Auf der Suche

„Gleichheit ist nicht gerecht“ titelte brand eins im Oktober 2003, lange bevor eine halbherzige Elite-Diskussion im Ruf nach Elite-Universitäten verendete. Doch so schwer das Thema in Deutschland noch immer fällt – angesichts der sich häufenden Belege für das Versagen der alten Elite, wächst die Hoffnung auf eine neue. Nur: Wie könnte die aussehen, woher kommen, welchen Werten sich verpflichtet fühlen? Zu diesen Fragen hat brand eins gemeinsam mit der Unternehmensberatung Nextpractice und der Zeppelin University eine Untersuchung gestartet, mit verblüffenden, beunruhigenden, aber auch ermutigenden Ergebnissen.




Die Fragestellung war noch der einfachste Teil: Wer könnte in einem gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungsprozess, wie wir ihn gerade durchlaufen, Vorreiterrollen übernehmen? Wer ist stark genug, voranzugehen und Grenzen zu überschreiten? Und wie könnte es gelingen, eine Gesellschaft, die viele Jahre lang gelernt hat, über das Besondere hinwegzusehen, zu ermutigen, eben dieses Besondere zu erkennen, zu achten, und so zu einem Wert zu machen?

Schwieriger war es, ein Panel für die Interviews zu diesen Fragen zusammenzustellen. Klar war, dass die Befragten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur kommen mit dem Wandel und seinen Anforderungen vertraut sein sollten. Heraus kam eine Liste mit 150 subjektiv und ohne Anspruch auf Repräsentativität ausgewählten Menschen zwischen 25 und 65 Jahren, aus den definierten Bereichen, in unterschiedlichen Positionen. 80 erklärten sich spontan bereit, bei diesem Projekt mitzumachen und sich zwei Stunden Zeit für ein Interview nach einer besonderen, von Nextpractice entwickelten Methode zu nehmen (siehe Randspalte) - eine erstaunlich hohe Resonanz.

So schwärmten die Nextpractice-Interviewer im November und Dezember 2005 aus, brachten Berge von Daten mit und eine. erste Erkenntnis: An Deutschland, wie es ist, und an seine Eliten, wie sie sind, glaubt niemand mehr. Denn so unterschiedlich die Einschätzungen darüber waren, was eine Elite ist, wie sie entsteht und welche Aufgaben sie hat, in einem waren sich die Befragten erstaunlich einig: Zwischen Deutschland heute und "Deutschland als mein Erfolgsmodell" eröffnet sich ein gewaltiger Graben. Seit der Wirtschaftswunderzeit hat sich das Land aus der Sicht aller Befragten deutlich in eine Richtung verändert, die sich mit Gleichgültigkeit, Verunsicherung, Mittelmaß und unzureichender Überzeugungskraft beschreiben lässt (siehe Grafik). Diametral entgegengesetzt das Wunschmodell, für das Begriffe wie visionäre Vorstellungskraft, Solidarität als Werthaltung, Veränderung als Faszination und integer selbstloses Handeln stehen.

Viel zu tun also. Bei der Frage, was, scheiden sich allerdings die Geister. Drei deutlich voneinander unterschiedene Elitekonzepte ließen sich am Ende herausdestillieren, für die Nextpractice die Oberbegriffe "ganzheitliche Sinnstiftung", "gemeinsame Motivation" und "individuelle Leistung" gewählt hat.

1. Die auf "individuelle Leistung" setzen: Dies ist mit etwa 45 Prozent der Befragten die größte Gruppe, und sie hält noch immer das Elite-Verständnis aus dem Deutschland der Wirtschaftswunderzeit für überzeugend. An der Spitze wünscht sie sich Menschen, die durch ihre persönliche herausragende Leistung auffallen. Elite ist für sie ausgerichtet auf Selbstständigkeit, sie betrachtet Veränderung als Herausforderung und ist bereit zu grundlegenden Reformen. Überzeugende Authentizität gehört für diese Gruppe genauso zu den Führungspersonen von morgen wie ausgeprägte Leistungsbereitschaft und pragmatische Durchsetzungsstärke. Solidarität ist für sie eine Frage der Verantwortlichkeit. Für manche allerdings auch so etwas wie eine Ausgleichsfunktion, die ungezügeltem Egoismus Einhalt gebieten soll. Hier dient Solidarität vor allem dem sozialen Frieden.

Diese Gruppe, und darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu denen, die auf ganzheitliche Sinnstiftung setzen, ist fest davon überzeugt, dass sich eine Elite ausbilden lässt: durch Universitäten etwa, die ihre Absolventen zu Spitzenleistungen befähigen.

2. Die sich "gemeinsame Motivation" wünschen: Zu dieser Gruppe gehören etwa 25 Prozent der Befragten. Und sie können mit dem Begriff Elite wenig anfangen oder lehnen ihn ab. Vielleicht, so die weitestgehende Annäherung, könnte Elite eine motivierende Vorbildfunktion haben. Aber lieber setzt sie darauf, dass sich die Herausforderungen in der Gemeinschaft bewältigen lassen, tolerantes Weltbürgertum ist ihr ein hoher, zu verteidigender Wert. Für diese Gruppe ist Solidarität folgerichtig eine Strukturaufgabe für Staat und Gesellschaft, ebenso wie die Herstellung von Chancengleichheit. 3. Die "ganzheitliche Sinnstiftung" fordern: Diese Gruppe, etwa 30 Prozent der Befragten, hat ein eher unkonventionelles Elitebild: Für sie ist Elite nichts, worauf ein Anrecht besteht, weder durch Herkunft noch Amt. Elite lässt sich nicht ausbilden, herbeireden oder ernennen - Elite erweist sich in besonderer Situation, bei besonderen Herausforderungen. Und Elite ist für sie auch kein Status, der, einmal erworben, für immer besteht. Für eine bestimmte Aufgabe kann eine Person die Richtige am richtigen Platz sein - um dann, wenn sich die Situation verändert hat, einem dafür besser Geeigneten Platz zu machen.

Wie sich eine solche Elite findet? Durch die Aufgabe. Denn jede Auswahl läuft auf die Frage zu: Wer wählt aus? Und weil das in der Regel die sind, die zu den - von allen Befragten abgelehnten - alten Eliten gehören, setzt diese Gruppe auf die Auswahl durch die Situation. Es sind Menschen mit brüchiger Biografie, die zu diesem Konzept stehen: Sie haben gelernt, auf viele und komplexe Bedingungen einzugehen. Sie sind sich der permanenten Veränderung aus eigener Erfahrung bewusst. Deshalb ist dies auch ihre Vorstellung von Elite. Zu dieser Elite kann nach Ansicht der Sinnstifter nur gehören, wer hohe Reflexionsfähigkeit, ganzheitliches Prozessdenken und visionäre Vorstellungskraft besitzt und Veränderung faszinierend findet. Bemerkenswert ist ebenso, dass für diese Gruppe Solidarität eine Frage der Werthaltung ist. Sie glaubt, dass dynamische Systeme wie etwa eine Gesellschaft nur funktionieren können, wenn Solidarität als Wert verankert ist.

Und: Sie will, dass Elite Sinn stiftet. Elite ist für sie also kein Selbstzweck, sondern etwas, das dem Gemeinwohl dienen soll. Deshalb verwundert es nicht, dass die Befragten persönlichen Machtmissbrauch, aber auch Veränderung als Selbstzweck, herkunftsbezogene Elitedefinition oder Gleichmacherei als unvereinbar mit ihrem Elitebegriff empfindet.

In allen drei Gruppen gibt es wenig Zweifel daran, dass sich Deutschland erst am Beginn eines tiefgreifenden Veränderungsprozesses befindet. Die Unterschiede beginnen bei der Frage, ob das gut ist oder schlecht. Während die auf Sinnstiftung setzende Gruppe diese Veränderung als enorm wichtig empfindet, würde die zweite Gruppe sie am liebsten ausblenden. Die Gruppe, die auf individuelle Leistung setzt, nimmt den Wandel an - und sieht ihn als Herausforderung, die bezwungen werden muss. Hinter diesen unterschiedlichen Einschätzungen steht auch eine unterschiedliche Bewertung der Zukunft: Die Sinnstifter gehen davon aus, dass sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen in den nächsten Jahren grundlegend verändern werden - und auch müssen, wenn Deutschland seinen Platz behaupten will. Die beiden anderen Gruppen glauben dagegen eher an einen kontinuierlichen Veränderungsprozess ohne radikalen Bruch. Von einem wie auch immer gearteten Erfolgskonzept sehen sich alle Gruppen noch weit entfernt. Am schwächsten ausgeprägt ist die Hoffnung, dass sich Wunsch und Wirklichkeit in den nächsten Jahren annähern werden, bei den Sinnstiftern.

Welche Rolle die Wirtschaft dabei spielt? Kommt darauf an. Alle drei Gruppen trauen den Großunternehmen am wenigsten zu. Für Motivatoren und Leistungsvertreter ist aber vom Mittelstand und Unternehmertum Hilfreiches zu erwarten, auch wenn sie deren aktuelle Lage eher skeptisch beurteilen. Die Sinnstifter hingegen bekunden, dass sie auch in Mittelstand und Unternehmertum wenig Anzeichen dafür sehen, dass die Zeichen der Zeit erkannt wurden.

Eliten sind nicht auf Dauer angelegt. Und sie sind kein Selbstzweck.

Einig sind sich alle Befragten darüber, dass Komplexität und Dynamik zunehmen werden. Die Frage ist, wie sie bewältigt werden sollen. Bislang war der Weg einfach (siehe Chart S. 64): Damit die Gemeinschaft die Fähigkeiten des Einzelnen nutzen konnte, wurde er sozial abgesichert. Damit war Solidarität tatsächlich eine Strukturaufgabe. Nun haben sich die Zeiten geändert. Wie es weitergehen soll? Die Aussagen der Befragten lassen zwei Alternativen erkennen: Entweder das System stützt sich wieder auf Einzelintelligenz, wie es manche Teilnehmer der Gruppe 1 befürworten, und muss dafür die entsprechenden Anreize schaffen, damit sich individuelle Leistung mehr lohnt. Was aber auch zur Folge hat, dass ein sozialer Ausgleich geschaffen werden muss. Oder, was vor allem die Gruppe 3 favorisiert: Die Gemeinschaft entwickelt sich weiter in Richtung Netzwerkintelligenz. Das aber funktioniert nur, wenn das Netz durch eine gemeinsame Haltung, einen Sinn zusammengehalten wird, wenn Werte wie Solidarität und Gemeinschaft zur Selbstverständlichkeit werden.

Wie das gehen soll? Das ist Stoff für eine weiterführende Diskussion.