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BIO UND DIE KLEINEN PREISE

DISCOUNTER und SUPERMÄRKTE machen Produkte aus ökologischer Landwirtschaft erschwinglich. Und bringen damit die alte Ordnung auf dem Markt durcheinander.




Das gute Zeug macht sich noch immer ziemlich rar: In den meisten Produktkategorien bringen es Bio-Lebensmittel lediglich auf einen Marktanteil von ein bis zwei Prozent, hat die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) ausgerechnet. Im Schnitt gibt jeder Haushalt knapp 50 Euro für Öko-Lebensmittel jährlich aus. Das entspricht einem zu zwei Dritteln gefüllten Einkaufswagen. Und trotzdem sprechen Marktforscher von Bio als dem aktuellen Megatrend. Die Branche verzeichnet, nach einem zwischenzeitlichen Durchhänger, seit Ende 2003 zweistellige Wachstumsraten. Das sechseckige, grün umrandete Siegel mit dem Grashalm-"i" - " nach EG-Öko-Verordnung" -, das vor etwas mehr als fünf Jahren in Deutschland eingeführt wurde, prangt mittlerweile auf rund 33 000 Produkten.

Angetrieben wird der Boom vor allem durch den Einstieg der Supermarkte und der Discounter, die - bei gleichzeitig wachsenden Umsätzen in den Naturkostläden - in den vergangenen Jahren immer größere Marktanteile im Bio-Geschäft erobern konnten. Das heißt auch, dass die Karten neu gemischt werden - auf dem größer werdenden Markt wird sich Bio deutlich verändern.

"Bio hat sich heute in vielen Bereichen der konventionellen Landwirtschaft angenähert", schimpft Werner Lampert. "Früher war jemand, der acht Tonnen Erdäpfel aus einem Hektar herausgeholt hat, ein guter Biobauer. Heute sind Erträge von 25 oder 30 Tonnen die Regel. Für mich bedeutet das in den meisten Fällen auch: Qualitätsminderung." Den Bio-Boom, dessen Auswüchse er heute beklagt, hat Werner Lampert selbst mit in Gang gebracht. 1994 gewann er den Gründer der österreichischen Supermarkt-Kette Billa, Karl Wlaschek, dafür, ein umfangreiches Bio-Sortiment in die Produktpalette seiner Verkaufsstellen aufzunehmen. Mit umwerfendem Erfolg: Billa führt heute unter der Eigenmarke "Ja! Natürlich" mehr als 600 Bio-Produkte. Jeder dritte Kunde kommt extra wegen " Ja! Natürlich" zu Billa, der mit mehr als tausend Filialen in Österreich am weitesten verbreiteten Kette. Um die 70 Prozent der österreichischen Bio-Lebensmittel werden in Supermärkten verkauft. Europaweit ist Österreich, neben Dänemark, führend, was das Marktsegment Bio-Produkte und dessen Anteil an der Lebensmittelproduktion betrifft.

Und dies ist zu einem großen Teil tatsächlich Werner Lampert zu verdanken. Als Öko hatte er sich in den sechziger Jahren für Rudolf Steiners Idee der biologisch-dynamischen Landwirtschaft begeistert. Auf "so einem geschlungenen Lebensweg" war der Kirchenrestaurator und studierte Altorientalist schließlich Großhändler von Bio-Produkten geworden. Nett hört sich das an. Und man kann ihn sich auch gut vorstellen: Lampert mit Rauschebart und Wuschelkopf, in Latzhose statt, wie heute, im Anzug, in einer Garage voller Bio-Lebensmittel. Aber nett war's wohl leider nicht damals. "Es war eigentlich entsetzlich", sagt Lampert. "Wenn man damals in einen Naturkostladen gegangen ist, wurde man taxiert, ob man es wert war, einer Sekte beizutreten. Mir war klar: Das kann nicht funktionieren. Plötzlich hatte ich diese Idee, dass Bio in den Supermarkt muss. Und da habe ich ein Konzept entwickelt - obwohl ich noch nie zuvor in meinem Leben in einem Billa-Markt gewesen war." So kam die Sache ins Rollen. Der Billa-Eigentümer fand Gefallen am Enthusiasmus des jungen Besuchers, gab ihm anderthalb Millionen Euro - damals 20 Millionen Schilling - an die Hand und ließ ihn machen. Statt schrumpeliger Möhren und halb fauler Äpfel, die in den Naturkostläden damals zu Apothekenpreisen verkauft wurden, gab es auf einmal Bio-Produkte, die nach etwas aussahen, gut schmeckten und erschwinglich waren - im Supermarkt. "Du bist der Vernichter von Bio", warfen die Bauern Lampert damals an den Kopf. Der Supermarkt, das war für viele der Inbegriff des Niedergangs menschlicher Kultur. Doch mit den Jahren hat sich die Empörung gelegt. Die Abnehmervereinbarungen, die "Ja! Natürlich" mit den Bauern geschlossen hat, ermöglichen diesen bei stabilen Preisen ein gutes Auskommen.

Bio heißt jetzt auch: Leistung, Leistung, Leistung

Eigentlich könnten alle zufrieden sein. Sind sie aber nicht. Und zwar wegen der Sache, die Werner Lampert " Rechenstift-Bio" nennt. Ein Beispiel? "Heuer im Frühjahr", erzählt Lampert, "bin ich in die Berge gefahren und habe Bauern besucht. Ich war bei einem Biobauern, der auf 1200 Metern Höhe einen wunderbaren Laufstall gehabt hat. Und der hat seinen Kühen Sojaproteine und Silage gefüttert!" Silage: Das ist Sauerkraut aus Gras. "Das erlaubt die EG-Öko-Verordnung. 8000 Kilo Milch im Jahr hat der Bauer pro Kuh erzeugt und gesagt: "Das muss weitergehen! 8000 Kilo sind noch zu wenig." Daneben stand ein alter Stall, der vermutlich nicht der Öko-Norm entsprach und der von einem Kleinbauern bewirtschaftet wurde. Auf 4000 Kilo Milch hat es dieser Bauer gebracht. Er hat nur Heu gefüttert und daneben ein bisschen Gerste.

Heu verfuttern heißt: Wiesen kommen zum Blühen. Das heißt Biodiversität. Reichhaltigkeit. Etwas für die Landschaft tun und für die Gesundheit der Viecher. Silage heißt dagegen: Mähen des Grases, wenn es erst ein paar Zentimeter hoch ist, in Plastikballen rein oder in einen Silagebehälter zur Gärung. Ende der Biodiversität. Silage steht für: Leistung, Leistung, Leistung. Einzig auf hohen Milchertrag zielt das proteinreiche Futter ab. Für den vierteiligen Magen der Rinder ist es allerdings völlig ungeeignet. Die Tiere gehen davon nach wenigen Jahren kaputt - lange bevor sie ihren artspezifischen Lebens- und Leistungshöhepunkt erreichen. Jetzt frage ich mich: Welche Landwirtschaft möchte ich haben?" Weil Rechenstift-Bio nicht seinen Vorstellungen von Landwirtschaft entspricht und aus Enttäuschung darüber, dass trotz des Erfolges von Bio die Zahl ökologisch wirtschaftender Bauern in Österreich nicht groß ist, hat Werner Lampert vor kurzem ein neues Projekt ins Leben gerufen. Seit Oktober 2006 vertreibt er Milchprodukte unter seiner neuen Marke "Zurück zum Ursprung". Die Produkte stehen beim österreichischen Aldi im Regal, dem Lampert seit seinem Weggang von Billa auch das Gemüse des Csardahofes verkauft – einem der größten Bio-Höfe Europas im Burgenland, deren Geschäftsführer er ist.

Für Zurück zum Ursprung verwendet Lampert Milch von österreichischen Bergbauern aus der Region Murau in der Obersteiermark und aus Sonntagberg in Niederösterreich. Garantiert ohne Silagefütterung, aus artgerechter Tierhaltung, ohne Zusatzstoffe, gentechnikfrei - aber nicht Bio. Werner Lampert hat schlicht auf das Zeichen verzichtet. Dabei, so sagt er, würde die Milch den Erfordernissen des EG-Siegels durchaus gerecht. Lediglich die Gerste, die den Tieren zugefüttert wird, stammt nicht aus biologischem Anbau - allerdings bewegt sich ihr Anteil vermutlich noch innerhalb der vom EG-Siegel erlaubten Toleranzgrenzen. Seinen Bauern bezahlt Lampert, der das Projekt zum größten Teil mit eigenen Mitteln finanziert, einen Bio-Aufpreis, der um ein bis zwei Cent höher liegt als sonst üblich.

Ein ebenfalls von Lampert entwickeltes Prüfsystem erlaubt es den Kunden, via Internet Herkunftsinformationen zu jedem einzelnen Liter Milch abzurufen. Lampert und seine Mitarbeiter können darüber hinaus in Echtzeit einsehen, welche Futtermittel die Bauern in welcher Menge von welchem Abnehmer kaufen, welche Labor-Untersuchungsergebnisse für das Futter vorliegen, wie viel jeder einzelne Bauer produziert, welche Milchqualität er abliefert und wie Milch, Joghurt und Butter letztendlich zum Verbraucher kommen. Es scheint, als habe die Welt darauf gewartet: In den ersten Wochen hat Lampert bereits mehr verkauft, als er es sich für den besten Fall ausgemalt hatte.

Beim Weg vom Mittagessen zurück ins Büro, in einer kleinen Gasse nahe dem Wiener Stephansdom, tritt ein junger Mann auf Lampert zu. Einen schönen Gruß vom Vater! "Er meint, dies sei der richtige Schritt gewesen." Der Vater, das ist der alte Wlaschek - der Billa-Gründer. Österreich ist klein.

Bio weiß nicht mehr, wer es ist

In Deutschland geht es etwas anonymer zu. Nach Personen, die den Bio-Boom im Supermarkt und im Discount vorangebracht haben, sucht man vergebens. Bei den großen Ketten steht das Category-Management, die Abteilung für Sortimentsgestaltung und Produktentwicklung, hinter der Bio-Politik. Statt "Ja! Natürlich" gibt es in Deutschland bei Rewe, das in den neunziger Jahren die Ladenkette Billa übernommen hat, die Billig-Eigenmarke "Ja!" in der weißen Verpackung und die Rewe-Bio-Marke Füllhorn mit 120 Produkten. In deutschen Supermärkten finden sich im besten Fall - bei Edeka - lediglich 200 verschiedene Bio-Produkte. In anderen Supermärkten sind es kaum mehr als 100.

Über die Gründe des Bio-Gefälles zwischen Österreich und Deutschland kann man nur spekulieren. Aldi, Lidl oder Plus, mit 90 Produkten im Bio-Bereich führend unter den Lebensmittel-Discountern, haben zwar Bio-Produkte im Sortiment und halten sich penibel an die Vorschriften des EG-Siegels - weitergehendes Engagement findet man jedoch kaum. Plus verweigert prinzipiell Auskunft über die Herkunft und Hersteller von Bio-Produkten. Faire Erzeugerpreise und umweltgerechte Verpackung, so lässt das Unternehmen auf Anfrage ausrichten, seien kein Thema, das für Plus-Kunden eine Rolle spiele. Konkrete Herkunftsnachweise sucht man oft auch im Supermarkt vergebens. Bei den Eiern der Edeka-Marke Bio Wertkost ist nicht einmal der für Öko-Produkte zuständige Pressesprecher in der Lage, den Erzeuger zu benennen. Auch wenn die Verfahren der Qualitätssicherung einwandfrei funktionieren (was sie sicherlich tun) und die Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel im Prinzip (nur nicht für den Verbraucher) gewährleistet ist: Offenbar macht es doch einen Unterschied, ob eine Organisationseinheit innerhalb des Unternehmens den Einstieg in den Bio-Bereich beschließt oder jemand, der persönlich von der Sache überzeugt und engagiert ist.

Bislang sahen die Ökos alter Schule wenig Grund, den Produzenten von "EG-Bio" ihre Versäumnisse anzukreiden. Im Gegenteil: Dadurch, dass die Discounter und Supermärkte mit ihren neuen Bio-Produktlinien ins Geschäft eingestiegen sind und die Märkte für Bio-Milch, Kartoffeln und Möhren richtiggehend leer gekauft haben, hat sich die Geschäftssituation für alle stabilisiert. Die billigen Preise der Discounter und Supermärkte für Bio-Grundnahrungsmittel setzen zwar den Naturkostläden und Bio-Verbrauchermärkten zu. Aber bei einem Produktsortiment von 6000 bis 8000 verschiedenen Artikeln haben die Bio-Supermärkte andererseits wenig Grund, die Konkurrenz der Discounter oder jene von Edeka, Kaiser's und Rewe mit ihren lediglich 100 bis 200 verschiedenen Produkten zu fürchten. Es ist aber gut möglich, dass sich die Situation in Zukunft verschärfen wird. Wenn in wenigen Jahren die Bio-Erzeuger ihre Produktion hochgefahren haben werden und es mit der gestiegenen Nachfrage aufnehmen können, mag es durchaus zu jenem Konkurrenzdruck kommen, der auf dem Markt für konventionelle Lebensmittel immer wieder zu skandalträchtigem Fehlverhalten gerührt hat.

Jedoch bedarf es dazu nicht unbedingt erst des Discounter-Bios. Denn nicht nur billige Bio-Produkte, die aus Osteuropa und Übersee importiert werden, sondern auch andere billige Produkte bei Aldi oder Plus setzen die Öko-Branche unter Druck - die Erzeugerpreise für Bio-Milchprodukte und -Fleisch berechnen sich nämlich weitgehend im Verhältnis zum Preis der konventionellen Ware. Deshalb wurde es von der Branche bereits als Erfolg gewertet, als während der BSE-Krise der Preis für das stark nachgefragte Bio-Rindfleisch bei sinkendem Preis für konventionelle Ware konstant blieb.

Doch nicht nur Preise und Marktanteile stehen auf dem Spiel - es geht auch um die Frage, wofür Bio künftig stehen soll. "Früher ging es darum, mit Bio gegen konventionelle Produkte zu konkurrieren. Je mehr Bio zum Mainstream wird, umso mehr tritt Bio gegen Bio an", sagt Thomas Dosch, Bundesvorstand des Verbandes Bioland. Bio: Das ist Bio nach EG-Öko-Verordnung. Bio ist aber auch, was sich Bioland, Demeter, Naturland, Biopark oder andere Verbände vorstellen, die, jeder für sich, ihre Gütekriterien entwickelt haben.

EG-Bio erlaubt beispielsweise Gülle, Jauche und Geflügelmist aus konventioneller Haltung als Dünger - Bioland, der größte unter den Verbänden, nicht. Bioland schreibt vor, dass 50 Prozent des Tierfutters aus dem eigenen Betrieb oder einer regionalen Kooperation stammen muss - EG-Bio erlaubt zum Beispiel die Verfütterung von Fischmehl an Geflügel. Bei Bioland müssen Anbauflächen auf Altlasten überprüft werden - für EG-Bio ist das nicht geregelt. Und vieles andere lässt die EG-Öko-Verordnung außen vor: Erdbeeren, deren Anbau in Dürregebieten die örtliche Trinkwasserversorgung gefährdet; Käse in aufwendiger Plastikverpackung; Äpfel aus Neuseeland; Massentierhaltung - mit EG-Bio ist all dies ebenso vereinbar wie die unbegrenzte Zufütterung von Silage.

Bio kommt fein raus

Punkte dieser Art sind für die traditionellen Bioverbände ein willkommener Anlass zur Differenzierung. Die Bio-Siegel von Demeter & Co, die sich bislang fast ausschließlich auf Produkten in den Bio-Fachgeschäften finden, signalisieren strengere Richtlinien. Das halbe Dutzend Eier mit dem Bioland-Zeichen kostet zwar drei statt zwei Euro wie die EG-Bio-Eier, die von der konventionellen Eier-Industrie als zusätzliche Sparte mit produziert werden. Dafür kann der Käufer sicher sein, dass bei Bioland nicht nur Mindeststandards eingehalten wurden, sondern die Hühner in Ställen leben, deren Besuch einem nicht den Appetit verdirbt. Das gewährleistet die Marke Bioland nicht nur durch Richtlinien und Qualitätskontrollen, sondern vor allem durch eine intensive Beratung der Landwirte und ein Verbandsnetzwerk, das sich auf ein gemeinsames Ethos ökologischen Landwirtschaftens stützt.

In Brüssel sieht man das alles ein wenig anders. Die Revision der EG-Öko-Verordnung, die noch in diesem Jahr beschlossen werden soll, sah bis vor kurzem vor, dass allgemeine Aussagen, wonach "private oder nationale Standards für ökologische Erzeugung strenger, ökologischer oder höher sind" als die in der EG-Verordnung festgelegten, nicht mehr verwendet werden dürften. Mit anderen Worten: Die EU wollte Bioland, Demeter und anderen Verbänden ihre Geschäftsgrundlage verbieten. In einer seit kurzem vorliegenden neueren Fassung der Revision ist nur noch die Rede davon, dass staatlich kontrolliert werden soll, ob die Angaben der Bioverbände der Wahrheit entsprechen. Einer solchen Nachweispflicht, sagt Thomas Dosch, könnten aber nur Großfirmen nachkommen - nicht die in den Verbänden organisierten mittelständischen Landwirtschaftsbetriebe.

In Anbetracht dieser Entwicklung, sagt der Verbandsvorstand, habe man auch bei Bioland schon mal darüber nachgedacht, wie Werner Lampert auf die geschützte Kennzeichnung Bio zu verzichten und mit neuen, bio-ähnlichen Marken auf den Markt zu kommen, die von der Änderung der EG-Richtlinie nicht tangiert werden. Am Ende sei damit aber wenig gewonnen: Wie soll der Kunde, wenn die staatliche Kontrolle entfällt, noch den Überblick behalten? Selbst wenn man absolute Transparenz gewährleiste, sagt Dosch, seien wesentliche Unterschiede etwa in der Tierhaltung für den Kunden kaum zu erkennen. Außerdem: Ganz ohne staatlich geschütztes Siegel stände man wieder da wie am Anfang, als jeder seine Produkte als Bio bezeichnen konnte.

"Bio plus" soll nun die Lösung sein: EG-Siegel plus Verbandskennzeichen. Dass die Verbraucher mit einer Vielfalt verschiedener Bio-Zeichen überfordert sind, glaubt der Bioland-Chef nicht. "Das EG-Bio-Zeichen zeigt den Unterschied von Bio- und Nicht-Bio-Produkten. Den Leuten ist wichtig, dass es diese Kennzeichnung gibt. Trotzdem schauen sie auch auf Marken und Qualitätszeichen." Das Biosiegel "nach EG-Öko-Verordnung" wäre wie das TÜV-Siegel, das Qualitätszeichen hingegen der Stern auf der Motorhaube. Warum sollte eine Differenzierung, wie sie etwa für Autos üblich ist, nicht auch für Bio-Marken funktionieren?

Werner Lampert hält wenig von den Plänen seiner deutschen Kollegen. Richtig ins Schimpfen kommt der freundliche Herr, wenn er die Missstände in der Branche anprangert: das unprofessionelle Gebaren der Bio-Verbände, die Abzockermentalität in Bio-Läden und die Verweigerung von Service aus elitärem Dünkel. Er zweifelt daran, dass es jenes "bessere Bio", von dem Dosch spricht, überhaupt gibt. Und ebenso daran, dass die Bio-Supermärkte, abgesehen von dem ungleich größeren Sortiment, wirklich viel mehr zu bieten haben als Edeka oder Kaiser's. Außerdem: Wird es den Verbraucher nicht verprellen und ihm die Lust auf Bio verderben, wenn das EG-Siegel, an das er sich gewöhnt hat, zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen wird und einen Image-Schaden erleidet? Lamperts Position ist klar: "Es gibt nur ein Bio." Billig-Bio und besseres Bio: Nach der Logik der Marktforschung scheint es schlüssig, auf einen zweigeteilten Bio-Markt zu setzen. Der ausschließlich auf Lebensmittelqualität hin orientierte Kunde ist laut Studien, die das Marktforschungsinstitut Rheingold mit Fokusgruppen zum Thema Bio durchgeführt hat, ein eigener Typ von Bio-Konsument - neben dem idealistischen Öko alten Stils und dem pragmatisch eingestellten und genussfreudigen Sympathisanten, der den Bio-Supermarkt auch mal mit dem Notebook unterm Arm betritt.

Die Aufteilung des Marktes in Billig-Bio und in ein Bio de Luxe, das auch noch Ansprüche an Moral und Ernährungs-Qualität bedient, hieße aber auch, sich damit abzufinden, dass die Ideale der Ökobewegung letztlich nur in einer Nische überleben können. Die Alternative bestände darin, auch den Kunden der mit "Billig!" werbenden Discounter für die Vorzüge eines Premium-Bio zu gewinnen, das über die Mindestanforderungen des EU-Siegels hinausgeht. Aber wie will man das anstellen?

Bio wird Duzfreund

Als Werner Lampert einer Werbeagentur sein Zurück zum Ursprung zum ersten Mal erklärt hatte, wollte die einen TV-Spot drehen, in dem ein 40-jähriges Paar am Tisch sitzt. Sie hantiert geschäftig mit ihren Akten, er liest Zeitung, rührt beiläufig Joghurt in sein Müsli, betrachtet die Packung und sagt zu seiner Partnerin: "Weißt du eigentlich, dass ich über diesen Joghurt mehr weiß als über dich?" Darum geht es, meint Lampert: "Um Lebensmittelsicherheit. Und um Herkünfte." Das beschränkt sich nicht auf Energiebilanzen. "Da wird etwas produziert, das nicht austauschbar ist. Jedes Produkt ist rückverfolgbar auf einen ganz konkreten Menschen, der wirklich lebt." Ob sich das Modell Zurück zum Ursprung auch in Deutschland realisieren ließe? Die nordhessische Upländer Bauernmolkerei hat eine Bio-Milch auf den Markt gebracht, die mit einem Aufschlag von fünf Cent verkauft wird, der direkt an die Landwirte aus der Region weitergereicht wird. Das Produkt ist ein voller Erfolg. Der Solidarzuschlag wurde bei Befragungen zwar nur als ein Vorzug unter anderen angegeben. Dennoch verkauft sich die Milch mit Aufschlag besser als die gleiche Milch ohne Aufpreis, und zwar mehr noch im normalen Supermarkt als im Naturkosthandel. Ein deutliches Zeichen dafür, dass das Bild vom gesundheitsbewussten, aber egoistischen Kunden, dem die Strategen von Plus & Co. anhängen, nicht ganz stimmen kann.

Bei Hofer - dem österreichischen Aldi - steht die neue Zurück-zum-Ursprung-Milch neben der EG-Bio-Milch im Kühlregal. Beide kosten gleich viel: 95 Cent. Ist das für Aldi eine Konkurrenz im eigenen Sortiment? Er wisse es nicht, sagt Werner Lampert. Aber ja, doch, es sei schon seine Aufgabe, sich so etwas zu fragen. "Hm. Ich denke, wenn sich Bio nicht massiv inhaltlich verändert und qualitativ verbessert, wird sich die ganze Sache bald in Luft auflösen. Aber wenn Bio die Herausforderung annimmt, kann alles sehr gut gehen." Klar ist: Schrumpelige Möhren, Wollpullis und Sektierertum gehören der Vergangenheit an. Aber die Ökos von damals haben das Bio-Image geschaffen, das heute für Lebensmittelhändler ein willkommenes Aushängeschild ist. Und um die Frage von damals geht es immer noch - egal, ob Bio im Ökoladen um die Ecke verkauft wird oder im Discounter: Was wollen wir essen?

Literatur:
Werner Lampert: Schmeckt's noch? Was wir wirklich essen.
Econwin, 2005; 192 Seiten; 22 Euro