Partner von
Partner von

Das Ideal

Was ist nötig, was überflüssig? Was braucht der Mensch? Vor allem eines: eine Vorstellung davon, was er will. Warum das Wünschen doch noch hilft.




I. WUNSCHLOS Als im Oktober 2006 der große Lotto-Jackpot zu gewinnen war, schwärmten Reporter aus, um eine einfache Frage zu stellen. Ihre Antworten fanden sie vor Supermärkten und Einkaufszentren, dort, wo das sogenannte einfache Volk seine Lottoscheine abgibt. Menschen tun so etwas, weil sie angeblich ein ganz anderes Leben führen wollen, ein besseres. Die Frage der Reporter lautete: Was würden Sie mit all den Millionen anfangen?

Die Antworten: Ich würde mal in Urlaub fahren. Ich würde ein neues Auto kaufen. Ich würde ein neues Auto kaufen und ein Haus, dann in Urlaub fahren, vielleicht Mallorca? Und immer wieder auch diese: Boah, keine Ahnung.

Solche Umfragen sind lehrreicher als hundert Sozialdebatten. Wissen die Leute tatsächlich mit einem Haufen Geld nichts Besseres anzufangen als das, was sie schon kennen und zu einem großen Teil haben? Urlaub, Karre, Eigenheim - das ist, wenn man die Ergebnisse der eiligen Umfrage zusammenfasst, der Stoff, aus dem die Träume sind. Und als eine Woche später der Gewinner des Jackpots feststand, erfuhren wir, dass der Mann, ein 41-jähriger Krankenpfleger aus Westfalen, nicht das Geringste an seinem Leben ändern wollte. Da war die Nation gerührt. Das könne nun, hörte man überall, nichts anderes bedeuten, als dass der Mann glücklich und zufrieden ist.

In der deutschen Kultur ist zurückgezogene Beständigkeit ein hoher Wert, das war immer schon so, und man kann es bis heute sehen. Während in England, Frankreich und Italien die Gotik nach oben strebte, Barock und Rokoko ihre verschwenderische Pracht entfalteten, fand die deutsche Seele erst spät zu ihrem Stil: dem Biedermeier.

Und der regiert bis heute. Was wünschen sich die Deutschen? Klar, das, was alle wollen - Friede, Freude, Eierkuchen - doch was bitte genau? Gibt man die Frage "Was wünschen sich die Deutschen?" als Suchbegriff bei Google ein, finden sich ganz vom Antworten wie "Zwei Drittel der Bevölkerung wünscht sich rauchfreie Gaststätten", "Die Verbraucher wünschen sich hochwertige Fertiggerichte" oder "Handys mit größerem Display". Noch Fragen?

II. DER FROSCHKÖNIG Vor geraumer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, wäre man damit nicht durchgekommen. Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm lebten im und litten am deutschen Biedermeier, und mehr als einmal mussten die Märchenerzähler und Sprachmeister vor Obrigkeiten und ihren Untertanen flüchten, die sich partout nicht mehr vorstellen wollten als das, was war.

In ihren Märchen rechnen sie mit den Wunschlosen ab, immer wieder aufs Neue. Ihre Helden sind einfache Menschen, Leute, die ihr Glück machen könnten, wenn man sie nur ließe. Im Biedermeier ist das schwer vorstellbar. Dagegen schaffen die Grimms eine Welt, in der Menschen belohnt werden, die sich anderen gegenüber großzügig verhalten, mitfühlend sind und in ihren Wünschen nicht nur daran denken, wie sie ihren eigenen Hals vollkriegen. Damit all diese nicht nur fromme Wunsche bleiben, müssen sie noch etwas können, das Allerwichtigste: Sie müssen wissen, was sie wollen. So geraten die Helden in den Märchen der Brüder Grimm nach guten Taten an eine gute Fee. Die ist eine harte Richterin, der sich die Helden stellen müssen. Drei Wünsche, wenn ich bitten darf, und wenn's geht, ein bisschen dalli! Was sagt man da? Ein Haus? Ein Auto? Mallorca? Wäre man Grimms guter Fee mit so etwas gekommen, dann hätte sie wohl das Lexikon gezückt. Pass mal auf: Ein Wunsch, mein Lieber, ist "ein Begehren oder Verlangen nach einer Sache oder einer Fähigkeit, ein Streben oder zumindest die Hoffnung auf eine Veränderung der Realität oder das Erreichen eines Zieles für sich selbst oder für einen anderen". Alles klar?

Also los, noch mal. Wünsch dir was!

Diese Regel gilt immer. Diese Regel war einst auch der Arbeiterbewegung heilig. Der Treibstoff für den gesellschaftlichen Fortschritt war, dass man es besser haben wollte als im Hier und Heute. Das geht nur, wenn man weiß, was man will. Wer sich nichts vorstellen, nichts wünschen kann, der kriegt auch nichts. Wer nicht will, der hat schon.

III. DAS MINIMUM Vor diesem ebenso einfachen wie unveränderlichen Hintergrund spielte sich im Herbst 2006 eine bemerkenswerte Debatte ab. Ausgelöst hatte sie, wohl ohne Arg, der SPD-Chef Kurt Beck. Dass Politiker berufsbedingt eine umfangreiche Märchen-Sammlung haben, ist nicht unwahrscheinlich. Jedenfalls muss Beck irgendwie an die Brüder Grimm geraten sein. Das legt sein Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" nahe: "Es gibt zu viele Menschen, die keinerlei Hoffnung mehr haben, den Aufstieg zu schaffen. Sie finden sich mit ihrer Situation ab. Sie haben sich materiell oft arrangiert und ebenso auch kulturell." Manche, so fügte Beck hinzu, würden diese Gruppe "Unterschicht" nennen.

Dazu passte, dass ein Detail einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung an die Öffentlichkeit gelangt war. "Erschreckend", "beschämend", "niederschmetternd" nannten daraufhin eilige Journalisten die Studienerkenntnis, dass 6,5 Millionen Bundesbürger - acht Prozent der Gesamtbevölkerung - zu den sogenannten "neuen Unterschichten" gehören. Im grauenhaftesten Soziologendeutsch wird diese Gruppe "Prekariat" genannt. Das kommt von prekär. Was so viel bedeutet wie unsicher und unklar. Echt überraschend in Zeiten wie diesen. Veränderung betrifft nun aber alle gleichermaßen, nicht bloß die, von denen vermeintlich die Rede ist: die Armen. So ist das, was unter neuer Armut, Armutsdebatte und Prekariat verkauft wird, zunächst mal eines: ein Etikettenschwindel. Denn nicht die Armen fühlen sich bedroht, sie sind bereits in der Bredouille. Angst haben hier ganz andere, nämlich die, an denen der Wohlstand gemessen wird, wie gut es der Nation geht - oder schlecht. Diejenigen also, die stets an ihren eigenen Befindlichkeiten Maß nehmen für andere: die Bürger der Mittelschicht, die Mehrheit, die Haus-Auto-Mallorca-Fraktion. Diese breite Masse, die sich nichts mehr vorstellen kann, das sind die neuen Biedermeier der Bundesrepublik. Und diese Biedermeier geraten in Bedrängnis. Schließlich könnte einen der Abstieg selbst treffen. Sollte man da nicht für ein höheres Existenzminimum plädieren? Aber: Wenn es mich nicht trifft, muss ich es bezahlen. Ein Dilemma. Der Biedermeier entdeckt die Gesellschaft. Und macht sich Gedanken ums Minimum. Was braucht der Mensch? Eine einfache Frage.

Wer mit dem Kleinsten, das bedeutet das lateinische Wort Minimum, anfängt, muss von vom anfangen. Was braucht der Mensch wirklich? Dabei geht es schlicht um die Frage von Leben oder Tod. Minimum ist zunächst ein Extremwert. Um zu überleben, ist Nahrung nötig, klar, und zwar solche, die durchschnittlich pro Tag zwischen 1800 und 2000 Kalorien liefert, eine Menge, die nach Körpergröße, Alter, Gewicht und der aufgewandten Energie variiert. Dazu zwei, drei Liter Flüssigkeit, Wasser am besten. Schutz vor Kälte und Hitze, auch das gehört zum Minimum. Doch schon Details führen zu Diskussionen: Soll man sich in einer Höhle verkriechen oder besser ein Fell überziehen? Ist das Fell wirklich nötig? Braucht man eigentlich ein Feuer, oder geht's auch ohne?

IV. ARMUT Diese Sorgen möchte keiner haben. Der ehemalige Weltbank-Präsident Robert McNamara hat eine brauchbare Definition der wirklichen Armut, des real existierenden Minimums geliefert: "Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Fantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt." Damit hat McNamara ohne Schnörkel beschrieben, wie die Sachlage heute für ein Fünftel der Menschheit aussieht - 1,1 Milliarden Weltbürger müssen täglich mit weniger als einem Dollar auskommen. Die intellektuelle Fantasie, die durch privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft in den satten Staaten, nimmt das in aller Regel bedauernd zur Kenntnis.

Sie nährt aber auch die Angst davor, dass diese Zahl geringer werden könnte. Hand aufs Herz: Wenn Länder wie China und Indien, die noch in den siebziger Jahren Millionen ihrer Bürger in Hungersnöten verloren, also absolut arm waren, zu Konkurrenten aufsteigen, dann wird der Mittelstand doch noch ein wenig nervöser, als er es in Zeiten von Armutskatastrophen in den betroffenen Ländern je war.

Unser Armutsbild hat viele Facetten, ehrenwert sind die wenigsten davon: Spenden und Almosen, die man dosieren und kontrollieren kann, gehen in Ordnung und beruhigen das sogenannte Gewissen, den besten Freund der Verdrängung. Sobald sich aber die Armen aufmachen, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wird aus Mitleid leicht Missgunst. In der Gesellschaft ist es nicht anders: Solange Armut aussieht wie eine Käthe-Kollwitz-Radierung, ist alles in Butter. Wenn Arme aber mit dem MP3-Player durch die Straßen laufen, herrscht Alarm.

V. DIE ARMEN Da hilft nur eines: Unterscheiden. Norbert Bolz, Professor für Medientheorie und Essayist, findet keines der üblichen Kriterien, an denen Armut in Deutschland bemessen wird, wirklich treffend: " Niemand ist tatsächlich in seiner Existenz bedroht. Und was noch viel wichtiger ist: Wir verwechseln ständig das Ausmaß der Armut, also die Zahl jener, die unter oder über einem statistischen Mittel liegen, mit der Perspektive, da rauszukommen", sagt er. Und nur das, die Fähigkeit, sich der Gesellschaft anschließen zu können, zählt.

Seine eigene Geschichte ist nicht anders gelaufen. Als Student, erzählt er, hat er wochenlang von Erdnüssen gelebt, im Winter fehlte das Geld für die Heizung. " Aber das war mir ehrlich gesagt relativ egal - denn ich war gerade dabei, eine hohe Qualifikation zu erwerben, ich hatte immer den Fokus auf der Aussicht, dass sich meine Verhältnisse ändern werden. Ich war vorübergehend arm, und das ist eigentlich eben nicht arm." Auch der Leipziger Soziologe Georg Vobruba sieht das als entscheidendes Kriterium an. Seit vielen Jahren erforscht der Professor die Struktur des Sozialstaats, durchforstet Armutsstatistiken und beschäftigt sich mit der Frage der sozialen Grundversorgung. "Wenn man über Armut redet, legt sich in Deutschland ein Hebel im Kopf um. Wirklich arm aber sind bei uns wenige - nämlich nur die, die keine Chance haben, ihre Lage wirklich zu verbessern. Und wie viele das sind, weiß in Wahrheit niemand, denn die meisten Armen wechseln einander ab", sagt Vobruba.

"Die Armen" als geschlossene Gruppe gibt es nur auf dem Papier, in den Statistiken und natürlich in den Köpfen jener, die Armut definieren: Sozialstatistiker, Politiker, Medien und andere, die fernab vom Schuss ihre Schlüsse ziehen. Die Armen sind keine Schicht und keine Klasse, sie verrügen über keine geschlossene Kultur, auch wenn viele, um das Bild ein bisschen konturenschärfer zu gestalten, uns das weismachen wollen. Allerdings wird nach wie vor hart daran gearbeitet, sie zu einer einheitlichen Schicht zu machen. Das geschieht überall dort, wo für diese Gruppe einheitliche Rezepte angeboten werden: Fördern und Fordern zum Beispiel, ein Fürsorgekonzept, das davon ausgeht, dass Sozialhilfeempfänger eigentlich nicht arbeiten wollen. Weil es auf der anderen Seite keine Vollerwerbsgesellschaft mehr gibt, landen diese Fälle in sinnlosen ABM-Maßnahmen oder fristen als Ein-Euro-Jobber ihr Dasein.

Dagegen hilft nur, sagt man seit langem, Bildung. Um wenigstens die nächste Generation der Kinder armer Eltern in die nächsthöhere Klasse zu expedieren, soll gelernt werden, bis die Schwarte kracht. Die Armen, das steckt dahinter, sind dumm. Mit Sicherheit ist der Zusammenhang zwischen materieller Armut und Bildungsmangel nicht von der Hand zu weisen. Doch was bedeutet Bildung? Das aktuelle Bildungssystem ist statisch. Es bietet eben nicht die Grundlagen für lebenslanges Lernen - ein Synonym für die Fähigkeit, sich rasch anpassen zu können und Chancen zu ergreifen. Aus Hauptschülern von heute werden dann leicht akademische Taxifahrer von morgen. Tatsächlich, sagt Norbert Bolz, haben gerade die, die oft und gern von mehr Bildung als Garant für mehr Lebenschancen reden, Politiker und Sonntagsredner, wenig Interesse an genau dieser Zukunft: "Der Staat hat kein wirkliches Interesse an klugen, aufgeklärten, selbstständigen Bürgern - und das ist das Ziel von Bildung: Leute, die sich selbst helfen können. Im Gegenteil: Der Sozialstaat hat nachgewiesen, dass er durch seine spezielle Form von Fürsorge die Dummheit, die Lebensuntüchtigkeit geradezu fördert", sagt Bolz.

Das gilt im Land wie in der Welt. Genau so, wie sich die einst mitleidigen reichen Staaten langsam von den sich entwickelnden Global Playern, den ehemaligen Armenhäusern China und Indien, bedroht fühlen, wird es wohl auch im Land laufen. Das Sozialideal Bildung ist nur solange okay, solange am Ende keine wirklich selbstständigen Leute rauskommen. Sonst ist die gute Fee sauer. So war das nicht gemeint!

Wünsch dir gefälligst was anderes, los!

VI. ZWISCHEN FRESSEN UND MORAL Die Überwindung von Armut entsteht im Kopf mit der Vorstellung, es besser haben zu können. In den Tagen der frühen Arbeiterbewegung gab es anrührende Bilder, kleine Gemälde, die Szenen aus dem Alltag der Proletarier zeigten. Da sah man zum Beispiel den kranken, abgearbeiteten Großvater in seinem ärmlichen Bett liegen, seine Enkel sorgenvoll neben ihm. Doch er wies mit der Hand aufs offene Fenster: Da sang ein Vogel, ein Symbol der Freiheit. Und über der Szene spannte der anonyme Maler einen Bilderbogen auf, in dem das künftig Machbare gezeigt wurde: die Kinder in guten Kleidern, bei Kaffee und Kuchen. So sollten sie leben.

In wunschlos satten Ländern vergisst man so etwas leicht. Die bessere Welt beginnt im Magen, beim Essen, neben dem Trinken und dem Schlafen eines der Elementarbedürfnisse, dem sich niemand entziehen kann, das uns schneller und regelmäßiger befällt als andere Bedürfnisse. Bertold Brecht glaubte, dass erst das Fressen käme, dann die Moral. Die Reihenfolge stimmt zwar, aber auf dem Weg von einem zu anderen gibt es noch eine ganze Reihe anderer Dinge, die zählen. Weil die französische Regentin Marie Antoinette während der Hungersnöte im Paris des Jahres 1789 den Armen angeblich empfahl, statt Brot eben Kuchen zu essen, begann die französische Revolution, die die Österreicherin vier Jahre später auf die Guillotine brachte. Heute müsste sie sich bestenfalls bei Sabine Christiansen gegen aufgebrachte Sozialmediziner zur Wehr setzen. Kuchen ist reichlich da - überreichlich, wenn man den Zusammenhang zwischen Fehlernährung und sozialer Zugehörigkeit besieht. Und zwar Kuchen, den niemand mehr backen muss.

Die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt erklärte in der WDR-Sendung "Hart, aber fair" Mitte Oktober 2006, dass viele Sozialhilfeempfänger schlicht nicht mehr kochen und haushalten könnten. Anlass dafür war ein Brief, den eine verheiratete Hartz-IV-Empfängerin mit zwei Kindern an die Ministerin geschrieben hatte: Sie betonte, dass sie wenigstens 50 Euro pro Tag für Lebensmittel brauche - darunter ginge es nicht. Die Ministerin recherchierte und stellte fest, dass bei der Briefschreiberin vor allem Limos, Schokoriegel, Burger und Fertiggerichte auf den Tisch kamen. Schockierend? Zweifelsohne ist die Fähigkeit zur Zubereitung von Essen eine wichtige Kulturleistung, die neben dem eigentlichen Zweck - dem Sattwerden - auch viele persönliche Freiräume schafft. Doch auch hier hat der Wohlfahrtsstaat ganze Arbeit geleistet. Die Erfahrungen aus den USA zeigen seit langem, dass es die unteren Schichten sind, die zu den wichtigsten Kunden der Fastfood- und Convenience-Industrie zählen. Schokoriegel, Pausen-Snacks und Burger sind die Symbole des Prekariats.

Die Fähigkeit, einen Haushalt zu führen, lag noch vor ein, zwei Generationen eindeutig bei den Arbeitern und kleinen Angestellten. Die hatten in der Industrialisierung gelernt, ihre Haushalte so zu führen wie kleine Fabriken, eine effiziente Werkbank, in der der karge Lohn bis zum letzten Groschen verplant wurde. Die Vielfalt an Speisen und Gerichten, die es trotz gelegentlicher Notlagen vor der Industrialisierung gab, verschwand. Über die Jahrzehnte setzte sich in der Küche die Arbeitsorganisation der Fabrik vollständig durch. Maschinen erledigten die Arbeit, die früher Zeit und Kraft beanspruchte. Die Ultima Ratio in Fabrik und Küche hieß Automation. Das Ziel von Automation ist Komfort und Bequemlichkeit, also Convenience. Das Ziel ist erreicht, wenn die Arbeit überflüssig wird - womit wir wieder bei Burgern, Schokoriegeln, Fertiggerichten und Limo angelangt wären. Es ist eine Entwicklung, die man bedauern kann. Verständlich ist sie doch.

Leicht vergessen wir, dass Convenience-Produkte noch vor 20, 30 Jahren teuer waren. Die ersten Mikrowellen waren nicht in den Küchen des Prekariats zu finden. Automationsverliebte Bessergestellte schafften sie sich an - time is money. Heute spricht diese Schicht nur mehr verschämt darüber, sich "schnell mal etwas in die Mikro geschoben zu haben". Wie gewöhnlich.

In jeder Hinsicht.

Als 1950 in der jungen Bundesrepublik die Rationierung von Nahrungsmitteln durch Lebensmittelkarten endgültig abgeschafft wurde, waren es die besseren Kreise, die die Fresswelle starteten. Die Masse folgte. Fleisch, Weißbrot, Kuchen waren ab den sechziger Jahren für alle jeden Tag zu haben. Wer satt ist, will mehr. Die ersten Diäten aus den USA wurden importiert. Normalverbraucher fanden das anfangs ziemlich bescheuert: Eine Diät hielt man, weil man musste, weil einen der Arzt unter Androhungen schwerster Sanktionen dazu verdonnert hatte. Doch vieles, was die vermeintliche Elite tut, wird irgendwann zum Volksgut, so etwa die populären Volksdiäten der achtziger und neunziger Jahre. Essgestörte Teenager gibt es mittlerweile an Gymnasien und Hauptschulen gleichermaßen. Auch so kommt man zu einer klassenlosen Gesellschaft, selbst wenn das Resultat nicht ganz so gut aussieht wie auf romantischen Bildern von früher.

VII. WAS GEHT?

Das Minimum ist eine soziale Größe, keine Frage des Überlebens. In der ihr eigenen Dramatik hat die deutsche Wohlstandsgesellschaft die Grenzen zwischen dem Nötigen und dem Machbaren aber so konsequent verwischt, dass niemand mehr genau weiß, wo die Grenzen des Minimums liegen. Das ist auch gar nicht möglich. Denn im Wohlfahrtsstaat gibt es das soziokulturelle Minimum. Diese Spielart des Nötigsten kennt im Grunde keine Grenzen. Das, was die Fürsorge zur Verfügung stellen soll, muss den Anschluss an die Gesellschaft sichern. Dazu gehört natürlich praktisch alles, was der Mehrheit der Gesellschaft zur Verfügung steht: Essen, Trinken und Heizung sowieso, dazu Unterhaltungselektronik und andere Errungenschaften des Fortschritts.

So gesehen gibt es nichts, was nicht über kurz oder lang zum soziokulturellen Minimum gehören würde: zuerst das Fressen, dann die Diäten, gleichzeitig die Teilhabe an Konsum und Unterhaltung. Das ist keine Übertreibung: Als im August private Fernsehanstalten erwogen, den Empfang digitaler Satellitensignale ab 2009 nur noch gegen Gebühr abzustrahlen, nannte das die Verbraucherzentrale spontan "unsozial". Diese tiefe geistige Verwirrung hat mit der Lebensrealität der Hartz-IV-Empfänger nichts zu tun. Sie ist aber ein guter Hinweis darauf, wer eigentlich in diesem Land gemeint ist, wenn von sozial und unsozial die Rede ist: nicht die Armen, so viel steht fest, sondern die, die über ihr Schicksal entscheiden. Die gute alte Mehrheit, deren vage Stimmungsschwankungen der Politik Befehl sind: die gute alte Mehrheit, die Mitte, der wankelmütige Biedermeier, die Klientel also, die hinter der aktuellen Scheinarmutsdebatte ebenso steckt wie hinter dem Begriff des soziokulturellen Minimums.

Ihre Ansprüche und Ängste sind es, die Absurditäten wie das Recht auf freien digitalen Rundfunkempfang mittels eigener Satellitenschüssel dem sozialen Existenzminimum zuschlagen. Ihr Programm ist einfach: Es geht schlicht um das Recht auf alles, und wenn das nicht drin ist, auf so viel wie möglich. Dafür gibt es ein anderes Wort: Optimum. Unter Optimum versteht man das beste erreichbare Resultat, in der Praxis also das, was man durch Kompromisse und Verhandlungen rausholen kann. Volkstümlich gesagt ist das Optimum das, was geht - und damit ist heute fast immer gemeint: was andere haben. So denken Verbände, Gewerkschaften, Parteien, Angestellte. Die Motivlage ist altbekannt: Neid, Gier, Habsucht und ein hohes Maß an Fantasielosigkeit, die Ingredienzen des schönen Wortes Gleichheit. Das Minimum ist das, was gleich macht, und zwar materiell gleich. Auf diesem Fundament baut eine Gesellschaft, die sich nichts vorstellen kann außer dem, was sie bei anderen sieht - und haben will.

Was wäre für diese Leute optimal?

Jeder kennt beispielsweise die alte Geschichte vom Land, in dem einem gebratene Tauben in den Mund fliegen und Milch und Honig fließen. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren haben griechische Autoren davon geträumt, im deutschen Spätmittelalter bekam der alte Mythos einen Namen: Schlaraffenland - das Land der faulen Affen. Das Schlaraffenland ist bis heute die beste Vorlage für einen All-Inclusive-Sozialstaat. Erstens: Man kann im Schlaraffenland essen und trinken, was man will und so viel man will, jederzeit. Zweitens: Jeder hat das Recht auf Schönheit und Jugend, Gesundheit und Wohlbefinden - Wellness pur, sozusagen. Dafür sorgt der Jungbrunnen im Schlaraffenland, einmal reinsteigen, und schon ist man wieder schön, jung und topfit - bereit zum Shoppen. Und dann, drittens, gibt es totale Convenience. Die Bürger des Schlaraffenlandes haben nicht mal mehr die Qual der Wahl, die heute noch so manch wunderbares Einkaufserlebnis trüben kann. Die Spezereien fliegen durch die Luft, mundgerecht, nach Bedarf - on demand - konsumierbar. Das Einzige, was noch zu tun bleibt, ist: alles runterschlucken. Und klar: All das kostet nichts.

Doch auch im Schlaraffenland lohnt es sich, auf die kleinen Unterschiede zu achten. Die Märchenvariante des Mythos vom Schlaraffenland, die besonders populär wurde, ist die des Biedermeier-Dichters Ludwig Bechstein. Für seine unzufriedenen Kollegen, die Brüder Grimm, die sich ebenfalls des Stoffes annahmen, war das Schlaraffenland aber alles andere als erstrebenswert. In ihrer Version ist es ein Gleichnis für die größtmögliche Lüge, die man Menschen auftischen kann, der Inbegriff einer verkehrten Welt. Nach volksdemokratischen Prinzipien regieren dort die Faulen, Gierigen, Dummen und Fantasielosen.

Woran erinnert uns dieses Schlaraffenland? Wo haben wir das schon mal gehört? Gut, für die Antwort darauf braucht man wirklich nur ein Minimum an Vorstellungskraft, das ist leicht. Und schwer ist es auch nicht, sich auszumalen, wohin der reine Glaube an das Optimum führt: zurück zum real existierenden Minimum für immer mehr Menschen in dieser Gesellschaft. Dabei spielt es nur ausnahmsweise gar keine Rolle, ob man sich das vorstellen kann - das gibt es, Augen auf, schon jetzt.

VIII. DIE BUSINESS-CLASS Der Abschied vom Optimum, dem Prinzip der Gleichheit, ist keine Frage der Moral, sondern der Vernunft. Der Gegensatz von Optimum ist das Ideal. In Deutschland hat dieses Wort einen schweren Stand. Es klingt furchtbar weltfremd. Dabei ist es pragmatisch wie kaum ein zweites. Ideal bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als einen wünschenswerten Zustand anzustreben. Während Minimum und Optimum auf "Nimm dir was" rauslaufen, steht das Ideal für "Wünsch dir was". Das ist, wir haben es schon festgestellt, natürlich etwas schwieriger, als einfach zuzugreifen und nachzumachen. Das Ideal ist eine persönliche Angelegenheit, eine Sache, bei der der Einzelne klare Vorstellungen entwickeln muss, wohin die Reise geht, was er sich wünscht.

In der Sprache der Ökonomie hieße das: Luxus.

Moment mal. Luxus? Luxus! Überfluss! Das ist gleichbedeutend mit Unmoral, zumal in Zeiten, in denen das Optimieren der Umverteilung ein bisschen außer Kontrolle geraten ist und es im Schlaraffenland ein wenig nach Gammelfleisch riecht. Luxus - ein Wort, das ursprünglich nichts anderes bedeutet als Üppigkeit und Vielfalt, zwei Eigenschaften, die erst seit kurzem ein Offizialdelikt bilden. Dabei ist der Luxus so alt wie die Menschheit. An Versuchen, ihn zu einer Sünde zu erklären, mangelte es nie. Stattdessen führte, zum Beispiel, im späten 13. Jahrhundert die Sehnsucht nach luxuriösen Gütern, Stoffen und Kleidern zum ersten großen Wirtschafts-Boom der Geschichte. In Südfrankreich und Oberitalien entwickelten sich die Vorläufer moderner Designstudios und Manufakturen. Banken entstanden, Vertriebswege wurden organisiert, der Fernhandel legte den Grundstein zur Globalisierung. Wozu das Ganze? Um Luxusgüter von einer Ecke der Welt in die andere zu bringen. Um Dinge zu erzeugen, die kein Mensch wirklich braucht, aber viele Menschen wirklich wollen. Es folgte eine lange Zeit des demonstrativen Konsums, in der die Prachtbauten der Renaissance, des Barocks und Rokokos entstanden, die den Luxus für alle sichtbar machten.

Erst die puritanische Zweckmoral des Industrialismus machte diese Art Luxus zu einer unmoralischen Angelegenheit. Und wozu brauchte man noch Originale, Außergewöhnliches, wo man doch alles für alle herstellen konnte? In diese Zeit fällt die fatale Verwechslung von Gerechtigkeit mit Gleichheit. Danach war für den alten Luxus im öffentlichen Raum kein Platz mehr. Er wurde weggesperrt. Kunst etwa, bis dahin normaler Bestandteil des Lebens, wurde wunderlich - denn wozu sollte sie schon nütze sein? Gleichheit, Uniformität ist gut für die Produktion. Eine Welt mit weniger Unterschieden ist auch leichter einzuschätzen. Da lässt sich alles leichter vergleichen. Zumindest klappt das eine Weile. Doch statt der klassenlosen Gesellschaft kommt am Ende dabei die Business-Class heraus. Das ist eine echte Unterschicht, nicht nur aus intellektueller Perspektive.

Der Schweizer Konsum- und Trendforscher David Bosshart, Leiter des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) der Migros Stiftung in Rüschlikon bei Zürich, hat den alten und neuen Stellenwert des Luxus vor fast einem Jahrzehnt in seinem Buch "Die Zukunft des Konsums" so beschrieben: "Luxus verwandelt sich zum Business-Class-Luxus, zum Effizienzluxus der Manager" , schrieb Bosshart damals. Luxus ist ein persönliches Ideal. Ein Wunsch. Ein Traum.

"Aber welchen Preis hat denn ein Traum?", fragt Bosshart ironisch. Die Business-Class hat mit Luxus nichts zu tun. Sie ist funktional. Im Flugzeug bedeutet sie berechenbar mehr Platz als in der Holzklasse und etwas besseres Essen. In der Business-Lounge besteht die Exklusivität mittlerweile nur mehr in der räumlichen Abtrennung zu den wachsenden Massen der Billigflieger. In der Regel bleibt nur mehr der rein funktionale Ansatz übrig: Business-Class-Leistungen kann man flexibel umbuchen, was die meisten Kunden dieser Schicht auch müssen, weil ihnen hinten und vom die Zeit fehlt, um das, was sie für exklusiv halten, auch genießen zu können.

Damit wird das, was als schnöder Ersatz für persönliche Wünsche herhalten musste, die Business-Class, zu einer grotesken Verzerrung des Originals. Man will sich irgendwie von den anderen abheben, aber man kommt nicht dazu. Schafft man es - mehr zufällig als geplant - doch, dann landet man in einer durch und durch kalkulierbaren, erwartbaren Welt ohne Überraschungen. Der Preis der Business-Class ist verhandelbar. Der Preis von Luxus nicht, denn " Luxusprodukte lösen nie ein Problem, sie konkretisieren einen Traum", wie Bosshart schreibt. Die Verwechslung des einen mit dem anderen bleibt nicht folgenfrei, "Sitten und Benehmen, Rituale des Verhaltens, und das heißt: Demonstration von Bildung, Raffinesse, Geschmack werden gegenstandslos, weil der Kontext des Luxus gleichgültig geworden ist".

IX. DER NEUE LUXUS Die Folgen sind für ihn heute, fast ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung seines Buches, deutlicher sichtbar denn je: "Manager verhalten sich wie Neureiche, und das sind sie auch! Bei ihnen dreht sich alles nur ums Geld. Es ist eine Klasse, die sich nichts anderes mehr vorstellen kann - ihre Referenz ist Kohle und nochmals Kohle. Das stimuliert sie. Sie haben einfach nicht gelernt, den Unterschied zu achten." So sähen, fügt er hinzu, im Übrigen auch die Konzerne und Produkte aus, die sie schaffen würden: verwechselbar und konturlos. Auf abenteuerliche Weise, sagt Bosshart, glichen diese traurigen Eliten jenen Unterschichts-Angehörigen, die "als Couch-Potatoes vor ihrem Fernseher sitzen und die Welt vorüberziehen sehen, ohne sie zu begreifen. Sie werden von irgendwelchen Werbungen und Serien von außen stimuliert. Ohne diese Stimulanz sind sie hohl." Was in der vermeintlichen Oberschicht das Feilschen ums Vorstandsgehalt, also der eigentliche Inhalt der Tätigkeit, ist beim Unterschichtler der Fernseher: " Schalte den aus, und es bleibt nichts übrig. Nimm den Managern die Kohle und ihre Privilegien weg, und es bleibt nichts übrig", sagt Bosshart. "Die Kinder der Wohlstandsgesellschaft, der totalen Gleichheit, sind kläglich gescheitert", so sein Resümee. Das ist hart für alle, die sich nichts vorstellen, nichts mehr wünschen können. Und das Ende der Gleichheit. Denn der "Neue Luxus" ist ein Ideal, nicht mehr das Nächstbeste also, sondern das Beste, was man sich vorstellen kann. Als das Wünschen noch geholfen hat, war das jedem klar, und deshalb ist nichts wichtiger als die Rückkehr dazu: Der "Neue Luxus" ist, schreibt Bosshart, "das Wesentliche, und das Wesentliche ist nie einfach. Aber es überzeugt durch seine Fähigkeit, Komplexität zu reduzieren". Diese Fähigkeit des Neuen Luxus kann in allem stecken - in Produkten, Ideen und Wissen. Sein Wert aber entsteht erst dadurch, dass Menschen sich darauf einlassen, sich auf dieses Wesentliche zu konzentrieren.

In seinem vor zehn Jahren erschienenen Essay " Reminiszenzen an den Überfluss" hat das der bedeutendste Denker und Dichter der deutschen 68er-Bewegung, Hans Magnus Enzensberger, brillant auf den Punkt gebracht: Nicht "schnelle Automobile und goldene Armbanduhren, Champagnerkisten und Parfüms, Dinge, die an jeder Straßenecke zu haben sind, sondern elementare Lebensvoraussetzungen" bilden den Neuen Luxus. Das ist Zeit, über die man ohne den Druck anderer verfügen kann, der Luxus, sich den Dingen zuzuwenden, die man sich als Objekt der Aufmerksamkeit bewusst ausgesucht hat, oder aber auch der Luxus der Ruhe, die diese Aufmerksamkeit erst ermöglicht. Konzentration auf das wirklich Wesentliche also. Dieser Luxus passt nicht in die bekannten Schemata, schreibt Enzensberger, denn "Manager, Spitzensportler, Bankiers oder hochgestellte Politiker (...) werden sich das einfach nicht leisten können".

Der Luxus wird, könnte man sagen, zu einer Form höherer Gerechtigkeit, und auf jeden Fall, das wusste schon Enzensberger, "zu dem, was er immer war: dem hartnäckigsten Widersacher der Gleichheit".

Das ist vorstellbar, wünschenswert - und wohl das Mindeste.

Und fast schon ideal.