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Das ultimative Computerspiel

Vergesst Kalaschnikow! Die neue russische Weltmarke heißt Kaspersky. Bei der Antivirus-Software treffen russische Tugenden und amerikanisches Denken zusammen.




• Reportagen über Kaspersky Lab beginnen meist mit Jewgenij Kaspersky. Und mit der knöchernen Keule, die der Virenjäger den Journalisten zu präsentieren pflegt: „Schauen Sie, der Penisknochen eines Walrosses ...“ Aber die Geschichten könnten genauso gut mit Natalya Kaspersky anfangen: in ihrem Büro, klein für die Mitbegründerin einer Weltmarke, sehr aufgeräumt und sehr hell, mit einem Aquarium mittendrin. Natalyas herbstgraue Augen betrachten ihr Gegenüber freundlich. Sie sagt: „Wir haben uns immer auf die Technik konzentriert, bei uns sind mehr als 40 Prozent der Mitarbeiter Virenanalytiker und Programmierer, 25 bis 30 Prozent sind in der Branche normal.“ Die Antworten der 40-jährigen Generaldirektorin klingen so einfach wie kompetent. Man hört ihr gern zu, vielleicht auch wegen ihrer tiefen, schönen Stimme, um die sie jede Fernsehmoderatorin beneiden würde. „Wodurch sich unsere Unternehmenskultur von den anderen unterscheidet?“ Natalyas Lächeln verschiebt sich in Richtung Ironie. „Das kann ich Ihnen nicht sagen, die Konkurrenz lädt mich nicht zu sich ein.“ Unternehmenskultur sei etwas, das sich erst noch entwickle. Etwas, über das sie sich offenbar noch wenig den Kopf zerbrochen hat. Schließlich sagt sie: “ Vielleicht, dass wir besonders Wert auf Offenheit gegenüber der Belegschaft legen.“ Wir sitzen im fünften Stock eines modernen, aber fantasielosen Bürokartons, der genauso gut in Hamburg wie in Moskau stehen könnte. Eine unauffällige Adresse an einer Straße, die vor allem als Schleichweg bekannt ist, um ohne Stau auf die Wolokolamsker Chaussee zu gelangen, Moskaus großer Ausfallstraße nach Nordwest. Dort liegt das Hauptquartier der bekanntesten russischen Software-Firma Kaspersky Lab oder russisch Laboratija Kasperskogo: eine Firma mit einer globalen Mission, aber mit einer sehr russischen Seele.

Die internationale Fachwelt ist begeistert – die Kunden rund um den Globus auch Russland exportiert Öl, Gas und Tennisspielerinnen, aber nur wenige russische Unternehmen liefern Technik, die international konkurrenzfähig ist. Kaspersky Lab produziert virtuelle Sicherheit für Internetnutzer und hat nach Kalaschnikow russisches Know-how endlich wieder in Qualität mit Weltruf verwandelt. Den Heimatmarkt beherrscht die 1997 gegründete Geschlossene Aktiengesellschaft längst: Ihre Antiviren-Programme schützen 60 Prozent der computerisierten Haushalte und Kleinbetriebe sowie 40 Prozent der Großunternehmen des Landes, unter anderem die Russische Zentralbank, diverse Ministerien und den Kreml. Jenseits der Grenzen dominieren nach wie vor die großen US-Firmen: Symantec und McAfee, außerdem hat der Gigant Microsoft ein eigenes Virenprogramm auf den Markt gebracht. Aber was die Qualität der Viren-Software angeht, kann Kaspersky Lab den Marktführern durchaus Paroli bieten.

Die Fachwelt jedenfalls verteilt Bestnoten. Die neue Kaspersky-Software Anti-Virus 6 erhielt vom unabhängigen Virentestverein Checkvir.com als eines von acht Programmen das Gütesiegel „Standard“, was ebenso Höchstwertung bedeutet wie das “ Advanced+“, mit dem AV-Comparatives.org den Kasperky-Virenscanner bewertete, nachdem dieser 99 Prozent der Viren erwischt hatte. „Trotz sehr viel Wettbewerb in der Virenlandschaft, überragt Kaspersky Anti-Virus 6 die Produkte von Norton und McAfee, die später auf den Markt kamen, noch um Hauptesgröße“, schreibt Robert Vamosi vom Fachblatt „CNET“, das den Moskauer Antivirus als bestes Virenscan-Programm des Jahres getestet hat. „Kaspersky liefert Virenscanner, die mit am schnellsten auf neue Viren reagieren“, so das Urteil von Dirk Knop von der deutschen Computerzeitschrift „C'T“. Egal, ob die Software für private Anwender oder für Firmennetze programmiert sei, „von der Qualität her ist Kaspersky immer vom mit dabei“.

Inzwischen hat Kaspersky Lab Filialen in Frankreich, England, den Niederlanden, Rumänien, Polen, China, Korea, Japan sowie den USA eröffnet. Und in Deutschland – seit 2004 gibt es eine Vertretung in Ingolstadt. Die Firma kommt auf rund drei Prozent des deutschen Marktes, es werden bald mehr sein, im vergangenen Geschäftsjahr verzeichnete man ein Umsatzplus von 110 Prozent.

Der deutsche Bundestag gehört ebenso zur Kundschaft wie Airbus oder BBC Worldwide. Kaspersky mausert sich vom Geheimtipp zum Mercedes unter den Antiviren-Programmen. So wie sich unter den Kühlerhauben ausländischer Automarken oft deutsches Know-how verbirgt, so stecken auch in den Virenschutzpaketen vieler westlicher Firmen Kaspersky-Programme.

Natalya versichert, sie sei in ihrer Seele Geisteswissenschaftlerin, habe von Mathematik wenig Ahnung und auch sonst keine Superfähigkeiten. „Ich arbeite einfach, seit zwölf Jahren beschäftige ich mich mit dieser Sache.“ Die Generaldirektorin gilt als ein Hauptgrund für den Erfolg von Kaspersky Lab. Sie war es, die ihren anfangs widerstrebenden Mann 1997 dazu bewegte, eine eigene Firma zu gründen. Und sie baute später das Marketing- und Vertriebsnetz für die Virenfallen auf, die Kaspersky und seine Mannschaft bastelten. Mit Ausdauer, Fleiß und Organisationstalent – Tugenden, die in Russland als weiblich gelten.

Preußische Fürsorge, Transparenz für Mitarbeiter und Aktionäre – so kann eine russische Firma sein Natalya sagt, sie habe angefangen, Antiviren-Software zu verkaufen, weil sie Geld verdienen wollte. Geld, das ist die Motivation, die Moskau heute mehr denn je beherrscht. Es wimmelt von Holdings, die gleichzeitig Spielcasinos betreiben, mit elitärem Wohnraum oder Importobst handeln. Aber die Kasperskaja managt ihr Laboratorium längst aus Überzeugung: „Ich weiß nicht, ob ich zum Beispiel mit Tomaten handeln könnte, das ist auch ein Geschäft, aber mich interessiert es nicht. Mich interessiert meine Arbeit, weil wir etwas erzeugen, das das Leben der Menschen verbessert, ihnen den Umgang mit Computern erleichtert.“ Westlichen Image-Machern mag diese Botschaft banal vorkommen. Aber für Russland ist die Idee, den Weltmarkt mit etwas Gutem zu erobern, neu. Etwas ganz anderes als der neurussische Unternehmertraum, rauszugehen und Multimillionär zu werden, egal wie, womit oder wozu.

Die Unternehmenskultur bei Kaspersky Lab ist wenig russisch. Schon die Wachmänner unten an der Pforte interessieren sich weniger dafür, ob meine Papiere echt sind, ob ich wirklich unbewaffnet bin oder ob mich oben wirklich jemand erwartet, sondern ob ich den Weg allein finde. Das Interieur im fünften Stock ist minimalistisch, mit viel Glas und Fußbodenkacheln, die so beruhigend schiefergrün sind wie die Verpackungen der Kaspersky-Software. Der mannshohe Drachenbaum gegenüber der Rezeption steckt in einem Topf mit Pflegeanweisung: „Dracaena Compacta. Alle vier Tage mit einem halben Glas Wasser gießen. Nicht besprühen.“ Geradezu preußische Fürsorge. Die meisten der gut 500 Mitarbeiter scheinen noch Twens zu sein. „Man fühlt sich hier furchtbar jung“, sagt Cristel Baskowa, die einzige Deutsche im Unternehmen. Die 41-Jährige ist Redakteurin der deutschen Firmen-Websites www.kaspersky.de und www.viruslist.de.

Sportschuhe zu tragen ist in Moskau längst keine Sensation mehr. Auch in Werbeagenturen oder Zeitungsredaktionen finden sich „Kreatiwschtschiki“ mit Jeans und betont wilden Frisuren, auch Immobilien-Holdings oder Geschäftsbanken möblieren ihre Großraumbüros möglichst westlich. Allerdings entlohnt die russische Privatwirtschaft ihre Angestellten größtenteils mit Schwarzgeld im Briefumschlag, um Lohnsteuern und Rentenbeiträge zu sparen. Kaspersky Lab dagegen zahlt „weiße“ Gehälter, mit allen Sozialabgaben. Und versichert Mitarbeiter und ihre Kinder medizinisch, finanziert ihnen Mittagessen und Handy-Einheiten, subventioniert ihr Training im Fitness-Studio, bietet im Büro kostenlose Fremdsprachenkurse an, von Deutsch bis Japanisch.

„Aber vor allem wollen wir, dass unsere Leute wissen, was in der Firma passiert“, sagt Natalya Kaspersky. Einmal jährlich legt die Geschäftsrührung nicht nur den Aktionären, sondern auch der Belegschaft Rechenschaft über die Geschäftsentwicklung ab. „Das Klima hier ist sehr offen“, versichert Cristel Baskowa. „Die Mitarbeiter werden ermuntert, Fragen zu stellen und Vorschläge zu machen.“ Betriebsinterne Glasnost, auch das die Ausnahme von der üblichen Geheimniskrämerei, mit der russische Bosse ihr Herrschaftswissen vor den Untergebenen hüten.

Nicht, dass es bei Kaspersky Lab keine Hierarchie gäbe. Aber dort sitzt nicht das Management ganz oben, im sechsten Stock, sondern die Fachleute, die Antivirenkrieger.

„Ich habe es nur bis zum Oberstleutnant gebracht“, sagt Jewgenij Kaspersky, 41, und holt dabei grinsend die grüne Jacke einer sowjetischen Paradeuniform aus dem Schrank. Kasperky ist gemeinsam mit seiner Exfrau Natalya Gründer der Firma und ihre Galionsfigur. Er bezeichnet sich bescheiden als „Leiter der Virenforschung“. Aber er gehört mit 17 Jahren Berufserfahrung zu den dienstältesten Virenjägern weltweit, er studierte an der Moskauer KGB-Hochschule die Kunst des Chiffrierens. Seinen ersten Virus erwischte er 1989 auf einem Computerbildschirm in einem Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums. Jetzt trägt der ehemalige Sowjetoffizier Jeans und ein Hemd, dessen offener Kragen silberdrahtige Brusthaare entblößt. Er sitzt für jeden sichtbar in einer spartanischen Bürozelle mit Glaswand. An der hängt statt des im statusgeilen Moskau unvermeidlichen Namens- und Titelschildes eine angelsächsische Albernheit: „Eugene's Escape.“ Eigentlich sind im neopatriotischen Geschäftsrussland Anglizismen out. Auch Selbstironie muss man lange suchen. Jewgenijs Porträt aber prangt im Che-Guevara-Outfit auf den roten T-Shirts, die an Gäste verschenkt werden: „Eugene Kaspersky. Viruses no pasarán!“ „Den besten Virenschutz gibt es nicht“, Jewgenij-Eugenes Zähne blitzen, „so wie es die beste Praline nicht gibt.“ Er erklärt gut gelaunt, dass die verschiedenen Programme auf dem Markt ganz verschiedene Nutzer mit verschiedenen Computern und Bedürfnissen bedienten. „Für bestimmte Aufgaben sind unsere Lösungen vielleicht nicht optimal.“ Kaspersky gilt als führender Theoretiker der Branche, und er spricht gern über den Antivirenmarkt und die Virenguerilla, die sich in den vergangenen Jahren zusehends kriminalisiert habe. „Früher schrieben meistens Schuljungen Viren, um auf sich aufmerksam zu machen.“ Jetzt tüftelten dagegen Hacker aller Altersklassen und aller Herren Länder an Programmen, um Bankverbindungen oder Geschäftsgeheimnisse aus PCs, Firmennetzen oder Mobiltelefonen stehlen zu können. Oder um Firmen damit zu erpressen, dass man ihre Website lahmlegen könne.

Jewgenij formuliert locker, eher amerikanisch als russisch: „Ein Computer, der ans Internet angeschlossen ist, ist so sicher oder unsicher wie Sex.“ Das Kommunikationstalent mit dem kalifornischen Lächeln verkörpert das polyglotte Selbstverständnis der Firma: Wir sind global, gut drauf und haben die Lage an der Virenfront im Griff.

Sobald man Jewgenij allerdings auf die eigenen Erfolge anspricht, wird er sachlich wie seine Exfrau. „Wir haben uns immer auf die Technik konzentriert.“ Beide scheinen überzeugt zu sein, dass sich durchsetzt, was gut ist. „Unsere Leute gehen oft einfach zum Systemadministrator eines potenziellen Kunden und sagen: „Wir wollen gar nichts bei Ihnen installieren, aber lassen Sie uns einfach Ihren Computer nach Viren durchsuchen“, erklärt Natalya. „Drei, vier Viren oder Trojaner finden sich fast immer, danach langen die Leute an nachzudenken.“ Die Virenjäger sind gründlich – und nun auch schnell Andererseits klagen gerade russische Kunden, Kaspersky sei „zu schwer“. „Wir können montagmorgens nicht am Computer arbeiten“, schimpft die Finanzmanagerin einer Moskauer Baustorffirma, „weil unsere Computerleute am Wochenende Kaspersky eingeschaltet haben. Der durchwühlt unser System so gründlich nach Viren, dass es lahmgelegt ist.“ Viele russische Computerfreaks setzen auf Antivirenprogramme von Dr. Web aus St. Petersburg, die seien schneller, leichter und nicht so pingelig.

Kaspersky scheint die deutschere Lösung zu sein. „Die Deutschen ziehen tatsächlich Sauberkeit auf ihrer Festplatte vor, auch wenn sie langsamer arbeitet“, bestätigt Natalya Kasperskaja die Seelenverwandtschaft. Aber sie versichert, die neue 6er-Version für PCs sei leichter geworden und störe den laufenden Betrieb nicht mehr, ohne an Qualität eingebüßt zu haben.“ Solche Kritik bezieht sich wohl auf ältere Versionen“, bestätigt auch Dirk Knop von „C'T“. „Inzwischen haben Kaspersky-Scanner eine Technologie integriert, die bei schon einmal gecheckten Dateien nur anklopfen, um zu prüfen, ob sie sich verändert haben.“ Das spare im Alltagsbetrieb viel Zeit.

In Russland geht es oft nur bedingt um Qualität. Dort setzen sich häufig genug schlechtere Produkte durch, weil deren Hersteller den Einkäufern der Großkunden mehr Schmiergeld zahlen. Um allerdings mit Computerviren fertig zu werden, helfen auch hinterm Ural weder Dollarbündel im Briefumschlag noch Mitarbeiter mit besten Verbindungen zur Obrigkeit. Computerviren sind wie Kanalratten, aggressiv, aber unbestechlich, außerdem sind sie eingefleischte Globalisten. Rezepte gegen sie verkaufen sich nur, wenn sie weltweit funktionieren. Wer auf dem Markt verkaufen will, der muss seine Produkte möglichst laut, also auf Englisch anpreisen. Kein Wunder, dass man bei Kaspersky Lab protestantische Arbeitsethik und amerikanische Schreibweisen praktiziert.

Dabei produziert das Virenlaboratorium erzrussische Qualität. So russisch wie das Kindergesicht des 29-jährigen Alexander Gostjew. Der ist aschblond, hat eine Stupsnase und himmelblaue runde, sehr arglos schauende Augen. Als Kind hätte er sich vor allem für Geschichte begeistert, erzählt er. „Mathematik war nie meine Stärke, immer nur vier plus.“ Auch Gostjew pflegt das firmenübliche Understatement. „Ich habe wohl deshalb als Schüler bei den Stadtolympiaden im Programmieren immer nur dritte Plätze gemacht.“ Er saß vor 17 Jahren zum ersten Mal vor einem Computer, in Syktywkar, einer Provinzhauptstadt im russischen Nordosten. Er besuchte nachmittags einen freiwilligen Computerkurs, zwei Doppelstunden die Woche vor einem „Yamaha MSX Basic“, einem Oldtimer ohne Systemspeicher. PCs waren Mangelware, Gostjew oder andere Jungs, die sich fürs Programmieren begeisterten, hatten nur sehr wenig Zeit, um ihre Ideen am Bildschirm auszuprobieren. Also schrieben sie ihre Befehle zuerst auf Papier und dachten nach, bevor sie sie eintippten. „Vielleicht sind sowjetische Programmierer deshalb so gut“, sagt Jewgenij Kaspersky.

Noch als Schuljunge knackte Gostjew seinen ersten Code, entdeckte seinen ersten Virus. Mit 17 scheiterte er knapp bei der Aufnahmeprüfung zur Historischen Fakultät, statt als Student heuerte er als Systemadministrator an der Universität Syktywkar an. Die Viren, die er erwischte, speicherte er, sammelte sie und begann sich per Internet mit anderen provinziellen Einzelkämpfern gegen die böse Software auszutauschen, aber auch mit Kaspersky, der schon damals als Nimrod der Szene galt.

Heute gehört Gostjew zu den acht Virenexperten bei Kaspersky, die zusammen mit den Virenanalytikern in einem Großraumbüro im sechsten Stock versammelt sind: Die Virenabteilung zählt insgesamt 24 Leute. Jenseits der Glaswand breitet sich die Großbaustelle Moskau aus, lärmt und kreischt, stemmt immer neue Bürohochhäuser und Wohntürme empor.

Vor diesem Panorama wirkt die Virenabteilung wie ein exklusives Internetcafé. Zwei junge Männer unterhalten sich leise, sie grinsen. Über den Köpfen des Antivirenkommandos hängt ein Monitor, auf dem Mails mit mutmaßlichen Viren einlaufen, 550 täglich. Dort oben leuchten auch die Namen der Diensthabenden und die Anzahl der von ihnen erlegten Computerlindwürmer, insgesamt etwa 200 in 24 Stunden. Dieselben unendlichen Zahlen- und Buchstabenreihen fließen über die PC-Bildschirme der Virenjäger. Sie beobachten sie mit passionierter Routine, wie Angler am Fluss, die an einer Kräuselung des Wassers den Fisch darunter erspüren.

„Siehst du das und das und das? Das ist nicht normal. Da steckt ein Virus.“ Mit diesen Worten erklärte Jewgenij Kaspersky Alexander Gostjew vor drei Jahren wie man Viren auf einem Computerbildschirm entdeckt.“ Damals brauchte ich noch Stunden, manchmal Tage um ein Programm zu durchsuchen, den Virus zu finden und zu analysieren“, Gostjew lächelt so gern wie sein Boss. „Heute geht das in Sekunden.“ In Worte sei das kaum zu fassen, sagt Gostjew, das habe eher etwas mit Gefühl, mit Intuition zu tun.

Gostjew ist inzwischen einer der Stars der Firma, er gibt Rundfunk-Interviews, schreibt Kommentare für Fachzeitschriften und lehrt selbst. Kaspersky Lab hat seine Nachwuchsauslese immer mehr systematisiert, kooperiert mit mehreren russischen Universitäten vom sibirischen Akademgorodok bis zu Woronesch am Don, lädt Talente zu Praktika ein, stellt ihnen Analytiker als Mentoren zur Seite. Eine der wenigen Branchen in Russland, in denen selbstbewusste, aber unfähige Millionärssöhne keine Chancen haben. Und bevor ein Kandidat eingestellt wird, recherchiert die Firma gründlich seine Internet-Biografie. „Wir tun alles, um uns vor Leuten zu schützen, die eine Hackermentalität haben.“ Jetzt hört sogar Jewgenij auf zu grinsen. „Wenn einer mal Viren geschrieben hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass er es ein zweites, ein drittes Mal tun wird.“ Ein Kampf, so spannend wie ein Computerspiel – allerdings real Ein Virenhersteller im Laboratorium, das wäre der schlimmste aller Trojaner. Denn Kaspersky Lab ist nicht nur eine Aktiengesellschaft, Kaspersky Lab ist auch ein Frontabschnitt – im www-weiten Krieg der Virenjäger gegen die Virenschreiber. Man tauscht sich regelmäßig mit der Konkurrenz aus und vergleicht neu entdeckte Viren, denn es geht nicht nur um Marktanteile: Es geht gegen einen gemeinsamen, immer bösartigeren Feind.

Die Moskauer Frontkämpfer machen eher gelassene als martialische Gesichter. Aber Alexander Gostjew sagt, er habe nirgends so viele Leute zusammen gesehen, die sich so für eine Sache begeisterten, wie in der Kaspersky-Antivirenabteilung. „Selbst wenn einer auf den Flur zum Rauchen geht, ist er nach drei Zügen an seiner Zigarette wieder da.“ Vielleicht auch, weil hier das ultimativste aller Computerspiele gespielt wird. Und gleichzeitig das realste: Die Ritter dieser Tafelrunde schützen den friedlichen Rest der Computerwelt vor den weltweiten Attacken immer neuer Bösewichte, die sich mit immer neuen Tücken und Dolchen an ihre Opfer heranschleichen. „Wir freuen uns jedes Mal“, Gostjew lächelt sanft, „wenn wir wieder einen aufs Kreuz gelegt haben.“ Aber hinter dem Kollektivgeist im Laboratorium steckt auch erzrussischer Gemeinschaftssinn. „Andere Antivirenfirmen haben ihre Experten über die ganze Welt verstreut. In Thailand, Indien oder Kalifornien. Unsere Mannschaff sitzt in einem Büro“, erklärt Kaspersky. „Ich glaube nicht an Telefon- und Internetkonferenzen. Am besten kann man voneinander lernen, wenn alle beisammen sind.“ Schon unter Katharina der Großen bearbeiteten die russischen Bauern ihre Acker gemeinsam.

Das Kollektiv entwickelt neue Triebe, bringt Ende des Jahres eines der ersten Virenschutzprogramme für Mobiltelefone auf den Markt und arbeitet an einem Antiphishing-Paket, um Virenschreibern das Handwerk zu legen, die sich auf Datendiebstahl spezialisiert haben. Die Tochterfirma Infowatch bietet inzwischen Software und Service für internen Datenschutz in Großbetrieben an.

Jewgenij Kaspersky plant derweil den entscheidenden Schlag gegen das virtuelle Verbrechen. Er plädiert für den Aufbau eines neuen, sichereren Internets. Wer sich dort einlogge, müsse sich mit einer Chipkarte registrieren, wie am Bankautomat. „Jeder Nutzer bekommt quasi ein Nummernschild oder einen Personalausweis“, sagt Jewgenij. „Das würde dem Chaos, das heute im Netz herrscht, ein Ende machen.“ Dabei hat er keine Angst, dass das neue Netz die Nachfrage nach Antiviren-Software ruiniere, zumindest nicht nach Kaspersky-Software. „Es gäbe immer Arbeit, durch Kriminelle, die sich fremder Karten bemächtigen oder mit einem Kamikaze-Angriff versuchen, einen Coup zu landen.“ Der Guru grinst. „Wir hätten viel weniger Gegner, aber das wären Vollprofis.“ ---