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PAPIERINDIANER

Es ist alles genau, wie man es sich vorstellt:
Eine hässliche Zellulose-Fabrik in Brasilien. Ein Haufen edler, aber betrogener Ureinwohner. Eine Handvoll hilfreicher Kämpfer für Gerechtigkeit. Und einige Millionen umweltschädlicher Bäume. Aber es ist alles ganz anders.




• Vilmar Benedito de Oliveira und seine Kollegen fuhren vor das Hotel, nahmen den Federschmuck und die Halsketten aus der Tasche, gingen auf die Toilette und schminkten sich. Winfried Overbeek wartete schon. Der Niederländer, der hauptberuflich für die Föderation für soziale und pädagogische Assistenz (FASE) aus Rio de Janeiro arbeitet, und die Brasilianer wollten die Gelegenheit nutzen, deutschen Journalisten, die vom Zellulose-Konzern Aracruz zur Betriebsbesichtigung nach Espirito Santo eingeladen waren, ihre Geschichte zu erzählen. Vilmar und seine Kollegen bauten sich in voller Kriegsbemalung neben Overbeek vor den Besuchern auf und legten los: „Wir Tupinikim-Indianer werden wie der letzte Dreck behandelt! Schuld daran ist der Multi Aracruz. Denn das Zellulose-Kombinat raubte uns das Land, zerstörte den Urwald und will uns nicht das Territorium einräumen, auf dem wir wie unsere Ahnen jagen und fischen wollen!“ Zwei Stunden Vorwürfe und Klagen.

Danach fuhr Winfried Overbeek, um die 30 und seit drei Jahren in Brasilien, in sein Büro. Es galt, eine Pressemitteilung aufzusetzen: Ausländische Journalisten hätten sich von den menschenverachtenden Praktiken durch den Zellulose-Konzern Aracruz im Bundesstaat Espirito Santo überzeugen können.

Overbeek hatte es leider abgelehnt, den Journalisten vor Ort näheren Einblick zu gewähren. Seine Einladung zu einem zweiten Treffen in einem Indianerdorf wurde telefonisch zurückgezogen mit der Begründung, die Journalisten seien indianerfeindlich aufgetreten. Nur weil ein paar kritische Fragen fielen? Zum Beispiel, ob der Indio Vilmar, der bei allen Aktionen der Bürgerinitiative auftaucht, tatsächlich noch fische und jage? Und wie er denn ins Hotel gekommen sei? Sind solche Fragen schon tabu?

Dass sich die Opfer der weißen Gewalt, die Indianer, gut als Objekte der Fürsorge eignen, ist seit den Zeiten von Montaigne und Rousseau, die den „edlen Wilden“ erfanden, bekannt. Indianer sind bunt und exotisch wie Papageien. Nur: Es gibt sie nicht, die edlen Wilden, die um ihre ursprüngliche Lebensform kämpfen. So gut wie alle Nachkommen der Tupinikim und Guaraní in Espirito Santo leben nicht anders als die übrige ländliche Bevölkerung, die man in Brasilien „Caboclos“ nennt.

Zum Beispiel in den Weilern Irajá und Caieiras Velha – Dörfer, in denen, nach Angabe von Vilmar und Winfried, die Mehrheit der rund 2200 Tupinikim und Guaraní der Region leben. Beide Orte unterscheiden sich nicht von zigtausend anderen Dörfern in Brasilien. Sie sind von einer Straße durchzogen, rechts und links gemauerte Hütten mit Parabolantennen, einige Häuser haben eine Klimaanlage. Vor einem Kramladen mache ich halt: Wovon leben die Leute hier? Ja, also, vom Land, von den paar Rindern da draußen, vom Holzschlag, von Gelegenheitsjobs in der Stadt, ein paar arbeiten auch bei Aracruz, lautet die vage Auskunft.

Hinter den letzten Hütten erstreckt sich, so weit das Auge reicht, Ödland und Steppe, die von mannshohen Termitenhügeln unterbrochen sind. Vor zwei Jahrhunderten stand hier noch der Urwald, die Mata Atlantica. Weiter im Norden waren anno 1500 die ersten Europäer an Land gegangen – damit begann die Tragödie für Mensch und Natur. So wenig vom Regenwald blieb, so wenig blieb von den indianischen Gemeinschaften – die, die überlebten, passten sich an. Das geschah nicht nur in Espirito Santo, sondern im gesamten Südosten Brasiliens, wo es so gut wie kaum noch größere geschlossene Indianergemeinschaften gibt.

In ganz Brasilien mit seinen 188 Millionen Einwohnern sind elf Prozent der Fläche – ein Gebiet so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen – zumindest auf dem Papier als Indianerland ausgewiesen: für rund 350.000 Ureinwohner, die hauptsächlich in Amazonien nach ihren Traditionen leben. In den übrigen Landesteilen ist das kaum noch möglich: Zu dicht sind die Siedlungen, die Straßennetze, die moderne Infrastruktur.

„Wir bleiben Indios, selbst wenn wir so leben wie die Weißen!“, hatte Vilmar Benedito de Oliveira beteuert, der ohne Federschmuck und Kriegsbemalung in der U-Bahn von Sao Paulo nicht auffiele. Wenn aber die Indios in Espirito Santo, die man nicht von anderen Brasilianern unterscheiden kann, leben wie die Weißen: Wie wollen sie dann das Sonderrecht für sich reklamieren, das Land gehöre ihnen? Historisch mag das gerechtfertigt sein, aber kann man die Geschichte zurückdrehen?

Die Leute in der nächsten Stadt (38.000 Einwohner) sind auf den Niederländer Overbeek und seine „Indianer“ nicht gut zu sprechen. Im März 2006 sind sie auf die Straße gegangen, um für das Verbleiben des Konzerns und gegen die Zerstörung von Versuchspflanzungen von Aracruz durch Werksfremde zu demonstrieren. „Wir wollen in Ruhe arbeiten!“, forderten sie.

„Alles gesteuert von Aracruz. Der Konzern finanziert rassistische Kampagnen“, heißt es in einem Flugblatt von FASE. Die Menschenrechtsorganisation mit 132 Angestellten und einem Jahresetat von rund sechs Millionen Euro, die zu 90 Prozent als Spenden aus dem Ausland kommen. Wie der Regionalbeauftragte Marcelo Calazans verkündet, geht es der FASE in Espirito Santo darum, für Indianer angestammte Landrechte einzuklagen und die Monokultur von Eukalyptus-Wäldern und den Export von Zellulose zu verhindern.

1967 hatte Erling Sven Lorentzen, ein in Brasilien lebender Norweger, damit begonnen, Ländereien in Espirito Santo von Großgrundbesitzern und einer Eisenbahngesellschaft aufzukaufen, um auf ihnen Eukalyptus-Plantagen anzulegen: Rohstoff für das Zellulose-Kombinat, das zehn Jahre später seine Produktion in Barra do Riacho aufnahm und an dem die brasilianische Entwicklungsbank BNDES mit 5,5 Prozent am Kapital beteiligt ist. Von Indianern, beteuert man bei Aracruz, gab es damals keine Spur. Es war die Zeit der Militärjunta, muss man hinzufügen.

Die Zellulose-Fabrik und die Eukalyptus-Plantagen lockten eine Menge Menschen auf der Suche nach Arbeit an: Leute aus der Stadt, Taglöhner, Landlose – darunter sicher auch Indianer. Auf einmal sprossen Favelas am Rand der Plantagen. Aracruz Celulose S. A. beschäftigt auf dem Werksgelände und den Plantagen knapp mehr als 2000 Arbeiter und Angestellte, darunter in der Pflanzenzucht drei Dutzend Frauen, die sich als Tupinikim bezeichnen. Hinzu kommen rund 8000 Beschäftigte, die bei Subunternehmen von Aracruz arbeiten. Der Konzern ist nach eigenen Angaben bestrebt, Kleinbauern und Landarbeiter einzubinden, sei es als Forstleute (das Unternehmen bezieht rund 40 Prozent seines Faserholzes von unabhängigen Produzenten aus der Umgebung), Landwirte oder Bienenzüchter.

1981 erklärte sich Aracruz bereit, insgesamt 1696 Hektar vom örtlichen Landbesitz, der rund 100.000 Hektar umfasst, an die Indianerschutzbehörde Funai abzugeben, die das Land jenen Caboclos einräumte, die sich zu ihrem Indianersein bekannt hatten – Anthropologen von der Universität Vitoria und Sozialarbeiter hatten ihnen besondere Rechte auf Land in Aussicht gestellt, von denen sie bis dahin nichts geahnt hatten.

1993 fordern Indianervertreter und Sozialarbeiter mehr Land: 14 270 Hektar. Das Justizministerium in Brasilia lehnt das ab. In den folgenden Monaten ziehen immer wieder kleine Gruppen durch die Forste, legen Feuer, zerstören die Versuchsstation von Aracruz, blockieren Zufahrtswege und besetzen Büros der Fabrik. Unter Vermittlung der Staatsanwaltschaft schließt Aracruz einen 20-Jahres-Vertrag mit der Funai: 2571 Hektar werden exklusiv als Indianerland ausgewiesen. Außerdem verpflichtet sich das Unternehmen zur Abnahme von Faserholz indianischer Pflanzer und Sachleistungen an Landwirte. Und es errichtet Schulen und Gesundheitsposten, die eigentlich in die Zuständigkeit der Regierung fallen.

Das aber reicht der Indianerlobby nicht. 11000 Hektar werden nun gefordert: Man habe Tonscherben gefunden, die das Gebiet eindeutig als ehemaliges Siedlungsgebiet der Ureinwohner ausweisen. Man schlägt über Nacht eine drei Hektar große Lichtung in den Forst und errichtet einige Hütten an einer Stelle, wo es früher ein Indianerdorf gegeben haben soll. Luftaufnahmen aus dem Jahr 1957, die Aracruz bei Gericht vorlegt, zeigen an dieser Stelle bloß Kaffeeplantagen der Vorbesitzer. Gleichwohl stellt sich Funai hinter die Forderung nach mehr Indianerland. Die Entscheidung liegt wieder beim Justizminister. Aracruz will mit einer 15.000-Seiten-Expertise bis zur letzten Instanz gehen. Doch der Zellulose-Konzern hält den Schwarzen Peter, weil er sich weigert „Land der Vorfahren“ herauszurücken.

Die nächste Zellulose-Fabrik wird Aracruz nicht mehr in Espirito Santo errichten, sondern im tiefen Süden Brasiliens.

Forste für Klopapier – wer will darauf verzichten?

Jeder von uns hat in seinem Leben schon ein Dutzend Bäume umgelegt. Wir haben auf Bäumen Liebesbriefe oder Räumungsbefehle geschrieben, wir haben mit Bäumen Weihnachtsgeschenke verpackt, Pakete verschickt und Umzugskartons gefüllt, wir haben Bäume als Lektüre verschlungen, als Bücher und Zeitschriften, als Morgenzeitung zum Frühstück. Wir haben uns an Bäumen den Mund abgewischt – auch den Hintern: jawohl! Sogar Babys haben wir in Bäume gewickelt. Weil Papier und Pappe, von denen jeder Deutsche pro Jahr eine Vierteltonne verbraucht, trotz Recycling in erster Linie auf den Bäumen wächst.

Jeder von uns hat in seinem Leben auch schon Millionen Halme geknickt. Für ein Butterbrot, ein Brötchen, die Pizza, das Müsli. Mehl wächst bekanntlich auf dem Halm, in Form von Getreide, kilometerweit in einem goldgelben Meer. Kein Mensch stört sich daran, dass Kornfelder biologische Steppen sind, jedenfalls was die Artenvielfalt betrifft. Doch die Eukalyptus-Forste, die den Rohstoff für Papier und Pappe liefern, sind Umweltschützern ein Dorn im Auge. Der aus Australien stammende Baum sauge die Erde aus, vertreibe die Tiere und verschandle die Landschaft, behaupten Verbände wie Robin Wood oder Rettet den Regenwald e.V immer wieder.

260.000 Hektar, also 260 Quadratkilometer Eukalyptus-Forst, hat Aracruz angelegt. Das ist eine Fläche so groß wie ein mittleres Landschaftsschutzgebiet: ein giftgrüner Teppich, der sich von der Atlantikküste 40 Kilometer ins Land bis an das Küstengebirge erstreckt. Der Teppich ist 20 Meter hoch, seine Maschen sind fünf Meter dicht. In diesem Abstand stehen die Eukalyptus-Bäume, kerzengerade und kahl wie Telegrafenmasten, bloß auf ihrer Spitze sitzt ein grünes Fähnchen. Unkundige würden sich in dem monotonen Holzgitter glatt verlaufen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber kann man das „Bäume“ nennen: diese beindicken Bohnenstangen, die mit 40 Zentimetern Durchmesser nach sieben Jahren schlagreif sind und von gewaltigen Erntemaschinen abgesägt werden, als wären es Streichhölzer?

Von der Kinderstube im Topf über die Baumschule bis zur Plantage ist das Leben eines Eukalyptus-Baumes vorgeplant und durchgetaktet. Nur die stärksten Triebe werden von den Frauen in der „Nursery“ zurechtgeschnitten und in Brutkästen gesetzt. Alle Pflanzen werden über den gleichen Kamm geschoren, alle Triebe bekommen die gleiche Behandlung. Nach neun Monaten können sie draußen gepflanzt werden. Das geschieht in einem Arbeitsgang mit einer Maschine, die ein Traktor zieht: Loch bohren, den Trieb hineinstecken, ein paar Spritzer Dünger und Herbizid dazu. Von jetzt an muss der Jungbaum nur noch wachsen: einen Zentimeter pro Tag.

Wachse schneller, Genosse! Die Forstingenieure von Aracruz messen nach. Wer nicht spurt, fliegt mit der nächsten Generation raus. Ergiebigere und robustere Sorten sind gefragt. Auf 40 Kubikmeter Holz-Ausbeute pro Hektar hat Aracruz die Latte gesetzt. Das erreicht man nur mit Eukalyptus in den Tropen. Aber macht die Monokultur den Boden kaputt? Sind Eukalyptus-Forste eine „grüne Wüste“, wie die Umweltverbände klagen? Ist der Eukalyptus ein Problem-Baum, der wie Unkraut wuchert und die Erde auszehrt? „Wir haben das genau untersucht. Seit 40 Jahren pflanzen wir Eukalyptus hier an. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich der Boden in dieser Zeit verschlechtert hat. Im Gegenteil: Wir stellen ein Anwachsen der Produktivität fest“, behauptet Marcelo Santos Ambrogi, Chef der Forstabteilung des Konzerns.

Aracruz hat seit 1993 mit dem Watershed-Versuchslabor und seinen Pflanzungen die ökologischen und ökonomischen Folgen der Eukalyptus-Monokultur untersucht. Im Mai 2005 zerstörten Unbekannte die Forschungsanlagen und brüsteten sich damit, man habe einen ökologischen Sieg errungen. Doch die Aracruz-Forscher schwören, dass sie die Behauptung der Umweltgruppen, der Eukalyptus sei ein Baum, der die Umwelt verwüste, widerlegen können.

Erstens: Eukalyptus-Forste verbrauchen nicht mehr Wasser als Naturwälder – sie nutzen es bloß anders und verdunsten weniger als ein tropischer Regenwald. Zweitens: Die Wurzeln der Eukalyptus-Bäume reichen höchstens zwei Meter tief. Rund 70 Prozent der pflanzlichen Nährstoffe verbleiben nach jeder Ernte im Boden. Eine Erosion findet nicht statt. Drittens: Gedüngt wird nur bei der Pflanzung. Aracruz setzt für die Schädlingsbekämpfung keine Chemie ein, sondern biologische Gegenmittel (Kartoffeläcker sind dagegen reinste Chemiedepots). Viertens: Eukalyptus-Forste sind wie alle Monokulturen artenarm. Aber nicht völlig leer. Korridore von artenreichem Naturwald sorgen dafür, dass ein ständiger genetischer Austausch stattfinden kann.

Eine solche Darstellung wird nicht alle überzeugen. Vielleicht hat der Umweltminister von Rio Grande do Sul, Joao Paulo Capobianco, recht, wenn er feststellt: „Der Eukalyptus ist keine umweltschädliche Art an sich – Probleme gibt es nur, wenn er nicht adäquat genutzt wird.“ Aus der Luft sieht der grüne Plantagenteppich wie ein großes Aquarell aus: An den Rändern franst er nach allen Seiten aus, die Flusstäler und Senken sind in dunkleres Grün getaucht. Naturwälder rahmen die Plantagen ein. Auf zwei Hektar Eukalyptus-Plantage entfällt bei Aracruz ein Hektar Naturwald: Landstreifen, die man vollständig dem Wildwuchs überlassen hat. Aus eigener Erkenntnis oder unter Befolgung der brasilianischen Forstgesetze, die das vorschreiben. Bei Kornfeldern lässt man auch einen Rand mit Feldkräutern stehen.

Als Aracruz 1967 mit seiner Aufforstung begann, hatten in der Region 40 Sägewerke den Urwald kahl gefressen, wie Luftaufnahmen aus der Zeit beweisen. Statt Wald zu zerstören, wie es andere getan haben, hat Aracruz Wälder gepflanzt. Nutzwälder, die auf schwachen Böden sprießen, die eine kleinräumige Landwirtschaft erschweren. Eine Zellstofffabrik muss ihren Rohstoff erst einmal hegen und pflegen, bevor sie ihn verbrauchen kann. Kohlebergwerke oder Kupferminen haben es da leichter: Sie kratzen einfach aus der Erde, was sie brauchen – und hinterlassen tiefe Löcher. Die monotonen Nutzforste sind, jedenfalls aus der Froschperspektive gesehen, ebenfalls kein schöner Anblick. Aber sie sind nützlich. Wie Kornfelder eben.

Geld stinkt – aber manche sind froh darüber Die Leute in Barra do Riacho sagen, es rieche nach Geld. Es sind Spuren von Schwefelverbindungen, die für die faulige Duftnote des Kombinats sorgen, das pro Jahr 2,1 Millionen Tonnen Zellstoff produziert und über einen eigenen Hochseehafen exportiert: Material für die Papierindustrie in Europa, Nordamerika und Asien. Zehntausend direkt und indirekt Beschäftigten sichert Aracruz ein überdurchschnittliches Einkommen im Norden des brasilianischen Bundesstaates Espirito Santo. Deswegen sagen die Leute: Es riecht nach Geld.

Das Unternehmen ist der größte private Arbeitgeber von Espirito Santo. Ein weißer Riese – zumindest sind die Zellstoffpakete schneeweiß, die die Anlage über Förderbänder verlassen. Die Schlote und Kocher ragen 60 Meter hoch aus dem grünen Meer der Plantagen: gigantische silberne Thermosflaschen, die in der Sonne gleißen.

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt, behaupten die Aktivisten von Umweltgruppen und laufen Sturm gegen Aracruz. Gegen die Eukalyptus-Monokultur, gegen das Exportmodell und überhaupt gegen die Globalisierung. Aber die Welt braucht Papier. Und das mehr denn je. “ In China werden Anlagen gebaut, die dreimal größer sind als diese hier, in Japan hat man 40-mal mehr Eukalyptus gepflanzt, und in Europa verbraucht man 100-mal mehr Papier als in Brasilien. Wir sind nur ein kleiner Fisch, siebtgrößter Zellstoffproduzent und auf dem elften Platz bei Papier weltweit“, rattert Carlos Aguiar, der Generaldirektor von Aracruz, die Zahlen herunter. Und was ist, wenn der Fisch in die falsche Richtung schwimmt? Philosophische Fragen sind nicht Sache des Ingenieurs.

Auf dem Betriebsgelände, in der Kantine, der Fabrik, den Baumschulen und Plantagen: alles blitzblank. Umso weniger kann einer wie Carlos Alberto Roxo, der Chef für Umweltfragen und Nachhaltigkeit, verstehen, warum der Konzern ins Gerede gekommen ist. Beinahe hat man Mitleid mit den Managern und Technikern, die stolz auf ihre Anlage sind und trotzdem eine so schlechte Presse haben, dass sie aus Not nun selbst Journalisten eingeladen haben: „Sie können sich alles ansehen.“ Man könnte auch eine Geschichte über die Herstellung von Zellstoff schreiben: dass schon lange keine giftigen Chlorgase mehr eingesetzt werden, dass selbst der leichte Duft von Merkaptanen demnächst weggefiltert wird, dass die Anlage keine Kilowattstunde von draußen benötigt, dass das Wasser recycelt wird, dass Aracruz alle Umweltauflagen spielend einhält, jede Anlage im umweltbewussten Kanada weit hinter sich ließe und so sauber ist, dass man die Fabrik auch gleich mitten in einen Kurpark setzen könnte.

Noch einmal erläutert Gabriel Dehon Rezende, ein Forstingenieur, dass die Aracruz-Eukalyptus-Forste keineswegs grundsätzlich umweltschädlich sind, dass man auf je zwei Hektar Plantage einen Hektar Wildwuchs zulasse, dass man alle Schonungen auf Ödland angelegt und den Regenwald, so noch vorhanden, nicht angetastet hat. Und der Mann für die Nachbarschaftsbeziehungen und Indianerfragen, der Anthropologe Gitibá Guichard Faustino, berichtet, wie man sich bemüht, die Bevölkerung mit zu integrieren, wie man mit den Kleinbauern kooperiert und die Indianer, so sie sich selbst so nennen, in vielfacher Weise unterstützt.

All das mag stimmen, es ist bestens dokumentiert und zu besichtigen. Der Konzern hat längst begriffen, dass er weder gegen die Natur noch gegen die Menschen in der Region operieren kann. Aracruz hat trotzdem ein Problem – ein Kommunikationsproblem. Die Kritiker sind professioneller: Wenn eine Handvoll Aktionisten von Robin Wood vor der Filiale von Procter & Gamble in Neuss demonstrieren, weil man dort Zellstoff für Pampers verwende, die vom Leid der Indianer getränkt seien, dann rauscht es im Blätterwald.

Wirtschaft, so sagte einst Ludwig Erhard, sei vor allem Psychologie und eine Portion Logik. Ginge es nach der Logik, so müssten die umweltbewussten Europäer, die Amerikaner und Japaner nicht nur ihre Autos stehen lassen, sondern auch die Zeitung abbestellen, keine Bücher mehr kaufen und auf dem stillen Örtchen nach altarabischer Sitte die linke Hand und Wasser einsetzen: um Papier zu sparen.

Papier zu produzieren und Papier zu beschreiben sind unterschiedliche Stiefel. Aracruz beherrscht nur das eine. ---