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DAS GELD LIEGT AUF DER STRASSE

Die Russen nutzen jede Gelegenheit. Sie heiraten schnell.
Und sind mit 40 schon Großvater.
Mit dem Kapitalismus haben sie es genauso gemacht.




• Moskau erinnert heute an ein riesiges Shopping-Center mit 18 Millionen Konsumenten, wobei die meisten mehr glotzen als einkaufen. Die Stadt funktioniert wie ein Geschäft, das rund um die Uhr geöffnet ist, jede Parkbank ist hier eine Verkaufsfläche, jeder Hinterhof ein kostenpflichtiger Parkplatz, überall könnte Ihre Werbung stehen, der Himmel ist hinter den vielen Werbetransparenten kaum noch zu sehen.

Die wichtigsten Werte der russischen Werbung sind nicht wie in Deutschland „praktisch“, „preiswert“ und „bequem“, sondern „frisch“, „teuer“ und „kristallklar“. Je stinkender die Straße, umso mehr „Frische“ verspricht die Werbung, wobei es nicht nur um Mineralwasser geht. „Eine kristallklare Million“, „eine kristallsaubere Geldanlage“ bietet eine Bank ihren Anlegern, ein Möbelgeschäft wirbt gar für „frische Tische“. Oft trifft man auf völlig sinnlose Werbung: „Alle erfolgreichen Menschen machen DAS“ oder „Alle erfolgreichen Menschen haben DAS“ – braune Buchstaben auf weißem Hintergrund. Was genau die erfolgreichen Menschen machen und haben, ist nicht rauszukriegen.

Auch der Staat macht Werbung: riesige Porträts von „ unseren besten Bürgern“, Transparente mit Aufschriften wie „Es lebe Moskau“ oder „ Moskau ist die beste Metropole der Welt“. Die Stadt prahlt mit allem, was sie hat. Das war nicht immer so. Während des Kommunismus konnte man hier ohne Bedenken bei Rot über die Straße gehen, so wenige Autos fuhren vorbei. Die Lebensmittelläden hatten keine Namen, Wurst und Käse hießen schlicht „Wurst“ und „Käse“. Wie eine verzauberte Prinzessin schlief Moskau in seinem sozialistischen Käfig.

1990 wurde die Stadt vom Turbokapitalismus der neuen Zeit wachgeküsst. Seitdem gibt es kein Halten mehr. Kaum etwas erinnert im heutigen Moskau an die vergangenen ruhigen Zeiten. Damals kam die „Perestroika“, wie alles Wichtige im Leben, völlig unerwartet – wie Schnee im August. Alles, was gestern noch unantastbar und für ewig schien, fing plötzlich an zu wackeln. Die Politiker widersprachen sich selbst, eines Tages kam im Fernsehen „Schwanensee“ statt der „ Abendschau“ – die ganze Stadt, das ganze Land stand kopf. Millionen wurden aus der Bahn geworfen, alles, was man früher für einen sicheren Erfolgsweg hielt -Bildung, ein guter Arbeitsplatz, die Zugehörigkeit zur „ richtigen“ Partei – zählte plötzlich nichts mehr. Die Uhren des Erfolgs wurden auf null gestellt.

Die einen sahen darin die Apokalypse, die anderen einen euphorischen Neuanfang. Aber eine solche Phase hält in der Regel nicht lange, selig sind die, die sie erleben durften. Selbst wenn sie am Ende nicht zu den Gewinnern zählen, werden sie doch mindestens für den Rest ihres Lebens viel zu erzählen haben.

In Deutschland, das sein Pulver weitgehend verschossen hat und sich gegen jede Aufregung wehrt, sind solche Turbulenzen kaum zu erwarten. Das Kreativste, was man sich hier an Umbrüchen leistete, war vielleicht die New Economy mit einem abschließenden Börsen-Crash. Die Jungs und Mädchen, die damals sehr schnell reich wurden, ernteten jedoch nur Empörung. In einer Gesellschaft, in der die Reichtümer über Jahrzehnte durch mühsames Handeln und Planen generationsübergreifend angehäuft wurden, wo das Protzen so verpönt ist, das sogar die Damen ihre Pelzmäntel mit dem Fell nach innen tragen, hatte die New-Economy-Klasse keine Überlebenschance. Die Schlauesten unter ihnen haben sich schnell angepasst und sind ganz selbstverständlich auf die gediegenere Old Economy umgestiegen.

In dem protestantisch geprägten deutschen Sozialkapitalismus werden die Reichen sozialisiert und belehrt, dass Eigentum verpflichtet und mehr Geld mehr Verantwortung bedeutet. Die Reichen schämen sich ihres Reichtums, vor allem aber gehen sie mit ihren Schätzen sehr vorsichtig um. Sie verstecken sie am liebsten.

Die russischen Oligarchen waren arm und haben sich reich gearbeitet, nun spielen sie mit dem Geld Anders in Russland. Meine Landsleute pokern gern mit allem, was sie haben. Die Spielregeln des Turbokapitalismus werden gebrochen und neu erfunden, die Karten immer wieder neu gemischt, manchmal wird am Pokertisch sogar ein bisschen geschossen.

Jedes Jahr spült Russland viele neue, frischgebackene, milliardenschwere Global Player an die Oberfläche. Sie werden von ihren westlichen Kollegen mit Misstrauen und Kopfschütteln aufgenommen. Diese komischen russischen Oligarchen sind für die Europäer schwer zu begreifen. Michail Chodorkowski, der im Knast sitzt, halten sie für einen politischen Gefangenen, Boris Beresowskij für einen Dissidenten. Die meisten Schlagzeilen machte der junge sportliche Roman Abramowitsch, der auf allen Fotos so blöd aus der Wäsche guckt, als ob er selbst nicht wüsste, in welcher Branche er eigentlich tätig ist.

Die russischen Oligarchen benehmen sich oft unökonomisch: Statt Geld zu vermehren und langfristige Investitionen zu machen, verschwenden sie ihr Kapital für Spielzeug. Der eine kauft Fußballmannschaften in fremden Ländern, der andere auf der ganzen Welt Fabergé-Eier, ob Fälschungen oder Originale, scheint ihm egal zu sein. Wieder ein anderer, der Lukoil-Chef Wagit Alekperow, ließ sich für zig Millionen Dollar ein Mausoleum in Form des Tadsch Mahal errichten, sein Grabsteinporträt darin soll angeblich 20.000 Jahre überdauern können.

Während über die Oligarchen des Westens in der Regel nur im Falle einer Firmenübernahme oder eines missglückten Deals mit anschließender Gerichtsverhandlung berichtet wird, liefern ihre russischen Kollegen fast ständig skurrile Schlagzeilen: „Abramowitsch besucht Hongkong, um einen möglichen Anlegepunkt für seine Jacht auszukundschaften“ stand neulich als Überschrift in einer russischen Zeitung. Keiner dieser Männer kommt aus einer reichen Familie, niemand von ihnen hat eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Die meisten sehen aus, als hätten sie mit der Pfanne eins übergebraten bekommen.

Was ist nur mit ihnen passiert? Nichts Besonderes! Sie sind in den Umbruchzeiten über einen Geldkoffer gestolpert. In den frühen neunziger Jahren gab es keine fertigen Rezepte, wie man reibungslos vom Sozialismus zu einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung kommen könnte. Das war völliges Neuland. Durch die vielen Geldreformen und die Privatisierung des staatlichen Eigentums wurde das ganze Land zur Umverteilung freigegeben. Und nicht alle sind dadurch ärmer geworden.

In meiner Generation hat bestimmt jeder mindestens einen Schulkameraden gehabt, der in den Neunzigern zum Millionär wurde. In unserer Schulklasse war das ein unauffälliger Junge, der in den humanistischen Fächern mittelmäßig abschnitt, dafür aber gut in Mathematik war. Seine Eltern waren Ingenieure, seine Oma wohnte ein Stockwerk über uns. Er ging jeden Tag nach dem Unterricht zur Oma Mittag essen. In der Klasse wurde er oft gehänselt, ein kleiner Blonder mit Brille und dem Spitznamen „Student“. Als einer der Ersten fing der Student an, 1991 nach China zu fliegen und Computer von dort nach Moskau zu schaffen. Während die meisten seiner Zeitgenossen wie betäubt vor der Glotze saßen und die „spannenden politischen Auseinandersetzungen“ am Bildschirm verfolgten, beschäftigte der Student schon zwei Dutzend Menschen, unter anderem seine Eltern, die beide arbeitslos geworden waren. Er musste nicht mehr selbst nach China fliegen.

Die Pioniere der neuen russischen Marktwirtschaft handelten auf eigene Faust, ohne Gewähr. Keiner von ihnen besaß anfangs ein Konto bei einer Bank, sie mussten ihre Gewinne in großen Koffern mit sich herumtragen oder in der Badewanne bunkern. Später, als der Student sein Geld doch zu einer Bank bringen wollte, hatte er Transportprobleme. Eine lange Freitreppe führte in die Bank, ungefähr 50 Stufen. Der Student parkte vor dem Eingang und lief mit zwei Geldkoffern die Treppe hoch. Zweimal wurde er auf diesen Stufen um alles erleichtert, was er besaß. Die Sicherheitskräfte der Bank, die hinter der Glastür standen, beobachteten die Raubüberfälle von oben, rührten aber keinen Finger. Die Treppe gehörte nicht zum Sicherheitsbereich des Geldinstituts. Erst wenn es jemand heil durch die Tür geschafft hatte, wurde er als solider Geschäftspartner betrachtet. Meinen Schulkameraden haben diese Verluste nicht abgeschreckt, leichten Herzens fing er jedes Mal wieder von vom an.

Beim Klassentreffen sitzt der Dichter fast ausschließlich freien Geschäftsleuten gegenüber. Mit Fotos ihrer Errungenschaften An Möglichkeiten zum Geldverdienen mangelte es nicht. Damals standen in Russland quasi an jeder Ecke herrenlose Koffer voller Geld herum, die nur darauf warteten, dass einer über sie stolperte. Nachdem die Computer keine großen Gewinne mehr abwarfen, wandte sich der Student dem Reisemarkt zu. Er eröffnete mehrere Reisebüros und schickte seine Landsleute für wenig Geld nach Ägypten und Tunesien. Die richtig Wohlhabenden schickte er nach Frankreich, wo er an der Côte d'Azur mehrere kleine Pensionen pachtete, die er mit russischen Köchen und Satelliten-Antennen ausstattete, damit seine Gäste am Mittelmeer die russischen Seifenopern im Fernsehen weiterverfolgen und sich auch sonst in Frankreich wie zu Hause fühlten konnten. Unter Putin hat sich der Student aus dem Reise-Business zurückgezogen, geheiratet und ist Vater geworden.

90 Prozent meiner ehemaligen Mitschüler sind Geschäftsleute geworden, die frei arbeiten, auf eigene Faust. Die meisten gründeten kleine Firmen, Modeboutiquen, Solarien, Kosmetikzentren, Computer-Reparaturwerkstätten, und wurden so keine Oligarchen, aber bodenständig und erfolgreich. Nur zwei haben sich im Ausland eingenistet, schlechte Schüler, Hinterbänkler wie ich. Einer ist in San Francisco als Aushilfshausmeister in einem Hippie-Altersheim tätig, ein anderer macht in Los Angeles Soundchecks bei großen Festivals. Sie sind Ich-AGs und Singles – die typisch westliche Lebensplanung.

In der Heimat dagegen haben viele Schulkameraden schon mit 40 Enkelkinder. Das ist meiner Meinung nach etwas voreilig, mit 40 Großvater zu werden. In Deutschland geht dieses Alter noch als das Ende der Pubertät durch. Hier lässt man sich Zeit mit dem Heiraten. Eine solche Entscheidung wiegt schwer, sie muss aus Sicherheitsgründen erst einmal ein paar Jahre lang ausdiskutiert werden, sie muss mit dem Hausanwalt und dem Hausarzt besprochen und mit den zuständigen Behörden geklärt werden, sie muss letztendlich die Prüfung der Zeit überstehen. Erst wenn es ein Paar 30 Jahre lang miteinander ausgehalten hat, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie einander das Jawort geben und einen Ehevertrag unterzeichen – nach sorgfältiger Prüfung, versteht sich.

Die Russen heiraten turbokapitalistisch, auf der Stelle, wenn sie verliebt sind, sie verlieren gern den Kopf. Kaum haben sie sich vom Liebesrausch erholt, sind sie schon Opa. Vier Schüler aus meiner Klasse sind tot. Einer hat sich angeblich zu Tode gesoffen, zwei kamen als Freiwillige im zweiten tschetschenischen Krieg um, einem ist ein Stein von einem vorbeifahrenden Zug direkt an den Kopf geflogen.

Während die Toten in Frieden gelassen werden wollen, planen die Überlebenden eine große Party. Vor kurzem bekam ich eine Einladung zum Klassentreffen. Mit meiner Karriere als „deutscher Schriftsteller russischer Abstammung“ werde ich bei diesem Klassentreffen bestimmt nicht punkten können. Unsere Zusammenkunft stelle ich mir spannend vor, als eine Art Angebertreffen mit Fotoaustausch. Wir werden in irgendeinem Restaurant in Moskau einen „Klassentreffensaal“ mieten und unsere Fotos rumreichen. „Meine Bücher, meine Frau, meine Kinder“, höre ich mich bereits sagen. Mein Schulbanknachbar wird seinen Stapel Fotos auf den Tisch knallen und siegreich lächeln: „Meine Frau, meine Kinder aus der ersten Ehe, meine Enkelkinder, mein Möbelsalon, meine Sekretärin und meine Filiale in Donezk.“ Es gibt nichts, womit der ausländische Gast diesen Lebensreichtum übertrumpfen kann. Fast nichts. Ich zücke meine letzte Trumpfkarte und sage: „Schön. Aber dafür haben wir einen Schrebergarten mitten in Berlin, wir ernten zwei Tonnen Apfel pro Jahr.“ Erstaunte Blicke, tosender Applaus. ---