Partner von
Partner von

Der Klebrige

Der Weihnachtsmann ist ein aufdringlicher Gesell. Er hat es zur erfolgreichsten Werbefigur aller Zeiten gebracht. Leider.





Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Plagen. Auf die Heuschnupfen-Epidemie im Frühjahr folgt die sommerliche Grillsaison; im Herbst treten die Laubbläser auf den Plan - und kurz darauf der größte Nerver aller Zeiten: der Weihnachtsmann. Es handelt sich um einen offensiv übergewichtigen Opa mit rotem Wams und weißem Karl-Marx-Bart, der gern an Fassaden und Balkonbrüstungen herumhängt. Unter dem Vorwand, Kinder glücklich zu machen, beschert er Erwachsenen Einkaufs-Stress und ein schlechtes Gewissen. Seine Existenz verdanken wir dem Streithansel Martin Luther - der mit der Entwicklung dieser Kreatur hin zum allgegenwärtigen Verkaufsförderer für alles und jedes aber wohl auch nicht glücklich wäre (siehe Randspalte).

Während andere Werbefiguren wie das HB-Männchen leider viel zu früh von uns gegangen sind, lebt der Weihnachtsmann munter fort und treibt sein Unwesen mittlerweile von Gelsenkirchen bis Peking - wo er vor nicht allzu langer Zeit noch verboten war - und von Nairobi bis Wladiwostok. Wenn es einen Globalisierungsgewinner gibt, dann ihn. Der Mann ist so rosig und gütig, dass es weh tut, er tritt am liebsten in Einkaufszentren, schlechten Werbespots und in Form billiger Schokolade auf.

Obwohl er ein unverbesserlicher Macho mit dickem Sack ist, an dem Freud seine Freude hätte haben können, wurde er sowohl von der Psychoanalyse als auch von der Frauenbewegung bislang weitgehend in Ruhe gelassen. Überhaupt scheint der Weihnachtsmann unverwüstlich, wie Untersuchungen von Physikern ergaben. Bei seiner heiligabendlichen Runde um die Welt ist er mit mehrtausendfacher Schallgeschwindigkeit unterwegs und hält bei jedem Brems- und Beschleunigungsvorgang mehr aus als jedes andere bekannte Wesen. So einer lässt sich selbstverständlich auch nicht von der segensreichen Initiative des Paderborner Bonifatiuswerks beeindrucken, das nach dem Vorbild von Atomwaffengegnern für eine "weihnachtsmannfreie Zone" kämpft.

Wie man überall sehen kann: vergeblich.

Weihnachtsmann-Geschichte

Anders als Anti-Imperialisten meinen, geht der Weihnachtsmann nicht auf eine Verschwörung von Coca-Cola zurück, sondern auf den Protestantismus. Martin Luther war die bei Katholiken verbreitete Heiligenverehrung ein Dorn im Auge und kämpfte deshalb gegen den Nikolaus. Als Alternative erfand er das Christkind, das am 24. Dezember Geschenke verteilt – dieser Brauch setzte sich auch in katholischen Gegenden durch.

Im 19. Jahrhundert verwandelte sich das Christkind der Lutheraner dann allerdings auf wundersame Weise – man könnte sagen: in einer Art Gegenreformation – in den Weihnachtsmann (während das Christkind in katholischen Kreisen fortlebte).

Auswanderer exportierten den Weihnachtsmann nach Amerika, wo ihm ein gebürtiger Deutscher Gestalt und Gesicht gab: Der politische Karikaturist Thomas Nast, als Sechsjähriger mit seinen Eltern aus dem pfälzischen Landau eingewandert, zeichnete ihn zu Weihnachten 1862 für die Illustrierte »Harper’s Weekly«. Der Coca-Cola-Konzern färbte den Weihnachtsmann

1931 anlässlich einer großen Werbe-Kampagne in den Firmenfarben ein und verniedlichte ihn zum ewig jungen putzigen Alten. Seither hat er sich von all seinen Wurzeln weitgehend emanzipiert und ist zu einem Avatar der Konsumgesellschaft geworden. Am weitesten fortgeschritten ist diese Entwicklung in Amerika. Dort gibt es mittlerweile einflussreiche liberale Kreise, die aus religiöser Korrektheit das christliche Wort Weihnachten nicht mehr in den Mund nehmen – statt Merry Christmas wünschen sie Happy Holidays.

Die Umbenennung des Weihnachtsmannes in Urlaubsmann wäre nur konsequent und wünschenswert.

Literatur-Tipp: Martina Eberspächer: Der Weihnachtsmann – zur Entstehung einer Bildtradition in Aufklärung und Romantik. Book on Demand, 399 Seiten; 29,80 Euro

www.weihnachtsmannfreie-zone.de