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Weltweit mitdenken

In Costa Rica gibt es ein Problem. In Neuseeland hat dafür jemand eine Lösung. Dank einer Vermittlung aus Wien: Shapeshifters.




Erich Pöttschacher hat gerade Australien und Neuseeland bereist und dort mehr als hundert Künstlern, Kunsthandwerkern und anderen kreativen Kleinunternehmem die Internetplattform Shapeshifters.net vorgestellt. Australien war bereits der vierte Kontinent, den das Shapeshifters-Team besucht hat. Im kommenden Jahr stehen noch Asien und Nordamerika auf dem Programm, dann ist die weltweite "Seeding-Tour" abgeschlossen.

"Wir säen vor Ort den Samen unserer Idee", sagt Pöttschacher. "Und hoffen, dass er aufgeht." Die Erfahrung habe gezeigt, dass rund 15 Prozent der Teilnehmer die Idee verstehen, das Werkzeug Shapeshifters.net für ihre Zwecke nutzen und in ihrem Freundeskreis dafür Werbung machen. So entstehe ein weltweites Netz von Leuten, die Wirtschaff ähnlich denken: kleinteilig, authentisch und wertebasiert.

Im Unterschied zu den meisten Internetforen versuchen Pöttschacher und seine Mitstreiter nicht, wahllos so viele Menschen wie möglich anzusprechen. Jeder Kontakt soll zielorientiert sein und für die anderen Teilnehmer einen realen Nutzen haben. Das Herzstück von Shapeshifters ist die Rubrik "Interact". Die Nutzer formulieren dort ihre Probleme und hoffen, dass jemand helfen kann. "Wir messen uns daran, wie viele Interaktionen wir in der realen Welt zustande bringen", sagt Pöttschacher. "Im Meet-Space, nicht im Cyber-Space. Wenn wir nur Kommunikation um der Kommunikation willen erzeugen, sind wir gescheitert." In Costa Rica stieß Pöttschacher beispielsweise auf vier Frauen, die eine Müll-Wiederverwertungsanlage gegründet haben. Täglich rollt dort ein Lastwagen an und lädt 14 Kubikmeter Unrat ab, der von den Betreiberinnen manuell getrennt wird. So verdienen sie Geld und werden von ihren Ehemännern unabhängig. Bei dem Shapeshifters-Treffen wurde klar, dass sich die Frauen auch für Kunst und Design interessieren. Pöttschacher erzählte ihnen von der Firma Freitag, die aus alten Lkw-Planen Kulttaschen fertigt. Die Kleinunternehmerinnen waren Feuer und Flamme und wollten dieses Geschäftsmodell für sich adaptieren. Leider gibt es in Costa Rica aber niemanden, der sie dabei unterstützen und beraten könnte. Die Antwort auf ihr Shapeshifters-Posting kam aus Neuseeland - nun hält jemand von einem Ende der Welt am anderen Ende einen Workshop ab, um zu zeigen, wie man aus Abfall Trend-Produkte herstellt.

Ein anderes Beispiel: Fotografien aus Brasilien. Eine alleinerziehende Mutter, die sich mehr schlecht als recht durchschlägt, hat eine homoerotische Fotoserie geschossen - die sie in ihrer Heimat nicht ausstellen kann, weil die Liebe zwischen Männern in Brasilien noch immer ein Tabuthema ist. Auf ihre Anfrage über Shapeshifters bekam sie nach zwei Tagen Antwort aus London mit Kontakten zu britischen Galerien. Einen Monat später meldete sich der Chefkurator des namibischen Nationalmuseums in Windhuk und bot der Fotografin eine Einzelausstellung an.

Shapeshifters bemüht sich, die Qualität der Kommunikation hochzuhalten, und verfolgt deswegen seit kurzem eine "Invitation-only"-Politik: Zwar kann jeder weiterhin Beiträge lesen und Kommentare abgeben, doch wer sich registrieren will, um selbst zu posten, muss von einem Nutzer empfohlen werden. Das war keine leichte Entscheidung, aber die Angst, von den falschen Leuten überschwemmt zu werden - von aggressiven Verkäufern, Abzockern und gelangweilten Nerds, die nichts beizusteuern haben - ließ diesen Schritt unausweichlich erscheinen.

Shapeshifters lebt davon, dass die richtigen Leute es nutzen. Wie aber findet man von der Zentrale in Wien aus die richtigen Leute in Johannesburg, Melbourne oder San José? Wer ist richtig? Und was, wenn die Richtigen keinen Internetanschluss haben, weil es in ihrem Dorf weder Strom noch Telefonleitungen gibt?

Bei dieser Aufgabe helfen nur präzise Recherche, lokale Netzwerke und Mundpropaganda. Alles begann mit einer Liste, auf der 36 Namen aus Afrika, Lateinamerika und Europa standen. Ein Jahr lang hat eine Person nichts anderes getan, als diese Leute anzurufen und zu fragen, ob sie nicht ein Meeting abhalten und Bekannte einladen wollen. Und wie immer bei neuen Ideen, war die Skepsis zu Beginn groß. Was würde das sein: ein Pyramidenspiel? Eine Sekte? Eine Art Tupperware-Party für Kreative?

Erich Pöttschacher hat, anders als andere Internet-Unternehmer, Zeit, sein Angebot langsam zu entwickeln: Shapeshifters ist nicht auf schnelles Geld angewiesen. 100 000 Dollar hat ein Investor aus Boston vor zwei Jahren in die Firma eingebracht. Davon werden die Reisen und die Server-Kosten beglichen. Auf Shapeshifters.net gibt es keine Gebühren und keine Bannerwerbung. Wie man Geld verdienen will? "Ganz einfach", sagt Pöttschacher. "Wir haben ein einzigartiges Wissen über Mikrounternehmen rund um den Globus. Das verkaufen wir. Und hoffen, dadurch in 20 Jahren so etwas wie die Nachrichtenagentur Bloomberg für eine andere Form von Wirtschaft zu sein." Kontakt: www.shapeshifters.net