Partner von
Partner von

HOFFNUNGSLOS REICH

Italien besitzt ein Drittel aller KUNSTSCHÄTZE dieser Welt. Das ist ein großes Glück. Und eine noch größere Bürde. Ein Gesetz zur Privatisierung soll die RETTUNG bringen.




Der Codice Urbani? Luigi Ficacci lächelt müde. Heilige Madonna, jetzt soll er ihn auch noch erklären! Wo er doch schon genug Probleme hat. Um fast ein Drittel wurde sein Etat für 2007 gekürzt. Der Schreibtisch ächzt unter unerledigten Akten. Um zwei Museen mit herausragenden Sammlungen muss er sich kümmern. Antiken bis zurück ins Mittelalter! Venezianische Malerei aus dem 16. Jahrhundert! Flämische und florentinische Meister! Dazu der Duomo San Martino, die Kirche San Michele in Foro, zahlreiche Palazzi voller Meisterwerke bis unter die Deckenfresken, alles umschlossen von dieser einzigartigen altertümlichen Stadtmauer, 4,2 Kilometer lang, bis zu zwölf Meter hoch. Noch heute sei es wichtig, ob jemand außen oder drinnen geboren wurde. Wer von draußen kommt wie Ficacci, gilt weniger in Lucca.

Draußen blauer Himmel, warm und weich die Luft. Von Ficaccis Büro aus könnte man die Mauer sehen. Doch der Soprintendent der toskanischen Kleinstadt hat die Jalousien heruntergelassen. Als wolle er sich im Halbdunkel verstecken vor all dem, was in der Sonne strahlt. Denn Ficacci bereitet das nur Sorgen. Er klagt und klagt. Über die Bürokratie in Rom. Über den Mangel an qualifiziertem Personal. Über die Touristen, die nur diesen ulkigen Turm im nahen Pisa finden, doch am grandiosen Lucca zuverlässig vorbeifahren. Und dann sei da noch diese Person, eine Verwandte des Opernkomponisten Puccini. Erst habe sie das Eigentum an dessen Wohnhaus vom Staat erstritten, jetzt sei sie pleite und könne sich nicht mehr darum kümmern. An wem bleibe die Sache hängen? Ficacci seufzt: "Allora, wo waren wir?" Wir waren beim Codice Urbani. Wir waren bei einem viel diskutierten, umstrittenen und bisweilen missverstandenen Gesetz, das im Sommer 2004 von der Regierung Berlusconi verabschiedet und nach dessen damaligen Kulturminister benannt wurde. Im Wesentlichen geht es darin um die kommerzielle Nutzung von Kulturgütern und Grundstücken, Vermietung, Leasing etwa, bis hin zum Verkauf. Zu diesem Zweck wurden mehrere Staatsunternehmen gegründet, vorrangig die sogenannten Patrimonio S.p.A. (auf Deutsch: Kulturerbe AG), die mit der Veräußerung betraut sind. Rocco Buttiglione, Urbanis Nachfolger, sagte über das Gesetz: "Wir wollen einen Schritt nach vorn machen, indem auch der private Sektor Verantwortung übernimmt." Seit mehr als 20 Jahren bastelt Rom mit einer Reihe von Verordnungen und Gesetzen an der Lösung eines grandiosen Problems. Ein Drittel aller weltweit registrierten Kulturgüter befindet sich in Italien. Das Land ist ein gigantisches, begehbares Freilichtmuseum mit 4,7 Millionen Objekten an 600 000 Orten. Und das ist nur eine vorsichtige Schätzung: Ein vollständiges Verzeichnis ist seit 30 Jahren in Arbeit und wird nicht fertig. Fest steht, dass der Staat schon lange zu wenig Geld hat, um Verwaltung, Erhalt und Restaurierung dauerhaft gewährleisten zu können. Italien gibt dafür nur 0,18 Prozent seines Bruttosozialproduktes aus, obwohl ein Drittel aller Kulturgüter vom Verfall bedroht ist. Überall bröckelt, modert und verfällt Mauerwerk. Fundamente versinken. Skulpturen leiden unter Witterung und Umweltverschmutzung, Gemälde unter Altersschwäche. Der gesamte Kulturetat reicht allenfalls, die Hälfte nicht noch weiter verkümmern zu lassen.

Bis hierher kann man der Sache noch problemlos folgen. Den Codice jedoch zu erklären, da muss selbst ein Fachmann passen. Ficacci zuckt mit den Schultern. Ein Papier mit 184 Artikeln! Dutzende von Vorschriften, Bedingungen, Auflagen und Vorgehensweisen, die in jedem einzelnen Fall anders ausgelegt werden können! Der Staat, so Ficacci, betreibe allein 460 Museen. 460! Hinzu komme, dass auch Kommunen, die Kirche, Firmen und Privatleute Kulturgüter von unschätzbarem Wert besitzen. Wie soll da der Codice umgesetzt werden? Beteiligt sind oft verschiedene Ministerien, lokale Behörden und eine oder mehrere der insgesamt 17 Soprintendenzas, die wiederum nach archäologischen Stätten, Kunstwerken oder Latifundien aufgeteilt sind.

Ficaccis Sekretärin kommt herein: Das Wirtschaftsministerium erbittet eine Stellungnahme zur ehemaligen Tabakmanufaktur um die Ecke. Ficacci: " Ich soll die historische und kulturelle Bedeutung beschreiben, zurück nach Rom, fünfmal umdrehen, zurück zu mir, wieder nach Rom - und am Ende gibt es doch keinen Kaufinteressenten. Ecco, da haben Sie den Codice Urbani!" Alle Wege führen nach Rom. In diesem Fall in die Via del Collegio Romano 27. Dort befindet sich das Ministero per I Beni e le Attività Culturali. Dort, hieß es, liefen die Fäden zusammen. Wir sind mit der Generaldirektorin des Ressorts Forschung, Innovation und Organisation verabredet. Vierter Stock, ein langer, leerer Flur. Zunächst heißt es, man müsse noch warten. Dann heißt es, die Generaldirektorin habe heute doch keine Zeit. Eine halbe Stunde später kommt eine Dame namens Rosanna Binacchi, die versichert, auch sie wisse Bescheid. Und während diese Dame detailliert über Werbekampagnen für den Touristikstandort Italien philosophiert, kommt die Generaldirektorin doch noch. Antonia Pasqua Recchia ist in Eile: "Worum geht es gleich noch mal?" Ein deutscher Journalist, der für die öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalt RAI arbeitet, sagt: "Man muss so was erleben, sonst versteht man nichts in diesem Land." Wenn er seinen Kollegen Konzepte vorlege und auf deren Umsetzung dränge, sagen die: "Non fare il tedesco." Mach uns nicht den Deutschen. Der Deutsche geht dann mit ihnen einen Espresso trinken und wundert sich, dass es irgendwie, irgendwann doch klappt.

All die Palazzi, Statuen und Gemälde - totes Kapital. Privatleute sollen es aktivieren Signora Recchia, eine resolute ältere Dame, versichert zunächst: "Der Codice nimmt die Realität zur Kenntnis, er schafft ein Instrumentarium für Wertschöpfung, ein völlig neues Denken." Kultur als Anlagevermögen, der Staat als Firma, toller Ansatz. 10 000 Objekte, so Recchia, seien bislang geprüft, 7000 für diverse Zwecke freigegeben und insgesamt 4000 verkauft worden; Museen seien Privatfirmen zur Nutzung überlassen worden, weitere Ausschreibungen liefen. Zu erläutern, welche genau das sind, dazu fehle jetzt die Zeit. Jedenfalls würden weniger attraktive Objekte, insbesondere in strukturschwachen Gebieten, mit attraktiveren im Paket angeboten. Selbst über ein Copyright auf Souvenirs, eine Tourismussteuer und eine Gebühr etwa für Fotobücher werde nachgedacht. Allein im Jahr 2004, so die Schätzung der Politiker, sollten durch den Codice Urbani fünf Millionen Euro eingenommen werden. Exakte Zahlen? Was mit dem Geld genau passiere? Nicht Signora Recchias Ressort. "Sehen Sie, das Gesetz existiert seit zwei Jahren, wir haben doch gerade erst angefangen." Vielleicht ist es besser, jetzt nicht den Deutschen zu machen.

So stolpert man aus dem Ministerium. Ein paar hundert Meter entfernt die Trajanssäule. Daneben antike Statuen von Cäsaren. Augustus. Nero. Links neben der Straße ein Trümmerfeld der Geschichte, rechts vom das Forum Romanum, in der Feme das Kolosseum. Alte Steine, so weit das Auge reicht. Welch eine Kulisse! Und was für ein Standort für "Imperial Frutta ai Fori" oder " Capriccio Gelateria", neben ihnen bietet der rollende Kiosk namens "Al Paradiso" heiße Pizza und kalte Drinks an. Jährlich kommen etwa fünf bis sechs Millionen Touristen, auch Einheimische flanieren hier gern, picknicken zwischen Ruinen, Hochzeitspaare lassen sich am Kolosseum fotografieren.

Wenn Obststände, Eisbuden und Souvenirhändler profitieren dürfen von diesem Ambiente, warum nicht auch der große Kommerz? Die Befürworter des Codice verglichen das kulturelle Erbe des Landes mit den Erdölvorkommen im Nahen Osten. Muss man sich vor dem Kolosseum nicht fragen, ob Microsoft oder Nike dafür Verwendung hätten oder ob Mercedes-Benz etwas mit dem Circus Maximus anfangen könnte?

"Unsinn", sagt Ledo Prato, "wir reden hier nicht über die Highlights, die jeder kennt." Prato sitzt in seinem Büro in einem Rückgebäude an der Via dei Condotti, in der Nähe der Spanischen Treppe. Der gelernte Jurist und Wirtschaftswissenschaftler ist Generalsekretär der Associazione Mecenate 90. Die hat er zusammen mit zwei Freunden, einem Soziologen und einem Sammler moderner Kunst, vor 16 Jahren gegründet. Seither entwickeln sie Strategien, mit denen Kommunen Kulturgüter effizienter vermarkten können. Das erste große Projekt von Mecenate 90 war der Palazzo delle Esposizioni an der Via Nazionale. Das Gebäude stand Ende der achtziger Jahre leer, allein die Renovierung sollte 15 Milliarden Lire kosten. Sie besorgten 4,5 Milliarden von Banken zu günstigen Zinssätzen, die Stadt Rom gab 10,5 Milliarden Lire, eine Privatfirma führt das Museum seither samt Buchladen und Shops, zu den Ausstellungen kommen bis zu 350000 Besucher. Schwarze Zahlen schreiben sie schon lange. Prato: "Darüber reden wir, wenn wir über den Codice reden. Wir reden über eine neue Branche, neue Firmen, bislang unbekannte Jobs, ungeahnte Möglichkeiten." Prato ist ein kleiner, kultivierter Herr. Randlose Brille, dunkelblauer Anzug, goldene Knöpfe. Ein Kunstliebhaber. Schöngeist. " Dostojewski sagte", zitiert Prato mit sanftem Pathos, "die Schönheit rettet die Welt." Er könnte noch lange schwelgen, doch er kommt lieber schnell zum Thema. "So kann es nicht weitergehen." Überall auf der Welt dasselbe Dilemma im Umgang mit Kulturgütern! Der Staat überfordert; die Bürokratie ineffizient und im Falle Italiens auch noch die Bevölkerung desinteressiert.

Mit ihrer Stiftung Città Italia ringt Mecenate 90 seit über zwei Jahren in Italien und der Welt um Spenden. Anzeigen wurden geschaltet, die das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci zeigten, aus dem Jesus wegretuschiert wurde; sie zeigten Michelangelos David mit Prothese statt linkem Bein. Die Parole: "Ohne Ihre Hilfe könnte Italien etwas verlieren." In zwei Jahren kamen 300 000 Euro zusammen, inklusive der 15 Euro, die eine kanadische Rentnerin per Post schickte. Prato meint: "Uns fehlen nicht Hundertausende, sondern Hunderte von Millionen. Der Codice kann so gesehen nur ein Anfang sein. Langfristig brauchen wir eine Kulturfirma, eine Empresa culturale, die vorgeht wie die Autoindustrie - professionell, effizient, marktorientiert." Man sagt Italienern eine Reihe von Attitüden nach, Innovationsfreude gehört nicht dazu. Umso überraschender ist, dass die italienische Wirtschaft das neue Gesetz bereits eifrig nutzt. An einer Bushaltestelle in Rom wirbt der Energiekonzern Enel für seine Ausstellung mit Werken Raffaellos in der Galleria Borghese: "Per stare sempre aperti ci vuole energia." Um stets offen zu bleiben, braucht man Energie.

Andere Beispiele: Maserati und ein Pharmakonzern mieteten den Palazzo Pitti in Florenz für PR-Präsentationen; der Reifenhersteller Pirelli lässt für rund zwei Millionen Euro das Teatro Torlonia in Rom sanieren, um es als kommerziell ausgerichtetes Theater und Veranstaltungsort zu nutzen; Telecom Italia sponserte ein Rockkonzert mit Bryan Adams und Billy Joel vor dem Kolosseum. Andrea Kerbaker, der als Chef der Unternehmen Pirelli Cultura S.p.A. und Telecom Progetto Italia für diese und eine Reihe anderer Aktionen zuständig ist, sagt: "Mit der Wertschöpfung des enormen Kulturschatzes erfüllen wir auch Italiens Verpflichtung vor der Menschheit, es geht um den Erhalt eines Welterbes." Er fordert daher "ein geballtes Unisono, eine langfristig angelegte Synergie zwischen privaten Investoren und öffentlichen Institutionen".

Der Zug rollt durch die Toskana. Die Landschaft macht sanfte Wellen in Grün, Ocker und Terrakotta, gekrönt von altem Gemäuer. Zypressen stehen wie Spaliere. Ginster glüht. Olivenhaine schimmern silbern. Eine Welt wie gemalt. Aber das darf man schon erwarten von einer Region, die Synonym für Kultur ist. Marmor aus Carrara. Alabaster aus Volterra. Seide aus Florenz. Vino Nobile di Montepulciano. Selbst die Weine tragen Namen wie Aristokraten. Toskaner scherzen gern, Dantes Hölle wäre ihnen lieber als der Himmel. Zu viele Treppen. Nur wer im Paradies lebt, kann so reden.

Die einen wollen Kunstschätze heben. Die anderen befürchten ihren Ausverkauf Und während man darüber nachdenkt, fährt der Zug in den Bahnhof ein. Firenze Santa Maria Novella (SMN). Florenz. Wiege der Renaissance, Heimat der Medici, Wirkungsstätte Michelangelos und Botticellis. Wo D. H. Lawrence mit seiner Frieda durch die Boboli-Gärten wandelte und Edward Morgan Forster seine Lucy Honeychurch in einem Zimmer mit Aussicht unterbringt, dessen Fenster sie am ersten Morgen aufstößt, um sich "hinauszulehnen in den Sonnenschein mit den schönen Hügeln und Bäumen und Marmorkirchen und (...) den Arno die Straßenböschung entlangströmen zu sehen".

Florenz schockiert. Anmut und Pracht, wenn man von San Miniato darauf hinabblickt. Gedränge und Rummel, wenn man vom Bahnhof, vorbei am gewaltigen Dom, zur Via degli Alfani geht. Kolonnen rotgesichtiger Touristen. Fliegende Händler. Selbst vor der Türe des Opificio delle Pietre Dure di Firenze stehen sie Schlange. Es sind aber nicht die Touristen, die Cristina Acidini Luchinat meint, wenn sie sagt: "Jeden Morgen fühle ich mich, als würde ich von einer Herde Kühe überrannt." Die Touristen wollen Michelangelos David im Museum nebenan sehen. Sie leitete bis vor kurzem Italiens führende Werkstatt für Restaurierung und wird mit Anfragen aus ganz Italien bombardiert. Da wäre die Kanzel von Donatello aus dem Dom von Prato oder ein Altarbild von Giorgione aus dem Dom von Castelfranco, oder es ist ein Wandgemälde auf dem Friedhof von Pisa. Alles einzigartig, unersetzlich und reparaturbedürftig. Vergangenes Jahr stieg ein Teenager auf II Biancone, den Neptun im Brunnen vor dem Palazzo Vecchio ein paar Straßen weiter. Eine Hand der Statue brach ab, zerbarst in 30 Teile; ein Jahr dauerte die Instandsetzung.

Das Opificio wurde 1588 von den Medici als Werkstatt für Einlegearbeiten aus Stein gegründet. Inzwischen umfasst es zwölf Sektionen, neben Stein auch Malerei, Holzskulpturen, Teppiche, sogar Wachsarbeiten. Es ist ein Laboratorium des Zerfalls, eine Klinik der letzten Hoffnung. Und es ist, so Luchinat, "weltweit führend in der Erforschung neuer Techniken". Dabei beschäftigt es nur 60 Restauratoren, die meisten Objekte sind wegen Platzmangels ausgelagert aus dem ehemaligen Kloster. Nur im Erdgeschoss sind noch mehrere Werkstätten untergebracht.

Dort steht man dann vor zwei fünf mal drei Meter großen, 300 Tonnen schweren Türen. Tatsächlich, es ist die Paradiespforte von Lorenzo Ghiberti, geschmückt mit vergoldeten Relieftafeln aus Bronze, die alttestamentarische Szenen zeigen, entstanden 1425 bis 1452. Ein Opus magnum, das selbst Michelangelo sprachlos machte. Nun werden sie mit Lasergeräten von jahrhundertelanger Verschmutzung gesäubert, in Plastiksäcken gelagert und mit Stickstoff besprüht, neun Jahre sind sie schon in Arbeit. Luchinat: "Ich frage mich, wann die Leute begreifen, dass das nicht einfach da ist wie die Sonne und das Meer." Es ist eine gute Frage. Eine andere wäre, was der Codice Urbani damit zu tun hat. Sicher, er mobilisiert Geld. Er entbindet sukzessive, wenngleich bislang noch in marginalem Umfang die öffentliche Hand von Aufgaben, Ausgaben, Kalamitäten. Und "er verbindet Vergangenheit mit Gegenwart", wie Kerbaker sagt. Altertümliche Kulturschätze mit modernem Unternehmertum. Doch Leute wie Ficacci oder Luchinat fragen sich, warum ihr Etat dennoch ständig gekürzt wird. Und ob die Einnahmen wirklich in den Erhalt von Kulturgütern gesteckt werden - in welcher Form, in welche Projekte, ist noch nicht abzusehen. Die Reparatur der Hand des Neptun wurde von Città Italia bezahlt. Von Signora Recchia hört man nur: "Der Staat hat kein Interesse, das kulturelle Erbe des Landes zu verschleudern." Aha. Ein Sprecher von Patrimonio S.p.A., dem führenden staatlichen Makler von Kulturschätzen, hatte wissen lassen, man gebe keine Interviews. Journalisten verstünden gern alles falsch und malten düstere Szenarien vom Ausverkauf des Landes.

Genau das tut auch Patrimonio SOS. Emanuele Pellegrini, ein Kunsthistoriker, der die Organisation mit sechs Mitstreitern gegründet hat, sagt: "Ich will nicht, dass ein Teil italienischer Identität einmal Bill Gates gehört. Und: Warum braucht man ein Gesetz, das den Verkauf von Grundstücken am Meer ermöglicht?" Nach Verabschiedung des Gesetzes sammelte Patrimonio SOS Zehntausende von Unterschriften gegen den Codice Urbani; die Website informiert über angeblich zweifelhafte Transaktionen, etwa Immobilienverkäufen an die Carlyle Group, die von George W. Bushs Vater beraten wird. Pellegrini: "Ich glaube, Berlusconi wollte in der Tat die Basis legen für den Ausverkauf des Landes." Klingt verwegen. Aber wer würde schon für Berlusconi bürgen?

Ledo Prato räumt ein: "Natürlich gibt es Probleme, viele offene Fragen, etwa: Finden wir genug moralisch und ethisch einwandfreie Firmen, die den Codice vernünftig umsetzen?" Andrea Kerbaker ist optimistisch: " Wir brauchen eine langfristig angelegte Synergie zwischen privaten Investoren und öffentlichen Institutionen, alles andere ist machbar." Siena. Wieder blauer Himmel, warm und weich die Luft. Termin bei der Fondazione Monte dei Paschi di Siena in ihrem Palazzo Sansedoni, erbaut im 14. Jahrhundert, zu dem eine breite Marmortreppe führt. Wandmalereien. Deckenfresken. Unter den Fenstern des Sitzungssaals liegt die Piazza del Campo mit dem Campanile. Auf der Piazza findet zweimal im Jahr zu Ehren der Jungfrau Maria der Palio statt, das Pferderennen der Contrade, wie die Bezirke der Stadt heißen. Gabriello Mancini, Präsident der Fondazione, dessen grauer Anzug harmonisch übergeht in das Grau seines Haares, lächelt angesichts der Begeisterung seines Gastes über das Ambiente. Er ist es gewöhnt. Und darum geht es ihm auch gar nicht.

Es geht um 133 Millionen Euro, die seine Institution zwischen 2001 und 2005 ausgegeben hat für Restaurierung und Management von Kulturgütern in Siena, aber auch für Krankenhäuser, sozialen Wohnungsbau, Altenheime und Forschung der örtlichen Universität. Nicht zu vergessen die unterirdische Verkabelung der Stadt. Sie wollten nicht, dass Satellitenschüsseln das historische Bild der Altstadt verschandeln.

Wenn es nur Firmen gäbe wie die Banco Monte dei Paschi di Siena, dann brauchten sie den Codice Urbani überhaupt nicht. Die Bank gilt als das älteste existierende Kreditinstitut der Welt, gegründet 1472 als Banco Monte di Pietà, was so viel heißt wie Berg der Barmherzigkeit. Und Wohltätigkeit empfand er immer als Verpflichtung. Mancini sagt: "Es gab zu den meisten Zeiten wenig Geld bei Kommunen und lokalen Verwaltungen, es musste immer eine Zusammenarbeit geben zwischen Politik und Privatwirtschaft. Wir wollen der Wirtschaft und der Bevölkerung helfen und die Lebensqualität verbessern. Wenn wir Geschichte erhalten, scharfen wir die Basis für Ökonomie, Tourismus, Arbeitsplätze - ganz einfach." Das, so Mancini, sei übrigens gute Tradition in Italien, fast alle namhaften Firmen betrieben Stiftungen, die Fondazione der Familie Agnelli, die Fiat gegründet hat, oder des Büromaschinenhersteller Olivetti.

Die Assistentin von Mancini führt einen dann noch durch die Stadt, vorbei an Metzgereien und Delikatessenhändlern, deren Auslagen drapiert sind wie in einem Museum, vorbei am Duomo Santa Maria Assunta zum gegenüberliegenden Kloster Santa Maria della Scala. Die Bank finanziert seit 20 Jahren die Restaurierung und Instandhaltung, darunter einen prunkvollen Saal, in dem im 15. Jahrhundert von Gönnern und Ehrenmännern der Stadt ein Hospital für Bedürftige gegründet wurde.

Die Porträts der edlen Spender wurden in Wandfresken eingearbeitet. Die Urform von Werbung. Dass die Schönheit die Welt rettet, hört sich schön poetisch an. Dass diese Schönheit aber auch bezahlt werden muss, ist die plausibelste Erklärung für den Codice Urbani. Signora Recchia vom Ministerium jedenfalls meint: " Er könnte zum Vorbild werden für die ganze Welt."