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FREUNDE STATT SYMBOLE

SIDO war mal arm. Jetzt ist er ein HIP-HOP-STAR. Und kann sich alles leisten. Na und?


"Weiß du, was heute Luxus für mich ist? Privatsphäre. Das ist, was mir wirklich fehlt. Ich liebe es zum Beispiel, zu Real zu gehen, diesem Supermarkt. Da gibt es echt alles, ich könnte dort stundenlang einkaufen - aber ich kann es nicht. Nach fünf Minuten haben fünf Leute Fotos von mir gemacht. Das passiert mir überall, sogar am Strand haben sie mich geknipst. Da war ich mit meiner Wampe in der "Bild". Wenn es die nicht gäbe, diese Paparazzi, wäre das Luxus für mich. Aber es ist nun mal so: Luxus ist immer genau das, was einem gerade fehlt." Tja, so ist das: Lange träumt man vom Erfolg, und wenn man ihn endlich hat, gibt es neue Probleme. "Das Ende der alten Mühen ist der Anfang von neuen Mühen", sagt Sido. Der Berliner Rapper aus dem Neubaugebiet Märkisches Viertel (siehe brand eins 06/2004) muss es wissen - er hat in den vergangenen zwei Jahren eine erstaunliche Karriere geschafft: Nachdem seine Plattenbau-Hymne "Mein Block" 2004 zum Hit geworden war, verkaufte sich sein Debüt-Album "Maske" mehr als 300 000-mal. Es folgten weitere erfolgreiche Singles, mit dem Rapper Harris eine CD unter dem Namen "Deine Lieblingsrapper", Konzerttouren, Fernsehauftritte, Preisverleihungen und so weiter. Normal, was Stars eben so machen, könnte man sagen. Nur fühlt sich das alles wohl kaum normal an, wenn man wie der 26-Jährige vor nicht allzu langer Zeit noch zur Unterschicht gehört hat und manchmal nicht genug Geld für Essen hatte. Natürlich hat Sido davon geträumt, sich irgendwann alles kaufen zu können. Eine Goldkette zum Beispiel, das ultimative Statussymbol im Hip-Hop, Wie ist es, wenn plötzlich alles geht?

"Im ersten Moment geht man raus und haut richtig Geld auf den Kopf. Man kauft sich Sachen, die man früher nicht hatte. Ich habe mir sogar Spielzeug gekauft, He-Man-Figuren, die ich früher nicht haben konnte. Die stehen jetzt nur rum bei mir, aber die waren mir wichtig. Und anderes banales Zeug. Ich habe Hummer gegessen und weiß jetzt: Hummer schmeckt mir nicht. Aber nun kenne ich das und brauch' es nicht mehr. Ein paar Sachen gefallen mir auch. Ich habe mir ein Auto gekauft, einen Volkswagen Tuareg, Vollausstattung, 22-Zoll-Felgen, mit Playstation, DVD-Player, Fernseher, alles drin. Obwohl ich keinen Führerschein habe. Aber ich habe einen Fahrer, der kriegt jeden Monat sein Geld." Und du bist herumgereist?

"Ja, viel. Mein Horizont war früher ganz klein. Ich bin kaum aus dem Märkischen Viertel rausgekommen, mal auf den Ku'damm, das war schon ein Highlight. Jetzt war ich in New York, in Miami, Ibiza, Mallorca, in der Türkei. Ich fliege sogar manchmal nach Paris, wenn da eine Party ist." Im Märkischen Viertel scheinst du nur noch selten zu sein.

"Ich wohne da nicht mehr. Irgendwann standen richtig große Busse vor meiner Tür, mit Leuten, die mich sehen wollten. Mein Hausflur war mit Telefonnummern vollgeschrieben, bis an meine Wohnungstür. Da war es für mich vorbei." Du hast doch gesagt, das Märkische Viertel sei dein Zuhause.

"Das ist es immer noch - im Herzen. Auch wenn die Leute dort denken, jetzt, wo ich weg bin, habe ich sie vergessen. Aber natürlich habe ich nicht mehr so viel Zeit wie früher. Und wenn ich viel Stress habe, denke ich nicht immer dran, alle anzurufen. Das ist schade, doch man muss damit leben." Die alte Geschichte: Wenn einer Erfolg hat, denken die alten Freunde, er könne nun den Erfolg mit ihnen teilen. Es ist wie mit Intelligenz oder Geld: Wer wenig hat, kann sich nicht vorstellen, dass viel zu haben auch ein Problem sein kann. Was einige Menschen ebenfalls nicht verstehen: Viel Erfolg heißt nicht weniger Arbeit -sondern mehr. Interviews, Fernsehtermine, Konzerte, immer unterwegs, und alle wollen was von dir. Für die eigentliche Arbeit des Künstlers, etwa das Songschreiben, bleibt häufig wenig Zeit.

"Ich habe viel gearbeitet. Und mir viel Zeit für das Schreiben meines neuen Albums genommen. Also nicht mal für das Schreiben, aber ich habe lange darüber nachgedacht, worüber ich schreiben will. Als mir das klar war, bin ich zwei Wochen nach Ibiza geflogen, ins Studio von Michel Cretu von Enigma. Da habe ich in 14 Tagen elf Songs geschrieben." Fliegst du Business-Class?

"Nie. Ich fliege schön mit Billigfliegern. Für 29 Euro. Ich würde es nie übers Herz bringen, 1000 Euro für einen Flug zu bezahlen, wenn es ihn für 29 Euro gibt. Der Unterschied ist zu groß zwischen dem, was du bezahlst, wenn du hinten sitzt, und dem, was es vorne kostet, wo du vielleicht etwas besser bedient wirst." Für viele ist das eine Frage des Status.

"So einen Status habe ich nicht. Ich habe einen Status im HipHop, aber zu dem gehört für mich nicht, dass ich im Flugzeug vorne sitze. Und ich muss niemandem etwas beweisen." Sind Statussymbole für dich überhaupt noch wichtig?

"Früher haben mich Goldene Schallplatten beeindruckt. Jetzt habe ich selber drei, und nun ist der Zauber für mich weg. Ich weiß jetzt nämlich, dass die nicht verliehen werden, sondern dass man die selber macht, wenn man eine haben will. Du meldest an, dass du 100 000 Platten verkauft hast, dann kannst du dir eine Goldene Schallplatte bestellen, und die Verkaufszahl wird innerhalb eines Jahres überprüft - das ist das einzige Offizielle daran. Wenn der Prüfer feststellt, dass du nicht genug verkauft hast, wird dir die Goldene Schallplatte aberkannt. Ich kenne den Fall einer bekannten Sängerin, die soll gerade mal 20000 CDs verkauft haben, als der Prüfer kam. Aber du kannst die Goldene Platte trotzdem hängen lassen. Nein, viel wichtiger als solche Symbole sind mir echte Freunde. Wenn du Geld hast, kannst du jeden zum Freund haben. Aber es geht mir um die Leute, die auch für dich da sind, wenn du nichts hast. Fast alle Leute, mit denen ich viel zu tun habe, sind hier bei meiner Plattenfirma Aggro Berlin. Ich mache kaum noch etwas mit Leuten von früher." Es gibt bei Aggro Berlin keine Konkurrenz untereinander?

"Nein. Wir gratulieren uns alle gegenseitig, zu jeder CD, zu jedem Chart-Einstieg. Wenn ich gut verkaufe, hat auch Her daran mitgearbeitet, dass meine Platte gut verkauft. Und wenn Her gut verkauft, habe ich daran mitgearbeitet." Sidos Plattenfirma Aggro Berlin hat ebenfalls eine steile Karriere hinter sich: Heben Sido hat vor allem der Rapper Fler gut Geld verdient, der laut Sido "sehr produktiv" sei. Fler kommt aus noch schlechteren Verhältnissen als Sido, er war ein Heimkind, und wenn man sich ansieht, wie er sich aus dem Elend gearbeitet hat, fügt das der Unterschichtsdebatte eine interessante Note hinzu. Denn klar ist: Wer nichts hat, ist stark motiviert, das zu ändern. Nur gehen ausgerechnet diese Menschen auf die schlechtesten Schulen und haben kaum Aussicht auf eine Ausbildung - das kann für eine Gesellschaft, der ein innerer Antrieb fehlt, nicht gut sein.

Aggro Berlin sitzt jedenfalls nicht mehr in einem Keller an einer Hauptverkehrsstraße, sondern in einer geräumigen Fabriketage. Dort geht es sehr entspannt zu: Kaete, die Pressefrau, erzählt, sie habe heute Urlaub, was sie nicht daran hindert, mit uns rumzusitzen, Leute zu begrüßen oder irgendwas zu besorgen. Menschen kommen und gehen, es ist ein andauerndes Hallo. Das passt zum Bild der Hip-Hop-Familie, das Sido entwirft und das auch in den Musikvideos vermittelt wird: einer für alle, alle für einen.

Wir hören Sidos neues Album "Ich", eine sehr gute Platte eines sehr guten Rappers, der in Stücken über sein Testament (in dem er seine Freunde wie seine Feinde bedenkt) oder seinen Sohn (Rasheed, sechs Jahre alt, lebt bei der Mutter) auch keine Angst vor großen Gefühlen hat. Wie schon beim ersten Album ist die Ehrlichkeit der Texte beeindruckend - nur ist Sidos Leben jetzt eben anders.

Der britische Rapper Mike Skinner (alias The Streets) hat auf seiner aktuellen CD "The hardest Way to make an easy Living" das Leben als Star thematisiert. Unter anderem erzählt er, für ihn als Star seien eigentlich nur Frauen interessant, die ebenfalls bekannt wären, weil er alle anderen sowieso haben könnte. Sido sagte vor zwei Jahren, er wolle aus genau diesem Grund keine feste Freundin haben - es gebe so viel Auswahl. Nun ist er mit der Sängerin Doreen Steinert zusammen, die nach dem Sieg in einer Casting-Show mit der Band Nu Pagadi Erfolg hatte und inzwischen eine Solokarriere versucht. Hat Mike Skinner Recht?

"Ja. Wenn ich eine Frau hätte, die nicht prominent ist, würde die mich vermutlich anhimmeln und alles für mich tun. Für Doreen habe ich nicht diesen Status, die ist selber bekannt. Die sagt: "Komm, du kannst auch mal kochen." Das ist gut, ich brauch' jemanden, der mir Paroli bietet." Das hat früher deine Mutter gemacht, oder? Wohnt die noch im Märkischen Viertel?

"Ja, bis mein Haus fertig ist. Die soll bei mir einziehen. Aber natürlich bekommt sie jetzt schon alles, was sie will. Hey, sie ist meine Mutter! Meine Schwester bekommt ebenfalls alles." Was machst du sonst so mit deinem Geld?

"Ich habe eine Plattenfirma gegründet, Sektenmuzik. Da veröffentliche ich Rapper aus dem alten Viertel. Allerdings habe ich keine Lust, jemandem Geld zu geben, ohne dass der dafür etwas tut. Das kann ich nicht, dafür habe ich zu hart gearbeitet. Bei meiner Plattenfirma geht es ihnen wie mir: Wenn sie ebenfalls hart arbeiten und die Platte sich gut verkauft, kriegen sie Geld. Diese Chance biete ich ihnen. Alles andere wäre Freunde kaufen." Und wie steht es mit Shoppen? Gehst du gern einkaufen?

"Ich habe keinen hohen Lebensstandard, meine Ansprüche sind wie früher. Ich brauch' was zu essen und mein Gras. Ich muss nicht jeden Tag essen gehen und will keine teuren Cremes. Ich dusche auch nur mit Wasser. Aber ich kenne Leute, die noch nie in einem teuren Restaurant waren. Die einzuladen macht mir Spaß. Ich freue mich auch, wenn andere Menschen Geburtstag haben. Früher war das immer blöd, weil ich kein Geld hatte und nichts schenken konnte, vielleicht mal eine Blume. Jetzt kann ich einfach etwas kaufen. Nur wenn ich Geburtstag habe, weiß ich nicht, was ich mir wünschen soll - ich habe doch alles." Du wohnst im Moment noch zur Miete.

"Ja, in Ostberlin. Da ist es aber nicht so familiär wie in meinem alten Viertel. Keiner meiner Nachbarn grüßt mich. Ich glaube, die mögen mich nicht. Ich bin der arrogante Typ, der im obersten Stockwerk wohnt. Und ich parke mein Auto unten im Haus in der Einfahrt. Dafür bezahle ich auch. Aber ich wohne eben an einer stark befahrenen Straße, wo es wenige Parkplätze gibt. Und ich bin der Einzige, der nie einen Parkplatz suchen muss." Was ist das Wichtigste, das dir der Erfolg gebracht hat?

"Ich bin erwachsen geworden. Mein Leben ist mir was wert. Ich bin mir was wert. Deshalb sind mir auch die Leute um mich herum mehr wert. Außerdem weiß ich zu schätzen, was ich jetzt habe. Wenn ich mir andere Leute angucke, glaube ich, dass die ihr Leben nicht zu schätzen wissen, so wie die sich aufführen. Gerade die aus der Mittelschicht, die sich für was Besseres halten. Die sind so arrogant. Ich will denen echt nichts Böses, aber ich glaube, viele merken erst, was sie hatten, wenn sie es verloren haben. Mir geht es anders: Ich komme von unten, und ich weiß schon, wie es ist, wenn man nichts hat."