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Wider das geistige Kinderschnitzel

Die Macher des Münchener Jugendtheaters Schauburg wollen Kindern keine leichte Kost bieten. Sie sind überzeugt davon, dass die Kleinen viel mehr verstehen, als die Erwachsenen glauben.




Liesbeth ist doof. Im Plenum unter der Tafel herrscht ferner Einvernehmen darüber, dass das Mädchen eine treulose Tomate und deshalb auch eine arme Wurst ist. Dass sie von der Drei-Wünsche-Fee nur Geld und Haus und Filmstar möchte, bringt sie schließlich beinahe um ihre beste Freundin. Außerdem ist der Schauspieler als Liebessklave doch nicht so toll, weil er außer Zitaten aus Drehbüchern nichts sagen kann. Und sich so viel Geld zu wünschen, dass sie es gar nicht zählen kann, erweist sich für Liesbeth, ganz abgesehen von inflatorischen Risiken, als ebenso wenig hilfreich wie ein Haus, in dem sie sich ständig verläuft.

Das Baby indes ist der Star. Die Versammlung der Klasse 3 a der Grundschule an der Rotbuchenstraße in München ist kaum zu halten, wenn die Sprache auf den gut 1,70 Meter großen Zwerg kommt, der zwar für den Fortgang der Handlung nicht besonders wichtig, aber als aufheiterndes Element für Achtjährige offenbar höchst erquicklich ist. Alina muss kichern, Verena zappelt, und auch die anderen Diskutanten kringeln sich auf dem Dielenboden. Dort haben sie einen Kreis gebildet, nachdem Klassenleiterin Ingrid Neppl mit einem sanften Schlag auf einen Xylofon-Klangstab die Versammlung einberufen hatte und die Schüler wie aus Startblöcken aus den Stühlen nach vom kamen.

Schließlich waren sie am Tag zuvor im Münchener Schauburg Theater, und darüber gilt es nun zu sprechen, zumal es im Stück "Die drei Wünsche" nicht nur um Babys und treulose Tomaten ging, sondern auch um verschiedene Handlungsstränge, Zeitebenen, teilweise antiquierte Sprache und ein abstraktes Bühnenbild. Also nicht unbedingt um das, womit sich Drittklässler beschäftigen.

Über dem Eingang der Schauburg ist ein großes schwarzes Plakat angebracht, auf dem in gelben Lettern " Komplexität gegen Vereinfachung" steht. Die Schauburg ist Münchens Schüler- und Jugend-Theater und das Plakat sein Manifest. Das lässt sich auch anders ausdrücken, etwa in den Worten der künstlerischen Leiterin des Hauses, Dagmar Schmidt: "Wir dürfen Kindern und Jugendlichen nicht nur geistige Kinderschnitzel servieren." Schmidt ist 52 Jahre alt, sie hat graue Haare, lacht wie eine junge Frau, redet schnell und energisch und gestikuliert im Takt dazu. Mit am Tisch sitzt George Podt, 66, der Intendant der Schauburg und Ehemann von Frau Schmidt ist. Er kommt aus den Niederlanden, spricht in langsamem Rudi-Carrell-Sound, trägt die Brille auf der Nasenspitze und gestikuliert in etwa halb so schnell wie seine Gattin. Wenn einer von beiden etwas erzählt, beendet der andere oftmals die Geschichte. Sie: "Als wir angelangen haben in den achtziger Jahren, konnten wir Kindertheater mit zwei Lappen und zwei Kissen machen. Sie konnten damit Fantasiewelten entstehen lassen." Er: "Die Kinder sind heute vom Naturalismus infiziert. Im Fernsehen gibt es nichts Abstraktes." Sie: "Es wird immer schlimmer." Bisweilen passiert so eine freundliche Geschichtenübernahme auch mitten im Satz. Ohne Pause.

Nun gehört es zum Berufsprofil des Theaterfunktionärs, in Fernsehen und Playstation wie in jeder Subventionskürzung die Anlage zum Untergang des Abendlandes zu beschwören. Es ist aber interessant, was die beiden seit den achtziger Jahren an Reaktionen von Kindern und Jugendlichen auf bestimmte Stücke beobachten. Schmidt und Podt sagen, dass es Stücke gebe, die vor fünf Jahren noch machbar waren, aber die Kinder heute überforderten. Demnach dürften also die Noahs, die derzeit die Leonies im Foyer schubsen, wenn gut hundert Kinder auf den Beginn einer Vorstellung warten, teilweise nicht mehr so aufnahmefähig sein, wie es die Stefans noch waren, als sie die Julias schubsten.

Dabei finden die Schauburg-Leute, dass Theater einen wichtigen Beitrag zur Bildung leisten kann. "In Zeichen deuten, Erlebtes zu Symbolhaftem verdichten zu können, das ist keine Schöngeisterei, um als Erwachsener Shakespeare und Schiller lesen zu können. Das ist eine Schlüsselqualifikation", sagt Schmidt. Bei der Inszenierung von Johann Peter Hebels (1760-1826) "Die drei Wünsche" hat es die Theater-Leitung nicht nur bei dessen alter Sprache belassen, sondern eine zweite Ebene eingezogen, in der Liesbeth, gespielt von Marie-Christine Ruback, und ihre Freundin (Tamara Hoerschelmann) sich von einem despotischen Wirt (Hussam Nimr) herumkommandieren lassen - diese Ebene soll Brücke sein in die Lebenswelt der Kinder.

Hebels Original trägt zwischen den Szenen ein Erzähler (Tim Kalhammer-Loew) in antiquiertem Dialekt vor. Gerafft und modern gesprochen geht es so: Ein Paar darf sich von der Fee etwas wünschen. Die Frau spricht von einer Wurst, ohne an die Fee zu denken. Die Wurst kommt, der Wunsch ist weg. Das ärgert den Mann so, dass er der Gattin eine Wurst an die Nase wünscht. Der letzte Wunsch geht dafür drauf, das Ding wieder wegzumachen, und die Welt ist wie zuvor. Alles Wurst sozusagen.

In der 3 a an der Rotbuchenstraße hat sich neben Klassenleiterin Neppl auch Katharina Bönisch in den Kreis gesetzt. Sie hat sich schon vor der Aufführung mit den Kindern getroffen, sie Szenen spielen lassen mit drei Wünschen und sie mit ihnen in historische Sprache übersetzt. Nun hat die gelernte Schauspielerin und Theaterpädagogin an die Tafel das Wort " Gesamt-Kunstwerk" geschrieben und darunter ein Plakat vom Stück "Die drei Wünsche" geklebt. " Das Baby fandet ihr also toll?", fragt Bönisch. Kichern. "Was braucht man denn alles für das Theater?" "Schauspieler", sagt ein Mädchen. Bönisch macht einen Pfeil weg vom Plakat und schreibt "Schauspieler" an die Tafel. Was noch? "Licht", sagt ein Junge. Man spricht darüber, was Licht machen kann, was Musik, warum die Szene spannend wird, warum das Bühnenbild, obgleich nur aus ein paar Holzwänden gezimmert, als passables Haus durchgeht, und ob der Schauspieler Sebastian Hofmüller auch ohne Kostüm und Gebrabbel als Baby zu akzeptieren wäre. Am Ende stehen an der Tafel um das Plakat " Schauspieler", "Musik", "Licht", "Technik". An der Wand gegenüber hängen Wasserfarben-Bilder von bunten Häusern, die die Kinder gemalt haben. Sie sind zweidimensional. Das mehrdimensionale Theater können sie aber ziemlich gut analysieren.

Das liegt auch daran, dass die Schule an der Rotbuchenstraße mit ihren 24 Klassen das Theater mehr in die Schule integriert, als dies andernorts üblich ist. An den Vormittagen kommen Klassen zu Bönisch in die Aula. Dort lernen die Schüler, wie sie sich in Konflikten verhalten können, wie sie sie vermeiden, welche Rolle die Haltung spielt und welche die Stimme. Am Nachmittag gibt es die Theatergruppe. Dort entwickelt Bönisch mit Dritt- und Viertklässlern Stücke, die man nicht gleich an der Grundschule verorten würde. Zum Beispiel zum Thema Diktatur.

Bönisch lässt die Schüler dafür Szenen improvisieren, die sie miteinander verknüpft. Am Ende entsteht so ein Stück auf Basis des Kinderbuches "Der überaus starke Willibald" von Willi Fährmann. Dafür stellte Bönisch zunächst Unmengen Koffer in die Klasse, die Kinder konnten hineinkriechen, "leichter Koffer, schwerer Koffer" spielen, Räume damit abtrennen. Alle spielten in dieser Welt Mäuse, und irgendwann stand ein Mäuserich auf einem Koffer und kommandierte die anderen hemm. Bönisch ließ die Kinder zu Hause fragen, was eine Diktatur sei, und als sie von ihren Recherchen zurückkamen, dachten sie sich weitere Szenen aus. Natürlich endet alles gut: Eine Albinomaus, die der böse Mäuserich schikaniert hat, ist die einzige, die lesen und deshalb die anderen vor einer Mausefalle warnen kann. Nur der Böse läuft rein.

Nun kann man sich streiten, ob der Moral- und Bildungsappell nicht plump ist. Gleichwohl haben acht und neun Jahre alte Kinder damit angefangen, sich in Koffern zu verstecken, um am Ende über Hitler und Napoleon zu sprechen. Und ein Theaterstück samt Bühnenbild und Lichtregie haben sie sich auch noch ausgedacht.

Die Situation der Schüler von der Rotbuchenstraße ist allerdings nicht repräsentativ für die Situation an Deutschlands Schulen, zumal der Münchener Stadtteil Untergiesing-Harlaching einer ist, in dem wohlhabende Leute leben und die Kinder, wie eine Lehrerin es ausdrückt, "schon mit Abitur auf die Welt kommen". Was passiert, wenn die Perspektiven schlechter sind, das hat Schauburg-Frau Schmidt einen Tag vor dem Gespräch, in dem ihr Mann und sie einander die Sätze beenden, gesehen.

Da hatte sie eine Hauptschule besucht. Die Schüler hatten zuvor das Stück "Benzin" angeschaut, in dem die Darsteller nur tanzen und nicht sprechen. Es spielt in einer Werkstatt, deren Besitzer das Unternehmen verkauft. Er wird reich, ein Meterstab wächst wie ein Aktienkurs in den Himmel, und die Angestellten irren verunsichert und perspektivlos umher.

Nun sagt Schmidt zu ihrem Mann: "Eine Schülerin in dieser 10. Klasse hat gestern gefragt, was denn dies und jenes bedeutet habe. Sie hat Szenen bis ins Detail beschrieben und wollte eine Interpretation. Du erinnerst dich an jede Kleinigkeit, aber hast keine Idee?, habe ich gefragt." Die Schülerin war unsicher. Nein, keine Idee. "Ich habe dann gesehen, wie sie bei jedem Vorschlag von mir im Geiste einen Haken gemacht hat", sagt Schmidt und malt mit der Hand Haken auf ein Buch, das auf dem Tisch liegt und den Titel "Der eine kämpft, der andere erntet" trägt. "Die haben sich aufgegeben. Die glauben nicht mehr daran, dass sie etwas deuten können", sagt Schmidt. "Sie merken irgendwie, dass sie nicht gebraucht werden", sagt Podt.

An der Schauburg spielen sie auch Gerhard Hauptmanns "Die Weber". Die wurden zwar ausgebeutet, hatten aber wenigstens einen Job, den sie verlieren konnten. Die Situation mancher Jugendlicher heute ist komplizierter als alles, was das Theater darstellen kann. Da würden nur drei Wünsche helfen.