DIE KUNST DES TEILENS

Frau Bosch, wissen Sie eigentlich, wie groß Ihr Vermögen genau ist?


Ise Bosch: Nein. Das hat einen einfachen Grund, und der ist nicht Desinteresse: Der größte Teil meines Vermögens ist Betriebsvermögen. Und bei einer GmbH wie Bosch kann man den aktuellen Wert unmöglich feststellen. Da gibt es einen Buchwert, aber der beträgt mit Sicherheit einen Bruchteil des Marktwertes, sollte die Firma verkauft werden. Ich habe allerdings von meinem Vater auch ein Aktienvermögen geerbt. Das lege ich seit 15 Jahren nach Nachhaltigkeitsprinzipien selbst an. Zum Teil in Aktien, zum Teil in Direktbeteiligungen bis hin zu Darlehen. Da weiß ich freilich genau, was das wert ist. Ich habe dafür auch keinen Beratervertrag mit der Bank, weil ich irgendwann gemerkt habe: Eine passgenaue Beratung ist kaum zu bekommen. Außerdem machen alle Fehler, und dann mache ich die Fehler lieber selbst.

Können Sie sich vorstellen, wie es ist, kein Geld zu haben?

Nein, nicht wirklich. Vermögen gibt ein ganz grundlegendes Sicherheitsgefühl. Aber ich bin gut schwäbisch erzogen, da wurde an Groschen gespart. Es war zwar immer Geld für die großen Dinge da, aber es wurde nicht telefoniert, wenn es nicht nötig war. Das habe ich tief verinnerlicht. Ich kann von recht wenig leben, das weiß ich. Wie es jedoch ist, ohne eine Sicherheit zu leben, das weiß ich nicht.

Sie leben nicht so, wie man es von einem Mitglied einer der großen deutschen Industriellenfamilien erwarten würde. Luxus ist Ihnen nicht wichtig?

Der Begriff Luxus passt schlecht zu mir, nicht nur in materieller Hinsicht. Ich arbeite gern, und mir ist wichtig, dass die Dinge, die ich anpacke, auch tatsächlich klappen. Hierzu ist oft viel mehr Einsatz nötig, als man denkt, wenn man ein Projekt anfängt. Und das lehrt Bescheidenheit. Ich führe kein Luxusleben, sondern ein Arbeitsleben. Aber natürlich ist es Luxus, dass ich so frei und selbstbestimmt arbeiten kann. Das wiederum sollte kein Luxus sein. Das würde ich jedem und jeder gönnen. Deshalb befürworte ich auch die Idee eines Grundeinkommens.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Geld ist für mich ein Arbeitsmittel. Ich spende viel und planvoll und mit einer Strategie. Das heißt: Ich helfe Projekte mitzugründen und unterstütze sie dann langfristig mit Zeit, Ideen und Geld. Meine Schwerpunkte liegen dabei auf Menschenrechten, Rechten für Frauen und die Unterstützung sexueller Minoritäten weltweit mit dem Fokus auf Lesben.

Ist das ein Vollzeit-Job?

Das freiwillige Engagement in Projekten und Stiftungen ist eine Arbeit, die man selbst gestalten kann. Ich kann also auch entscheiden, ob das Ganze mehr oder weniger Zeit in Anspruch nimmt. Aber wenn man die selbst gewählte Aufgabe ernst nimmt und gut machen möchte, dann ist das viel Arbeit. Mein Arbeitstag geht oft von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends, unterbrochen von Musik, Sport, Haushalt, Pausen. Reisen muss ich auch viel. Aber ich sorge auch dafür, dass ich immer wieder unstrukturierte Zeit habe. Ich glaube, das brauche ich, um im Auge zu behalten, was wirklich wichtig ist.

Mehren Sie Ihr Vermögen für die Zwecke, die Ihnen am Herzen liegen?

Ich versuche da eine Balance hinzubekommen. Ich bin jetzt über 40. Ich stelle mir vor, mit 60 weiß ich noch besser Bescheid, wie ich Geld sinnvoll gemeinnützig investieren kann. Das heißt: Ich will diese Arbeit noch lange weitermachen, kann also jetzt nicht alles weggeben. Gleichzeitig will ich nicht als schwerreiche Frau ins Grab gehen - auch wenn das schwer zu terminieren ist. Leibliche Nachkommen habe ich keine, aber auch wenn ich sie hätte, würde ich ihnen wohl kaum alles zukommen lassen.

Wie kommen Sie auf die Anliegen, die Sie unterstützen wollen?

Meist hat das mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Zum einen weiß ich, dass Frauenthemen chronisch unterfinanziert sind. Mein Fokus auf Lesbenarbeit ist schlicht ein Ergebnis davon, dass ich 15 Jahre lang lesbisch gelebt habe. So wurde ich politisiert, und das vergeht nicht. Die internationale Ausrichtung hat viel mit unserer Familiengeschichte zu tun. Bosch ist von Anfang an ein globaler Konzern gewesen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Firma fast 90 Prozent Auslandsumsatz. Und das System ist nun einmal so aufgebaut, dass sich das Geld im Norden sammelt. Projekte in sich entwickelnden Ländern zu unterstützen heißt für mich auch: zurückgeben von Norden nach Süden.

Sie stammen aus einer Stifterfamilie. Wie sind Sie als Kind an das herangeführt worden, was heute Ihr Leben bestimmt?

Das ist wenig bewusst geschehen. Stiften und Spenden war der Lebensinhalt meiner Eltern. Mein Vater ist im Alter von 40 Jahren als Geschäftsführer aus dem Unternehmen ausgeschieden und hat mit seiner Ausbezahlung die Heidehof Stiftung gegründet, die sich heute vor allem in der Behindertenförderung, Hochbegabtenförderung und Seniorenbildung engagiert. Mein Vater war, so lange ich denken kann, ständig in dieser Stiftung, noch neben seinem zweiten Beruf als Psychotherapeut. Und meine Mutter hing ständig am Telefon und hat mit Leuten gesprochen, die Geld brauchten. Zudem war sie im Kuratorium der Robert Bosch Stiftung. Für uns bedeutete Geld eigentlich Stiften. Die Firma war uns viel ferner.

Sie haben einmal angefangen, Jura zu studieren, wurden dann Berufsmusikerin und sind jetzt eine vermögende Aktivistin. War das so vorgezeichnet?

Nein, natürlich nicht. Es gibt den Satz im Testament meines Großvaters: "Ich möchte in meiner Familie keine Drohnen heranzüchten." Meinen Eltern war es sehr wichtig, dass alle Kinder etwas Vernünftiges lernen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Musikerin war da immerhin ein Kompromiss. Heute setze ich mich freilich über die Vorgabe des Großvaters hinweg. Ich habe keine weiteren Einnahmequellen, sondern lebe, wenn man so will, als Privatier. Das betrachte ich aber als Lohn, den ich mir für freie politische Arbeit auszahle, also für den Aufbau von unabhängigen Organisationen.

Bringt Geld Verantwortung mit sich?

Das Wort Verantwortung ist ein großes Wort und wiegt manchmal ein wenig zu schwer. Nicht verdientes Geld macht leicht ein schlechtes Gewissen. Das schlechte Gewissen tut einen guten Dienst, weil es motiviert, aktiv zu werden. Darüber hinaus ignoriere ich es. Und dann nimmt es auch ab.

Für die Gesellschaft ist Geld ein Tauschmittel: Man bekommt es für etwas, dass man geleistet hat, und es ist als Tauschmittel sehr praktisch, weil es nicht verdirbt. Der Fehler im System ist das Zinssystem, denn es bringt zu große Geldanhäufung mit sich. Ich sehe es so, dass wirklich große Vermögen ein Problem für die Gesellschaft darstellen, zumal ethische Werte nicht automatisch mitgeliefert werden. Eher im Gegenteil. Leute, die viel Geld verdienen, haben selten die Zeit, sich über die sinnvolle Verwendung von Geld Gedanken zu machen. Und der gesamte Anlageapparat ist so aufgebaut, dass alles nur auf das Ziel Geldvermehrung hinausläuft. Da kommen viele gar nicht auf den Gedanken, sich zu fragen, wozu eigentlich. Daraus folgt aus meiner Sicht: Es geht um das, was eigentlich ein guter Staat leisten sollte, nämlich Umverteilung. Und als Spenderin kann ich spannende Dinge fördern, an die sich der Staat gar nicht traut. Wie viel spenden Sie?

Genaue Angaben möchte ich darüber nicht machen. Aber es ist ein Mehrfaches von dem, was ich für mich verbrauche.

Was ist Luxus für Sie?

Als Luxus empfinde ich es, beim Einkaufen im Bioladen nicht auf die Preise schauen zu müssen. Oder wenn ich einen neuen Kühlschrank brauche, dann kaufe ich den teuersten, der gleichzeitig wieder Energie spart. Dass ich bei so was nicht knapsen muss, freut mich. Innerlich geht es dabei wohl auch ein wenig um die Bekämpfung des Schwäbischseins.

Kühlschrank-Kategorie A++, und das war es dann schon?

Etwas grundsätzlicher gesprochen: Luxus setzt die Fähigkeit zu Genuss voraus. Und dazu brauche ich Zeit und Ruhe. Das Entscheidende sind die Umstände für Genuss. Es gibt für mich keine genüsslichere Mahlzeit als die auf einer langen Wanderung. Auch wenn es nur ein Apfel und ein Stück Schokolade ist. Zu Hause zu sein, mit meiner Arbeit, ist für mich ebenfalls ein Luxus. Je länger ich zu Hause am Stück und in Ruhe arbeiten kann, desto luxuriöser fühlt sich mein Leben an. Dann habe ich auch nicht das Gefühl, ich bräuchte einen Urlaub.

Sie haben ein Netzwerk mitgegründet, das reiche Erbinnen berät. Wer trifft sich denn da so?

Sie wären überrascht, die sehen ganz normal aus. Viele Frauen mit viel Geld im Hintergrund führen materiell gesehen ein sehr normales Leben. In unseren Gesprächskreisen finden sich auch Sozialarbeiterinnen oder Hausfrauen. Für sie stellt sich oft das Problem: Wie bekomme ich das Vermögen in mein Umfeld integriert, also zum Beispiel in meine Beziehung?

Das hört sich nach einem echten Luxusproblem an?

Vielleicht. Aber das ändert nichts daran, dass viele Erbinnen ihr Leben neu aufbauen müssen. Das gilt besonders für diejenigen, die unerwartet viel erben, was nicht so selten vorkommt. Viele dieser Frauen testen erst einmal aus, was sie sich gönnen können und wie das dann im Umfeld ankommt. In einer zweiten Phase machen sie sich dann Gedanken, ob und wie sie sich gemeinnützig engagieren können. Viele beklagen, dass sie nicht aus einer Familie stammen, wo die Werte des Gemeinsinns automatisch weitergegeben wurden. Sie fühlen sich mit ihrem schlechten Gewissen oft allein gelassen. Hier ist ein Erbinnen-Netzwerk eine gute Möglichkeit, Rat und Orientierung zu finden.

Stichwort schlechtes Gewissen. Viele Stifter und Spender sagen, dass sie Großzügigkeit zufriedener mit dem eigenen Leben macht. Wenn man so will, tauschen sie Geld gegen persönliches Glück. In diesem Sinne wäre das Teilen von Vermögen auch eine Form des Luxus?

Zunächst: Es ist völlig legitim, wenn jemand spendet oder stiftet, weil er sich danach besser fühlt oder Anerkennung von anderen bekommt. Für mich persönlich hat das seine Fallstricke, denn ich will nicht übermäßig für das Geldgeben gelobt werden. Das schafft so eine arge Distanz. Ich möchte an den Tisch kommen und mit meinen persönlichen Fähigkeiten wahrgenommen werden. Geld ist eine der Ressourcen, die man braucht und die halt zufällig ich mitbringe. In Organisationen, die von Spenden abhängen, kommt es oft zu einer unangenehmen Schieflage. Allen geht es um die gleiche Sache, doch den Reichen wird stärker zugehört, weil von ihren Entscheidungen alles abhängt. Das führt dazu, dass die Reichen auch mehr reden, was der Arbeit eher im Weg steht. Ich versuche mehr zuzuhören.

Nach dem Zuhören müssen Sie aber doch irgendwann eine Ansage machen.

Ich habe bei Fortbildungen in den USA unter anderem gelernt, auch Nein zu sagen. Als Ratgeber taugt das schlechte Gewissen gar nicht. Ich habe vor längerer Zeit einmal analysiert, wem ich in meinem Leben bis dahin größere Summen gegeben hatte und festgestellt: Das waren sehr oft Freundinnen und Freunde. Sehr viel davon ist schief gegangen. Da habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich das nicht mehr mache. Das heißt, ich habe mich professionalisiert, und das ist ein Lernprozess, der andauert.

Was würden Sie machen, wenn Sie nicht das Geld der Familie im Hintergrund hätten?

Ich könnte mir vorstellen, ich wäre an einer ähnlichen Stelle im Non-Profit-Bereich, nur eben als Angestellte. Und dann müsste ich vermutlich jeden Morgen irgendwo in ein Büro fahren. Das wäre weniger luxuriös.