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ZUM BEISPIEL SCHOKOLADE

Zu wählen ist kein Luxus. Sondern eine GRUNDLAGE unseres Lebens.




Das Gute ist ein Moment. Und ein Moment dauert drei Sekunden - die Zeit, die Menschen als Jetzt wahrnehmen. In diesen drei Sekunden treffen sich Erwartung und Erleben, entfalten Ideen zum ersten Mal ihre Flügel und rühren Impulse zu Taten, empfinden wir Harmonie oder Mangel, verstehen wir etwas oder werden berührt, erreicht uns eine Botschaft oder verfehlt uns. Das Jetzt, drei Sekunden, ist der Raum, in dem wir leben. Und die Quelle von Glück wie Unglück.

Es geht nur um Schokolade. Nur? Schokolade ist nicht Schokolade, das wissen wir inzwischen. So wie Senf nicht Senf ist, sondern für den Genießer bloß eine von unzähligen Senfmöglichkeiten, wie das raffinierteste Öl gerade gut genug ist für den Gourmet und sich Salz vom schlichten Salineprodukt in ein Luxusgut mit zertifiziertem Abbaugebiet entwickelt hat, so gilt heute auch Schokolade, wie wir sie aus unserer Kindheit erinnern, die fröhliche Tafel im Supermarkt, bloß noch als trauriges Abbild der wahren, schönen, guten Leckerei, die der Kenner in kleinen Stücken mit geschlossenen Augen im Mund zergehen lässt. Das haben wir alle schon mal gelesen, es zog durch die Medien wie ein Virus durch einen überfüllten Bus. Und wo fing das an?

Vielleicht begann es mit dem Film "Chocolat", in dem Schokolade als Aphrodisiakum gepriesen wurde. Vielleicht hatte ein Schokoladenproduzent eine PR-Agentur engagiert, um den Wert seines Produktes zu erhöhen. Vielleicht gab es auch nur plötzlich genug Schokoladen-Fans, um einen unsichtbaren, weil zu kleinen Trend, in eine erkennbare Bewegung zu verwandeln, die genau richtig platziert war zwischen "obskur" und "bekannt", um, wie man in den Medien sagt, zum "Thema" zu werden. Wie auch immer: Mit der Bekanntheit stieg die Nachfrage und schuf ein Angebot. Läden wurden eröffnet, in denen nichts als teure Schokolade verkauft wurde. So gehört jetzt die gute Tafel ebenso zum guten Leben wie die gute Flasche Wein. Theoretisch zumindest.

Praktisch bedeutet die Beförderung von Minderheiten-Interessen zu Mehrheits-Empfehlungen erst einmal: Bedeutungsminderung durch Bedeutungssteigerung. Zumindest für die Minderheit, die den Trend angestoßen hat. Denn die hatte mit ihrem Thema, zum Beispiel Schokolade, eine Gemeinsamkeit, die sie von anderen Gemeinschaften unterschied, die also identitätsstiftend war. Und das ist wichtig in der individualisierten Massengesellschaft, in der jeder etwas Besonderes darzustellen versucht, sodass Identität nicht mehr allein über die Unterschiedlichkeit des Einzelnen definiert wird, sondern auch über die Unterschiedlichkeit der Gruppe, zu der er gehört. Der Stamm, die Familie, die Posse. Wollen plötzlich alle, was vorher nur die besten Freunde wollten, ist die Identität der Gruppe in Gefahr, weil die auf dieser Basis entstandenen Beziehungen nun massentauglich sind, also beliebig. Wer auf der Flucht vor der Masse ist, ist nicht zwangsläufig arrogant - er will möglicherweise nur seine Freunde retten. Andererseits: Kann eine Freundschaff auf Schokolade basieren?

Holger in't Veld betreibt in Berlin die beiden Schokoladeläden Intveld. Er sagt: "Die Trends laufen eigentlich immer gleich ab. Am Anfang kaufen die Leute Produkte mit Add-Ons, zusätzlichen Werten: In dieser Phase ging es bei uns meist um Schokolade mit Chili. Dann kommt die qualitative Phase: Da sprach sich hemm, dass gute Schokolade vom Kakao abhängt. Zunächst wurde darauf geachtet, dass der Kakaogehalt möglichst hoch ist. Damals kauften viele Menschen Schokolade mit 100 Prozent Kakao, die extrem ist und nichts mit normaler Schokolade zu tun hat. Das wird immer ein Nischenthema bleiben. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass sich der angegebene Kakaogehalt in geschmackstragende Teile und die geschmacksneutrale Kakaobutter aufteilt. Es gibt viele Schokoladen aus der Industrie mit hohem Kakaogehalt, die nach wenig schmecken, weil lediglich der Anteil der Kakaobutter erhöht wurde. Das Problem ist, dass auf keiner Schokolade angegeben wird, in welchem Verhältnis die beiden Bestandteile zueinander stehen. Deshalb geht es nun weiter in die qualitative Phase." Heute zählt wieder der Geschmack. Die Schokolade in den Mund. Und dann: drei Sekunden bis zur Ewigkeit. Oder bis zum herben Aufprall. Das ist der Moment, in dem der Trend endet und etwas Neues beginnt.

Der Autor empfiehlt: Brut de Sao Tome (s. Foto) Und jetzt weiter im Text Es ist klar, dass sich der Geschmack mit der Zeit entwickelt, dass man mit etwas Übung feinere Nuancen erkennt und nach einiger Zeit möglicherweise Sachen mag, die man früher für völlig unmöglich gehalten hat. Viele von denen, die mit Chili-Schokolade anfingen, essen heute dunkle Schokolade. Es gibt auch Menschen, die nur 100-Prozent-Tafeln kaufen, die geschmacklich viel näher an einer Mahlzeit sind als an einer Süßigkeit - Kakao ist nun mal bitter. Entscheidender als die Erhöhung des Genusses durch die Entwicklung des Geschmacks ist aber ein Phänomen, das diesen Vorgang begleitet. Denn wenn ein Mensch urteilt - dieser Geschmack, jetzt, hier, ist der gut oder schlecht? - und wenn er das immer wieder tut, wird er nicht nur in seinem Geschmacksurteil sicherer, sondern auch in sich selbst, in der Selbstverständlichkeit, in der er der Welt gegenübertritt, nicht nur der Schokolade, sondern auch dem Rest der Welt. Das nennen wir Identität: Zu wissen, wer man ist, aus der Gewohnheit heraus, für sich selbst zu entscheiden, jenseits von Trends und Vorgaben, allein auf der Basis der persönlichen, unverwechselbaren drei Sekunden Sein. Und nein, das ist keine Kleinigkeit.

Holger in't Veld war früher Journalist, er hat sogar mal für brand eins (siehe brand eins 06/2001) geschrieben. Damals trafen wir gemeinsam in London Bill Drummond, einen Mann, der eine Million Pfund verbrannt hat, für die Kunst und für die Menschheit. Ein sympathischer Kerl. Holger in't Veld liebte Schokolade, und so beschloss er eines Tages, sie zu verkaufen: "Ich hatte damals aber auch das Gefühl, da käme bald ein Trend." Doch der Laden ist nur ein Zwischenschritt für ihn, sein Ziel ist die eigene Schokolade, hergestellt aus eigenem Kakao von der eigenen Plantage. Sein großer Traum. Darum geht es.

Es ist nicht nur so, dass Menschen, die selbst entscheiden, was ihnen gefällt, selbstsicherer sind und deshalb in der Regel freundlich und umgänglich. Nein, es geht um eine Basis des Lebens: Wer weiß, was er mag, lernt bald, was er will. Und kann das nicht nur beim Einkaufen entscheiden. Oder für drei Sekunden.