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WIR FANGEN SCHON MAL AN

Wer kein Geld, keine Arbeit und keine Karriere-Chancen hat, hat ein Problem. Oder einen Grund, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.




"Du hast keine Chance, aber nutze sie." Herbert Achternbusch Chaos bietet eine große Chance zur Selbstorganisation. Niklas Luhmann Andreas Wolf ist 45 Jahre alt. Rein statistisch hatte er kaum noch Chancen, einen halbwegs erträglichen Arbeitsplatz zu finden. Er war vier Jahre arbeitslos, lebt in einem trostlosen Stadtteil, hat Rheuma, und die Berufsausbildung, die er irgendwann einmal gemacht hat, ist praktisch wertlos. Wolf ist gelernter Schriftsetzer, vor der Wende war er Redakteur bei der DDR-Zeitung "Bauernecho", nach dem Mauerfall hat er es in einer Druckerei und auf dem Bau versucht. Von den Arbeitsagenturen bekam er zu hören, dass er nicht mehr zu vermitteln sei.

Um die Statistik aufzuhübschen, wurde Wolf in sinnlosen Umschulungsmaßnahmen geparkt: Zwei Jahre durfte er sich zum Industriekaufmann weiterbilden, ein Jahr lang machte er einen Kurs als " Multimedia-Vertriebs-Repräsentant". Er spricht das seltsame Wort gedehnt aus, Silbe für Silbe. Es ist ein Wort, das so etwas wie Modernität und Hoffnung suggerieren soll und in Wahrheit das Gegenteil sagt. Wer wertvolle Zeit in Kursen für " Multimedia-Vertriebs-Repräsentation" verbringt, muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass ihn der Arbeitsmarkt nicht braucht.

Spätestens nach diesem Kurs war Wolf bei den acht Prozent der Deutschen angekommen, denen eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung bescheinigt, zur chancenlosen Unterschicht zu gehören. Soziologen nennen das " Exklusion": sozialer Ausschluss. "Wer unter heutigen Bedingungen ausgeschlossen wird, dem erscheint es, als sei es für immer", sagt der Soziologe Zygmunt Baumann. "Der Moment der äußersten Armut, des völligen Ausschlusses ist auch der Moment der Apathie", sagt sein Kollege Ralf Dahrendorf. Wolfs Glück ist es, dass er sich nicht an die Statistik und die Theorien der Soziologen gehalten hat.

Arbeit ist Hoffnung, die Idee der Treibstoff, Durchhaltevermögen die Basis für alles Als Wolf arbeitslos war, hat er eine Initiative für ein Stadtteilcafe in Berlin-Buch mitgegründet, im Behördendeutsch: "Buch 4". Das klingt nach Hartz IV, und so sieht es dort aus: elfstöckige Plattenbau-Bunker aus den späten Siebzigern, leere Straßen, bröckelnder Asphalt, eine zwischen Autobahn und Ausfallstraße eingeklemmte Hochhaus-Siedlung am nordöstlichen Rand Berlins. Für die Freizeitgestaltung sind hier das Bierregal im Billig-Discounter und ein Sonnenstudio zuständig. Sonst gibt es nichts. Wer weg kann, zieht weg. Übrig bleiben Arbeitslose, Rentner, Alleinstehende.

Das Campus-Gelände Berlin-Buch, auf dem sich Forschungseinrichtungen und Biotech-Unternehmen angesiedelt haben, liegt wenige hundert Meter entfernt. Es ist eine andere Welt, die mit der Hochhaus- und Sozialverlierertristesse nicht in Berührung kommt. Die eine Welt arbeitet an der Zukunft, die andere sieht aus wie etwas, das aus der Vergangenheit übrig blieb und in der Gegenwart bestenfalls geduldet wird. In dieser Siedlung, die langsam und deutlich in die Verwahrlosung kippt, wohnt Wolf. Hier will er mit drei Mitstreitern ein Stadtteilcafe eröffnen.

"Man muss die Leute aus der Isolation holen", sagt er. "Die wollen nicht alleine zu Hause sitzen. Das Angebot ist erst mal ein Raum, in dem man sich treffen kann, Kaffee trinken, miteinander reden. Das ist gedacht für Eltern, kleine Kinder und Senioren. Bei harten Problemen, Alkohol, Schulden, Verwahrlosung, sagen wir den Leuten, an welche Hilfestelle sie sich wenden können. Wir dürfen keine Rechtsberatung und keine Sozialberatung machen. Dafür haben wir keine Ausbildung. Aber wir sind vor Ort, das nimmt den Leuten die Hemmschwelle. Der beste Experte ist im Prinzip der Nachbar." Entstanden ist die Initiative im Oktober 2005. In diesem Dezember wird der Stadtteiltreff eröffnet. Die Arbeit ist ehrenamtlich, vorerst ist das Cafe einmal die Woche geöffnet - das ist ein Anfang. Die Räume, eine alte Kindertagesstätte, die das Aroma der untergegangenen DDR verströmt, stellt das Bezirksamt mietfrei zur Verfügung. Aus einem EU-getragenen Fonds namens LSK ("Lokales Soziales Kapital") hat Wolf 10 000 Euro für die Erstausstattung bekommen. Die Zähigkeit der Initiative hat sich ausgezahlt. "Wenn man ein Jahr lang so was macht, ohne Geld, wird man irgendwann ernst genommen", sagt Wolf.

Seit Oktober 2005 hat er viel gelernt: mit Behörden verhandeln und notfalls jeden Tag im Bezirksamt anrufen, EU-Gelder beantragen, sich durch Antragsformulare arbeiten. Wolf hofft, dass sich irgendwann mit etwas Glück in dem Cafe zumindest Halbtagsstellen finanzieren lassen. Derzeit verhandelt er mit drei Wohnungsbaugesellscharten. Er will, dass sie sein Cafe finanziell unterstützen, schließlich wertet es das Wohnumfeld im Problembezirk auf. Der Langzeitarbeitslose ist dabei, zum Unternehmer zu werden. Er hatte keine Chance, aber er nutzte sie. Parallel zu der Arbeit in der Initiative fand er auch noch einen Job: Bis Ende des Jahres hat er eine befristete Stelle in einer Agentur für Regionalmanagement in Berlin-Buch. Dort hat er sich ebenfalls ehrenamtlich engagiert, als er noch arbeitslos war - Flyer verteilt, Plakate geklebt, bei Veranstaltungen geholfen. "Ich wollte etwas Sinnvolles tun und unter Leute kommen."

Andreas Wolf ist Berliner, das hört man. Wenn er sich überlegt, was mit dem Stadtteilcafe alles möglich sein könnte, hängt er sicherheitshalber ein "oder so" an seine Sätze. Lieber vage Hoffnungen als gar keine. Er hat viele Ideen, Hoffnungen, Vorstellungen davon, was man alles machen könnte. Zygmunt Baumann und Ralf Dahrendorf hätten keine Freude an ihm. Apathie oder Resignation hat er nicht zu bieten, stattdessen einen zähen Willen zum Weitermachen. "Wenn ich jetzt Angst hätte vor der Zukunft, würde ich mich verrückt machen", sagt er. "Im Augenblick weiß ich nicht, ob meine Stelle hier verlängert wird, ob ich am ersten Januar noch einen Arbeitsplatz habe. Aber die Illusion, einen Arbeitsplatz für zehn Jahre zu finden, habe ich nicht mehr."

Wolfs Ehefrau, eine gelernte Bankkauffrau, wird Ende des Jahres arbeitslos werden. Sein 13-jähriger Sohn soll "auf jeden Fall" Abitur machen: "Bis der so weit ist, werden wieder händeringend gut ausgebildete Leute gesucht." Menschen, die sich aufgegeben haben, reden anders. Wenn Andreas Wolf sein Stadtteilzentrum (Generationentreff "Punkt") mit den Sofas vom Sperrmüll und dem kleinen Schreibtisch zeigt, sieht er sehr stolz aus. Er hat es geschafft, gegen den Arbeitsmarkt, der ihn ausgespuckt hat, etwas Kostbares zu verteidigen: seine Würde.

Ohne Perspektive auf einen Job oder wenigstens eine Verdienstmöglichkeit geht kaum etwas

Dass Wolf und seine drei Mitstreiter bei der Gründung ihres Cafés durchgehalten haben, verdanken sie auch Heike Birkhölzer und Norbert Thömen. Die beiden arbeiten in der " Berliner Entwicklungsagentur für soziale Unternehmen und Stadtteilökonomie" (BEST). Birkhölzer und Thömen haben Wolfs Initiative im Auftrag des Bezirksamtes Pankow beraten.

"In den Stadtteilen gibt es jede Menge unbefriedigten Bedarf und gleichzeitig Menschen, die arbeitslos sind und etwas machen wollen. Nicht alle können alles, aber sie haben auf jeden Fall eine Motivation und jede Menge Fähigkeiten", sagt Thömen. "Die Hauptmotivation ist, dass man aus dem Zustand der Arbeitslosigkeit herauswill und etwas Sinnvolles machen möchte. Eine Unternehmensgründung ohne Eigenkapital ist ein mühsamer Prozess, der auf Dauer nur erfolgreich ist, wenn es die Perspektive gibt, dass Arbeitsplätze oder zumindest Verdienstmöglichkeiten entstehen. Das fängt vielleicht mit einem Minijob an. Die Initiativen müssen sich verschiedene Einkommensmöglichkeiten verschaffen, um sich zu finanzieren. Sie können nicht nur von einer Geldquelle leben, das entlastet auch die öffentliche Hand. Gleichzeitig ist klar, dass man nicht alles privatwirtschaftlich oder ehrenamtlich und umsonst regeln kann, das sind auch soziale Aufgaben."

Thömen ist ein nüchterner Mensch Anfang 50, der seit 20 Jahren nichts anderes macht, als Initiativen zu beraten, die soziale Unternehmen gründen wollen. Darunter versteht er Unternehmen, denen es weniger darum geht, Gewinne zu erwirtschaften, als sozial oder ökologisch sinnvolle Dinge zu tun. Als Thömen damit anfing, nannte man das Alternativ-Kultur: Es ging darum, Kaffee aus Nicaragua oder biologisch angebauten Tee aus Indien zu importieren und nebenbei den Kapitalismus ("die herrschende Ökonomie", sagt Thömen) mit seinen eigenen Waffen auszuhebeln. Heute sind die großen Utopien geschrumpft. Es geht um pragmatischere Ziele, Hilfe zur Selbsthilfe zum Beispiel.

"Statt Leute in demütigende Ein-Euro-Jobs und Beschäftigungsmaßnahmen zu stecken, wo sie sinnlose Dinge tun müssen, soll man ihnen die Möglichkeit geben, soziale Unternehmen zu gründen", meint Thömen. "Die Menschen wollen sich engagieren und etwas tun - das ist ein enormes Potenzial, das viel zu wenig genutzt und ernst genommen wird." Er klingt wie ein Unternehmensberater, der sich über die Verschwendung von Ressourcen ärgert. In diesem Fall sind die Ressourcen die Ideen, das Engagement, die Kompetenzen und die Arbeitskraft arbeitsloser Menschen.

"Die Gruppen müssen irgendwann selbstständig werden", so Heike Birkhölzer über ihre Arbeit mit Initiativen wie der von Andreas Wolf. "Wir wollen kein Träger für ABM-Projekte sein, wir sagen den Leuten: Gründet selber. Wir schauen, wo ihre Kompetenzen sind, und wenn wir merken, dass etwas fehlt, suchen wir ab und zu gezielt nach neuen Leuten, etwa durch Anzeigen in Stadtteilzeitungen. Wir machen keine Konzepte für Initiativen, wir helfen ihnen nur, sie zu entwickeln. Was wir den Initiativen als Erstes sagen, ist: Macht eine Bedarfsanalyse, fragt die Anwohner vor Ort, was sie wollen. Nebenbei machen sie sich damit bekannt und finden neue Mitstreiter." Seit anderthalb Jahren berät BEST Initiativen wie die in Berlin-Buch. Birkhölzer und Thömen schätzen, dass allein in Berlin-Pankow in dieser Zeit in unterschiedlichen Unternehmensprojekten 50 bis 80 Arbeitslose in neuen Gründungsinitiativen sinnvollen Beschäftigungen nachgehen und für viele andere Zuverdienstmöglichkeiten entstanden sind.

Schön, wenn man Hilfe hat. Manchmal muss es aber auch ohne gehen. Halima Nasari ist Afghanin, seit fast 20 Jahren leben sie und ihr Mann in Berlin. Worte wie " Migrationshintergrund" oder "Prekariat" kennt sie vermutlich nicht. Die 44-Jährige betreibt seit vier Jahren eine winzige Änderungsschneiderei in einer Berliner Markthalle, dort, wo Kreuzberg nicht mehr schick und noch nicht verwahrlost ist. Ihre Nachbarn sind Lebensmittel- und Bekleidungs-Discounter und viele leer stehende Geschäfte. Mindestens 50 Stunden arbeitet Frau Nasari in der Woche, von Montag bis Samstag. Damit verdient sie etwas mehr als 1000 Euro im Monat. " Diese Jahre jetzt", sagt sie, "sind meine Glückszeit."

Halima Nasari ist eine schöne Frau, die gleichzeitig Bescheidenheit und Würde ausstrahlt. Sechs Euro nimmt sie für das Kürzen einer Hose, sieben für das Einnähen eines Reißverschlusses. Änderungsschneidereien wie ihre gibt es hier an jeder zweiten Straßenecke. Sie versuche, bessere Arbeit als die Konkurrenz zu liefern und dabei billiger zu sein, sagt Halima Nasari. Wenn sie einen übersehenen Riss oder einen fehlenden Haken an einem Kleidungsstück entdeckt, repariert sie das - mehr als den vereinbarten Preis kann sie trotzdem nicht verlangen.

Als sie und ihr Mann vor zwei Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, war sie eine junge Frau, 24, nur ein Jahr älter als heute ihr ältester Sohn. Sie verstand die Sprache nicht, die Kultur war ihr fremd, ganz angekommen ist sie bis heute nicht in dem Land, in dem sie ihr halbes Leben verbracht hat. Zwei Jahre nach der Ankunft in der Fremde hatte Halima Nasari einen Autounfall: ein Riss in der Leber, Verletzungen der Lunge, im Brustkorb, an den Nackenwirbeln. Fünf Monate lag sie im Krankenhaus, das Kind, mit dem sie im siebten Monat schwanger war, verlor sie. Insgesamt 24 Operationen musste sie über sich ergehen lassen. Seitdem lebt sie mit Schmerzen. Beim Nähen tut der Nacken weh. "Es ging mir nicht gut hier", sagt sie. Aber als Idres, ihr ältester Sohn, in die nächste Klasse versetzt wurde, hat sie Gott gedankt, dass sie und ihre Familie in dieses Land gekommen sind. Heute ist Idres 23 Jahre alt und studiert Maschinenbau.

Die Geschichte der Nasaris ist auch eine Geschichte von Aufstiegschancen und der Durchlässigkeit einer offenen Gesellschaft.

Ielias, der zweite Sohn, studiert Modedesign. Rias, die 18-jährige Tochter, macht bald ihr Abitur. Sarah besucht die elfte Klasse des Gymnasiums, und die achtjährige Seba geht in die Grundschule. Halima Nasaris Familie können Politiker und selbst ernannte Unterschicht-Experten nicht meinen, wenn sie von Verwahrlosung, bildungsfernen Schichten und fehlendem Willen zum sozialen Aufstieg sprechen. Dass, wer arm ist, um den Zugang zu Bildung kämpfen muss, weiß Halima Nasari auch ohne die Ratschläge von Leitartiklern. Als sie selbst noch ein Kind war, hat ihre Mutter ihr und ihren elf Geschwistern immer wieder gesagt, einen Beruf zu erlernen sei "wie einen Baum zu besitzen, der jedes Jahr Obst gibt. Wenn man keinen Beruf hat, ist man wie trockenes Holz, und vom trockenen Holz kann man nichts ernten".

Auch "faule Menschen", sagt Hamila Nasari, "sind wie trockenes Holz". Das Schneidern, der Beruf, mit dem sie heute in Berlin Geld verdient, hat sie vor einem Vierteljahrhundert in Kabul gelernt. Vielleicht erinnert sie sich noch so gut an den Satz ihrer Mutter, weil sie ihren Kindern genau diese Art von Ehrgeiz und den Respekt vor Bildung und dem Lernen mitgegeben hat.

"Viele Kinder in Kreuzberg verrohen auf der Straße, aber sie können nichts dafür. Ihre Eltern arbeiten und haben zu wenig Zeit für sie", sagt Halima Nasari. Hussein Nasari, ihr Mann, war in Kabul Beamter, in Deutschland hat er auf dem Bau gearbeitet. Halima ist zu Hause bei den Kindern geblieben. Weil sie Angst vor schlechten Einflüssen hatte, weil man die Kinder, " wenn sie erst einmal in diese Richtung gehen, nicht mehr davon wegbringen kann", hat sie in den Pausen hinter dem Hoftor der Schule gestanden und aufgepasst. Den Umgang mit anderen Achtjährigen, die Zigaretten rauchten, hat die vorsichtige Mutter ihren Söhnen verboten. Später hat sie sie von Drogen und Dealern ferngehalten. Jede Woche hat sie, auch wenn sie sich für ihr eigenes schlechtes Deutsch schämte, mit den Lehrern gesprochen. Ihre Kinder sollten immer wissen, dass ihre Mutter für sie da ist.

Dass sie selbst es schaffen würde, wieder zu arbeiten, haben ihr weder ihr Mann noch ihre Kinder zugetraut. Für drei Monate hat sie den Laden in der Markthalle auf Probe von ihrer Vorgängerin übernommen und lieber schon um 16 Uhr geschlossen, um weder Mann noch Kindern etwas verraten zu müssen. Erst als sie wusste, dass sie es kann, hat sie ihrer Familie von der kleinen Änderungsschneiderei erzählt. Von einem eigenen Haus oder wenigstens von einer eigenen Wohnung haben sie und ihr Mann damals geträumt, als Doppelverdiener wollten sie einen Kredit aufnehmen. Dann ist Hussein arbeitslos geworden, heute lebt er von Hartz IV und Ein-Euro-Jobs. "Wie gut", sagt Halima Nasari, "dass es jetzt das Geschäft gibt. Wir haben zwar nicht mehr Geld, aber Gott sei Dank auch nicht weniger als früher."

Wer echte Leidenschaft für etwas hat, kann auf viel verzichten, zum Beispiel auf 30 Sorten Käse

Halima Nasari hat ihren Kindern die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg erkämpft - H. Dobner (Name von der Redaktion geändert) kennt die andere Richtung, auch wenn er das selbst wohl nicht so sagen würde. Dobner ist 46 Jahre alt, seit Mitte vergangenen Jahres lebt er von Hartz IV. Er kommt mit seiner Situation gut zurecht. Dobner ist Künstler, jetzt hat er Zeit für die einzige Arbeit, die ihn ehrlich interessiert. Und er hat einen Grund, jeden Morgen aufzustehen: "ALG II ist für mich ein Arbeitsstipendium. Ich kann zwar mein Atelier nicht heizen, aber ich bin in der Situation, dass ich das machen kann, was ich eigentlich gelernt habe."

H. Dobner ist kein Bohemien, der das eigene Künstlertum mit einer pompösen Selbstinszenierung und langen Reden zelebriert, im Gegenteil. Er ist ein eher spröder Mensch, der es gut aushalten kann, tagelang mit niemandem zu sprechen. "Mein Gegenüber ist meine Arbeit. Die Arbeit, die ich mache, macht man nicht für andere Leute oder für einen Erfolg auf dem Markt. Eine Bedeutung, einen Wert haben die Sachen zuerst für mich", sagt er. "Wo es in meinem Leben einen Mangel gibt, sind das Dinge, auf die zu verzichten mir nicht wirklich wehtut: ein schnelles Auto, ein besserer Computer oder der Besuch in italienischen Feinkostläden mit 30 Käsesorten. Es ist kein luxuriöses Leben, im Gegenteil, aber es ist auch keine Katastrophe."

Seine Berliner Wohnung hat er gekündigt, heute lebt Dobner in Luckow, einem Kaff im Norden Brandenburgs. Sein Bruder, ein bekannter Radiomoderator, hat dort ein altes Bauernhaus gekauft. Die Miete, die ihm Dobner zahlt, ist niedrig, in einer Scheune hat er sein Atelier: "Wo mein Atelier ist, da kann ich leben, egal, wo das ist." Dobner hat sich sein Leben so eingerichtet, dass er mit wenig Geld zurechtkommt. In seinem Dorf ist Hartz IV kein Makel, sondern Normalität. Und wenn er mal zu einem Konzert will, besorgt ihm sein Bruder die Karten.

H. Dobner hat in seinem Leben viel gemacht. Nach einem abgebrochenen Lehramts-Studium hat er an der Elite-Kunsthochschule Berlin-Weißensee Bildhauerei studiert. Als er zum Studium aufgenommen wurde, hatte er das Gefühl, dass ihm im Leben nicht mehr viel passieren kann: Er wusste, was er wollte und was er kann. Nach dem Studium war er mit einem DAAD-Stipendium ein Jahr in den USA. Dann änderte er seinen Kurs: 1997 gründete er mit einem Partner eine Firma, die Software für Internet-Shops entwickelte und verkaufte. Das Duo wollte am Internet-Boom mitverdienen und sich finanziell unabhängig machen, um später ungestört von Marktzwängen das künstlerische Werk vorantreiben zu können. Die Firma lief gut, zu den Kunden zählten Milka und der "Playboy". Doch es blieb wenig hängen, Dobners Jahresverdienst lag bei 20 000 Euro. Mit dem Kollaps der New Economy brachen die Umsätze weg, 2005 ging das Unternehmen in Insolvenz. 

H. Dobner neigt nicht zum Jammern: "Die Insolvenz hat mich eher befreit", sagt er heute über die Erfahrung, als Unternehmer zu scheitern. Seitdem lebt er von Hartz IV. "Verhungern kann man in diesem Land nicht. Ich hatte nicht wirklich große Angst." Mit ALG II wurde er seine teure private Krankenversicherung los, seine beiden studierenden Kinder bekommen Bafög. "Ich habe zusammen mit dem Mietzuschuss 550 Euro im Monat", sagt der Künstler. "Und ich bin kranken- und rentenversichert, das war ich vor der Firmeninsolvenz schon lange nicht mehr." Dobner hält sich an Gottfried Benns kühle Parole: " Erkenne die Lage." Bisher hatte er Glück mit der Sozialbürokratie. "Ich hatte einen relativ guten Fallmanager im Job-Center, der sagte: "Warum soll ich Sie für einen Euro Rasenmähen schicken, ich weiß doch, dass Sie arbeiten.""

In Dobners Augen liegt der Zynismus "nicht in der Höhe der Hartz-IV-Bezüge, sondern darin, dass Menschen massiv unter ihren Möglichkeiten bleiben". Dieses Problem hat er in seinem Leben gelöst, indem er jeden Tag in sein Atelier geht. In einer Gesellschaft, in der Arbeit so viel wert ist, wie dafür bezahlt wird, nimmt Dobner eine Arbeit ernst, für die niemand etwas bezahlt. Er selbst nennt das "eine schizophrene Situation" und hält sie mit seiner stoischen Haltung aus: "Der Wert meiner Arbeit wird bestimmt durch den Wert, den ich ihr zumesse. Die Arbeit ist sinnvoll, weil sie für mich notwendig ist. Das ist der Schutz vor der Verwahrlosung: das Interesse an der eigenen Arbeit."

Man könnte sagen: H. Dobner hat sich im Abseits eingerichtet. Aber das ist nur ein Zerrbild der Wahrheit. Dobner hat sich von den Verwertungszwängen abgekoppelt. Und er macht etwas, was ihm wichtig ist. Sein Lebensentwurf hat nichts mit Aussteiger-Romantik und überspannten Künstler-Posen zu tun. Er ist die nüchterne Antwort auf eine reiche Gesellschaft, der die Erwerbsarbeit ausgeht.