kann. Der Geiz aber kennt keine Zukunft. Zu allen Zeiten haben Geizige nicht etwa Kapital gehäuft und gespart, um es zu Investitionen werden zu lassen. Sie rafften, um zu raffen, sie gierten allein nach Beständigkeit, nach Bewahrung. Geizige sind Fundamentalisten, und mit ihnen ist kein Staat zu machen. Geizige sind unpolitisch und unsozial.

Das fiel ganz früh einem Mann namens Paulus von Tarsus auf, den man später den Apostel Paulus nannte und der die wichtigsten ideologischen Grundlagen des Christentums schuf. Seine neue Religion konnte mit Geizigen wenig anfangen, nicht nur, weil die für den Aufbau der neuen Organisation nichts springen ließen. Nichts passte weniger zu der neuen Lehre, die sich der Nächstenliebe, also dem Sozialen, verschrieben hatte, als habgierige Egoisten. "Der Geiz ist die Wurzel allen Übels" , hielt Paulus von Tarsus fest. Drei Jahrhunderte später verschärfte das der Kirchenvater Augustinus, der das Christentum zu einer etablierten Religion gemacht hatte, nochmals deutlich. Geiz, das war für den Chefideologen der Christenheit nicht einfach ein Grundübel: "Der Geiz ist der Wahnsinn der Seele", hielt er fest. Aus gegebenem Anlass wurde der Geiz im siebten Jahrhundert nach Christi auf Platz zwei der sieben Todsünden gesetzt, gleich nach dem Hochmut, definiert durch Eitelkeit und Stolz, der den Geiz verursacht, und noch vor dem Neid, der die unausbleibliche Konsequenz des Geizes ist. Geiz und Sparen - das sind zwei völlig verschiedene Welten. Zielvolles Sparen schafft Werte - Geiz hingegen ist pure Besitzstandswahrung, die nur auf den Erhalt des Status quo abgerichtet ist. Und jetzt muss man fragen, ob es stimmen kann, was alle Regierungen und großen Parteien seit Jahr und Tag behaupten: Der Staat spart. Kann der Staat überhaupt sparen?

Der Staat ist kein Unternehmen. Sein Rechnungssystem, die Kameralistik, kennt weder Erträge noch Aufwendungen, kein Vermögen und keine Schulden. Es kennt Einnahmen, die aus Steuern kommen, die die Folge von Gesetzen sind, die der Staat erlässt, und er kennt, das ist sein eigentlicher Geschäftszweck, Ausgaben. Sparen, also aufgeschobener Konsum, ist in diesem System kontraproduktiv.

Jeder Beamte kennt das: Eine Behörde, die im Laufe eines Jahres zehn Prozent ihrer Ausgaben einspart, startet im kommenden Haushaltsjahr mit der reduzierten Summe. Je effizienter ein Amt arbeitet, desto geringer fallen die Mittel aus, die es erhält. Es gibt keinen Anreiz - etwa in Form einer frei verfügbaren Investitionssumme, die das sparsame Amt als Belohnung erhalt. Wer in einer Bürokratie nach unternehmerischen Kriterien handelt, erledigt sich selbst. Schon aus diesem Grund ist die Forderung nach einem sparsamen Staat absurd. Eine sparsame Bürokratie müsste energisch gegen sich selbst arbeiten.

VII. 360 Grad Angst Ein sparender Staat ist ein Widerspruch in sich, aber was noch? Da er ziemlich mächtig ist und in nahezu allem tonangebend, was Menschen in diesem Land bewegt, muss man sich die Frage stellen, wo sein falsches Sparprinzip noch überall wirkt. Eigenartigerweise vertrauen die Deutschen dem Staat nach wie vor und entgegen aller historischen Erfahrungen. In den vergangenen 80 Jahren, also einem Menschenalter, zerstörten zwei Währungsreformen -1923 und 1948 - sämtliche Ersparnisse der Bevölkerung. Dennoch sind weit mehr als die Hälfte der vier Billionen, die die Deutschen sparen und von denen kaum jemand weiß wofür, auf niedrig verzinsten Sparbüchern gebunkert, die dank Inflationsrate und Zinsbesteuerung kaum Erträge abwerfen. Es ist davon auszugehen, dass den meisten Inhabern dieser Guthaben bewusst ist, dass sic ihr Geld so nicht vermehren. Weshalb liegt es dann auf der Sparkasse?

Ja, fragt Reinhard K. Sprenger, Unternehmensberater und Buchautor, warum? Weil die Leute doof sind? Nein, viel schlimmer. Sprenger benennt das Zentralgestirn, das weit mächtiger ist als der vermeintlich so wichtige Stern der Knappheit: "Sicherheit, der deutsche Zentralwert an sich, der völlig irrational ist, aber ein Wert, dem man hier alles unterordnet, um den alle hier erzogen sind und in dem jeder, der ein Risiko eingeht, jeder, der investiert, ein Hasardeur ist." Und diese Haltung sei keineswegs nur dem kleinen Sparer eigen, sondern allen Klassen und Organisationen. "Leute geben Geld aus, wenn sie Geld erwarten, und Unternehmen tun nichts anderes. Und wenn die Zukunft wackelt, man sich nicht sicher ist, nicht entscheiden kann, dann regiert der Kostenvernichtungs-Scharfsinn. Alles konzentriert sich aufs Überleben und nichts mehr auf die Zukunft." Die Exekutoren des Kostenvernichtungs-Scharfsinns heißen Controller. Sie haben im Grunde eine wichtige Aufgabe: heute dafür zu sorgen, dass die Kosten stimmen, damit die neuen Ziele von morgen erreicht werden können. Dagegen ist so wenig einzuwenden wie gegen Sparen mit Ziel und Verstand. Doch in einer Situation, in der die Zukunft keiner will, weil sie unwägbar und noch schlimmer erscheint als die Gegenwart, in der sich alles auf das nackte Überleben konzentriert, da würde " das, was in normalen Zeiten gut und richtig ist, völlig ins Extreme umschlagen", sagt Sprenger, "da geht es nur mehr ums Konservieren der Gegenwart. Und das ist dann der Betriebs-Autismus, den man sich so oft ansehen kann, wo alles nur nach innen gerichtet ist. Mit unternehmerischer Energie hat das nichts mehr zu tun." Womit dann?

Was vom ganzen Einsparen und Weglassen, vom vermeintlichen Optimieren und Rationalisieren letztlich übrig bliebe, sagt Sprenger, sei nichts weiter als " Rundum-, 360 Grad gegenstandslose Angst".

VIII. Hardcore Ein optimistischeres Bild kann auch Udo Nadolski nicht bieten. Er ist Geschäftsführer der deutschen Niederlassung des britischen IT-Consulters Harvey Nash in Düsseldorf. "Was zurzeit läuft, ist das exakte Gegenteil von ökonomisch sinnvoll. Kleine Unternehmen halten die Sparwut schon lange nicht mehr durch. Und vor allem haben viele noch nicht begriffen, dass die Sparwut das Einzige kaputtmacht, das uns international konkurrenzfähig macht: die Qualität." Qualität, definiert Nadolski schnell, heißt " kontinuierliche Wertsteigerung eines Unternehmens durch Kundenzufriedenheit. Es geht darum, die Kunden besser zu bedienen, als das ein Konkurrent kann". Doch während die Schere in Reichweite ist, ist der Kunde fern, und immer mehr Manager ließen sich "von einer völlig missratenen Kultur anstecken, von dieser fatalen Geiz-ist-geil-Stimmung, die sich aufschaukelt".

Und Nadolski erzählt, wie die Geizkultur zur Normalität wird - und warum: "Vor zwei Jahren wurden überall die Budgets für IT eingefroren, und zwar einfach deshalb, weil alle anderen das auch machten. Das war eine einfache Kettenreaktion. Das musste kein Verantwortlicher seinem Vorstand erklären, da genügte es zu sagen: Die Konkurrenz macht das auch." Umgekehrt, meint Nadolski, hätten sich investitionswillige Manager zahllosen Fragen der sparwütigen Vorstände gegenübergesehen. "Wer will das schon? Das macht viel Arbeit und Umstände. Da sind einige lieber auf den Golfplatz gegangen." Auch hier muss man fragen, ob es den verantwortlichen Managern am Verstand fehlt - oder ob sich nicht mehr hinter dem kollektiven Geizen verbirgt.

Nadolski, der die Branche seit mehr als zwei Jahrzehnten kennt, hat einen historischen Bruch ausgemacht, den zwischen investitionsfreudigen Unternehmen und jenen, die sich aus der Affäre sparen wollen - und die heute den Ton angeben: "In den Zeiten des Internet-Hypes waren in den Führungspositionen vieler junger Unternehmen mutige, entschlossene Unternehmer tätig, Menschen, die etwas gewagt haben. Klar, es hat vielen von ihnen an betriebswirtschaftlichem Wissen gefehlt, aber sie wussten, was Unternehmertum ist. Nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes waren diese Leute vollkommen abgemeldet. Und an ihre Stelle sind jene betriebswirtschaftlichen Hardcore-Freaks getreten, die uns heute die Probleme bereiten", sagt Nadolski. Ihre Politik sei vielfach ganz einfach: "Nichts geht mehr. Da ist eine Selbstkannibalisierung im Gange, die auf Dauer alles zerstört." IX. Steuern sparen Konrad Pochhammer, Geschäftsführer der Berliner Niederlassung der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Verhülsdonk & Partner, holt tief Luft. Steuern sparen will jeder. Hier kann, das weiß auch jeder, wirklich tüchtig gespart werden. Und das macht jeder. "60 bis 70 Prozent der Steuerpflichtigen wollen vor allem eines: gar keine Steuern bezahlen. Irgendwie glauben sie auch, dass es unser Job als Steuerberater ist, ihnen den richtigen Weg dafür zu weisen", erzählt Pochhammer. Nun, ganz so sei das nicht, stellt er klar. Sein Gewerbe habe für Steuergerechtigkeit zu sorgen, dafür, dass Unternehmen und Bürger nicht mehr und nicht weniger zahlen, als das Gesetz es vorschreibt. Dazu fräsen sich Wirtschaftsprüfer und Steuerberater durch die umfangreichsten Vorschriften und Gesetzeswerke, die jemals auf diesem Planeten geschaffen wurden, durch das deutsche Steuerrecht. Das aber wiederum halten die meisten Steuerzahler für selbstverständlich, wenn sie zum Steuerberater gehen. Ihr eigentliches Motiv ist: Was ist noch drin?

Und hier, sagt Pochhammer, verschwimmen die Grenzen zwischen Psychologie und Buchführung. Wer Gewinne macht, will etwas von der Steuer absetzen - ganz gleich, was, Hauptsache, der Staat kriegt die Kohle nicht. Dabei geht es oft nicht darum, das Geld für Investitionen in die Zukunft des Unternehmens lockerzumachen. Es geht nicht selten um Irrwitzigkeiten, Container-Beteiligungen, Schiffsbeteiligungen, Steuersparmöglichkeiten, Investitionen in einen Bollywood-Film, kurzum: in betriebsfremde Wunderlichkeiten. Dann verhalten sich die, die dem Staat unbedingt ein Schnäppchen schlagen wollen, genauso wie der Staat: Ausgaben machen, koste es, was es wolle.

Rational kann man das nicht erklären, aber um Vernunft geht es wohl auch nicht. Irgendwie ist das Steuersparen um des Steuersparens willen eine Rache an einem übermächtigen Staat, der nur deshalb eine so große Rolle spielt, weil die Bürger ganz offensichtlich nicht mehr Verantwortung tragen wollen. Aber hier, bei sinnlosen Abschreibemodellen, kann man es dem Staat richtig heimzahlen. "Etwas Rache, etwas Gier", benennt Pochhammer die Formel. Der Schuss geht ins Leere. Gespart wird nicht, nur Steuer vermieden, die in seltsamen Gaga-Projekten verpufft. Es kann aber noch ganz anders kommen - der Schuss kann auch nach hinten losgehen.

So ist ein erheblicher Teil der höheren Steuereinnahmen, die die Bundesregierung erfreut für das laufende Budgetjahr registriert hat, nicht etwa einem tollen Konjunkturaufschwung geschuldet. Das wird zwar, weil es für eine prima Politik spricht, gern erzählt, bloß hält die Legende schon einfachem Nachrechnen nicht stand. Die Mehrmillionen für den Fiskus sind vielmehr das Produkt blanker Gier. Sie stammen vorwiegend von Unternehmen und ihren Aktionären, die in den vergangenen Jahren reichlich Gewinne und Dividende eingefahren haben. Ganz sicher haben die meisten von ihnen alles getan, um noch irgendein Container-Schlupfloch zu finden. Und ganz sicher waren sie dabei ebenso erfolglos wie bei ihrer eigentlichen Aufgabe, anständige Gewinne in anständige Investitionen umzusetzen - um damit die Zukunft ihrer Unternehmen zu sichern.

Da sitzen sie nun auf dem Gewinn - und zahlen mehr Steuern. So skurril können die Folgen des Kostenvernichtungs-Scharfsinns sein, der darauf abzielt, brutalstmöglich und konkurrenzlos schnell die Gewinne von Unternehmen hochzujazzen, als ob es kein Morgen gäbe. Das schafft man nur durch hartes Rationalisieren, Reduzieren und Eindicken. Fälschlicherweise wird das "Shareholder-Value-Denken" genannt. Doch das ist nur ein weiterer Irrtum: Aktionäre und Unternehmen, die nicht in der Lage sind, ihre Gewinne aus anderen Positionen zu ziehen als aus dem Kahlschlag ihres Unternehmens, um kurzfristig gut dazustehen, schaffen keine Values, keine Werte. Am Ende geben die Aktionäre einen großen Teil, zu Englisch share, an den Staat ab, weil ihnen außer Steuernzahlen nichts mehr einfällt.

X. Der Mythos Das findet Udo Nadolski auch: "In der Regel sind das Unternehmen, in denen Manager schnell hübsche Zahlen vorlegen wollen. Seht her, das haben wir gespart, das haben wir gekürzt, sind wir nicht großartig, ist der Gewinn nicht toll? Dabei ziehen sie dem Unternehmen den Teppich unter den Füßen weg. Ich kenne kein Shareholder-Value-getriebenes Unternehmen, dem es auf Sicht gut geht. Das ist ein Mythos, den nur Menschen glauben, die von Wertsteigerung nichts verstehen." Langsam, meint der Berater, verstünden aber mehr und mehr Manager, dass die kurzfristigen Schnäppchen und das falsche Spardenken zu nichts führen. "Vor einem Jahr hätte ich gesagt: Da ist nichts zu machen, die sparen den Laden kaputt. Aber jetzt gibt es bei einigen Managern zunehmend eine Unzufriedenheit über den Status quo." Es sind vermutlich die Manager, die noch etwas vorhaben, die ihre Zukunft nicht bereits abgeschrieben oder - durch schnelles Abzocken - gut kalkulierbar gemacht haben. Die, die es sich und ihren Leuten ersparen wollen, vor einem grandiosen Nichts zu stehen, das bis dahin aber prima in die Bilanz passt.

Reinhard K. Sprenger erzählt gern, was sein alter Chef vor vielen Jahren den Rationalisierern in seinem Unternehmen entgegengehalten hat, wenn die wieder mal anrückten: "Meine Herren, am meisten sparen wir, wenn wir den Laden einfach dichtmachen." Doch so fundamentalistisch sind die meisten dann doch nicht.

So weit geht kein Dschihad.

So knapp ist kein Verstand.