Partner von
Partner von

ZU SCHÖN ZUM STERBEN

WERBEN an der Elbe ist eine Stadt am Limit. Sie hat nur noch 830 Einwohner und schrumpft weiter. Doch die Stadt ist auch ein Kleinod. Und wo wenig ist, bleibt vieles möglich.




Wer sich der Stadt Werben von Osten nähert, schleicht sich an. Lautlos gleitet die Fähre über die Elbe, nur durch die Strömung und die Übersicht eines schweigsamen Fährmanns treibt der Kahn, an Seilen gehalten, ans andere Ufer. Dann sind es noch ein paar Kilometer über Kopfsteinpflaster. Bald ist St. Johannis zu sehen, die Kirche ragt über die fünf Straßen der Werbener Altstadt weit hinaus. Wenn die Fähre abends um halb zehn, im Winter schon um sechs, den Betrieb einstellt, wird es still in der Stadt.

Ihre 830 Einwohner leben wie auf einer Insel. Die nächsten Brücken, die nächsten Bundesstraßen sind 30, 40 Kilometer entfernt. Die Altmark ist einer der leersten Landstriche Deutschlands: Nur 50 Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer. Es gibt noch kleinere Städte in Deutschland, aber keine liegt in einer so menschenleeren Gegend wie Werben und ist deshalb immer noch ein Zentrum.

Die Abwanderung nach der Vereinigung hat fast alle ostdeutschen Städte hart getroffen. Verglichen mit Halle oder Hoyerswerda sind die absoluten Zahlen des Rückgangs für Werben lächerlich: Rund 200 Einwohner hat die Stadt seit der Wende eingebüßt. Doch in Werbener Dimensionen bedeutet das: Ein gutes Fünftel der Einwohner ist weg. Der Besucher der stillen Fachwerkstraßen ist gleichermaßen schockiert wie entzückt. Werben ist eine schlafende Schönheit, von der man nicht weiß, ob sie jemals wieder erwacht.

Volkmar Haase, 58, ist Tierarzt und ehrenamtlicher Bürgermeister von Werben. Er sitzt im ersten Stock seines fast leeren Rathauses, wo eine Ein-Euro-Kraft das Tourismusbüro offen hält und im Erdgeschoss der Naturschutzbund die Störche zählt. Er spricht vom langsamen Sterben, von der Angst, in Bedeutungslosigkeit zu versinken. Von der Kommunalaufsicht, die bald den Haushalt blockieren könnte, wenn die letzten Rücklagen aufgebraucht sind. Er sagt: "Wir sind an der Grenze, wo es noch geht." Im Mittelalter hatte die Stadt 3000 Einwohner und noch alle Chancen. Dort war der erste Hauptsitz des Johanniterordens, bis der nach Osten weiterzog. Doch dann kam der Dreißigjährige Krieg, und nach der Schlacht 1631 zwischen den Schweden unter Gustav Adolf und den Kaiserlichen unter Tilly lebten nur noch 134 Menschen in der Stadt. Erst 200 Jahre später ging es wieder aufwärts. Auf dem mittelalterlichen Grundriss bauten Getreidehändler, Fischer und Bäcker ihre Fachwerkhäuser. Größer wurde Werben nie. In der DDR war die Stadt glücklicherweise so abgelegen, dass sie von größeren Plattenbausünden verschont blieb.

Nach der Wende machte die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) dicht, die sich auf dem Gelände der Johanniter-Komturei eingerichtet hatte, und die Außenstelle der Optischen Werke Rathenow auch. Arbeit gibt es nur noch für die, die ihre Autos über die holprigen Landstraßen lenken, 40, 80,100 Kilometer jeden Tag, hin und zurück. Oder die die ganze Woche im Westen bleiben und erst am Freitagabend auf den Kirchturm von St. Johannis zusteuern.

Herbert Joenssons Enkel arbeitet im niedersächsischen Lüchow als Fassadenbauer, 80 Kilometer entfernt. Der Großvater renoviert das Haus, das der Enkel von einem alten Nachbarn geschenkt bekam. "Jesus rettet uns aus größter Noht", steht auf dem Querbalken des Fachwerkhauses. Der Spruch war zugekleistert, zusammen haben sie ihn freigelegt, "interessehalber, weil es ja auch eine alte Stadt ist", sagt Großvater Joensson. Dessen Urgroßvater kam aus Schweden in die Altmark, "weil es damals dort oben keine Arbeit gab".

Freitags hampeln viele Kinder in Werbens Grundschule aufgeregt auf ihren Stühlen herum, erzählt Bärbel Görtzen. "Heute kommt Vati wieder", rufen sie. Görtzen, 55, ist die Schulleiterin. 43 Schüler in vier Klassen - das sind drei Schüler mehr, als das Land als Minimum vorgibt. Bärbel Görtzens Augen leuchten, als sie von der besten Nachricht des Jahres erzählt: " Im Sommer ist eine Familie mit zwei Kindern hergezogen. Vielleicht passiert uns so ein Glücksfall noch mal." Alle in Werben zittern mit Bärbel Görtzen. Dass es die Schule überhaupt noch gibt, ist ein Zeichen dafür, dass die Stadt lebt. Bis zur Wende wurde bis zur zehnten Klasse unterrichtet, jetzt nur noch bis zur vierten, aber immerhin. Dass die Kindertagesstätte aus allen Nähten platzt, ist deshalb ein gutes Zeichen. Nachwuchs für Bärbel Görtzen. Bürgermeister Volkmar Haase versucht dem Haushalt Geld für die Erweiterung des Kindergartens zu entlocken, doch dann müsste er die Stadtsanierung zurückfahren, könnte vielleicht die Sporthalle nicht mehr heizen oder müsste das Freibad dichtmachen.

Das Freibad macht pro Jahr 20 000 Euro Verlust, ist aber der Stolz und Anziehungspunkt der Stadt. Vor zwei Jahren wurde es saniert, für 380 000 Euro, viel Eigenarbeit war dabei, jetzt sieht es schmuck und neu aus und zieht die Leute an.

Klaus Gehrke, der in diesem Sommer von einem Privatradio zum zweitcoolsten Bademeister Sachsen-Anhalts gewählt wurde, wie er stolz erzählt, hat kräftige Oberarme, einen festen Händedruck und einen herausfordernden Blick. Jetzt im Winter ist er Allround-Arbeiter der Stadt, schneidet die Bäume und liest den Strom ab. Er steht vor dem Rathaus auf dem Marktplatz. Seine Augen flitzen umher, wenn einer im Auto oder auf dem Fahrrad vorbeifährt, grüßt er kurz und spricht dann weiter.

In Werben begegnen sich alle mehrmals am Tag auf dem Marktplatz, und immer grüßen sie. Auch die Fremden, weil es bislang nur wenige sind. Klaus Gehrke unterbricht kurz seinen Redefluss, weil eine Radfahrerin um die Ecke biegt. In schnittiger Goretex-Jacke, das orangefarbene Tuch, das sie sich um den Kopf gebunden hat, passt farblich zu ihren Fahrradtaschen. Sie holpert über das Kopfsteinpflaster am Rathaus vorbei, biegt ab hinter dem Jugendstil-Backsteinmonument, das an den Schwedenkönig erinnert, Richtung Seehausen. Klaus Gehrke schaut ihr hinterher. "Fährt vorbei. Wie alle", sagt er.

Gehrke lernt mit seiner Frau Schwedisch, sie denken ans Auswandern. "Wenn das Land den Sprithahn abdreht, wie ich immer sage, ist hier Pumpe. Wenn die Stadt mich entlassen muss, gehe ich nach Schweden. Oder wenn ich pensioniert bin", sagt der 46-Jährige. Warum? Die Ruhe, die Einsamkeit, das entspannte Leben lockt ihn. Genau das, was die Großstädter in Werben suchen - Gehrke will die Dosis erhöhen.

Man müsste Tische und Stühle auf den Marktplatz stellen, sagt Klaus Kirstein. Dann würden die Radfahrer sicher anhalten. Kirstein ist 68, ein pensionierter Bauingenieur aus dem niedersächsischen Lauenburg. 1998 kam er mit seiner Frau Helga nach Werben, sie kauften das leer stehende Hortgebäude am Marktplatz und eröffneten die Pension "Roter Adler". Der Elberadweg, einer der schönsten Radwege in Deutschland, ist ihre Hoffnung. 500 Radfahrer haben dieses Jahr bei ihnen übernachtet, zu wenige, um Gewinn zu machen, aber es ist besser als nichts.

Aus der Perspektive von Werben betrachtet kann schon wenig viel wert sein. Klaus Kirstein sitzt für die SPD im Stadtrat und ist im Arbeitskreis Werbener Altstadt. Vor ein paar Monaten haben er und seine Mitstreiter erreicht, dass ein leer stehendes Haus im Stadtkern nicht abgerissen wird. Es war eine Grundsatzentscheidung. 30 Häuser in der Altstadt stehen leer, junge Familien bauen lieber vor den Stadttoren. Aber der Niedergang sollte nicht gleich für jeden sichtbar sein. Ob ein Haus abgerissen oder eines saniert wird, hat in den fünf Straßen Werbens große Bedeutung. "Wenn die Stadt nur noch Trostlosigkeit verbreitet, kommt keiner mehr", sagt Kirstein. "In keiner Stadt habe ich mich so wohl gefühlt wie hier. Aber jetzt müssen wir dafür kämpfen, dass das Ganze keine Fehlinvestition war." Er meint nicht nur das Kapital, das im " Roten Adler" steckt. Er meint sein neues Leben. Wenn er jetzt auf den Marktplatz schaut, ist es dort leer. Doch im Sommer tobt das Leben. Die Jungen, gerade flügge Gewordenen, flirten, schnäbeln und kloppen sich. Ohne Scham tut sich auch mal ein Dreierpärchen zusammen. Dann fliegen sie wieder weg, um sich auf den Elbwiesen den Bauch vollzuschlagen. Die Störche haben es leicht in Werben. Für sie sind die Standortbedingungen ideal. 35 Jungstörche hat der Naturschutzbund für 2006 gezählt. Brütende Landschaften.

Die Menschen gehen auch auf die Elbwiesen, zum Angeln im Fluss und in den Wasserlöchern im Überschwemmungsgebiet. Oder sie gehen auf den Deich, in den Stadtpark und auf den Sportplatz, wenn sie von Bürgermeister Haase einen Ein-Euro-Job bekommen haben. Fünf bis zehn Leute arbeiten ständig im "grünen Bereich". " Sie wissen, dass sie diese Maßnahmen nicht in den ersten Arbeitsmarkt bringen", sagt Haase. "Wenn die Maßnahme vorbei ist, sind sie auf dem gleichen Stand wie vorher. Dennoch bewerben sie sich immer wieder." Die Jobs sind heiß begehrt, etwas anderes ist nicht in Aussicht. Die Arbeitslosenquote im Bezirk liegt bei 27 Prozent. "Bei vielen ist der Zug abgefahren", sagt Haase. "Die haben zum Teil noch nicht einmal eine Fahrerlaubnis." Wenn es Jobs gibt, in Stendal oder Wittenberge, wären die Spritkosten oft so hoch, dass sich Hartz IV plus Heizkostenzuschuss rein finanziell mehr lohnt.

Die Abgehängten machen keinen niedergeschlagenen, sondern einen fast zufriedenen Eindruck in ihrer Welt aus Hühnerställen, Apfelbäumen, Angeln und Renovierungen. "Von Schwarzarbeit will ich nicht sprechen", sagt Haase. Was da läuft, kann man genauso gut Nachbarschaftshilfe nennen. "Hier kennen sich sowieso alle untereinander." Allerdings schaut, wer sich so eingerichtet hat, nur noch zu. Stellt nichts mehr auf die Beine. Hofft höchstens. Hofft, dass der Arzt noch weitermacht, obwohl er die Pensionsgrenze längst überschritten hat. Dass die Apotheke noch bleibt, der Friseur, der Blumenladen, das kleine Kaumaus mit Postagentur, der "Niedrig-Preis-Discount", die Raiffeisen-Tankstelle, die nur noch mit Automaten und Kundenkarte funktioniert. Dass dies alles bleibt, obwohl viele lieber nach Wittenberge in den Supermarkt fahren, um dort billig zu tanken und sich den Kofferraum vollzuladen. "Bei dem Einkommensniveau wird man den Leuten nicht sagen können: Kauft in Werben ein", sagt der Bürgermeister.

"Die Leute haben nichts mehr zu tun, weil sie nichts mehr füreinander tun müssen", sagt Friedrich Schorlemmer. Der 62-jährige Theologe, DDR-Bürgerrechtler und Umweltaktivist ist in Werben aufgewachsen. Sein Vater war Pfarrer von St. Johannis. "Es gab damals sieben Bäcker, sechs Kneipen, es gab Stellmacher, Tischler, Schlachter, Rossschlachter, drei Schmieden, zwei Gärtnereien. Wir lebten von denen, sie von uns", erinnert er sich.

Schorlemmers Theorie heißt "Small is beautiful" , und seine Heimatstadt ist für ihn das Beispiel der gescheiterten Globalisierung. Schorlemmer glaubt nicht, dass sich die Stadt retten kann, aber er hat hier ein Haus gekauft, zum Urlauben, zum Radfahren, für den Ruhestand. "Das, was Werben immer noch hat, ist diese unaufgeregt schöne Landschaft." Schräg gegenüber wohnt Schorlemmers jüngerer Bruder Johann-Joachim. Fritz und Jochen heißen die beiden hier. Von sechs überlebenden Geschwistern blieb nur Jochen in der Stadt. Von dessen fünf Kindern sind noch zwei hier. Aber die anderen kommen aus Berlin, Leipzig und Hameln am Wochenende her und helfen den Eltern beim Renovieren. Acht Jahre haben sie für ihr Fachwerkhaus gebraucht, jetzt ist der Schuppen dran.

Christoph Schorlemmer, 28, gelernter Zimmerer und jetzt Kunstgeschichtsstudent, müht sich mit der Maurerkelle. "Heimat verpflichtet eben", sagt er ohne Pathos. Die Hoffnung von Werben ruht auf seinen Schultern und denen von Freaks. Von Zuzüglern mit Spleen, Träumen und Durchhaltevermögen. Sie könnten die Anstöße geben. Im Wendland, nur wenig weiter westlich in Niedersachsen gelegen, hat das in den Achtzigern funktioniert. Die Gegend lebt wieder, nicht nur am Wochenende, dank der Hamburger und Berliner, die ihren Charme entdeckt haben.

Curt Pomp ist 74, hat einen imposanten Backenbart und eine Königlich-Hannoversche-Postsekretärs-Uniform. In Lüneburg hat er mit einer Initiative in den Siebzigern die Altstadt vor dem Abrisswahn der Stadtplaner gerettet. Jetzt hat er das Bundesverdienstkreuz und eine Altersliebe: Werben. "Das ist eine pure Biedermeierstadt, auf einem mittelalterlichen Grundriss", schwärmt er. Für 3500 Euro hat er aus einer Zwangsversteigerung ein Haus gekauft, "nur wegen der Biedermeierfenster".

Pomps Plan sieht so aus: Es müssen Leute herkommen, mit Geld und Sinn fürs Besondere. Leute mit Verbindungen, die Häuser kaufen und renovieren, als Ferien- oder Alterssitz. Wenn die Besitzer nicht da sind, wird vermietet, an die Radfahrer und Stillesuchenden. Er hat die zurückhaltenden Werbener dazu gebracht, sich am dritten Advent Biedermeier-Kostüme anzuziehen, zum historischen Christmarkt. Weil der gut lief, machen sie im Sommer nun Ähnliches. Das bringt Publicity: Werben für Werben. Zu Pomps langfristigen Plänen gehört ein Sterne-Restaurant auf dem Marktplatz und eine Ausstellung historischer Ladeneinrichtungen. Er hat Kontakt zu Bernhard Paul, dem Gründer des Zirkus Roncalli, der so was sammelt.

Beim Biedermeier-Christmarkt macht auch André Nimtz mit. Der 35-Jährige aus Oranienburg bei Berlin suchte einen Ort zum Aussteigen und wurde zum Einsteiger. Nun vermietet er mit einem Kumpel ein in Eigenarbeit saniertes Ferienhaus und bietet Kanutouren auf der Elbe an. "Wenn man hier irgendwie wat findet, womit man ein bisschen Geld verdienen kann, gibt's keinen besseren Ort", sagt er. Die Elbe mit ihren leeren Wiesen, auf denen Wasserwanderer wild zelten dürfen, ist für ihn wie der Mississippi von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Er schwärmt davon, im Frühjahr bei Hochwasser durch die Elbwiesen zu paddeln und im Sommer bei Niedrigwasser in der Flussmitte zu stehen und sich gegen die Strömung zu lehnen.

Auch André Nimtz sitzt inzwischen im Stadtrat. " Exoten", sagt Bürgermeister Haase über die neuen Liebhaber seiner Stadt. Er sagt es freundlich. " Vielleicht kommen noch ein paar mehr Menschen hierher." Gerade hat er EU-Mittel für die Außendarstellung der Stadt eingeworben. "Es wäre schön, wenn Leute mitkriegen: Hier ist noch was. Dass man wahrgenommen wird." Bernd Dombrowski hat ein Haus am Deich etwas außerhalb. Der 50-Jährige ist erfolgreicher Restaurator aus Berlin. Er hat Werben schon vor 25 Jahren entdeckt. Über den Kontakt zu ihm ist unter anderem André Nimtz nach Werben gekommen. Dombrowskis Traum ist es, die alte Domäne, die ehemalige Johanniter-Komturei, wieder zum Leben zu erwecken. " Ich würde hier gern Bier brauen. Und Schnaps brennen, das ist eine Apfelgegend. Und regionale Produkte anbieten. Es gibt in der Stadt so viele fleißige Frauen, die arbeitslos sind." Noch liegt die Domäne brach. Nach dem Krieg haben 18 Neubauern je einen ideellen Anteil bekommen. Dann kam die Zwangskollektivierung, die LPG. Nach 1990 bekamen sie ihre Achtzehntel zurück. Viele gehören inzwischen Erbengemeinschaften. "Sich darum zu kümmern wäre ein Vollzeitjob", sagt Dombrowski. So blockieren zu allem Überfluss gerade die Eigentumsverhältnisse den schönsten Zukunftsplan Werbens. "Es werden Städte eingehen", sagt Dombrowski voraus, "es wird einen Konkurrenzkampf solcher Städte untereinander geben. Aber ein schöner Ort wie Werben hat eine Zukunftschance. Durch Qualität."