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HAUTE-LUXE

Das Haute-Couture-Haus CHANEL kauft alte Handwerksbetriebe und leistet sich damit eine ganz eigene Variante von Luxus: den einer vielversprechenden ZUKUNFT.




Da steht er nun, schmal, aber glücklich, schwarzer Anzug, weißes Hemd, Sonnenbrille, an den Fingern Ringe en masse, das Haar zum strengen Zopf gebunden. Wieder einmal ist Karl Lagerfeld für die Haute-Couture-Show von Chanel etwas ganz Besonderes eingefallen. Wieder einmal, werden die Modegazetten später schwärmen, habe er Zeichen gesetzt. Jetzt genießt er erst einmal den Applaus des Publikums. Das versucht, einen möglichst genauen Blick auf den Meister und seine Models zu erhaschen. Was nicht leicht ist, in einem der wohl weißesten vorstellbaren Interieurs. Dazu die grellen Scheinwerfer - ohne Sonnenbrille muss man die Augen zukneifen. "Welch göttlicher Einfall", raunt es im Fachpublikum: die Gäste auf einem mehrstöckigen Rund inmitten eines weiteren zu platzieren. "Welch originelle Idee", die Models im weiten Kreis um das Publikum herum die neuen Kreationen präsentieren zu lassen. Jedes startet aus einer von 60 Türen, um auf überhohen und überlangen Stiefeln seine Runde in Angriff zu nehmen, um nach einigen Stopps schließlich für ein neues Mädchen Platz zu machen.

Ziemlich genau 15 Minuten lang dauert die Show. An die 60 Kreationen balancieren die Mädchen in dieser Zeit am Publikum vorbei. Es beginnt mit etwas rustikaleren Kleidern für den Tag, dann folgen die elegante Nachmittags- und Cocktail-Garderobe und schließlich die prächtigen Abendkleider. Das letzte Kleid ist traditionell ein Brautkleid. Danach beginnt sich die Tribüne zu drehen wie eine amerikanische Hochzeitstorte auf einem Karussell. Karl Lagerfeld und seine Models stehen in ihren Türen - fast scheint es, als huldige das vorbeiziehende Publikum dem Couturier und seiner Kollektion Herbst/Winter 2006/7.

Die Leistung Karl Lagerfelds ist unbestritten, doch sie wäre nicht möglich ohne die wochenlange und bisweilen nervenaufreibende Arbeit hoch spezialisierter Handwerker. Jedes Modell für dieses Haute-Couture-Défilé ist ein Einzelstück - gefertigt nach den gewöhnlich sparsamen Skizzen des Couturiers.

Leicht stecken bis zu 700 Stunden Arbeit in solch einem Kleid. Jede Naht, jeder Saum ist von Hand gestichelt. Jede Perle, jede Rüsche im Atelier Stück für Stück aufgestickt. Die Stoffblumen - die Kamelie ist das Erkennungszeichen von Chanel - sind von Hand gefertigt. Selbstverständlich ist bei den Stoffen das Feinste gerade schön genug. Selbstverständlich sind auch die Schuhe eigens für die Show entworfen. Und selbstverständlich ist jedes Paar von Hand gefertigt.

Karl Lagerfeld, Chef-Kreativer bei Chanel, wird im Gespräch sagen, dass er nicht wisse, was die Show alles in allem gekostet hat. Das interessiere ihn nicht. Vielmehr gehe es ihm um die Mode mit ihren vielen Möglichkeiten. Dementsprechend kreiere er seine Modelle auch nicht mit Blick auf bestimmte Absatzmärkte, Asien oder Russland etwa. "Die Märkte sind Sache des Marketings. Das kann ich nicht - dazu wäre ich viel zu faul", sagt er.

Für derlei Dinge müsse sich Karl Lagerfeld auch nicht interessieren, sagt Bruno Pavlovsky, der bei Chanel auf kaufmännischer Seite für die Mode zuständig ist. " Ich verstehe meine Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass ich Karl Lagerfeld und die anderen Kreativen von administrativen Dingen weitgehend freihalte. Sie sollen sich auf ihre Arbeit konzentrieren können." Das scheint eine Aufteilung zu sein, die funktioniert. Als der frühere Unternehmensberater Pavlovsky vor 15 Jahren bei Chanel in der Rue Cambon 31 in Paris anheuerte, hatte das Unternehmen 50 Mitarbeiter. Mittlerweile sind es 400. Und die Geschäfte laufen gut. Zurzeit sogar "sehr gut" wie Pavlovsky sagt. Genauere Angaben muss er nur den Gesellschaftern von Chanel machen. Das Unternehmen gehört zu hundert Prozent den Wertheimers, einer Familie, die als mindestens so vermögend wie diskret gilt. Die kann sich über das "sehr schöne" Geschäft mit den Accessoires freuen und über das Kosmetikgeschäft, das ebenfalls "sehr zur Zufriedenheit" läuft. Auch die Prêt-à-porter-Mode, die vor allem in Chanel-eigenen Boutiquen verkauft wird, läuft laut Pavlovsky "bestens". Aber das alles ist nicht wirklich überraschend. Dass allerdings auch die Haute Couture bei Chanel "einen veritablen Boom erlebt", ist es umso mehr.

In den vergangenen Jahren war eigentlich nur vom Niedergang der Königsklasse der Mode zu hören. Die Kreationen seien einfach zu teuer, immer weniger Kundinnen könnten und wollten 50 000 Euro oder mehr für ein einziges Kleid ausgeben. Tatsächlich ist Chanel mittlerweile neben Dior und Lacroix das einzige Haus, das sich Haute Couture leistet. Alle anderen Marken haben sich auf das weniger aufwendige, verkaufsträchtigere Feld der Prêt-à-porter-Kollektionen zurückgezogen.

Haute Couture verlangt von den Unternehmen nicht nur mehr Mut zum Risiko, sie verlangt auch einen wirklich begnadeten Couturier. Und ein hohes Maß an handwerklichem Geschick: ohne Handwerk keine Haute Couture. Zunehmend gilt aber auch: ohne Haute Couture kein Handwerk. Denn die Federschmuck- und Stoffblumenmacher, Sticker und Schuhmacher, die die alten Techniken noch virtuos beherrschen, bekommen immer weniger Gelegenheit, ihre Fertigkeiten einzusetzen. Mode von der Stange erfordert kaum besonderes handwerkliches Können, die meiste Arbeit erledigen Maschinen nicht nur deutlich billiger und schneller, sondern auch viel exakter. Das aber sind die Maßstäbe der Massenproduktion. Haute Couture hingegen ist etwas wahrhart Exklusives. Sie folgt der Fantasie und deren kunstvoller Umsetzung, die nur nach jahrelanger Erfahrung gelingt.

Ihre immensen Kosten wurden lange von vielen Häusern zähneknirschend getragen, galten die Kleid gewordenen Träume immerhin als image-bildend. Für Chanel war und ist die Haute Couture aber weit mehr als das. Sie gehört zum Kern der Marke. Umso unruhiger beobachtete man in der Rue Cambon, wie immer mehr Pariser Handwerksbetriebe aufgaben und damit immer mehr unentbehrliches Wissen verloren ging.

Während die anderen Modehäuser entweder mit sich selbst zu tun hatten oder hofften, dass sich doch noch alles zum Besseren wenden könnte, handelte man bei Chanel. Nach und nach kaufte das Unternehmen die wichtigsten seiner Lieferanten auf. Als einen der ersten übernahmen Pavlovsky und Kollegen 1996 den Feder- und Blumenmacher Lemarié. Ein Jahr später kaufte Chanel den Hutmacher Michel.

Beiden Unternehmen ist gemein, dass sie mit Kundenschwund zu kämpfen haben. Das Geschäft mit den Kopfbedeckungen erlebt schon seit der vorvergangenen Jahrhundertwende einen stetigen Niedergang. Aufwendige Hüte werden kaum noch getragen - außer auf den großen Hochzeiten der Gesellschaft oder bei Pferderennen auf den teuren Plätzen. Chanel aber braucht einen Partner, der entsprechend exklusive Hüte nach den Vorstellungen des Hauses fertigen kann. Auch die Kunst des Federschmuck-, Stoffblumen- und Rüschenmachens beherrscht heute mangels Nachfrage - jedenfalls in Paris - niemand mehr. Außer eben die Handwerker von Lemarié, wo immerhin noch 30 Frauen damit beschäftigt sind, allein 25 000 Stoffkamelien jährlich für Chanel zu zupfen und zu drehen.

Allerdings benötigt auch Chanel für seine Kollektionen nicht genug Hüte, Blumen- oder Federdekoration, um die Ateliers von Michel oder Lemarié auszulasten. Das, erzählt Geneviève Renaud, Chefin von Lemarié, sei bei der Übernahme "auch gar nicht beabsichtigt gewesen". Von Anfang an habe Chanel die Direktive ausgegeben, "dass im täglichen Geschäft alles so bleiben soll, wie es ist". Und genauso sei es, sagt Madame Renaud. Nur eben mit ein bisschen mehr finanzieller Sicherheit für die Betriebe und der Sicherheit für Chanel, dass das wertvolle Wissen nicht mehr verloren gehen kann. Denn darum gehe es für Chanel, sagt Pavlovsky. Es ist ihm auch recht, dass Michel & Co. nach wie vor für andere Modehäuser arbeiten. Eric Charles-Donatien, der Kreativ-Direktor von Lemarié sieht darin für alle Seiten einen Vorteil: "So müssen wir ständig kreativ bleiben und ständig dazulernen." Bei Lemarié scheut man sich auch nicht, mit Kunden zusammenzuarbeiten, die nicht so exklusiv sind wie die anderen Auftraggeber, Chanel, Lacroix oder Valentino. "Auch der eher bodenständige Modemarkt ist interessant - nicht nur finanziell. Er erdet uns", sagt Eric. Und: "Wir müssen unser Ohr am Puls der Zeit haben." Schließlich erledige Lemarié nicht nur Auftragsarbeiten, sondern entwerfe auch eigene Modelle für Feder- und Blumenschmuck für Kleider, Pullover und Hüte. Zusätzlich arbeitet Charles-Donatien an einer Serie von mit Federn verzierten Ringen und Ketten, die in hippen Boutiquen verkauft werden sollen.

Das Wissen soll erhalten bleiben - damit alle davon profitieren Derlei Ideen sind ganz im Sinne von Chanel. Und manchmal wohl auch ausdrücklich erwünscht. Jedenfalls verlässt sich auch Michel nicht mehr allein auf die exklusive Kundschaft. Das Unternehmen bringt gerade eine Hutkollektion auf den Markt, die in Kaufhäusern angeboten werden soll. Statt ausschließlich Einzelanfertigungen bietet Michel damit auch Hüte aus der Serienfertigung. In guter Qualität zwar - aber zu vergleichsweise moderaten Preisen, die meisten kosten zwischen 100 und 250 Euro.

All das stellt die Unternehmen auf eine stabilere Basis und sichert Chanels Investment ab. Es hat aber noch einen anderen, durchaus erwünschten Effekt. Es lockt den Nachwuchs. "Die jungen Frauen interessieren sich wieder für unser Handwerk", sagt Geneviève Renaud, die ihre Karriere "vor vielen, vielen Jahren" als Assistentin bei Andre Lemarié begann und seit seinem Ausscheiden aus dem aktiven Geschäft das Unternehmen leitet. So sitzen an den großen Tischen in ihrem Atelier Handwerkerinnen ganz unterschiedlichen Alters. Die älteste ist 60, hat 44 Jahre Berufserfahrung, die jüngste ist 18. Das Handwerk lernt der Nachwuchs im Wesentlichen vor Ort, sagt Renaud. Bis es wirklich virtuos beherrscht werde, dauere es "fünf Jahre Minimum", sagt Eric Charles-Donatien. Und auch dann könne ein Experte an den Ergebnissen erkennen, welche Blume von einer jüngeren Mitarbeiterin gemacht wurde und welche von einer erfahreneren.

Beim Federn- und Blumenexperten Lemarié ist bereits gelungen, was bei anderen zum Chanel-Portfolio gehörenden Handwerksbetrieben noch glücken muss: Die Frage der Nachfolge ist geklärt. Andre Lemarié, Enkelsohn der Gründerin und lange Zeit Chef des 1880 gegründeten Unternehmens, kommt zwar "immer mal wieder gern" in das mit Federn in braunen Papiertüten, Stoffballen, Zeichnungen, Tischen und Menschen vollgestopfte Atelier im ersten Stock eines Altbaus in der Rue du Faubourg Saint-Denis. Aber eben nur, "wenn er Lust dazu hat". Er weiß das Familienunternehmen bei Madame Renaud und Charles-Donatien in guten Händen.

Bruno Pavlovsky legt Wert darauf, für jedes Unternehmen im Portfolio eine "passgenaue Lösung zu finden" . Bei der Stickerei Lesage und dem Schuhmacher Massaro sind es nach wie vor die Kinder der Gründer, die die Unternehmen leiten - auch wenn der Nachwuchs inzwischen Ende 70 ist. Francois Lesage und Raymond Massaro sind in ihren Metiers und Unternehmen ungefähr das, was Karl Lagerfeld für Chanel ist.

Es gab und gibt wohl keinen berühmten Couturier in Paris, der seine Stickereien nicht bei Lesage anfertigen lässt. Im kleinen Büro des Chefs ist nicht mehr genügend Platz für all die Danksagungen und Fotos, die ihn mit Yves Saint Laurent, Christian Lacroix und anderen Größen des Metiers zeigen. Nur ein Foto von Mademoiselle Coco Chanel sucht man vergebens. Sie war nie Kundin von Lesage: Der nämlich entwarf seine fantastischen Perlen- und Paillettenstickereien auch für Elsa Schiaparelli, doch Chanel und Schiaparelli konnten sich nicht leiden - und Mademoiselle gehörte zu den Menschen, die ihre Feindschaften pflegten. Karl Lagerfeld aber wollte auf die Kunst von Lesage nicht verzichten und beauftragte das Atelier 1983 erstmals mit Stickereien für eine Kollektion. Heute arbeiten für Lesage 50 Frauen in einer geräumigen Altbauwohnung, deren Zimmer sich um einen Innenhof gruppieren.

Allein vier Mitarbeiterinnen sind damit beschäftigt, den ungeheuren Fundus an Perlen, Pailletten und Seide in allen denkbaren Farben und Schattierungen zu betreuen und immer wieder für Nachschub zu sorgen. 150 Pfund Meine Perlen und 100 Millionen Pailletten versticken die Mitarbeiterinnen bei Lesage jedes Jahr. 60000 Arbeitsproben und Entwürfe lagern in den unendlich vielen schmalen Schubladen der hölzernen Wandregale. Jedes Jahr entwickelt Francois Lesage bis zu 200 eigene Vorschläge.

Im Schnitt arbeitet eine Stickerin 25 Stunden lang an einem solchen Entwurf, manche benötigen 50 000 Stiche, bis sie fertiggestellt sind. Für eine gesamte Haute-Couture-Kollektion brauchen die Handwerkerinnen zwischen drei und vier Wochen, Überstunden nicht eingerechnet.

Wer die Kreativität von Francois Lesage einmal ersetzen soll? Er selbst hatte im Stillen gehofft, dass eines seiner Kinder das Unternehmen weiterrühren würde. Dieser Wunsch ging aber nicht in Erfüllung. "Papa, wir haben doch gesehen, wie viel du immer gearbeitet hast", sollen sie ihm gesagt haben. Und so entschloss sich Lesage 2002, sein Atelier an Chanel abzugeben.

Raymond Massaro, ein freundlicher weißhaariger Herr mit Schnauzbart, empfängt einen Steinwurf vom mondänen Place Vendome entfernt. So hat es die Kundschaft nicht weit vom Hotel Ritz. Sein Geschäft - eigentlich eine mit aufgeleisteten Schuhen über und über vollgestellte Altbauwohnung - und die Werkstatt liegen im ersten Stock. Massaro stellt ausschließlich Einzelfertigungen für Damen und Herren her, die es sich leisten können. Für Chanel macht er eine Ausnahme. Er entwirft in Zusammenarbeit mit Karl Lagerfeld die Modelle für die Haute-Couture-Kollektionen. Lagerfeld ist selbst treuer und begeisterter Kunde, wie die vielen gerahmten Zeichnungen mit Dankesschreiben an den Wänden beweisen.

Massaro scheint ein bisschen schüchtern. Vielleicht ist es der Umgang mit den Stars, der bescheiden macht. Zu seinen Kunden gehörte Marlene Dietrich, die sich nicht nur ihre Bühnenschuhe von ihm machen ließ. Wichtiger aber noch: Massaro fertigte 1958 den legendären Chanel-Slingpumps aus hellbeiger Seide mit der schwarzen Spitze. Stolz bringt er das allererste Exemplar des Entwurfes zur Begutachtung. Bis zu 40 Stunden Arbeit gehen in einen solchen handgefertigten Schuh von der ersten Anprobe bis zur Fertigstellung. Die Preise liegen zwischen 1500 Euro und 3000 Euro, je nach Aufwand und Material.

Machbar ist laut Massaro, der stolz darauf ist, einer der ganz wenigen orthopädischen Schuhmacher in Frankreich zu sein, alles: Jede Form, jeder Absatz, der Meister hat unerschöpfliche Fantasie und nahezu unbegrenztes Können. Das ist der Grund, warum Karl Lagerfeld so gern mit ihm arbeitet. Wenn er ins Atelier kommt, dann geht es immer zack, zack, wie Massaro sagt. "Karl Lagerfeld ist unheimlich schnell und sehr exakt - das scheint typisch zu sein für Sie Deutsche. Marlene Dietrich war genauso." Coco Chanel sei allerdings auch nicht viel anders gewesen. Lagerfeld jedenfalls tauche gegen Mittag auf, teile seine Ideen mit, und gegen 16 Uhr präsentiere er, Massaro, dann seinen ersten Entwurf. "Dann heißt es: ja oder nein." Zack, zack! Massaro macht das "unheimlichen Spaß". Überhaupt sei die Zusammenarbeit mit Chanel mehr als erfreulich. "Sie lassen mich wirklich machen und geben mir alle Freiheit." Das scheint die Kultur des Hauses zu sein. So erzählt es auch Karl Lagerfeld. "Ich kann machen, was ich will. Alles, was mir einfällt, ist möglich", beschreibt er seine Arbeit. Einen Vertrag habe er zwar mit Chanel geschlossen. Aber der sei gerade mal eine Seite lang. "Wegen der Banken", so Lagerfeld. Wenn es nach ihm und Eigner Alain Wertheimer gegangen wäre, hätten sie ihre Zusammenarbeit per Handschlag besiegelt.

Die Geschäfte für Massaro und die anderen Ateliers laufen derzeit gut. Bruno Pavlovsky ist "sehr zufrieden mit der Entwicklung". Aber darum geht es ihm erst in zweiter Linie. Für ihn ist wichtig, dass Chanel auch in Zukunft die Zulieferer hat, die das Modehaus für seine Kollektionen braucht. Wahrscheinlich liefe das Geschäft für die eine oder andere Manufaktur ohne Chanel längst nicht mehr so reibungslos. Positiv wirkt sich auch aus, dass Chanel den Betrieben in administrativen Fragen unter die Arme greift.

Die Zeiten, in denen die Inhaber solch kleiner Handwerksbetriebe reich werden konnten, sind passe. Raymond Massaro hat wie auch Francois Lesage einen Abzug eines ganz besonderen Fotos in seinen Räumen hängen. Es zeigt die "vier Musketiere". Vier Männer in den besten Jahren, lachend im Smoking. Sie sehen sorglos aus, siegesbewusst. Sie waren die Lieblinge der Couturiers. Es sind der Hutmacher Michel, André Lemarié, Francois Lesage und Raymond Massaro.

Sie und ihre Unternehmen haben viele der großen Couturiers überlebt. Heute leben sie in einer Art Symbiose mit ihren verbliebenen Abnehmern. Ohne den einen könnte der andere nicht sein, was er ist. Und ohne die Handwerkskunst könnte die Haute Couture nicht wieder erstarken. Die Zukunft aber, daran hegt Bruno Pavlovsky nicht den geringsten Zweifel, sieht für die Symbiose-Partner rosig aus. Chanel schicke seine Kollektionen mit großem Erfolg zu exklusiven Extra-Schauen um die Welt. Im vergangenen Frühjahr etwa nach Indien. "Nein", sagt Pavlovsky, "die Haute-Couture-Kundin ist nicht zu alt." Oder zu arm. Oder zu sparsam. Die neue Kundin sei jung und komme von überall auf der Welt. Aus Amerika, Asien, sogar aus Europa.

Selbstverständlich kann sich eine solche Frau beinahe alles kaufen, was für Geld zu haben ist. Sie hat hohe Ansprüche und deshalb befindet sie sich auf der ewigen Suche nach etwas wahrhaft Exklusivem.

Was könnte exklusiver sein als ein Haute-Couture-Kleid? Von einem namhaften Couturier für eine berühmte Firma entworfen, in unzähligen Stunden von Hand gefertigt, aus den besten Materialien? Ein solches Kleid gibt es nur ein einziges Mal.

Doch um es wirklich tragen zu können, braucht es nicht nur Geld, sondern auch Zeit: Die Kleider sind auf Mannequin-Maße genäht. Und die haben die wenigsten Kundinnen. Also müssen Nähte aufgetrennt, Blumen und Stickereien versetzt, neue aufgestickt werden. Das dauert. Manchmal bis zu drei Monate, oft sind mehrere Anproben nötig, gewöhnlich im Pariser Atelier von Chanel.

Und es scheint genau dieser Aufwand zu sein, der Kundinnen reizt, die gewohnt sind, alles sofort zu bekommen. Pavlovsky sagt, es sei wichtig, über das Procedere "eine ganz besondere Beziehung aufzubauen". Vermutlich aber ist etwas ganz anderes viel entscheidender: Nirgendwo ist Warten so köstlich wie in der Rue Cambon auf ein Haute-Couture-Kleid von Chanel.