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Tycoon bleibt Tycoon

Mike Milken war der Wall-Street-Tycoon. Er hat die Junk Bonds erfunden und die Börse zum Spielplatz für Zocker gemacht. Er war das Vorbild für Michael Douglas in Oliver Stones Film „Wall Street“. Und er ging dafür dreieinhalb Jahre in den Knast. Heute ist Mike Milken wieder da. Immer noch reich. Immer noch stark. Nur setzt er seine Energie jetzt für den Kampf gegen den Krebs ein.




Mike Milken spricht mit einer sanften, dünnen Stimme. Seine eng zusammenliegenden Augen funkeln und stehen in merkwürdigem Kontrast zum bleichen ausgehöhlten Gesicht. Keine Frage: Der Mann im dunklen Anzug sieht genauso aus wie der Wall-Street-König aus den achtziger Jahren. Sein typisches strahlend weißes Lächeln ist geblieben, nur trägt er jetzt kein Toupet mehr, seine Halbglatze schimmert im Rampenlicht vor Schweiß.

Mehr als hundert Arzte, Informatiker und Biologen aus der ganzen Welt sitzen im IBM-Konferenzzentrum in der Nähe von New York. Einige schreiben fleißig in ihren Unterlagen, andere schauen streng über ihre auf der Nase heruntergedrückten Lesebrillen, ein paar verdrücken sich zum Kaffeestand in die Vorhalle. Als Milken auf die Bühne tritt, geht ein Rascheln durch den Raum: Jeder schaut in den Programmplan. Dort steht: "Michael Milken, Chairman von Schnellere Heilung/Das Zentrum für beschleunigte medizinische Lösungen". In der Kurzbiografie ist zu lesen: "Als Finanzier wird er oft in einem Atemzug mit der Revolutionierung und Demokratisierung der Kapitalmärkte genannt, der Millionen von Arbeitsplätzen schuf." In einer der hinteren Reihen im Saal sitzt Professor Gerd Schmitz, Direktor des Regensburger Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin, und flüstert: "Hat der nicht im Gefängnis gesessen?" Was um alles in der Welt macht Milken hier? Auf dem Expertentreffen " 2004 Worldwide Biobank Summit II", veranstaltet vom Technologiekonzern IBM, auf dem Fachleute von Stiftungen, Universitäten und Unternehmen drei Tage lang über Biobanken, Datensammlung und Digitalisierung von Patienteninformationen reden? Der Auftritt ist umso erstaunlicher, wenn man Milkens fast ins Absurde grenzende Scheu vor Öffentlichkeit kennt.

Die Antwort ist die Geschichte eines unglaublich scheinenden Comebacks. Mike Milkens Karriere gleicht einer Achterbahnfahrt: In den achtziger Jahren stieg er zum Herrscher der Junk Bonds auf, verdiente Milliarden Dollar, veranstaltete einmal im Jahr den berühmt-berüchtigten Raubtier-Ball und lebte in Beverly Hills in Saus und Braus. Dann verurteilte ihn ein Gericht 1990 wegen Wertpapiermanipulationen zu zehn Jahren Haft. Nach seiner vorzeitigen Entlassung 1993 erkrankte Milken an Prostatakrebs, die Arzte gaben ihm noch 18 Monate. Aber er überlebte und bekämpft jetzt mit dem gleichen Elan, der früher der Wall Street das Staunen lehrte, den Krebs und baut nebenher einen Wissenskonzern mit derzeit 50 000 Mitarbeitern auf.

Der frühere Bösewicht der Wall Street ist nicht nur ein Samariter, sondern ein Held geworden. Mike Milken stellte die Krebsforschung auf den Kopf, gründete zahlreiche Hilfsorganisationen und rettete abertausenden Menschen das Leben. Mit einem unermüdlichen Optimismus übertrug er Managementmethoden und betriebswirtschaftliche Grundsätze auf die Forschungsarbeit. "Milken hat mehr in der Krebsforschung verändert als jeder andere zuvor", sagt Anna Barker, Direktorin für neue Technologien beim National Cancer Institute vom amerikanischen Gesundheitsministerium. "Er brachte uns eine völlig neue Art des Denkens bei.

Milken macht einen verhuschten Eindruck, der von seiner fisteligen Stimme noch unterstützt wird. Doch hinter dem unscheinbaren Äußeren steckt ein Mensch voller Leidenschaft, der seinen Willen gegen Widerstände durchsetzt, vor denen andere schon im Vorfeld kapitulieren würden. Obwohl Milken gern Zahlen und ökonomische Beispiele herunterrattert, schlägt er Gesprächspartner in seinen Bann. Mike Milken sprudelt vor Energie, wenn er über seine Lieblingsthemen wie technologischen Fortschritt oder Langlebigkeit spricht. Aber er ist kein offener Mensch. Etwa bei Fragen über sein Unternehmen Knowledge Universe bekommt er die Zähne nicht auseinander. Dabei ist es das weltweit größte Bildungsimperium, auf dessen Website man bezeichnenderweise lediglich eine weiße Seite mit einer E-Mail-Adresse findet.

In den achtziger Jahren stand der Name Mike Milken für Maßlosigkeit an der Wall Street. Fast im Alleingang kreierte er einen Markt für Anleihen von Unternehmen mit wackeligen Finanzen, Junk Bonds genannt, Müllanleihen. Das höhere Risiko der Papiere verspricht Investoren höhere Renditen. Junk Bonds halfen Spekulanten wie Carl Ican oder Kirk Kekorian, mit vergleichsweise geringen Mitteln größere Unternehmen zu übernehmen und oft auch zu zerschlagen. Die Zeitungen waren voll mit spektakulären Attacken der Raider, durch die tausende von Menschen ihre Arbeit verloren. Milkens Freund und Geschäftspartner Ivan Boesky sprach in einer Rede aus, was das Jahrzehnt prägte: "Gier ist gut." Doch mit dem Kurszusammenbruch der Junk-Bond-Anleihen Ende der achtziger Jahre verloren Versicherungsunternehmen und Pensionsfunds enorme Summen. Der spektakuläre Konkurs der American Saving & Loans kostete den US-Steuerzahler Milliarden Dollar.

Die einen sahen Milken als kreativen Zerstörer. Die anderen als Verbrecher Die geheimniskrämerische Art von Milken hat seinem Image nicht eben genutzt. Abgeriegelt von der Außenwelt, saß er mit seiner Mannschaft in Los Angeles an dem berühmten x-förmigen Schreibtisch, umringt von Händlern, Computermonitoren und Telefonen. Der damalige New Yorker Staatsanwalt Rudy Giuliani heftete sich an seine Spur, weil er bei Milken Insider-Handel, Unterschlagung und organisiertes Verbrechen vermutete. Nach einer jahrelangen Untersuchung und einem dramatischen Prozess verurteilte das Gericht Milken 1990 wegen Marktmanipulation in sechs Fällen zu zehn Jahren Haft. Das Urteil wurde ein Jahr später auf zwei Jahre Haft und drei Jahre Bewährung reduziert. Mike Milken musste in einem Vergleich mit den Aufsichtsbehörden den damaligen Rekordsatz von 600 Millionen Dollar Strafe zahlen und zudem mehrere hundert Millionen Dollar Schadensersatz überweisen. Das Gesamtvermögen der Milken-Familie, das damals auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt wurde, wurde nur angekratzt.

Dennoch war Milken nicht für alle der Teufel in Person. Vor allem libertäre Denker verteidigen ihn als Vollstrecker der kreativen Zerstörung des Marktes. Andere sehen in ihm ein Opfer, das persönlich für die Auswüchse der Go-Go-Jahre herhalten musste. Selbst Kritiker honorieren, dass Milken mit den inzwischen etablierten Junk Bonds Pionierarbeit geleistet hat. Mit ihnen finanzierte er viele neue Unternehmen wie den Murdoch-Medienkonzern News Corp, den Baukonzern KB Homes oder das Kasino MG Mirage und half, zahlreiche Arbeitsplätze zu scharfen.

Den Stress an der Wall Street hat er geliebt. Nur die Ernährung ließ zu wünschen übrig In seinen wilden Wall-Street-Jahren war Milken ein Kontrollmensch, der seine rund 15 Mitarbeiter wie in Knechtschaft hielt, sie dafür allerdings großzügig bezahlte. Wenn die Händler morgens um 4.30 Uhr den Dienst antraten, fanden sie oft Anweisungen vom Vielarbeiter Milken auf dem Schreibtisch. Auch nach Börsenschluss war nicht Feierabend, erst um 20 Uhr durfte man nach Hause gehen. Besessen von der Börse, starrte Milken ohne Pause auf die Monitore, verschlang Junkfood an seinem Schreibtisch, niemand durfte für das Mittagessen das Büro verlassen. "Ich aß mehr Hotdogs als irgendjemand anderes auf dieser Welt", erzählt Milken. "Bei jedem Hühnchen habe ich die Haut mitgegessen. Ich habe gegrilltes und verkohltes Fleisch geliebt." Heute ist Milken Vegetarier, meditiert regelmäßig und beschäftigt sich mit alternativer Medizin. Er gönnt sich eine Stunde mehr Schlaf - insgesamt immerhin fünf Stunden. Doch die Hektik der Wall Street förderte nach seiner Ansicht nicht seinen Krebs: "Für mich war das positiver Stress", sagt Milken, der heute noch ohne Pause von einem Meeting zum nächsten eilt. "Viel schlimmer war, dass ich 20 Jahre lang am Computer zu Mittag gegessen habe statt in Ruhe irgendwo anders." Ein Vielarbeiter ist er geblieben: Milken begründete die Prostate Cancer Foundation und organisierte 1998 den ersten "Krebsmarsch" zum US-Kongress, an dem 150 000 Menschen teilnahmen; durch seine Lobbyarbeit floss die Rekordsumme von fast vier Milliarden Dollar in die bis dahin vernachlässigte Prostataforschung. Milken selbst spendete nach eigener Aussage insgesamt eine halbe Milliarde Dollar, nach Inflation, wie er hinzurügt. "Für das Ziel habe ich mein Leben lang gearbeitet: im kommenden Jahrzehnt den Krebs zu besiegen", sagt der 58-Jährige. Aber Milken wäre nicht Milken, legte er nicht ein paar ökonomische Argumente nach. "Alle Sachanlagen der USA, alle Immobilien, Fabriken, Anleihen oder Aktien, sind ungefähr 57 Billionen Dollar wert" , sagt er. "Ich schätze, dass die Abschaffung von Krebs für die USA ungefähr gleich viel wert ist. Und ich bin mir sicher, dass der Vergleich für Deutschland genauso ausfallen würde." Milken wurde im Januar 1993 aufgrund guter Führung zwei Monate früher als geplant aus dem Gefängnis in der Nähe von San Francisco entlassen. Wenige Tage danach ließ er sich von seinem Hausarzt auf Herz und Nieren prüfen. Weil sein Freund Steve Ross, Chairman von Time Warner, im gleichen Monat an Prostatakrebs gestorben war, wollte sich Milken auch einem PSA-Test unterziehen - das steht für Prostataspezifisches Antigen und ist das Protein, das den männlichen Samen verflüssigt. Normal ist ein Wert zwischen zwei und vier Nanogramm/ml. Liegt er höher, verlieren Zellen, die möglicherweise an Krebs erkrankt sind, das Protein. Sein Arzt winkte ab: Milken sei mit damals 46 Jahren zu jung für Prostatakrebs. Milken bestand auf dem Test, der Arzt willigte ein. Das PSA-Ergebnis war schockierend: 24.

Eine Gewebeentnahme brachte weitere schlechte Nachrichten: Der Krebs hatte sich bereits zu den Lymphknoten vorgearbeitet. Damit war der oft erfolgreiche chirurgische Eingriff nicht mehr möglich. Ob zum M. D. Anderson Cancer Center in Houston oder zur Johns Hopkins University in Baltimore - Milken reiste kreuz und quer durch die USA, um Hilfe zu finden. Im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York injizierte man sogar Milkens erkrankte Zellen in Mäuse, um so weitere Krebszellen zu erhalten, an denen man verschiedene Behandlungsmethoden ausprobieren konnte. Das Projekt scheiterte. Die Arzte gaben Milken noch 18 Monate zu leben.

Auf Milkens Verlangen behandelte ihn sein Urologe mit der aggressivsten Behandlungsmethode, die zur Verfügung stand: der Androgen-Entzugstherapie, die den Krebszellen männliche Hormone entzieht, die sie zur Vermehrung brauchen. Obwohl sich die Krebszellen recht häufig anpassen und neue Wege zur Teilung finden, schlug die Therapie bei Milken an. Zusammen mit einer Bestrahlung fiel sein PSA-Wert - von 24 auf 15, dann auf 10, 5 und 3 ng/ml. Nach dem Therapieerfolg befindet sich Milkens Krebs nun in "ausgesetzter Animation", er ist gestoppt, aber nicht weg. Bis heute muss Milken regelmäßig Medikamente nehmen. "Ich bin nicht geheilt, aber mein PSA ist null", sagt er.

Milkens Familie hat eine Menge Erfahrung mit Krebs. Seine Schwiegermutter und vier Tanten starben an Brustkrebs, sein Stiefvater und sein erster Cousin überlebten einen Gehirntumor nicht. Am schlimmsten war für Milken der Tod des Vaters durch Hautkrebs. Von 1975 bis 1977 besuchte er mit ihm jedes wichtige Krebs-Krankenhaus in den USA, doch Heilung war nicht zu finden. "Mein Sohn sollte wenigstens seinen Großvater kennen lernen, bevor es zu spät ist", erzählt Milken. 1976 zog er mit der gesamten Anleiheabteilung der New Yorker Investmentbank Drexler Burnham Lambert von der Ost- zur Westküste - eine selbst für einen Wall-Street-Starhändler unerhörte Sonderbehandlung - um in der Nähe seines Vaters sein zu können. Der starb neun Monate nach dem Umzug.

Während seiner Behandlung dachte Milken viel über seine Familie nach. Jeder der Erkrankten hatte sich an die Ratschläge der Ärzte gehalten, sonst aber nichts unternommen. Was konnte er anders machen als sie? Milken beschäftigte sich mit alternativer Medizin. Mit seiner Frau Lori verbrachte er 1993 eine Woche im Maharishi Center, einem Zentrum für Ayurveda in Berkshire Mountains im US-Bundesstaat Massachusetts. Danach heuerte er einen Ayurveda-Spezialisten an, der für vier Monate in seinem Haus lebte. 1994 pilgerte er nach Russland zu einem Wunderheiler. Im Jahr darauf reiste er nach China, um sich von Qi-Gong-Doktoren behandeln zu lassen. Milken glaubt an Aromatherapie: Meeresluft und Piniennadeln helfen ihm nach eigener Aussage, sein Immunsystem zu stärken. "Ich finde es wichtig, den Geist mit dem Körper zusammenzubringen", sagt Milken, der sich vor dem Fenster seiner Bibliothek einen Springbrunnen bauen ließ, damit er beim Lesen das Wasser plätschern hören kann.

Milken hörte auf, fettige Nahrung zu sich zu nehmen: Statt Fleisch und Milch aß er nur noch gekochtes Gemüse und rohes Obst. Doch bald war er das Einerlei am Esstisch leid. Unbeirrbar wie immer suchte er Abhilfe: Er stellte Beth Ginsberg ein, die in Los Angeles für gesundes Kochen berühmt war. Milkens Auftrag: Ob Hotdogs oder Hamburger, sie sollte alles aus Gemüse, Tofu und Sojabohnen herstellen. Jeden Morgen trinkt Milken einen Spezial-Shake aus grünem Tee, Limettenschale, Vitamin E und Genistein, einem Nährstoff aus Sojabohnen, der wie fruchtiger Schaum schmeckt und von Ernährungswissenschaftlern und Krebsforschem entwickelt wurde.

Einmal im Jahr lädt Milken zum Gourmet-Spiel ein, bei dem Freunde und Familienangehörige erraten müssen, ob es sich bei den gegrillten Würstchen um richtige oder falsche handelt. Stolz erzählt Milken, wie oft alle danebenliegen. Vor ein paar Jahren veröffentlichten Ginsberg und Milken "Ein Kochbuch für den Geschmack des Lebens: Mike Milkens Lieblingsrezepte gegen Krebs". Die Sammlung wurde zum Bestseller, die Erlöse gingen an die Prostate Cancer Foundation.

Milken zerstört immer noch. Zum Beispiel festgefahrene Strukturen in der Medizin Trotz seiner leisen Stimme zieht Milken das Publikum auf der IBM-Biobankkonferenz schnell in seinen Bann. Mit einer Hut von Fakten und Vergleichen rast er durch die Finanzgeschichte, verknüpft auf unterhaltsame Weise hundert Jahre alte Statistiken mit der künftigen Revolution der Medizin und strahlt eine Energie aus, die nur von seinem Optimismus übertroffen wird: "Als US-Präsident Richard Nixon 1971 dem Krebs den Krieg ansagte, gab es nur drei Eissorten: Erdbeere, Vanille und Schokolade; und der Telekommunikationskonzern AT&T besaß 94,9 Prozent aller Telefonanschlüsse in den USA", so Milken. "Heute kämpft AT&T gegen die Pleite, und Eissorten gibt es dutzende." Dann kommt er zum Kern seiner Philosophie. Der Fortschritt ist unerhört und unaufhaltsam, Krebs werde besiegt werden. So viel habe sich seit Nixons Erklärung verändert: Die Rechenkapazitäten der Computer, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die Ausweitung der Produktauswahl für Verbraucher oder die Erfindung neuer Finanzinstrumente wie Optionen oder Hypotheken. " Wenn die Menschen in Ägypten ihre Häuser mit Hypotheken finanzieren könnten, hätten sie mehr Kapital zur Verfügung, als sie jemals in der ganzen Landesgeschichte an Entwicklungshilfe erhalten haben", ruft Milken und erzielt den für ihn typischen Effekt der Verblüffung und Veranschaulichung.

Was das Beispiel mit Biobanken zu tun hat? Es zeigt Dimensionen. "Vier von fünf klinischen Tests verzögern sich aufgrund von Schwierigkeiten bei der Patientenfindung", sagt Milken. Dabei würden Millionen Menschen in der Welt auf all ihre Datenschutzrechte verzichten, "mich eingeschlossen", nur um von ihrer Krankheit geheilt zu werden. "Als Kranker hat man bereits seine Privatsphäre aufgegeben." Nicht Technologie oder Geld seien das Problem der medizinischen Forschung, sondern Bürokratie und ein falsches Verständnis von Verantwortung: "Hören Sie auf, Menschen vor sich selbst zu schützen", ruft Milken in den Saal. Als er die Bühne verlässt, braust lang anhaltender Beifall auf. "Ein fantastischer Mann", sagt der Regensburger Professor Schmitz.

Nach dem Vortrag wird Milken von Konferenzteilnehmern umringt. Carolyn Compton, Chefin des Pathologieabteilung der McGill University, trägt ein Forschungsvorhaben für die Aufbewahrung von Bioproben vor. Milken hört sich alles genau an, stellt ein paar Fragen, dann sagt er: "Klar, das machen wir. Lassen Sie uns am Montag in Washington treffen, und wir bringen das unter Dach und Fach." Die Medizinerin kreuzt ihre Hände über die Brust: "Schon Montag! Ich bin überwältigt!" Das ist Milken: schnell, direkt und unbürokratisch. Das glatte Gegenteil der traditionellen Medizinforschung: Forscher, Ärzte und Patientenvertreter sind sich selten einig, streiten um Finanzierungsmittel oder Behandlungsoptionen. Wissenschaftler verbringen oft ein Drittel bis zur Hälfte ihrer Zeit mit dem Beantragen von Forschungsgeldern bei Stiftungen oder Behörden. Hunderte von Seiten sind auszufüllen - dann hört man lange nichts mehr. Selbst bei einer Zusage fließt das Geld nur mit Verzögerung.

Obwohl Milken 1993 um sein Leben kämpfte, besuchte er nicht nur Krankenhäuser, sondern auch Krebsexperten und Firmenchefs in ganz USA, um die Forschungssituation beim Prostatakrebs zu analysieren. Sein Fazit: Die Forscher schwimmen in Daten und Theorien, aber viel zu wenige tun etwas damit. Das machte ihn wahnsinnig - nicht zuletzt, weil es um sein eigenes Überleben ging. Als Anleihenhändler war er Entscheidungen über Millionen von Dollar in Bruchteilen von Sekunden gewöhnt. " Einige Leute sagen: Es ist zu wenig Zeit", sagt Milken, "aber das glaube ich nicht. Ich denke, man muss nur die Trägheit aus dem Entscheidungsprozess herausnehmen." Milken erzählt von seinem Vater. Als der in den siebziger Jahren an Hautkrebs erkrankte, wurde er von John Morton behandelt, der ein Mittel gegen Hautkrebs entwickelt hat, das seinem Vater vielleicht hätte helfen können. "Die Entwicklung dauerte 30 Jahre", sagt Milken. "John schätzt, dass er davon 10 bis 15 Jahre mit Anträgen für Forschungsgelder verschwendet hat." Milken hatte bereits 1982 die Milken Family Foundation gegründet und Millionen für Medizin und Bildung gespendet. Seit seiner Krankheit weiß er: "Nur Geld zu geben reicht nicht aus." Er hatte am eigenen Leib erfahren, wie wenig man über seine Krebsart wusste. Nicht zuletzt, weil die Erforschung von Prostatakrebs wenig Karrierechancen versprach, Forschungsgelder standen kaum zur Verfügung. 1993 formulierte Milken die Richtlinien für eine neue gemeinnützige Organisation gegen Prostatakrebs, die Prostate Cancer Foundation (PCF): Forschungsanträge sind auf fünf Seiten zu begrenzen, die innerhalb von 60 Tagen entschieden und binnen 90 Tagen bezahlt werden. "Das haben wir Venture Capital für medizinische Forschung genannt", sagt Milken. "Der Forscher muss bei seinem Antrag seine Idee nicht beweisen, sondern uns nur von ihrer Plausibilität überzeugen." Ursprünglich wollte er Mathematik studieren. Bis zu den Rassenunruhen 1965 in Los Angeles Einzige Auflage: Stipendiaten müssen für ihre 75 000 bis 150 000 Dollar die Forschungsergebnisse auf einer von Milken organisierten jährlichen Konferenz präsentieren - vor Kollegen, Universitäten und Pharmaunternehmen. Das galt als unerhört und undenkbar. Wissenschaftler wollen ihre Forschungsergebnisse zuerst in einer Fachzeitung publizieren. Tatsächlich erhielt die PCF im ersten Jahr nur 85 Anträge. Doch das Geld lockte, im zweiten Jahr waren es 200, 1995 schon 600. "Wir waren das Teilen von Wissen nicht gewöhnt", sagt Eric Klein, Chef der Urologie in der Cleveland Clinic, "Milken änderte die Dinge auf fundamentale Weise." Insgesamt sind mehr als 80 klinische Testreihen auf Milken zurückzuführen. Die PCF hatte in kaum zwölf Jahren bei 1100 Projekten ihre Finger im Spiel. Allein in den USA sank die Zahl der durch Prostatakrebs gestorbenen Menschen seit 1993 nach Berechnungen des National Cancer Institute um 26 Prozent.

Milken gibt dem Patienten in der medizinischen Forschung eine Stimme. Als Betroffener schreibt er die Spielregeln, die ihm richtig erscheinen - und setzt sie mit Energie, Ungeduld und Geld durch. 2003 gründete er die gemeinnützige Organisation ,Faster Cures/The Center for Accerlerating Medical Solutions', die als Ideenfabrik die besten Forschungspraktiken finden und verbreiten will. Sie unterstützt die 2004 gegründete Organisation " Patients Helping Doctors", mit deren Hilfe Betroffene ihre Daten oder Gewebeproben für eine Forscherdatenbank stiften können.

Milkens Predigt der Effizienz wird erhört: Seine PCF-Richtlinien wurden inzwischen von zahlreichen Medizin-Stiftungen übernommen. "Mike Milken veränderte die Kultur in der Medizinforschung und verbreitet eine Atmosphäre der Dringlichkeit", sagt Andrew von Eschenbach, Chef des National Cancer Institute. "Es brauchte jemanden mit seiner Geschäftsmentalität, um alles durchzuschütteln." Als Teil der damaligen Einigung mit der Börsenaufsicht darf Milken nicht mehr mit Wertpapieren handeln. Das tun heute Vermögensverwalter für ihn. Stattdessen baute er ein Imperium im amerikanischen Bildungssektor auf. Zusammen mit seinem Bruder Lowell und dem Oracle-Chef Larry Ellison gründete er mit 500 Millionen Dollar Startkapital 1996 die Firma Knowledge Universe. Die Firma sitzt in Beverly Hills und wird von den Milkens geführt, Ellison ist passiver Partner. Rund die Hälfte seiner Zeit verbringt Milken mit seinen Krebs-Aktivitäten, daneben managt er Knowledge Universe, zu der Kindergruppen, Online-Universitäten oder herkömmliche Schulen gehören. Ein Tochterunternehmen, der Spielzeughersteller LeapFrog, ist börsengelistet.

In einem Vortrag von 1999 erläuterte Milken, warum er so von Bildung fasziniert ist. Als Student erlebte er im August 1965 in Los Angeles die Watts-Unruhen, in denen vor allem schwarze Einwohner sechs Tage lang gegen ein kalifornisches Gesetz protestierten, das ihre Rechte einschränkte. Die Krawalle kosteten 34 Menschen das Leben, tausende wurden verletzt. "Was ich damals sah, hat mich verändert", sagte Milken. Die Gründe der Gewalt lagen seiner Ansicht nach in fehlender Bildung. Und so wechselte er an der Universität Berkeley von Mathematik zu Wirtschaff und beschäftigte sich mit Humankapital: Je mehr ein Mensch weiß, so Milkens Credo, desto mehr Wert kann er schaffen. Eine Einsicht, die in Unternehmen sträflich vernachlässigt werde.

Stand ihm seine Vergangenheit bei seinen neuen Geschäften im Weg? "Die meisten Unternehmen, mit denen ich zu tun habe, wissen, wer ich bin", antwortet Milken. "Meine Person war nie ein Thema." Das ist ein empfindlicher Punkt. Über Knowledge Universe oder seine Vergangenheit spricht Milken nicht gem. Sein PR-Manager beschwerte sich nach dem Gespräch über die Frage, ob das Engagement gegen Krebs eine Wiedergutmachung sei. "Sie haben meiner Meinung nach viele solide Informationen in den ersten 95 Prozent des Interviews erhalten. Aber es war sehr enttäuschend, als Sie gegen Ende das vorher vereinbarte Thema der Medizinforschung verließen und das heuchlerische Thema von Wiedergutmachung anschnitten" , heißt es in einer E-Mail danach.

Was Milken nicht erträgt: Die Frage enthält eine Schuldzuweisung. Er sieht sich bis heute als Opfer eines Kreuzzuges. Sein Schuldeingeständnis damals war von der Allmacht des Staates erzwungen, ohne dass er seiner Ansicht nach wirklich etwas Unrechtes getan hätte: " Der Erfolg der tausenden von Unternehmen, die ich mit finanziert habe, und der Fakt, dass meine ehemaligen Mitarbeiter heute viele der wichtigsten Finanzinstitutionen in der Welt führen, sollte die Menschen dazu bewegen, die Sache in einem anderen Licht zu sehen", sagt Milken. Der PR-Mann schreibt: " Mike ist stolz auf seine Arbeit im Finanzbereich wie auf seine karitative Arbeit. Ja, er hat Fehler gemacht und für sie bezahlt." Einmal im Jahr lädt die PCF zur Konferenz nach Mount Rose ein. Das berühmte Dörfchen liegt direkt am Lake Tahoe, in Nevada, wo keine Einkommenssteuer erhoben wird - deswegen wohnen hier zahlreiche Reiche. Auch Mike Milken besitzt im Incline Village ein Anwesen. Zu der viertägigen Veranstaltung kommt man nur mit einer Einladung, die niemand in der Prostatakrebs-Szene ausschlägt. Regelmäßig treten Nobelpreisträger aus anderen Fachgebieten wie der Ökonom Gary Becker oder der Chemiker Aaron Ciechanover auf. Die Veranstaltung gleicht einer medizinischen Version des Raubtier-Balls, den Milken als Junk-Bond-König jährlich in Beverly Hills für Kunden und Mitarbeiter mit verschwenderischem Aufwand durchführte.

Milken hat viele Freunde. Unter anderem den Staatsanwalt, der ihn einst gejagt hat Milken verrügt über ein erstaunliches Netzwerk. Viele ehemalige Prostatakrebs-Erkrankte mit guten Beziehungen zählen zu seinem Freundeskreis: Senator John Kerry, der frühere Intel-Chef Andy Grove oder General Norman Schwarzkopf. Mit von der Partie sind auch zahlreiche Stars; Um auf einer Pressekonferenz über Prostatakrebs zu sprechen, fährt Schauspielerin Whoopi Goldberg acht Stunden mit ihrem Bus von ihrem Wohnsitz im US-Bundesstaat Vermont nach New York - sie hat Flugangst. Niemand anderes als Milken kann mich dazu bewegen, vor neun Uhr morgens mit jemandem zu sprechen", sagt Goldberg. "Er ist ein Freund, treu wie ein Labrador Retriever." Milken war schon immer extrem medienscheu. "Ich arbeite lieber hinter den Kulissen." Nur bei Prostatakrebs ist das anders. Als Lee Hood, ein führender Molekularbiologe von der University Washington in Seattle, 1995 nach einem Gen suchte, das für Prostatakrebs verantwortlich sein könnte, brauchte er Daten von Betroffenen und ihren Familien - nicht zuletzt aus Datenschutzrechten können Krankenhäuser kaum Auskunft geben. Milken führte ein paar Telefonate, und Hood wurde zu Larry King bei CNN eingeladen. Mehr als 3000 Betroffene meldeten sich, aus denen Hood in wenigen Wochen 300 brauchbare Familien filterte. Warum der Fernsehtermin so schnell möglich war? Milken half in den achtziger Jahren Ted Turner, mit Junk Bonds seine Firma Turner Broadcasting zu gründen, die den TV-Sender CNN aufbaute und später an Time Warner verkauft wurde.

Ein Name auf Milkens langer Freundesliste ist besonders überraschend: Rudy Giuliani. Der frühere Milken-Verfolger erkrankte 2000 an Prostatakrebs, mitten in seiner Amtszeit als Bürgermeister von New York. Keiner von den beiden will mehr sagen, wer zuerst anrief. Auf jeden Fall gab Milken wertvolle Hinweise zur Behandlung und Ernährung - und die beiden wurden Freunde. "Er wusste mehr als ein Arzt", sagt Giuliani. "Mir wird klar, dass ich ihn damals nicht wirklich gekannt habe. Dieser Mann kann enorme Dinge bewerkstelligen."